Sonntag, 4. Dezember 2011

Zerreiß dein Herz


Predigt am 2. Advent (4.12.11.)

Jesaja 63,  15-64, 3
15 So schau nun vom Himmel und sieh herab von deiner heiligen, herrlichen Wohnung! Wo ist nun dein Eifer und deine Macht? Deine große, herzliche Barmherzigkeit hält sich hart gegen mich. 16 Bist du doch unser Vater; denn Abraham weiß von uns nichts, und Israel kennt uns nicht. Du, HERR, bist unser Vater; »Unser Erlöser«, das ist von alters her dein Name.
Warum lässt du uns, HERR, abirren von deinen Wegen und unser Herz verstocken, dass wir dich nicht fürchten? Kehr zurück um deiner Knechte willen, um der Stämme willen, die dein Erbe sind! 18 Kurze Zeit haben sie dein heiliges Volk vertrieben, unsre Widersacher haben dein Heiligtum zertreten. 19 Wir sind geworden wie solche, über die du niemals herrschtest, wie Leute, über die dein Name nie genannt wurde.
Ach dass du den Himmel zerrissest und führest herab, dass die Berge vor dir zerflössen,
(64) 1 wie Feuer Reisig entzündet und wie Feuer Wasser sieden macht, dass dein Name kundwürde unter deinen Feinden und die Völker vor dir zittern müssten, 2 wenn du Furchtbares tust, das wir nicht erwarten – und führest herab, dass die Berge vor dir zerflössen! –3 und das man von alters her nicht vernommen hat. Kein Ohr hat gehört, kein Auge hat gesehen einen Gott außer dir, der so wohltut denen, die auf ihn harren.

Finsterzeit
Wir sind geworden, wie solche, geworden: …  So viele Adventszeiten. So viele Schritte dem Licht entgegen, so viele Schritte heraus ans Licht. So viele Schritte im Dunkeln. Im Finstern. Tastend. Suchend.
Wir sind geworden, wie solche. Wer sind wir geworden? Wer sind wir? Auch solche, die irre gehen, deren Herz zumindest Stockflecken trägt, die furchtbar furchtlos sind, die vertrieben, namenslos und machtlos gehen, angefeindet, im eigenen Gegenwind?
Wir sind geworden, wie solche. Spüren wir noch in und an uns jene Herrlichkeit, jenen eigentümlichen Glanz, jene Heiligkeit, die Gottes Liebe in unser Leben, uns in den Alltag, auf Leib und Seele geschrieben hat? Sind wir solche noch, die im Advent gehen, zugehen auf ihre eigene Herrlichkeit, ihren eigenen Glanz, ihr eigenes Licht. In der Finsternis. Suchend. Tastend.
Steckt in all den Besorgungen, in allen Zubereitungen, in allen Stilleversuchen, in all der fast vergrabenen Sehnsucht, in all dem Spüren der besonderen Zeit noch ein Harren, noch etwas von jener Suche nach dem Licht, nach Erlösung, nach Erbarmen, nach eigenem göttlichem Glanz?
Eine Suche nach Licht, im Dunkeln, in der Finsternis des eigenen Lebens, der eigenen Seele, mit ihren Abgründen, Widersprüchen, Wunden, Schatten, Verirrungen, Stockflecken, Verhärtungen?
Eine Suche sozusagen mitten ins göttliche Herz:

Herzschatten
Gottes Herz. Auf Gottes Herz liegen Schatten. Es sind Schatten, die menschliche Hartherzigkeit in Gottes Herz wirft.
Gottes Herz verschließt sich, seine ganze, große und herzliche Barmherzigkeit hat Gott in sich verschlossen. Sie existiert, sie gibt es, aber sie ist in sich verschlossen, ja sein Herz ist verdunkelt.
Gottes innersten Gefühle, seine Liebe, sind verschlossen, sind in ihm vergraben, verborgen, zeigen sich nicht, enthält er vor, sein Gefühl für sein Volk, seine Menschheit, für seine Menschen, seine Herzensliebe, mit der er sich den Menschen zuwendet, ihnen entgegenkommt, sie umschließt, sie mit hinein nimmt in sein Leben. All das ist in Gottes Herzen wie verfinstert, wie verschlossen, ist fern, ist gegen, ist wie von Menschen abgekapselt im fernsten aller Himmel.

Herz pulsiere
Erinnere dich, Gott! Blick in dein Herz. Kehr zurück in dein Herz. Komm wieder näher.
Erinnere dich daran, wer du bist und wer wir sind. Erinnere dich daran, wer du schon immer warst, bevor wir andere wurden. Erinnere dich an uns, dein Volk, deine Menschheit, deine Menschen – an mich und dich.
Erinnere dich, Gott, vergiss nicht: Du bist doch der, der uns ins Leben rief, der uns seine Ebenbilder nennt, der uns seine Liebe ins Leben schenkt. Erinnere dich: Du bist doch Erlöser, der, der unser Leben annimmt, immer mit Liebe betrachtet, der es herausreißt aus eigener Schuld, aus jener Finsternis, die andere, das Leben um uns breitet. Du bist der, der uns gegen alle anderen Atemzüge mit seinen Geist beseelt. Wir sind doch deine erste und letzte, ewige Wahl.
Erinnere dich an deine Macht und öffne dein verschlossenes Herz wieder für uns:

Es öffnet sich
Gott schaut in sich, in sein eigenes Herz, dort sieht er als Spiegelbild allen Lebens uns, jene, die er mit dem Glanz seiner Liebe bekleidet hat und umhüllt. Er schaut sein Herz an und es pulsiert noch, immer voller Liebe und Erbarmen, es pulsiert und er öffnet es uns.
Gott schaut vom Himmel herab und er kommt von dort, seiner heiligen, herrlichen Wohnung herunter. Er erinnert sich daran, wie mächtig, wie herrlich, wie heilig, wie eifernd er ist. Ein Gott wie keiner:
Wie keiner. Im Advent harren wir auf den Gott, der im Kind von Bethlehem, im Mann von Nazareth, in Jesus, den Gekreuzigten, in Christus, den Auferstandenen zu uns kommt, mit dem Gott sein Herz unwiderruflich öffnet und es uns in Liebe ausschüttet:
Gott reißt die Himmel auf und es breitet sich Furcht und Schrecken aus. Bei denen, die sonst an der Macht sind, die andere beherrschen und Menschenseelen unterdrücken, knechten und drangsalieren, Menschen kleiner, randständiger machen.
Gott reißt die Himmel auf und es zerschmilzt, zerfließt all das, was Gottes Liebe widersteht, entgegensteht; die harten Herzen werden weicher, die Verstockungen lösen sich, mitten im Advent werden Menschen in Hast und Eile aufgebrochen und spüren Gottes Nähe, mitten im Advent werden Herzen entzündet für sein Licht und es gescheit eine herzliche Wärme untereinander, die von Gottes Kommen erzählt.
Gott reißt die Himmel auf und wir werden, egal wie wir geworden sind; wir werden adventlich und licht- wir werden solche, über die Christus herrscht, über die er seinen Namen zart flüstern, alles verwandelnd nennt: Ich bin dein, dein Heiland, dein Erlöser, Retter, Befreier, dein Licht. Amen.

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