Donnerstag, 3. Oktober 2019

Strom des Lebens



Predigt zu Erntedank 2019 (6.10.2019)



Jesaja, 58, 7-12

Heißt das nicht: Brich dem Hungrigen dein Brot, und die im Elend ohne Obdach sind, führe ins Haus! Wenn du einen nackt siehst, so kleide ihn, und entzieh dich nicht deinem Fleisch und Blut! 8 Dann wird dein Licht hervorbrechen wie die Morgenröte, und deine Heilung wird schnell voranschreiten, und deine Gerechtigkeit wird vor dir hergehen, und die Herrlichkeit des Herrn wird deinen Zug beschließen. 9 Dann wirst du rufen und der Herr wird dir antworten. Wenn du schreist, wird er sagen: Siehe, hier bin ich.

Wenn du in deiner Mitte niemand unterjochst und nicht mit Fingern zeigst und nicht übel redest, 10 sondern den Hungrigen dein Herz finden lässt und den Elenden sättigst, dann wird dein Licht in der Finsternis aufgehen, und dein Dunkel wird sein wie der Mittag. 11 Und der Herr wird dich immerdar führen und dich sättigen in der Dürre und dein Gebein stärken. Und du wirst sein wie ein bewässerter Garten und wie eine Wasserquelle, der es nie an Wasser fehlt. 12 Und es soll durch dich wieder aufgebaut werden, was lange wüst gelegen hat, und du wirst wieder aufrichten, was vorzeiten gegründet ward; und du sollst heißen: »Der die Lücken zumauert und die Wege ausbessert, dass man da wohnen könne«.



Fleisch und Blut

Natur ist nicht aus Fleisch und Blut, sie ist nicht unser Fleisch und Blut. Menschen sind aus Fleisch und Blut. Die Natur kann blühen, sie kann wüten, kann zerstören, kann wunderbare Momente erschaffen, kann das Auge und das Herz weiten, kann unsere Seele zum Strahlen bringen, alles rauben. Natur kann Ernte sein, angepflanzt, angebaut, gepflegt, gewachsen, geerntet, gegessen. Immer wieder. Jedes Jahr. Natur ist Gabe und Schönheit. Menschen können dankbar sein.

Menschen können Ernte sein, Ernte für andere, geboren, umsorgt, gewachsen, von anderen genossen. Vielleicht. Menschen sind Geschöpfe, Geschöpfe von Gott, Geschöpfe für sich, Geschöpfe für andere. Doch so etwas wie Ernte. Ich bin Ernte und Du bist es. Und wir danken dafür einander. Menschen sind aus Fleisch und Blut, unser Fleisch und Blut. Das teilen wir einander, rund um den Globus: beseelter Körper sind wird, lebendige Wesen, gerufen, gesucht, gewollt eingebunden. Immer wieder, Blut und Fleisch, vermengt mit Freude und Schmerz. Mitten, mitten und gemeinsam im Strom des Lebens, eines Lebens.



Entziehen

Menschen können sich dem entziehen, können das anders sehen, können sich eingrenzen auf nur ein paar Fleisch und Blut, nur auf sich. Sie können sich entziehen dem anderen, ihn als fremd, Feind, egal betrachten, sich von ihm innerlich und äußerlich distanzieren, abwenden, den Finger zwischen sich und ihm setzen, den Finger, der den einen zum ich und den anderem zu einem macht, der dazwischen ist, zeigt und trennt. Sie können sich entziehen und übel reden, Worte finden, die den anderen verzeichnen, verzerren, nicht meinen, die den anderen schwarz malen und weit weg von sich Hellem abstellen. Menschen können sich entziehen, sich größer machen, erhabener, intelligenter, kompetenter und den anderen unterjochen, unter sich stellen, unter sich drücken, durch Gesten, Schachzüge, tägliches Zermürben, ihn niedrig, benutzbar, unnütz machen.



Körpernähe

Menschen können aber auch Nähe suchen, Nähe zulassen, Nähe, die sich aussetzt, in der immer ein kleines Wagnis wohnt, die immer vom einem zu anderem was gibt, die verbindet, teilt. In die eigenen Hände das Brot nehmen, es durchbrechen und dem anderen in die Hände legen. An die eigenen Hände die Hände des anderen nehmen und ein Weg zum Dach über seinen Kopf führen. Ein warmes Kleidungsstück in die eigenen Hände nehmen und dem anderem um seine nackte Haut legen, für Bruchteile von Momenten seine Haut mit der eigenen berühren. Handnähe.

Sein eigenes Herz suchen lassen, nicht verstecken, nicht in sich, in sich still, stumm lassen. Sein Herz finden lassen vom leeren Bauch, vom schutzlosen Kopf, von nackter Haut und Elendige mit dem Herzen sehen und sättigen. Körpernähe. Aus Fleisch und Blut. Herzensnähe. Das Leben pulsiert, fließt, verbindet.



Lichtgeschehen

Und Gott kommt in Bewegung, ist in Bewegung. Gott bricht herein. Sucht und findet unsere Nähe. Ein herrliches Lichtgeschehen, das Menschen geschieht. Licht, Morgenröte, Mittagsglanz, Dunkel wie Hell. Aufgehend, vorangehend, beschließend. Menschen mitten darin, werdende Lichtgestalten Gottes, herrlich.

Satt, heil, gestärkte, gerechte werdende Menschen. Wir rufen nach Leben und Gott hört und Gott antwortet. Wir schreien in Not, in Stille, um unser Leben und Gott sagt: ich bin da. Ich bin da bei dir. Ich bin da für dich. Wir spüren, er ist da, er gibt Anteil an seinem Leben, wir sind aus seinem Fleisch und Blut, Licht umgibt uns wie ein zartes Kleid, Gott beseelt uns, bewegt uns.



Seelenwohnung

Was lange wüst lag, was nur vorzeiten gerade noch heil lebte, was Lücken aufweist, Brüche, Wunden. Was beschädigt, verletzt, rastlos, müde, suchend, ohne Wohnung, ohne Behausung, ohne Zuhause ist, die Seele von Menschen, von Menschen aus Fleisch und Blut, mit Seele wie wir, für diese wüste, irr suchende, unbehauste Seele Lebensort werden, kleiner Sehnsuchtsort, sie suchen, nachhaltig, zärtlich bereichern, mitunter für sie leben, für sie hoffen, für sie glauben, sie mit unseren Seelenmomenten berühren, anfüllen, erfüllen.

Seelen-Nähe. Seelen-Arbeit. Seelenleben wieder aufbauen, sein Haus geben, aufbauen, wie Lebensstein auf Lebensstein legen, das verstreute Lebensmosaik sorgfältig zusammensetzen. Seelen aufrichten, solche die sich weggebückt haben, kauern, verschreckt, diese aufrichten, ihnen Rückgrat geben, sein. Lebenslücken schließen, die ausgefallene Zeit, die Leerpunkte, die unendlich stummen Seelenstunden ausbessern, füllen, schließen, zumauern, Lebenswege ausbessern, begehbar machen. An fremden Biografien heilsam wirken. Für Menschen Licht sein. Aus Fleisch und Blut, Körper an Körper, Seele an Seele, für Körper und Seele zur Zeit-Behausung werden. Ernte, Ernte sein. Gott sei Dank. Amen.

Donnerstag, 26. September 2019

Kleinlaut


Ansprache bei „Atem holen“ am 26. September 2019

"Lobe den HERRN, meine Seele, und vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat." | Ps 103,2, Wochenspruch zum 14. Sonntag nach Trinitatis)

Seele berühren
Nur ein Gegenüber können wir wirklich ansprechen. Es muss etwas, zumindest etwas Kleines, zwischen ihm und uns sein, damit Worte und Blicke, Gesten und Gemeintes ein bisschen Raum haben, um von uns bei ihm anzukommen, um gesagt und gehört, um gesehen und empfangen zu werden.
„Lobe den Herrn, meine Seele.“ Als wäre meine Seele mir gegenüber., als müsste ich, sollte ich sie ansprechen, auffordern, ihr etwas sagen. Mir meine Seele gegenüber. Aber ich bin doch der, der sie hat, die Seele, meine Seele. Ich bin doch Seele. Aber vielleicht braucht es diesen Augenblick, indem wir unsere Seele, was immer sie sein mag, gegenüber sind, gegenüberstehen und sie bitten, sie auffordern, sie bewegen, das in uns bewegen, was in uns ist, was vielleicht unsere Tiefe, unser Wesentlichstes ist.

An Schmerz erinnern
Vergessen mag eine Gnade sein, am bestimmten Punkten, wenn es so wird, mit und ohne unser Zutun, dass Schlimmes, Schmervolles, Abgründiges wir vergessen, so weit vergessen, dass es einer besonderen Erinnerung bedürfte, es wieder hervorzuholen; es sonst aber vergessen ist. Vergessen ist ungnädig, wenn Menschen uns entschwinden, wenn sie in ein Vergessen geraten, dass sie zu anderen macht und doch bleiben sie, weil wir uns erinnern, weil wir gegenwärtig sind. Vergessen tun wir oft flüchtig, das ein oder das andere und es ist nicht wichtig, vielleicht nur unangenehm oder hinderlich. Und am liebsten vergessen wir nicht die schönsten Dinge, Momente und Menschen im Leben. Und manche sind gar nicht mehr Vergessen, erinnern nur noch und sind und leben ganz im Vergangenen.
Wir unserer Seele gegenüber, wir bitten sie. Unsere Seele soll nicht vergessen, sie soll ich erinnern. Auch an das Schmerzliche, Schlimme? Wenn wir unsere Seele aufrufen, nicht zu vergessen, sich zu erinnern, wie können wir sicher sein, dass nicht eben das Schlimme sich erinnert, hochkommt? Als ob unsere Seele, wenn sie sich erinnert, wenn sie selbst in die Tiefen des Vergangenen wie hinuntersteigt, fein säuberlich trennen könnte zwischen dem, was sie sich erinnert und was nicht, was gut ist und erinnert werden darf und was schlecht ist und vergessen wird. Das kann sie nicht. Vielleicht darf sie nicht.

Kleinlaut loben
Dadurch erhält vielleicht ihr Lob eine besondere Würde, einen besonderen Klang, eine besondere Tiefe. Im Lob schwingt auch das Schlimme mit, die Erinnerung ist ganz, das Lob umschließt auch die Dunkelheit, die Klage und ist so Lob.
Loben tun wir Kinder, wenn sie etwas sehr gut getan haben, loben tun wir andere, manchmal auch uns selbst. Zumindest hören wir gerne, wenn jemand uns lobt. Loben ist Anerkennung, ist motivieren, ist erhöhen von mir und dir, es ist gut, wo es Grenzen kennt. Loben tun wir mit Worten, mit Gesten, mit Blicken, manchmal mit ganzen Briefen und Schreiben und Auszeichnungen, eigentlich auch und irgendwie durch unser Leben loben wir.
Ist dies alles wirklich Lob? Sicher und doch ist loben auch mehr. Wenn wir den Morgen loben, einen geglückten Augenblick, den anderen liebend, weil er so ist, wie er ist. Loben, das ist vielleicht dort, wo wir etwas kleiner sind und das zu Lobende größer, zum Loben gehört vielleicht Ehrfurcht, das Gefühl, jetzt geschieht mehr als ich, Schöneres, Erhabeneres, ein Stück kleine Ewigkeit für mich, dann loben wir vielleicht ganz still, durch einen Atemzug, durch das pure Gefühl und Wissen, das ist jetzt für mich.

Guter Gott
Das Gute nicht vergessen. Auch das ist Teil des Selbstgesprächs mit unserer Seele. In allem Schlimmen und in allem Klagen, denke an das Gute, was dir widerfuhr, erinnern dich daran, lass es da sein in dir.
Was tut Gott Gutes? Was ist das Gute für mich, generell und jetzt. Wissen das Menschen denn immer? Immer so genau? Überblicken sie wirklich alle Zusammenhänge? „Lobe den Herren …“ Und die Seele schwingt sich auf zur Erinnerung an das Gute in alten, wunderbaren Worten des Psalmliedes: der dir deine Sünden vergibt, der dich heilt von Gebrechen, der dich erlöst, der dich krönt mit Gnade und Barmherzigkeit, der dich fröhlich und gnädig stimmt.
Gott handelt gut an mir, mit mir, vielleicht auch manchmal nicht, das ist fremd und tief verborgen, aber er will immer gut an mir handeln, mir Gutes tun. Weil er selbst gut ist, gütig ist, mich liebt und sich meiner erbarmt, meine im Selbstgespräch befindlich Seele schütz und erinnert, nicht vergessen lässt ihn, das Gute an ihm.
„Lobe den Herren, meine Seele“ das sagt Gott zu unserer Seele. Eingedenk, was noch so alles ist.  Gott bringt uns hinein ins Loben, ins Lobsingen, er bringt uns zum Klingen, ins Beten, ins Anbeten, ins Rühmen, ins heilsame Nicht-Vergessen von IHM.
Amen.

Dienstag, 24. September 2019

Zurück ins Leben


Predigt am 14. Sonntag nach Trinitatis (22.09.2019)


Lukas 17,11-19 Die zehn Aussätzigen

11 Und es begab sich, als er nach Jerusalem wanderte, daß er durch Samarien und Galiläa hin zog. 12 Und als er in ein Dorf kam, begegneten ihm zehn aussätzige Männer; die standen von ferne 13 und erhoben ihre Stimme und sprachen: Jesus, lieber Meister, erbarme dich unser 14 Und als er sie sah, sprach er zu ihnen: Geht hin und zeigt euch den Priestern! Und es geschah, als sie hingingen, da wurden sie rein. 15 Einer aber unter ihnen, als er sah, daß er gesund geworden war, kehrte er um und pries Gott mit lauter Stimme 16 und fiel nieder auf sein Angesicht zu Jesu Füßen und dankte ihm. Und das war ein Samariter. 17 Jesus aber antwortete und sprach: Sind nicht die zehn rein geworden? Wo sind aber die neun? 18 Hat sich sonst keiner gefunden, der wieder umkehrte, um Gott die Ehre zu geben, als nur dieser Fremde? 19 Und er sprach zu ihm: Steh auf, geh hin; dein Glaube hat dir geholfen.

Wo nur?

Wo nur? Wo nur sind die Neun? Nur einer, nur ein einziger ist umgekehrt! Die anderen Neun nicht. Wir schütteln mit Jesus den Kopf. Mit Unverständnis, Enttäuschung, leiser Wut? Kopf schütteln: Über die Neun. Und im Kopf Fragen: Warum sind sie nicht umgekehrt? Wo sind die hin? Was machen die? Warum haben sie nicht?

Genauso wenig wie Jesus sehen wir die Neun, sie sind weg, Jesus steht bei dem einen. Wir sehen sie nicht und wir wissen keine genauen Antworten auf unsere Fragen, wir können nur Vermutungen anstellen über Wo und Warum. Wir sehen sie nicht diese neun. Sie sind aus unserem Blick. Und doch fixieren sie unseren Blick, beschäftigen sie unseren Kopf, als wären sie da.

Das, was wir nicht sehen, das, was nicht ist, aber sein sollte, das, was ausbleibt, versäumt wird, fehl geht, fehlt, ist manchmal so übermächtig, so mehr, so dominant, so bindend, diese Wo nur? Warum nur? Warum nicht anders?

Jesus scheint über die Neun zu klagen, wie wir über versäumte Gelegenheiten, versäumte Chancen, Stunden, Wege, die wir in ein „Wohin nur“ gegangen sind, klagen. Beklagenswert sind die neun.



Glaubenswege trennen sich

Beide, Jesus und die zehn Aussätzigen, treffen sich kaum, zwischen ihnen und Jesus ist jene Distanz, die ihr ganzes Leben kennzeichnet. Nicht zu nahe kommen. Jesus sieht sie, ihre Haut, ihre Isolation, dass sie ausgesetzt sind. Sie bitten ihn von Ferne um Erbarmen. Er kommt ihnen keinen Schritt näher, schickt sie aber auf einen Weg, den Weg des Glaubens, der Heilung umschließt.

Es ist für sie der Weg zurück ins Leben. In ihr Leben. Dieses Leben, was sie verloren hatten, mussten sie in Jesus erblickt haben, zumindest eine Hoffnung darauf, die sie wagen konnten; denn sie gingen den Weg und als sie ihn gingen, wurde sie rein, wich der Aussatz, begann die Heilung, war es wirklich der Aufbruch zurück ins Leben.

Zurück ins Leben. Merkwürdig. Man hat doch sein Leben, lebt es jeden Tag. Kann man es denn verlieren? So dass man in es zurück müsste? Sein Leben verlieren, seine eigene Haut nicht mehr mögen, aussätzig sein, isoliert, ausgesetzt den Blicken, sich selbst, verlorenen Zielen, Hoffnungen, Liebe; darüber sich verlieren, wie dunkel Schatten, die das Leben verdunkeln. Wo ist mein Leben? Ich will mein Leben zurück. Zurück ins Leben.

Der Glaubensweg der Zehn, auf den Jesus sie geschickt hat, der trennt sich. An einem Punkt gegen einige dorthin und einer, wo anders hin. Die Zehn gehörten zusammen, waren sich über Zeit die einzigen, die sich hatten; nun trennen sich ihre Wege; an einem bestimmten Punkt.

Vielleicht zu dem Zeitpunkt als der eine sich, seine ganze Geschichte, ansah. Vielleicht, als für ihn nicht wichtig war, sich zu zeigen, sondern sich selbst anzuschauen, kam er in Stocken, wurden seine Schritte langsamer, gingen die anderen weiter, blieb er stehen, begann er zu lachen, zu weinen, pries Gott still er erst in seiner Seele und dann immer lauter, da waren die anderen aber schon außer Hörweite.



Zurück

Zurück ins Leben. Das geht für den einen nur, indem er wirklich noch mal zurück geht. Er kann nicht einfach vorwärts gehen, ihn treibt es innerlich noch mal zurück. Er bleibt stehen, wendet sich, seinen Blick, sein Herz, und geht dorthin zurück, wo er vor ein paar Augenblicken war, wohin er aber jetzt ganz anders zurückgeht. Er kehrt zurück, aber er ist ein anderer; zwischen dem Ort, wo er war, und an dem er zurückkehrt, liegen eigentlich Welten, vorher: Aussatz, Distanz, Bitte, Klage, Tod, jetzt: rein, Nähe, Lob, Dank, Leben. Es ist genau der gleiche Ort, aber ein anderer Mensch, der dahin wieder geht. Er ist geheilt, verwandelt. Einer, der sein Leben wieder hat und spürt.

Der eine geht eigentlich gar nicht zurück, er geht eigentlich direkt in sein neues Leben hinein. Ob das den anderen, den neun auch gelingt, ob sie in ihrem vorwärts wirklich im Leben zurück ankommen, ob ihre Heilung eine Verwandlung hin zum Leben ist, ist vollkommen unausgemacht, ist offen; nur die Sorge umtreibt Jesus, dass die anderen neun nicht wirklich zurück ins Leben finden, so wie der eine. Eine Sorge, die er mit uns teilt.

Zurück ins Leben. Sein Leben wieder finden. Da rennen wir manchmal, sind auf den Weg gesetzt, haben Angst die Richtung zu verlieren, gehen vorwärts, meinen das wäre es, dort wäre mein Leben, vielleicht sogar zusammen mit vielen; merken aber nicht, wo es wirklich liegt. Darum sorgt sich Jesus, wenn er fragt, wo, wo wir sind.




Verwandlung

Der eine, sogar ein Fremder, einer der eigentlich gar nicht zum auserwählten Volk gehörte, der gab Gott seine Herrlichkeit zurück, weil er spürte, sah, ja lebte, dass Gott seine Herrlichkeit auf und in ihn gelegt hatte. Er gab Gott seine Herrlichkeit zurück. Gottes Herrlichkeit ist so erfüllend, so reich, so übervoll. Sie ist das Leben. Menschen bekommen sie verliehen. Menschen können sie in Dankbarkeit wie zurückgeben und Menschen können sie dennoch behalten als Gottes Geschenk.

Schon in dem ewigen Augenblick, als diese Herrlichkeit Gottes in ihn fiel, war er geheilt, fand er wieder sein Leben, trug er es an und in sich, war er „zurück“. Er kehrte zurück, weil er lebte, weil er weiterging und diese Herrlichkeit Gott wieder geben wollte, als Dank und Lob, ihm zu Ehre, ihm zum Glanz.

Nicht: Wo sind die anderen? Warum kehrten sie nicht um? Sondern: Wo bin ich? Auf dem Weg meines Lebens.

Und spüren, leben: Gott legt seine Herrlichkeit mir zart in und auf mein Leben, holt mich zurück, gibt mir Anteil an sich und heilt meine vom Leben zugefügten Wunden, außen und innen. Nicht sich irre machen lassen von der Übermacht dessen, was nicht ist oder nur ist; sondern sich anstecken lassen vom Dank und Lob:

Gott sieht mich, wenn auch nur aus Ferne, er setzt mich beharrlich auf meinen Glaubensweg, plötzlich leuchtet im Lebens-Gehen Gottes Herrlichkeit an mir auf und ich bleibe stehen, wende mich - und alle Qualen dunkler Erinnerung verwandeln sich in eine stille Lebensfreude. Amen.

Freitag, 23. August 2019

Verliebe dich


 Predigt am Israelsonntag (10. Sonntag nach Trinitatis, 25. August 2019)

 

Die Frage nach dem höchsten Gebot

28 Und es trat zu ihm einer der Schriftgelehrten, der ihnen zugehört hatte, wie sie miteinander stritten. Als er sah, dass er ihnen gut geantwortet hatte, fragte er ihn: Welches ist das höchste Gebot von allen? 29 Jesus antwortete: Das höchste Gebot ist das: »Höre, Israel, der Herr, unser Gott, ist der Herr allein, 30 und du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele, von ganzem Gemüt und mit all deiner Kraft« (5.Mose 6,4-5). 31 Das andre ist dies: »Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst« (3.Mose 19,18). Es ist kein anderes Gebot größer als diese. 32 Und der Schriftgelehrte sprach zu ihm: Ja, Meister, du hast recht geredet! Er ist einer, und ist kein anderer außer ihm; 33 und ihn lieben von ganzem Herzen, von ganzem Gemüt und mit aller Kraft, und seinen Nächsten lieben wie sich selbst, das ist mehr als alle Brandopfer und Schlachtopfer. 34 Da Jesus sah, dass er verständig antwortete, sprach er zu ihm: Du bist nicht fern vom Reich Gottes.

 

Liebe kann nicht

Liebe kann man nicht fordern, nicht mit einem Ausrufezeichen versehen. Liebe kann man nicht verordnen, gebieten, in Gebote und deren Worte kleiden. Liebe kann man sich wünschen, auf sie hoffen, von ihr leben. Liebe kann man geheimnisnah sprechen, sie spüren, fühlen, verlieren. Liebe kann man gebären, daran zart arbeiten, man kann sich verlieben kann und sich trennen, an Liebe leiden und an ihr tief glücklich werden, man kann sich um den anderen sorgen, miteinander scheitern, sich genießen, alt werden. Das kann Liebe. Liebe kann man aber nicht gebieten.

 


Du bist nah dran

Nicht fern sein. Das steht am Ende. Am Anfang ist einer, der hört, der wohl offen hinzutritt, mitten hinein in die strittigen Worte, der mit seinem Körper, mit seinem Sein, mit Worten hinzutritt, mit einer Frage nach welches und warum. Die Antwort wird dann zweimal gesagt. Als müsste sie wiederholt werden, als müsste sie eingeschärft werden. Aber jeder der Beiden gibt sie. Beide kommen überein in der Antwort, in den Worten und dem, was sie wohl meinen. Sie finden sich in diesen Worten, die von Liebe sprechen, verständigen sich, indem der eine zum anderen ein „richtig“ sagt. Beide sind Hörende und beide sind Sehende, sich, den anderen und das, was zwischen ihnen ist, was sie sagen. Am Ende wird aus der Frage eine gemeinsame Antwort und wieder eine Frage, eine Frage, die näher geht, die nach dem einen fragt: Wer bist du? Und Jesus sieht das Du, sieht das Du nicht mehr fern, nicht mehr fern von sich, von Gott und dem Reich der Liebe.

Als würde das Gespräch der Beiden nicht mehr über die Liebe gehen, sondern als würde das Gespräch in die Liebe führen, hinein in das, was sie fragen, was sie suchen, was sie brauchen. Im Gespräch entdeckt sich die Liebe, so weit, wie es für beide ist, führt der eine den anderen zur Liebe und in Liebe, ganz nah.

 

Bitte, berühre mich!

Es geschieht da Nähe. Nähe, die berührt, die begegnet. Nähe, die zwischen dem Einem und dem Anderem Freiheit und unendliche Zuneigung lebendig sein lässt, die das „Dazwischen“ ganz klein werden lässt, als würde nur Eins und dies herrlich erfüllt, als sei die ganze Welt dazwischen. Eine Nähe,  die Distanz, Abstand hält, um ganz selbst zu sein, um das Gegenüber genau schön anzuschauen, um verschmelzen zu können um sich hingeben zu können, um so vieles, sein Alles zu geben und zu empfangen. Eine Nähe, die bloß, nackt, offen, empfindsam ist, die erfüllt, hält, wacht, schützt, bindet, frei lässt. Eine Nähe, die selbst verwundbar ist, verletzlich, ein tiefes schönes Geheimnis in sich trägt, bereit es mitzuteilen, zu geben, her zu schenken. Eine Nähe, die um den Schmerz weiß, um das Vergehen, um die Brüchigkeit ihrer selbst, aber auch um die Herrlichkeit, die Schönheit. Eine Nähe, die bedürftig begegnet, sich selbst wagt, sich hinein ins Leben riskiert, um zu eröffnen, um Zeit zu haben, Raum zu gewinnen, dass sich in ihr Alles erfüllt.

Das Himmelreich ist nahe herbeigekommen. Was könnte das anderes sein?

 

brennen

Brennt in euch nicht das Herz? Sehnt sich nicht eure Seele? Gott lieben, ist in seiner Nähe zu sein. Ihn ganz und gar zu lieben, ihn mit aller Kraft und mit unserem ganzen Dasein zu lieben, ist in seine Nähe zu kommen, dort zu sein, Gottes Hier-bin-ich-für-dich zu spüren. Ihn ganz und gar zu lieben, heißt nicht fern zu sein, nicht fern zu bleiben, heißt, immer einmal mutiger zu bekennen, immer einmal treuer zu beten, immer nur einmal fröhlicher zu glauben, immer nur einmal brennender zu lieben. Immer nur einmal mehr, nur einmal mehr: weniger fern, und einmal mehr: näher.

Liebe kann man nicht verordnen, noch gebieten. Nähe genauso wenig. Gottes Hier kann man hören, dazu treten wie der eine, der Schriftgelehrte, Fragen stellen, wieder hören, aufnehmen, wiederholen und wiederholen und hineingenommen werden in diese Nähe, offen, verletzbar, unsicher, gewagt, entschlossen, empfänglich, brennend, total, verliebt, geliebt.

Und gesagt bekommen, wer wir nun sind: Du bist nicht fern vom Reich Gottes, nicht mehr weit weg von Gott, von dem höchsten Gut, von dem Schöpfer, Vollender, von der Quelle, vom Leben selbst, vom Herrn. Dieser Herr ist Gott. Bei ihm ist alles Notwendige. In seiner Nähe ist Fülle und Erfüllung, Heil und Heilwerden, Schalom und Seligkeit, Sinn und Liebe. In seine Nähe sich aufmachen, ist lieben und immer auch schon von ihm geliebt werden.

Dies verbindet, verbindet uns, dass wir uns aufmachen zu Gott, jeder auf seine Weise, uns verbindet die Suche nach seiner Nähe, die Liebe zu ihm. Es sind brennende Herzen. Das verbindet uns mit auf das engste mit Israel. Gott schafft Nähe zu sich, zu jedem seine Nähe.

Dort teilt er Liebe aus, die nie endet. Das ist seine absolute Sonderstellung, nicht versiegende Quelle der Liebe zu sein. Und alle, die davon nehmen, die seine Nähe suchen, sind unverbrüchlich Brüder und Schwestern seiner Liebe. Amen.

Donnerstag, 15. August 2019

Entgegen kommen


Predigt am 9. Sonntag nach Trinitatis (18. August 2019)

Phil 3, 7–14
7 Aber was mir Gewinn war, das habe ich um Christi willen für Schaden erachtet. 8 Ja, ich erachte es noch alles für Schaden gegenüber der überschwänglichen Erkenntnis Christi Jesu, meines Herrn. Um seinetwillen ist mir das alles ein Schaden geworden, und ich erachte es für Dreck, auf dass ich Christus gewinne 9 und in ihm gefunden werde, dass ich nicht habe meine Gerechtigkeit, die aus dem Gesetz, sondern die durch den Glauben an Christus kommt, nämlich die Gerechtigkeit, die von Gott kommt durch den Glauben. 10 Ihn möchte ich erkennen und die Kraft seiner Auferstehung und die Gemeinschaft seiner Leiden und so seinem Tode gleich gestaltet werden, 11 damit ich gelange zur Auferstehung von den Toten.
12 Nicht, dass ich's schon ergriffen habe oder schon vollkommen sei; ich jage ihm aber nach, ob ich's wohl ergreifen könnte, weil ich von Christus Jesus ergriffen bin. 13 Meine Brüder und Schwestern, ich schätze mich selbst nicht so ein, dass ich's ergriffen habe. Eins aber sage ich: Ich vergesse, was dahinten ist, und strecke mich aus nach dem, was da vorne ist, 14 und jage nach dem vorgesteckten Ziel, dem Siegespreis der himmlischen Berufung Gottes in Christus Jesus.

Vergessen
Vergessen, was war. Das Schöne wollen Menschen nicht vergessen, sie wollen es behalten, bewahren, mit sich tragen, in Erinnerung, im Kopf, in ihrer Seele. Das Schlimme wollen Menschen vergessen, müssen sie, das Schlimme, das war und doch noch ist. Das in ihrer Seele noch ist, was als Wunden, als Schmerz, als Schuld war und ist und bleibt, bleibt in ihrem Kopf, in ihrem Leben, sie drängt, jagt, besorgt, ergreift, festhält. Das vergessen, das loswerden, das hinter sich lassen.
Was davon liegt alles in unserem Leben, auf unseren Wegen? Und wie oft noch anderes, was uns nicht mal Schlimm schien, sondern noch schlimmer: als Gewinn daher kam, was uns nicht Wunde war, sondern zu glänzen schien, was uns nicht Sünde war, sondern eigenes scheinbar gutes Tun. Auch das müssten wir hinter uns lassen, es vergessen, uns davon lösen, es los bekommen, auch merkwürdig frei davon zu werden.
Vielleicht müssen Menschen es sich noch einmal anschauen, noch und noch einmal. Und vielleicht muss da schon wie im Verborgenen Christus mit schauen, mit in unseren Blick hineinwachsen, unseren Blick beginnen zu leiten. So dass das Schlimme, und das, was uns Selbstgewinn war und ist, etwas anders wird, es um-gedacht, um-gesprochen wird. Es zu etwas wird, was sich verwandelt, aus Gewinn wird Schaden, aus Glanz Dreck, aus meinem Blick seiner, aus eigenen Wegen Gottes. Und vielleicht kann ich es dann vergessen, mich vergessen, mich abwenden und neu zuwenden, mich verlassen und aufbrechen, zum Wertloses wertlos sagen, zum Unnützen unnütz, zum Schaden Schaden und ich kann spüren: Engel tragen unsichtbar mit, mein innerer Lärm verebbt, die Last wird leichter.

verwandeln
Selbstvergessen spüren Menschen dann eine andere Bewegung in sich, eine eigentümliche Dynamik, ein Sehnen und Strecken in ihren Gliedern, in ihrem Kopf, in ihrer Seele. Sie machen sich auf den Weg, abgelöst von alten, sie strecken sich aus, ihre Wünsche, ihre Hoffnung, ihr Sagen, ihre Worte und Blicke, sie werden selbst still-laute Sehnsucht nach Gott. Sie jagen nach, se erkennen, sie gewinnen, ergreifen.
Noch nicht ganz, noch nicht vollkommen, aber sie möchten und tun, sie wollen und können. Die Lähmung von schlimm und Sünde, von Schaden und Unglück fällt immer mehr weg, sie werden verwandelt in jedem Atemzug, der versucht Gott zu leben, in jedem Wort, das Gottes Nähe sucht, in jedem Gedanken, der sich Gott herbeiwünscht, in jedem Augenblick, der nach Gott ausschaut.
Ihr nach Gott ausgestrecktes Leben verwandelt sich, nimmt eine andere Form an, in seinen Tagen und Nächten, in seinem Dahinleben und Dahinsehnen. Christus gewinnt Gestalt, wie er schon in so vielen Leben Gestalt gewonnen hat, in all den Nachfolgern in all den Zeiten, von den Jüngern beginnend bis zu uns heute und so oft noch nach uns. Menschen werden IHM gleichgestaltet, ein Stück seines Lebens, und in ihrem Leiden sehen sie sein Leiden und in seinem das ihre und er durchschreitet Arges mit ihnen gemeinsam, und sie spüren ungeahnte Kräfte, Kräfte von wo anders her, von ihm, spüren mitten im alltäglichen Verfehlen, Vergehen und Sterben, wie sie gehalten, beseelt, geliebt werden, spüren im Tod die Kraft seiner Auferstehung, sehen in seiner die ihre und in ihrer die seine.
Menschen glauben, ganz aus Gott heraus, sie werde ein ihm entsprechender, ein ganz und gar gerechter Mensch. Sie werden in ihm gefunden, dort schon immer von IHM gesucht, von ihm gesuchte und gefundene Menschen, Menschen in ihm. Endlich.

ergriffen
„Mein Herr“, das mag das stille, intime, selige Wort in diesem himmlischen Augenblick von Menschen auf Erden sein. Mein Gott, und überschwänglich, überströmend, überbordend ist das, was passiert, ist diese Sehnen und Gefundenwerden, dieses Ausstrecken und Genommenwerden, ist dieses Erkennen und Erkanntwerden, von IHM. Von Angesicht zu Angesicht in Alltag von Gesichtern.
Das ist Ziel mitten auf dem Weg, das ist ein nie erahnter Sieg mitten im gewöhnlichen Lebensringen, es ist Gewinn, Geschenk. Bevor Menschen ihn ergreifen, ihm nachjagen, sucht Gott uns, hat er uns schon längst ergriffen, sind Menschen von ihm ergriffen, ergriffen zutiefst in ihrer Seele, so sehr, weil sich das Leben in Höhe und Tiefe erfüllt, mein Leben.
Jesus Christus ergreift uns, er hat uns ergriffen. Dazu kam er als Gottes Sohn auf unsere Welt. Er kann und will das, er kann und will uns ergreifen. Ich stelle mir vor: zart und vorsichtig, wir sind zerbrechlich. Bestimmt und leidenschaftlich, wir brauchen das. Immer und geduldig, wir leben davon. Er sucht uns beharrlich. Er streckt sich mit allem, was er hat und ist, nach uns aus. Er jagt uns nach, durch unsere Zeiten und Räume. Er sehnt sich nach uns. Er erkennt uns genau. Er berührt uns. Er nimmt uns. Er gewinnt uns. Er besitzt uns. Zum Glück. Er liebt uns. Immer. Er vergisst uns niemals. Amen.

Mittwoch, 14. August 2019

Des Menschen Himmelfahrt


Ansprache zu „Atem holen“ am 15. August 2019



Wandelt als Kinder des Lichts; die Frucht des Lichts ist lauter Güte und Gerechtigkeit und Wahrheit.“| Eph 5,8b.9* Wochenspruch für den 8. Sonntag nach Trinitatis



Wandeln

Wandeln ist nicht gehen. Es ist nicht das, was wir sonst mit unseren Füßen, Beinen, mit unserem Körper tun, manchmal gebeugt sein, unter der Last, manchmal zögernd laufen, manchmal stehen, still und hoffen, manchmal ohne Sinn unterwegs, manchmal einfach so gehen. Wandeln ist auch nicht leben. Wandeln ist langsam hin und her gehen, ist ohne eigenes Ziel gehen, ist einfach Gehen um des Gehens willens, ist schreiten, etwas erhoben, etwas erhaben, würdevoll, als würde etwas in uns, über uns uns leiten, führen, beschirmen, gutes Ziel sein. Schlafwandlerisch, traumwandlerisch am helllichten Tag, mit sehenden Auge.

Wandeln als: Das klingt danach als seien wir es nicht und als seine wir es doch. Wandeln als Jemand, als Etwas, als einer, der. Schon als ich, als ich, der ich bin, geboren wurde, denke, handle, meine Erfahrung habe, mein Leid und mein Lebenslied, aber anders, als Jemand andres, wie angezogen, wie gekleidet, wie ummantelt, von etwas, was mich wandeln lässt.

Wandeln - merkwürdig: kann auch heißen: sich wandeln, sich verwandeln, den Wandel in sich tragen, verwandelt werden.



Kinder des Lichts

Kinder sind wir alle. Immer, immer sind und bleiben wir Geborene, geborene, auf die Welt gekommene Menschen. Das verbindet uns zeitlebens mit unseren Eltern, auch wenn sie nicht mehr da sind und wir sind es noch. Wir sind immer Kinder unserer Eltern und bleiben es auch als Erwachsene, wir tragen Etwas von ihnen in uns, sind wir selbst, haben aber einen Weg vor uns, einen, der zu gehen ist.

Kinder der Zeit sind wir, unvermeidlich, Kinder der Angst, gepackt manchmal, Kinder eines Ungeistes, leider auch, Kinder von so manchen Dingen, Ideen, Anliegen, Träumen. Wir gehören immer zu etwas, zu einem, das uns zum Teil seiner selbst macht und wir es tragen, weitertragen. Vielleicht hat das mit Bestimmung zu tun.

Kinder des Lichts. Im Plural. Das macht Mut. Wir sind es, zusammen, gemeinsam, jeder auf seinem Weg, aber zusammen sind wir als solche angesprochen, gemeint: Ihr Kinder des Lichts. Wir gehören zum Licht. Und Licht bricht Finsternis. Zum Licht gehört die dunkle Seite, die Ängste, die Täler, die durchschritten werden, die Schmerzen, die Schuld, die Fragen. Licht steht dagegen. Licht will Licht bringen. Licht will Leben sein. Wir sind Kinder des Lichts. Vom Licht, von Gott geboren, wir gehören zeitlebens zum Licht, sind seine Geschöpfe, es unsere Quelle, wir Lichtgestalten.



Frucht

Frucht – das passt erst nicht. Weg, Licht und jetzt Frucht. Ein anderes Bild, aber ein kräftiges, Hoffnung und Mut machendes Bild: Frucht, das duftet, das riecht, nach Arbeit, nach Sonne und Regen, nach Pflücken, nach Erde, nach Händen, nach Ernte, nach Genießen, nach Leben. Frucht der Felder, der Bäume, aus dem Acker Geborenes für uns, Ertrag, Lohn, sichtbares, spürbares Ergebnis im Leben, abgerungen, geschmeckt.

Licht hat an sich keine Frucht. Licht ist da, Licht scheint, Licht bescheint und bringt unter sich, unter sein Leuchten, bringt ins Licht. Und doch scheint da etwas zu wachsen, zu werden, beginnt, indem das Licht darauf scheint, etwas dort zu sein, zu bleiben. Das Licht bringt Frucht. Wir als Kinder des Lichts bringen Früchte des Lichts.



Mariä Himmelfahrt

Es sind lauter Güte, Gerechtigkeit und Wahrheit. Lauter: nichts als das, ganz rein und klar das. Im Licht werden wir geklärt, rein, werden wir, wer wir sein sollen, und das Licht bringt mit sich, was es ist: Güte, Gerechtigkeit und Wahrheit. Im Licht ist Güte, ist Gerechtigkeit, ist Wahrheit. Im Licht sind wir dies, wir sind im Licht gütig, gerecht und wahr. Es ist ein Geschenk des Lichts, es ist sein Mitbringsel, es ist das, was in ihm geschieht: aus Menschen werden Kinder des Lichts, aus ihrem Leben wird ein gütiges Leben, ein gerechtes Leben, ein wahres Leben.

Wir wandeln als Kinder des Lichts, es führt uns, würdigt uns, erhebt uns. Wie wir auch immer gehen, wohin wir treten und stehen, wir sind Kinder des Lichts, zu ihm gehören wir, in ihm leben und wandeln wir. Wir wandeln in Güte, Gerechtigkeit und Wahrheit. Diese sind uns vorgängig. Immer. Sie sind der Lichtraum, in dem wir von Gott gestellt sind, in dem wir leben und in dem wir wandeln, vom dem wir zehren.

Heute ist Mariä Himmelfahrt. Ein katholischer Feiertag, an dem geglaubt wird, dass Maria in den Himmel aufgenommen wird. Sie, die eine einzigartige Verbindung mit ihrem Sohn hatte, nimmt als „Ersterlöste“ an der Auferstehungsgestalt Christi teil. Wir sind alle Kinder des Lichtes. Wir stehen alle je für uns in besondere Verbindung zum Sohn Gottes. Uns allen ist jenes verheißen: Wir bekommen Anteil an der Auferstehungsgestalt Christi. Wir leben und wandeln jetzt schon in seinem Osterlicht. Amen.

Mein


Ansprache zu „Atem holen“ am 1. August 2019

„So spricht der HERR, der dich geschaffen hat, Jakob, und dich gemacht hat, Israel: Fürchte dich nicht, denn ich habe dich erlöst;
ich habe dich bei deinem Namen gerufen; du bist mein!"
| Jes 43,1

Geschöpf
Menschen entstehen nicht zufällig, selbst wenn der Augenblick ihrer Zeugung ein nicht ein beabsichtigter ist. Menschen entstehen auch nicht automatisch, technisch. Menschen sind Geschöpfe. Sie sind lebendige Geschöpfe, sie sind von Gott gewollt, gemeint, geliebt. Sie haben von ihm aus ein Woher, ein Wohin und ein Wozu. Von Gott aus beabsichtigt, gewünscht, zugesprochen, daran erinnert, bewahrt.
Das Leben der Menschen ist Geschöpf Gottes mit dem Menschen als „Mitgeschöpf“. Das Leben ist nicht einfach nichts oder Sinnloses, oder etwas, was man machen, erzeugen kann. Es ist Geschöpf, lebendiges Geschöpf Gottes, ein Werden, ein Suchen, ein Finden, ein Gestaltwerden, in sich Gott findet, abzeichnet, Sinn und Gestalt gewinnt, er und ich. Immer „und“.

Mit Namen
Mein Name von meinen Eltern mir gegeben. Viele haben wohl diesen Namen, aber er hat sich ganz exklusiv mit meiner Geschichte, mit mir verwoben. Es ist mein Name, ein Stück von mir. Ich habe meinen Namen kennenglernt, er wurde mir vorgesprochen, ich habe ihn sprechen gelernt, mit ihm werde ich genannt, gerufen, ich schreibe ihn, unterschreibe mit ihm, er ist wertvoll. Recht viele haben ihn schon genannt, ganz bestimmte und ihr Klang, wenn sie ich bei meinen Namen gerufen haben, höre ich, ein liebender Klang.
Gott kennt mich, nicht unpersönlich, als einer unter Vielen, obwohl ich das bin, er kennt mich mit meinen Namen, er kennt mich als Person, persönlich, mich als Ich. Er kennt mich nicht nur. Er spricht mich an, er redet mit mir, ich bin sein angesprochenes Gegenüber, seine Worte gelten mir, so oder so. Er ruft mich bei meinem Namen. Er ruft mich herbei, zu sich, vor andere. Er hat mich bei meinem Namen gerufen. Da bin ich.

Keine Furcht
Oft haben Menschen Furcht oder Angst. Viele tun so, als hätten sie keine. Furcht vor etwa Bestimmten. Vor einer Nachricht, vor einem Tag, vor einem anderen Menschen, vor etwas, was passieren könnte. Dass etwas ganz bestimmtes mich konkret schlimm treffen könnte. Furcht und Angst gehört zu Menschen, sie lehren weglaufen, sich schützen, mit anderen zusammentun, auch zu ringen, sie bleiben als Wegbegleiter, man lernt irgendwie damit umzugehen, sie zu kontrollieren. Am schlimmsten ist vielleicht eine Daseinsfurcht.
„Fürchte dich nicht“, sagt immer wieder die Bibel, von Anfang an bis zu ihrer letzten Seite. Fürchte dich nicht, das hören wir an Weihnachten und Ostern, und es tut gut, es zu hören, gesagt zu bekommen, das da einer, dass da Gott nicht will, dass wir uns fürchten, fürchten müssen, dass er etwas dagegen tut, dass er ankämpft gegen das, was uns Angst macht, dass er uns immer und immer wieder hält, schützt, birgt, als seine einzelnen Geschöpfe liebt.

Erlöst!
Die vergangenheitsform ist wichtig: Nicht „Ich werde dich erlösen“, und auch nicht „ich erlöse dich“, sondern: „Ich habe dich erlöst!“ Und das „denn“ ist wichtig, es begründet und sagt. DU musst keine Furcht haben, denn ich habe dich erlöst. Weil ich dich erlöst habe, musst du keine Lebensangst mehr haben.
Erlöst meint befreit, erlöst von etwas, befreit von etwas. Da ist etwas weg, da wird etwas entfernt, da macht Gott etwas weg, was mich schlimm bindet, beherrscht, unfrei und bange macht. Davon löst er mich, davon macht er mich frei. So unbegreiflich das ist und so für jeden ganz eigen das ist, vielleicht ist es ganz wichtig, dass Gott diese Dynamik in sich trägt: Er kann uns von dem trennen, was uns beschwert, was unser Leben schlimm macht. Ich weiß auch nicht wie, kann das kaum sagen, aber dass er es kann und will, das mag ich glauben: Er kann mich von dem weit wegbringen, was mir schlimm ist.

Mein
„Du bist mein.“ Der Schlusssatz, die Summe. Auch eine Zumutung am Ende. Wem gehören wir? Im Laufe unseres Lebens? Wir kamen ohne Zutun auf die Welt, ein geschenktes Leben zunächst. Gehören wir denen, die uns geboren haben, nicht wirklich, ein bisschen, wir pflegen sie dann mal. So manchen gehören wir im Lauf des Lebens, manchen, auf die wir sehr zornig sind, und natürlich denen, die uns lieben. Wir gehören nie uns allein und doch sind wir ganz wir und ganz eigen und gehören uns.
Und wir sind nie ein Ding, das man besitzt. Gott besitzt uns nicht, auch wenn unser Leben sein Geschöpf ist, er liebt unsere Freiheit und unseren Eigensinn, in bestimmten Grenzen. Wir sind sein, damit wir nicht dem Schlimmen gehören, damit wir nicht von bösen Mächten, scheinen sie auch noch so harmlos, in Besitz genommen werden. „Du bist mein“ hat etwas sehr Liebevolles, etwas Beschützenden, Haltendes. Ihm zu gehören, macht nichts aus, tut nicht weh, entfremdet mich nicht, es ist eigentlich das schönste: Wenn ich ihm gehöre, dann gehöre ich dem Leben, bin ich lebendiges Geschöpf. Amen.