Sonntag, 26. Februar 2012

Gut genug

Predigt am Sonntag Invokavit (26.2.2012) zur Eröffung der Fastenzeit

Nass geworden (Jochen Kunath)
Aus den Fluten steigen. Nass geworden. Ein junger Mann, nicht unattraktiv. Das nasse T-Shirt klebt an seinem Oberkörper. Irgendwo ein Fluss, im Hintergrund Häuser, eine Stadt. Nicht nur das weiße T-Shirt ist nass, auch die Jeans und die Haare.
Schon merkwürdig: Mit nassen Kleidern in einem Fluss, aufrecht steht er da der Mann, er geht, sein linker Fuß langsam nach vorne. Sein Blick wirkt abgekämpft, müden, erschöpft, visionslos, irgendwie aber auch still bewahrt.
Seine beiden Hände fassen nach hinten, berühren seine Flügel, als wolle er sie halten. Warum hat der junge Mann Flügel? Ist er ein Engel? Sind sie ihm gewachsen? Wie kommt der junge Mann mit seinen Flügeln in diese merkwürdige Lage, nass im Fluss.
Seine nassen Kleider, seine Haltung, sein Blick erzählen: das wollte ich nicht. Das hätte ich nicht erwartet. Ich bin unfreiwillig im Wasser gelandet, abgestürzt, baden gegangen. Trotz meiner Flügel …

Flügel (Raimund Fiehn)
Abgestürzt, weil zu hoch geflogen?
Ich denke an Dädalus und Ikarus aus der griechischen Sage. Ikarus kam mit seinen Flügeln der Sonne zu nahe und stürzte ab. Zu viel gewollt – die Sache übertrieben.
Hab ich etwa doch nicht alles richtig gemacht?

Oder vielleicht ein gefallener Engel? Auch wieder einer, der zu viel wollte? Einer, der sein wollte wie Gott und dafür hinab- und ausgestoßen wurde.

Flügel sind doch eigentlich dazu da, dass sie tragen, empor heben, fliegen lassen.
Diesem hier hat wohl jemand die Flügel gestutzt.
Hier sind die Flügel wohl Teil einer Absturzgeschichte.
Ich habs doch aber gut gemeint. Ich wollte doch das Beste.
Ist das Beste denn nicht gut genug?

Fastenzeit/Passionszeit: das ist Zeit auch der Irritationen.
Das Beste ist manchmal wirklich nicht gut genug.
Das Beste ist manchmal zu viel des Guten.

Wir haben das Gesicht aus dem Bild herausgenommen. Stellen Sie sich doch einfach mal ihr eigenes Gesicht darin vor.
Wie geht es Ihnen da?
Wie ist das mit Ihrem Ehrgeiz?
Gibt es überhaupt guten, richtigen Ehrgeiz?
Leiden nicht auch immer Menschen unter unserem Ehrgeiz?
Andere oder auch nur wir selbst?

Ehrgeiz (Jochen)
Was macht den Ehrgeiz in uns drin? Dass wir etwas erreichen wollen? Dass wir nach etwas streben. Dass wir es einfach meistens, immer gut machen wollen? Dass wir es anderen, der Gemeinde, den Pfarrern, Gott recht machen wollen?
Ist nur der übertriebene Ehrgeiz die teuflische Versuchung? Wenn wir zu ehrgeizig sind, wenn wir zu hartnäckig sind, wenn wir zu zielorientiert sind, wenn wir zu hoch gesteckte Ziele haben, wenn wir nicht rauskommen aus dem Hamsterrad, wenn wir vom Ehrgeiz, dem Streben, den Zielen zerfressen werden.
Es gibt doch den gesundem, den guten Ehrgeiz, der mit den guten Zielen, dem guten Streben, dem guten Wollen. Und es wäre doch schlimm, wenn wir hier alle nicht zumindest ein bisschen Ehrgeiz für die Sache Gottes hätten, wir Hauptamtliche und Ehrenamtliche, nicht ein bisschen ehrgeizig für die Predigtbezirke, für die Pfarrgemeinde, für den Stadtkirchenbezirk. Oder wohnt jedem, auch dem besten, auch dem kirchlichen Ehrgeiz ein Keim inne, der Versuchung, der falsch ist? Der Keim, so wie Gott sein zu wollen?

Gut genug (Raimund)

Text: Wenn wir im Geist leben, so lasst uns auch im Geist wandeln. Lasst uns nicht nach eitler Ehre trachten, einander nicht herausfordern und beneiden. Gal 5, 25f

Schön wärs! Aber es menschelt halt auch in der Kirche.
Wenn wir es wenigstens durchschauen, wenn wir vor allem uns selber durchschauen.
Eben nicht: jeden Tag ein bisschen mehr.
Eben nicht automatisch: höher – schneller – weiter
Wann darf ich mal nur „gut genug“ sein?
Wann können wir auch andere einfach nur „gut genug“ sein lassen?
Unsere Kinder, unsere Partnerin, unseren Kollegen, unsere Untergebenen?
Wer sagt mal zu mir im positiven Sinn: es reicht, mehr nicht?
Lege deinen Stift aus der Hand, schalte den PC aus, lass die Emails rot, verlier deine Ziele einfach mal aus den Augen, lege dich hin, mach die Augen zu, atme, lebe – einfach nur so.
Schauen Sie sich nochmal das Bild an
Von wo ist er abgestürzt? Wo bin ich abgestürzt mit falschem Ehrgeiz? Wo habe ich anderen oder auch mir selbst damit Schaden zugefügt?
Der abgestürzte Engel steigt unverletzt aus dem Wasser, irritiert aber nochmal davongekommen, er ist einfach nur nass und hat hoffentlich etwas dazugelernt.
Und wir?
Wir leben als Christen im Geist, behauptet der Apostel Paulus.
Der Geist Gottes bezeugt uns ganz grundsätzlich:
du bist gut genug, denn ich habe dich erschaffen
du bist gut genug, denn ich liebe dich, was immer passiert
Lass dir an meiner Gnade genügen.
Der abgestürzte Engel ist auf unangenehme Weise nass geworden.
Für uns Christen gibt es ein Nasswerden, das eine sehr positive Bedeutung hat, nämlich mit dem Wasser der Taufe.
Da sind wir auf heilsame Weise nass gemacht worden – und mit Gottes gutem Geist beschenkt.
Erinnern Sie sich heute ganz bewusst an dieses Wasser.
Da die meisten von uns keine eigene Erinnerung an ihre Taufe haben, laden wir Sie ein, jetzt nach vorne zum Taufstein zu kommen.
Benetzen Sie einen oder zwei Finger und zeichnen Sie sich ein Kreuz auf die Stirn.
Hören Sie die Zusage Gottes dabei: Du bist gut genug. Lebe in dem Geist, der dir von mir in der Taufe geschenkt wurde.
Amen.

Freitag, 17. Februar 2012

Liebe wieder fließen

Predigt an Estomihi (19.2.2012)

Amos 5, 21-24:
Ich bin euren Feiertagen gram und verachte sie und mag eure Versammlungen nicht riechen. Und wenn ihr mir auch Brandopfer und Speisopfer opfert, so habe ich kein Gefallen daran und mag auch eure fetten Dankopfer nicht ansehen. Tu weg von mir das Geplärr deiner Lieder; denn ich mag dein Harfenspiel nicht hören! Es ströme aber das Recht wie Wasser und die Gerechtigkeit wie ein nie versiegender Bach.

Am Fluss
An einem fließenden Fluss stehen. Den Blick dem Wasser entlang, sehen wie das Wasser von woher, von einer weit entfernten Quelle kommt, wie das Wasser wohin fließt, einem fernen Ziel entgegen; erinnert werden, wie gut Wasser tut, wie lebendig und kräftig es ist, wie es fließt, strömt, uns zu solchen macht, die von alters her an Flüssen ihr Leben wohnen lassen, zu, über Flüsse, an Flüssen entlang gehen.
Es ströme Recht wie Wasser und Gerechtigkeit wie ein nie versiegender Bach.
Was fließt, was strömt bei uns, hier bei uns? Was fließt in unserer Gesellschaft, wenn wir auf unsere Straßen, Plätze, in unsere Häuser, auf uns und unser gegenseitiges Leben blicken? Geld fließt, vor allem, Millionen, so kann man lesen. Tränen fließen und Blut. Der Verkehr fließt, nicht immer. Informationen fließen, SMS, Emails ein ganzer Datenstrom umhüllt uns, Worte fließen, manchmal ein ganzer Wortschwall. Wir stehen im Fluss der Zeit, im Fluss der Geschichte. Sagt man.
Flüssigkeit verbindet. Feste Körper kann man schwerer teilen. Gasförmiges ist unsichtbar. Flüssigkeit fließt aber heraus, entlang einen Weg und hinein, Flüssigkeit verbindet, ist intim, ist gemeinsam von der Quelle bis zum Ziel. Was fließt bei uns gemeinsam? Ich kann nicht viel finden. Es stockt eher. Oder bestimmte, immer mehr werden ausgeschlossen, an ihnen fließt es vorbei. In aller Schnelligkeit, in aller Globalisierung, zerstückeln sich die Flüsse, die uns gemeinsam sind, in viele kleine.

Im Fluss stehen
Von Gemeinsamkeit erzählen die Feiertag, die Festtage. Feste, Feiern sind wie, als würde das Leben kurz angehalten werden, als würde wir das Leben für einen Tag, ein paar Momente lieb gewinnen und es feiern. Wir feiern Geburtstag, Hochzeit, Fasnet, die olympischen Spiele, Jubiläen und unterbrechen den normalen Alltag. Es verdichtet sich alles und wir spüren: Das Feiern wird zum geschenkten Fest, wir spüren die Verbindung zum Leben, spüren Dank und wie unverfügbar, aber uns gegeben es ist, wie schön und wie tragisch, wie brüchig und wie bewahrt wir sind, wir Einzelne und wir gemeinsam.
Als stünden wir im Fluss des Lebens, jenen Fluss, der uns nährt und auch zu fluten vermag; als stünden wir und spürten, wie der Fluss des Lebens an uns brandet, wie wir geboren sind, in Unheilsfluten manchmal getaucht und wieder heil heraussteigen, wie sehr wir im Fluss des Lebens stehen, aber er es ist, der Quelle und Ziel, das Fließen und Strömen in sich trägt, ist.

Es stinkt!
Für Amos, den zornigen Propheten, fließt in seinem Volk nichts mehr. Das Volk hat den Fluss des Lebens verlassen. Es trifft sich, betet, spricht zu seinem Gott, opfert und sucht, sich mit Gott zu verbinden in Geben und Nehmen.
Doch Gott will all das nicht mehr sehen, nicht mehr hören, nicht mehr riechen. Gott ist es satt, er ist zornig, wütend, enttäuscht. Es stinkt ihm. Es beißt in seinen Augen. Er dröhnt in seinen Ohren. Mit allen göttlichen Sinnen sieht er keinen Sinn mehr in diesen Menschen.
Für ihn, für Gott sind ihre Versammlungen, ihre Feste, ihre Gesten, ihre Worte leer geworden, hohl, inhaltslos, herzlos, lieblos, geschmacklos. In ihren Feiern, in ihren Worten, in ihren Gedanken wohnen nicht mehr die anderen Menschen, die Gemeinschaft, die Verbindung mit ihnen, mit denen, mit denen sich Gott aber immer wieder verbündet, besonders mit denen, die vom Leben geschlagen, benachteiligt, verletzt sind.
Für Gott fließt in seinem Volk nichts mehr vom lebendigen Fluss des Lebens. Als hätte sie sich selbst davon abgeschnitten oder herausgestellt. Und das stinkt Gott.
Was stinkt Gott bei uns? Wenn unsere Lebensflüsse stocken, ausschließen, versiegen? Steigt von all den Feiern, mit denen wir unser einzelnes und gemeinsames Leben laut oder leise feiern, noch etwas hoch in den Himmel zu Gott? Haben unsere Feste noch jene letzte Grundierung in und für Gott? Jenen letzten und ersten Bezug zu ihm, der Leben gibt und bewahrt und nimmt?
Was ist, wenn es bei uns stinkt, muffelte, Gott aber das schon lange nicht mehr riecht. Was ist schlimmer: Ein Gott der wütend ist über das, was ihm stinkt, oder einer, dem wir egal sind?
 
Gott fließe
Nein!! Gott bleibt bei seiner Vision von Mensch und Welt. Er bleibt, wenn auch wütend, bei seinen Menschen. Sein Zorn zeigt, wir sind ihm nicht egal. Vielmehr: Es fließe und ströme bei euch! Lasst es bei euch fließen und strömen, jenen Fluss des Lebens!! Stellt euch nicht nur an seinen Rand, ab und zu in ihn rein. Macht, dass er fließt und strömt!
Gott will keine versiegende Bäche des Lebens, keine Seelendürre, er will nicht, dass nur einer von uns und all den anderen abgeschnitten, ausgeschlossen ist von seinem Fluss des Lebens, von ihm als Quelle, als Ziel.
Deswegen: Lasst unter euch, in euch, zwischen euch fließen, ja strömen, unaufhaltsam, flutartig-kontinuierlich Recht und Gerechtigkeit, Gottes Recht und Gottes Gerechtigkeit, seine Vorstellung von unserem Zusammenleben, seine Bundestreue als Treue unter uns, seinen Bund, der unter uns lebet und Frieden gebiert. Jenen Frieden, der er ist, der dort ist, wo er ist, jener Frieden, der unseren Seelen Seelenfrieden schenkt und tief solidarisch ist mit allen, deren Seele verletzt ist, die ausgeschlossen sind, die am Rande sind, die arm sind, die stinken, deren Tränen, deren Blut zu oft fließt.

Feiert eure Feste mitten im Fluss des Lebens. Feiert euer Leben. Es ist von Gott geschenkt. Es gehört ihm. Es kommt von ihm. Es geht zu ihm. Feiert, so dass jeder genau dies spüren kann, dass die, die um euch wohnen, leben, sich verstecken, verkriechen, fürchten, klagen, duften oder stinken mit euch im Fluss des Lebens steigen, sind und davon leben. Lasst Gott unter euch fließen. Er ist die Quelle. Er ist, wo das Leben mündet. Er ist die Liebe, die alle verbindet.
Und wir? Wir leben. Wir sind ein Wohlgeruch, ein Augenschmaus, ein Hörgenuss Gottes. Amen.

Freitag, 10. Februar 2012

„Aufgelöst“

Predigt an Sexagesimae (12.2.2012)

2. Korinther 12, 1 Gerühmt muss werden; wenn es auch nichts nützt, so will ich doch kommen auf die Erscheinungen und Offenbarungen des Herrn. 2 Ich kenne einen Menschen in Christus; vor vierzehn Jahren – ist er im Leib gewesen? Ich weiß es nicht; oder ist er außer dem Leib gewesen? Ich weiß es auch nicht; Gott weiß es –, da wurde derselbe entrückt bis in den dritten Himmel. 3 Und ich kenne denselben Menschen – ob er im Leib oder außer dem Leib gewesen ist, weiß ich nicht; Gott weiß es –, 4 der wurde entrückt in das Paradies und hörte unaussprechliche Worte, die kein Mensch sagen kann. 5 Für denselben will ich mich rühmen; für mich selbst aber will ich mich nicht rühmen, außer meiner Schwachheit. 6 Und wenn ich mich rühmen wollte, wäre ich nicht töricht; denn ich würde die Wahrheit sagen. Ich enthalte mich aber dessen, damit nicht jemand mich höher achte, als er an mir sieht oder von mir hört. 7 Und damit ich mich wegen der hohen Offenbarungen nicht überhebe, ist mir gegeben ein Pfahl ins Fleisch, nämlich des Satans Engel, der mich mit Fäusten schlagen soll, damit ich mich nicht überhebe. 8 Seinetwegen habe ich dreimal zum Herrn gefleht, dass er von mir weiche. 9 Und er hat zu mir gesagt: Lass dir an meiner Gnade genügen; denn meine Kraft ist in den Schwachen mächtig. Darum will ich mich am allerliebsten rühmen meiner Schwachheit, damit die Kraft Christi bei mir wohne. 10 Darum bin ich guten Mutes in Schwachheit, in Misshandlungen, in Nöten, in Verfolgungen und Ängsten um Christi willen; denn wenn ich schwach bin, so bin ich stark.

Körperlos
Ein eigentümlich starkes Erlebnis: Raum und Zeit verschwimmen, zumindest für Sekunden, eine Zeit lang. Sich wie entrückt, wie versetzt fühlen. Ganz man selbst sein, aber dennoch nicht ganz hier, sondern woanders, bei dem, was man in sich nimmt, sieht, hört, hat. Die Sprache der Engel hören, wie himmlische, friedvolle, erfüllende Töne, Bilder. Sich kurz wie im Himmel, wie im Paradies sehen, Gottes Nähe spüren, so nah, so bei mir, dass Gott wie einer von Angesicht zu Angesicht ist. Still befreit, enthoben, von sich selbst, aber ganz bei sich, ganz bei Gott, man selbst schwerelos, emporgehoben, körperlos, leicht.
Entrückte Momente, Gewissheitssekunden, als würde man für Augenblicke den Kopf in den Himmel recken. So etwas hat Paulus wohl erlebt. Für sich.


Aufgebaut
Entrückte himmlische, Gott nahe Momente. Menschen aber bleiben, sind immer auch gebunden an Erde, an all die anderen Momente, die höllischen, die normalen, die alltäglichen, gebunden an ihren Körper, seine Ausformungen, seine Beschränkungen, seine Gestalt, an sich selbst.
Sich selbst rühmen, loben, stolz sein, mit sich prahlen, sich überheben, sich selbst über anderes und andere emporheben, sich ganz toll finden – da sind Menschen auch ganz bei sich, ganz und gar, aber nur bei sich, als würden wir Mensch sich selbst anschauen, sich an sich wie satt sehen, fast berauschen. Als nähmen wir uns selbst, als bauten wir uns selbst mächtig auf und stellten uns vor alles hin: das Ich massig und massiv. Das, was wir sind, wer wir sind, tun, machen.
Wir sprechen nur noch uns, wir drücken nur noch uns aus, wir sind nur noch wir selbst, unser Selbst, Körper, Gefühle, Wille, Gedanken, nur unsere Welt und verstellen massiv alles, was sonst noch ist, sein könnte, sein möchte – in uns, um uns, zu uns, für uns. Solchen ist Paulus wohl begegnet.
  
Dünnhäutig
Paulus aber hat selbst an sich selbst gesehen, wie rissig, wie zerbrechlich Körper und Leben sind, wie sehr menschliches Leben einem Gefäß gleicht, das voller kleiner Risse und Löcher ist, wie schnell, wie plötzlich, wie unerklärlich Menschen verletzen und verletzt werden, offene Wunden und Fragen haben, wie hinfällig Vorhaben, Idee und Versprechen sind, wie gefährdet wir sind durch das, was uns immer wieder widerfährt, sich uns ins Leben schreibt, mal mit unerbärmlichen Schriftzug.
Das sind schon Fäuste des Satans, etwas, was uns so schwer und dunkel aufgegeben ist, uns wie schlägt, dass wir uns an ihm abarbeiten, immer am Rande des Scheiterns. Das ist wie ein Pfahl im Fleisch, schmerzliche, in unser Leben reingestoßen: Sorgen, Probleme, drängende Fragen, Selbstzweifel.
Dünnhäutig sind Menschen, auch wenn sie über all die Jahrtausende gelernt haben, Schutzfilm um Schutzfilm auf sich aufzutragen, dass ihnen nichts mehr wehtut, in sie tief zur Seele dringt. Dünnhäutig unter all den Mänteln und Kleidern, die uns schützen, wärmen und schön machen, die uns aber auch etwas zudecken, und manchmal zu mehr werden als sie sind.

Dünnhäutig wie jener einzigartige, von Gott abgründig tief geliebte Mensch Jesus. Jesus: dünnhäutig gegenüber denen, die am Rande lebten, die Sehnsucht hatten nach Leben, nach Gott. Dünnhäutig für die Worte Gottes, für eine ganz andere Vision von der Welt, vom Menschen, von Miteinander. Dünnhäutig für wahre Liebe. Dünnhäutig, weil verhöhnt, geschlagen, angespuckt auf dem Weg zum Tod. Dünnhäutig, weil Gott ihn im Grab nahm und den toten Jesus wieder den Lebensatem in die Glieder und die Seele blies.

Durchlässig

Das, was wir in der Begegnung mit Gott, in seiner Nähe, erleben. Was in unserer kleinen Entrückung in uns bleibt. Was durch unsere Lebenshäute hindurch kommt. Diese uns geschenkten Gottesmomente. Seine wunderbaren Ablichtungen in unserer Seele, die uns innerlich für bestimmte Zeit sichern, emporheben, die wir weder machen, noch deren wir uns selbst rühmen können – all dies, der Himmel möge Ausdruck in uns finden.
Menschen mögen durchlässig werden für göttliche Momente und andere mögen in ihnen, an ihnen, an ihrem Körper, an ihren Worten, an ihren Gesten, an ihren Gedanken Gott selbst und seine Liebe ablesen, erscheinen sehen. Das geschieht nicht nur an Paulus oder an ganz besondere Menschen. Das kann, will an uns geschehen:
Du und ich werden transparent auf den, der uns selbst mit seiner Liebe füllt.
Es mag helfen, wenn Menschen sich selbst zurücknehmen, nicht massiv nur sich selbst sind und allen Raum um sie zu machen, wie verstellen, abdichten; wenn Menschen dünnhäutig sind, nicht empfindlich, aber empfindsam sind, um ihre Lebensrisse, die kleinen Tragödien wissen, um die biographischen Löcher, so dünnhäutig, dass durchlässig, wie etwas heilsam porös für Gottes Liebe, selbst heil geliebt von ihm und selbst Liebe ausstrahlen, bescheiden.
Menschen wie wir. Himmlisch beseelt, durchlässig, von Gott liebevoll hoch gerühmt. Amen.

Donnerstag, 26. Januar 2012

TRÄNENBROT

Predigt zu den Psalmen zur Eröffnung der Bibelwoche 2012 (29.1.12)

Tränen und Brot
„Tränen und Brot“. So ist die Bibelwoche, die morgen Abend beginnt und bis Freitag geht, überschrieben. Sie beschäftigt sich mit den Psalmen.
Tränen und Brot.
Tränen werden geweint. Sie steigen in einem hoch, ganz plötzlich oder ganz langsam, aber dann sind sie da, werden wir rausgepresst, fließen einfach aus einem raus, stehen im Auge und kullern die Wangen herunter und tropfen als kleine Tropfen Menschenflüssigkeit langsam hinunter. Wir weinen und sind in uns von etwas berührt, so tief berührt, Ärger Trauer, Freude, Wut, Sprachlosigkeit. Wir weinen und haben keine anderen Worte gefunden als diese, diese kleinen großen Tropfen. In uns, aus uns heraus.
Als würde unsere Seele ihre ganz eigene Sprache sprechen, jene ohne Worte, aber ganz wir, unsere Tränen. Als würde unsere Seele sprechen und überfließen, aus uns heraus, als würde jede vergossene Träne auf eine Antwort warten. Fließend
Brot nehmen wir in unsere Hände und führen es zu unserem Mund. Brot riechen wir. Es duftet. Brot schmecken wir. Im Brot können wir schmecken das Feld und die Ähren, das Mahlen und Backen, den eigenen kleineren Hunger und den großen Hunger der Welt, können wir schmecken wie all die anderen schmecken, die mit uns Brot aßen und essen, schmecken wir Verbundenheit und Not, Sehnsucht und Gnade, werden wir  satt, kauen, schlucken den Bissen Brot herunter und er füllt uns den Magen, gibt uns eine kleine Antwort. Handfest.
„Du speisest uns mit Tränenbrot“, so betet ein Psalmbeter. Tränenbrot. Fließend und fest. Was soll das sein? Ein Brot aus Tränen gebacken. Eines, das wir essen müssen, sollen, dürfen? Tränen, die uns satt machen, statt Frage Antwort sind.

Lebendige Worte
Psalmen, die sprechen und beten wir im Gottesdienst, wir singen sie und wir murmeln und kauen so Wörter nach und vor, die hinter Klostermauern dem Tag eine Form geben und für fromme Frauen und Männern Lebenselixier sind. Im Bibelkreis und in der Bibelwoche sprechen wir übe Psalmen und deren Worte, denken nach, treten in Fußstapfen, nähern uns, versuchen, sie zu unseren zu machen und merken wie fremd und wie nahe sie uns sind, versuchen sie in unser Leben zu ziehen.
Zu unzähligen Trauungen, Taufen, Beerdigungen, Konfirmationen, Priesterweihen werden einzelne, kleine Psalmenworte ausgesucht, ausgewählt, flüchtiger und ganz sorgfältig, werden Worte der Psalmen laut über kleines Taufkind, über Brautpaar, über Verstorbene, über Junge und Alte, Arme und Reche, Gerechte und Sünder, Hilflose und Suchende ausgesprochen, wird ihr Leben mit dem Leben dieser Worte verbunden.
Fast auf geheimnisvolle Weise. Auf jeden Fall in Vertrauen und Hoffnung. Die ausgesuchten Worte der Psalmen mögen Leben in sich tragen, jedes ihre einzelnen Worte mag etwas in sich tragen, das das Leben, für die sie gesprochen sind, entschlüsselt, deutet, reicher, heiler, seliger macht. Mit jedem Wort am Taufstein, am Altar, am Grab, mit Handauflegung gesprochen, ja beschworen und gebetet, wird Gott ins Leben des Menschen gebracht, Gott und Mensch miteinander versprochen, verbunden.
„Du speist mich mit Tränenbrot.“ Damit ich weinen kann und satt werde. Damit all das, was in meiner Seele liegt, aus mir herausfließt und ich Antworte bekomme allein von dir, mein Gott. Für jede meiner Träne eine Antwort von dir, meine Freude du sprichst, meine Trauer du auch sprichst. Bei dir liegen meine Klage und mein Lob.

Schatzkiste
Mit jedem Psalm, mit jedem Psalmenwort betreten wir eine kleine Welt, betreten wir Gottes Welt, die sich mit unserer heilvoll verbinden will. Wir stellen uns hinein in eine tausendjährige Wörter-Geschichte, in der Menschen, die lange vor uns waren und die nach uns kommen werden, auch stehen. Wir gehen hinein mit unserer Seele und deren Hunger nach Leben, nach Liebe, nach Schutz, nach Freude in einen Raum von mal geheimnisvollen, anstößigen, wunderbaren, faszinierenden, offen, heilvollen Worten, die darauf geduldig warten, dass wir mit unserer Seele sie nachsprechen, neu sprechen
Jeder Psalm, jedes Psalmenwort ist wie eine kleinere oder größere Schatzkiste. Eine Schatzkiste, die ihren Glanz, ihre äußere Kostbarkeit, ihre Patina aus der Alltäglichkeit gewonnen hat, aus dem alltäglichen Schmerz von Menschen, aus ihrer Freude, aus ihren Tränen, aus ihrer Hoffnung, aus den unzähligen Geschichte, die Gott in das Leben schreibt.
Psalmen, Psalmenworte wie eine Schatzkiste, in die wir alles hineinlegen dürfen, können, ja mitunter sollen und müssen: All die Momente, die wir beklagen, beweinen, erhoffen, erwarten, die wir inständig suchen, die wir unglaublich erleiden, die Tränen, all die stammelnden Worte, abgebrochene Sätze, Bilderfetzen, Freudenlächeln, Sorgen und Küsse, unsere Seelentakte.
Psalmen, Psalmenworte wie eine Schatzkiste, aus der wir alles herausnehmen können, wie verwandelt, wie neu und anders, aus der wir behutsam schöpfen, mit der Hand, mit dem Wortelöffel, unsere Seele, herausnehmen, als sei es das, was wir immer genau jetzt für uns brauchen, zum Atmen, Denken, Sprechen, Sein - Nahrung, Lebensmittel, Grund für unsere Seele, jedes Wort entnommen ein Seelenstück von Gott.

Tränenbrot
Tränenbrot. Jeder Psalm. Jedes Psalmenwort ist eine Zuwendung Gottes, ein Stück seiner großen Liebe, die sich unserem Leben verspricht. Mal merkwürdig bitter schmeckend, wie Tränenbrot gebacken aus den tausend Tränen Gottes, die er mit uns weint. Mal merkwürdig heilsam, wie Tränenbrot, gekaut in tausend Gottes Stunden, uns satt zu machen mit seinem Leben. Amen.

Montag, 23. Januar 2012

„DER GEMEINDE WIEGENLIED“

„DER GEMEINDE WIEGENLIED“
Predigt am Mitarbeiterfest zu „Abend ward, bald kommt die Nacht“ (EG 487)

Predigtteil 1: Schlafende Gemeinde
Eine Gemeinde geht schlafen, legt sich hinein, schließt langsam die Augen. 7000 Augen, 3500 Augenpaare. Tausend kleine und große Gedanken, Kindersorgen, Erwachsenenwünsche, beginnende Alpträume, die Bettdecke bis zur Gemeindenase. In so vielen evangelischen Betten in Haslach. So verschiedene Menschen mit verschiedenen Tagen, die zu Bett getragen werden, verschiedene Kleider, die abgelegt werden, Zähne, die verschieden geputzt werden, verschiedene Bücher, die als Bettlektüre aufgeschlagen erden, verschiedene Hände - gefaltet werden, allein auf der Bettdecke, zwei, die sich umschließen. Eine schlafende Gemeinde, gemeinsam evangelisch und gemeinsam hier verortet.
Es passiert doch nichts. Diese Nacht. Die Zeit, der wilden Tiere, die ums Nachtlager streifen, ist vorbei. Die Zeit, als Bomben vom Himmel fielen und deren Pfeifen aus dem Bett trieb, ist vorbei. Erdbeben, Springfluten, Waldbrände, Atomkraftwerke, die gibt´s hier nicht, nicht so nah.
Es passiert doch nichts. Diese Nacht. Und doch gehen wir nie alleine ins Bett. Nehmen uns mit, jeder sich und all die anderen, die lebenden und die toten, die erhofften und verwünschten, die verhassten und geliebten; mit im Bett liegen die ungewissen Tage, die Sorgenmomente, die geweinten Tränen, manche Lebensangst, gewälzte Probleme, dunkle Gedanken, lässliche und haarsträubende Sünden. Es passiert doch nichts.

Strophe 1.
Abend ward, bald kommt die Nacht,
schlafen geht die Welt;
denn sie weiß, es ist die Wacht
über ihr bestellt.


Predigtteil 2: Entlasten
Wach liegen, vor dem Einschlafen, mitten in der Nacht, in den Morgenstunden. Dann: Beruhigt einschlafen, wieder, bis der Morgen da ist. Einer muss wachen, wenn alle anderen schlafen. Alte Pfadfinderregel. Wenn alle schlafen, dann muss einer wachen.
Einer muss aufpassen, dass nichts passiert, muss die Augen offenhalten, die Ohren spitzen, auf der Hut sein.
Wer übernimmt diese Aufgabe? Wenn die Gemeinde ruhig schlafen soll? Wer ist es? Die einen für die anderen? Mindestens immer ein guter Prozentsatz von Gemeindemitgliedern für die große Masse? Die Ortsältesten? Der Pfarrer? Müssen wir das auch noch organisieren? Ein Wachdienst für unsere ruhig schlafende Gemeinde?
Einer muss die Wacht bestellen. Bestellen. Die Wacht bestellen. Wir müssen diese Bestellung aufgeben - unbedingt.
Es passiert immer was. Jeden Tag. Gutes wie schlechtes. Manches lässt uns nicht ruhen, nicht los, sorgt uns, quält uns, bis in die Nacht hinein. Sorgenvolle Gemeinde. Einer muss uns entlasten an der Schwelle vom Abend zur Nacht. Einer muss alles mittragen die Müh und Plag des Tages, diese Beschwernisse und manche Beschwerde auch. Einer muss am besten all das Schwere, was uns nicht ruhen lässt, nehmen und in sein Himmel-Bett legen. Dann haben wir es los. Und der eine mag sich dann noch ganz fleischgeworden in unser Bett des Nachts schleichen, sanft bei uns liegen. Wacht sein, wenn wir alle selig schlafen den Schlaf der gerechten Gemeinde.

Strophe 2.
Einer wacht und trägt allein
ihre Müh und Plag,
der lässt keinen einsam sein,
weder Nacht noch Tag.


Predigtteil 3:Ein Gedanke
Wenn wir schlafen gehen, wir die Hände falten nach dem Tagewerk. Es sammeln sich die zahlreichen Gedanken, Wünsche, Ängste, Erinnerungen und wir selbst fassen uns, unser Leben still gesagte Worte - beten. 3500 müde Augenpaare, 3500 Gebete, irgendwie gebetet.
Eine Gemeinde geht schlafen und betet. Ringt sich und dem Tag ab Worte hin auf Gott gedacht, vor ihm gebracht, vor die Füße gesprochen, müde gemacht vom Tag von vorn beginnend, weil den Gebetsfaden, den Lebensfaden verloren. Wie? Wenn wir uns alle verabreden würden, zu einer bestimmten Minute im Übergang vom Abend zur Nacht, dass wir gemeinsam die Hände falteten, gemeinsam alle unsere Taggedanken hin auf ihn sammelten, zu ihm wie in einem gemeinsamen Gebetsaugenblick hin zu ihm sprächen. Es wäre wir ein unsichtbar goldenes Netz, dessen Mitte er unwillkürlich würde.
Betend und bittend er zur Wacht bestellt, wenn die Augen langsam vom Tag zufallen, wir alle wie eine ihn bitten: Bleib bei uns diese Nacht, bleib bei deiner zu Bett gegangenen, schlafenden Gemeinde, halte Wacht, sei Halt und Hort. Lass uns ruhen. Irgendwie haben wir uns es uns als Gemeinde doch verdient, wie wir uns um deine Angelegenheiten am Tag sorgten und Gemeinde waren.

Strophe 3.
Jesu Christ, mein Hort und Halt,
dein gedenk ich nun,
tu mit Bitten dir Gewalt:
Bleib bei meinem Ruhn.


Predigtteil 4: fromme Gemeinde
Im Schlaf fromm werden. Das, was wir uns tief in unserer Seelenecke wünschen, was auch die vor uns hier und die nach uns, die um uns herum sich wünschen: fromm werden, gottwohlgefällig, selig, glücklich sein. Und das eben nicht im unabläßlichen Tun, Schaffen, nein: im Schlaf. Eine schlafende Gemeinde, die darüber fromm wird.
7000 Augen, 3500 Augenpaare und Eines wacht darüber. In Christi Blick geht keiner verloren, sei er noch so klein, so zurückgezogen, bescheiden, sei er, wer er will. Christus hat die schlafende Gemeinde im Blick, schaut auf sie. All seine Müdigkeit ist abgegolten am Kreuz. Nun wacht er und passt auf uns auf. Er schaut euch beim Schlafen zu. Es ist sein durch und durch liebender Blick, nicht enttarnen, nur zu schützen, einen jeden von euch; denn euer Abend und Morgen, euer Leben ist ihm wertvoll.
Da lässt sich schlafen. Gut schlafen. Es kann wirklich nichts passieren, was uns das Leben nehmen könnte. Er erhält es uns, er blickt darauf, er passt darauf auf. Er nimmt die Lasten. Er tröstet uns. Wie neben uns liegend, nimmt er uns in die Arme, bergend, schützend, tröstend. Eine getröstete Gemeinde. Eine fromme Gemeinde. Eine selig schlafende Gemeinde. Gott gewiss. Gute Nacht.
Eine Gemeinde wacht auf nach guter, von Christus bewachter Nacht. Aus dem frommen Schlaf erwachen. Sein guter Morgen ist da. Jeder geht an sein Tagewerk. Die Gemeinde geht getrost an ihr Tagewerk. Sie tut, was Gott frommt, nutzt. Danke dafür. Amen.

Ganzes Lied! Strophen 1-4

[4. Wenn dein Aug ob meinem wacht,
wenn dein Trost mir frommt,
weiß ich, dass auf gute Nacht
guter Morgen kommt.]

Freitag, 20. Januar 2012

„SICH UNTERTAUCHEN“

Predigt am 3. Sonntag nach Epiphanias (22.1.12)

2. Könige 5, 9 So kam Naaman [, der Feldhauptmann des Königs von Aram … ein trefflicher Mann …, jedoch aussätzig,] mit Rossen und Wagen und hielt vor der Tür am Hause Elisas, [des Propheten Gottes]. 10 Da sandte Elisa einen Boten zu ihm und ließ ihm sagen: Geh hin und wasche dich siebenmal im Jordan, so wird dir dein Fleisch wieder heil und du wirst rein werden. 11 Da wurde Naaman zornig und zog weg und sprach: Ich meinte, er selbst sollte zu mir herauskommen und hertreten und den Namen des HERRN, seines Gottes, anrufen und seine Hand hin zum Heiligtum erheben und mich so von dem Aussatz befreien. 12 Sind nicht die Flüsse von Damaskus, Abana und Parpar, besser als alle Wasser in Israel, sodass ich mich in ihnen waschen und rein werden könnte? Und er wandte sich und zog weg im Zorn. 13 Da machten sich seine Diener an ihn heran, redeten mit ihm und sprachen: Lieber Vater, wenn dir der Prophet etwas Großes geboten hätte, hättest du es nicht getan? Wie viel mehr, wenn er zu dir sagt: Wasche dich, so wirst du rein! 14 Da stieg er ab und tauchte unter im Jordan siebenmal, wie der Mann Gottes geboten hatte. Und sein Fleisch wurde wieder heil wie das Fleisch eines jungen Knaben und er wurde rein. 15 Und er kehrte zurück zu dem Mann Gottes mit allen seinen Leuten. Und als er hinkam, trat er vor ihn und sprach: Siehe, nun weiß ich, dass kein Gott ist in allen Landen, außer in Israel … 19 [Elisa aber] sprach zu ihm: Zieh hin mit Frieden

Mein Weg
Im Frieden sein, Gott gefunden, geheilt, frei von dem, was quält. Naaman findet diesen Weg. Er geht hin in Frieden. Er erfährt Gott. Er wird heil. Er wird frei von seinem Aussatz, der ihn quält. Es ist ein Weg mit Umwegen, Hindernissen nicht geradlinig, nicht schnurstracks. Über Umwegen seinen Weg finden. Frei werden von dem, was uns quält, auf dem Körper und auf der Seele liegt, frei vom Seelenaussatz; geheilt werden, innen drin, die eigenen Seelenrisse verbunden bekommen, versöhnt werden mit seinem eigenen Leben, so etwas wie Heil, Glück erfahren; Gott finden, den richtigen inmitten der falschen, nur fragwürdigen, Pseudogötter, den richtigen Gott finden, der wirklich das Leben ist, das Leben hat und gibt. Der Liebe ist. Im Frieden gehen, leben, Seelenfrieden, mit sich im reinen, nicht perfekt, nicht ohne Schmerzen und Wunden, aber im Reinen. Unser Weg. Dorthin. Ein Weg mit Umwegen, ein Weg mit Wegbegleitern:

Wegbegleiter
Menschen, die einen auf den richtigen Weg aufmerksam machen; so wie eine Dienerin des Naaman, die ihm von Elisa, seiner Heilungschance, erzählt. Menschen, so wie der Diener von Naaman, der ihn mühsam und mutig davon überzeugt, doch das zu machen, was Elisa ihm rät. Menschen, so wie der Bote des Elisa, der Naaman eigentlich die gute Nachricht von der Heilung überbringen möchte, den Naaman aber abweist. Menschen wie kleine Zeichen, wie Fürsprecher, die uns den Weg zeigen, auf die wir hören können, die wir sehen, kaum sehen, nicht sehen, übersehen, überhören, deren Weg wir gehen sollen.
Menschen, so wie der aramäische König von Naaman, der den Heilungswunsch von Naaman aufgreift, einen Brief an den König von Israel schreibt und Naaman dorthin sendet. Einer, der die Sache von Naaman in die Hand nimmt und Naaman schickt, gehen lässt. Menschen, die uns senden, die sagen, wo es hingeht, die für uns unsere Wege gehen, gehen sollen, müssen, meinen zu müssen; Menschen, die uns dann auf ihren Weg schicken, weil sie meinen, gut meinen, es wäre unserer; aber gehen, gehen müssen wir selbst, ganz und gar selbst unseren Weg zum Heil, auf Umwegen.

Sich verlassen
Naaman kommt mit seinen eigenen Vorstellungen zu Elisa. Auf dem hohe Ross. Er erwartet etwas ganz bestimmtes. Und das trifft nicht ein. Seine eigenen Vorstellungen werden enttäuscht. Naaman versteht es nicht, es passt nicht zu dem, wie er sich, seine Heilung sieht. Er wird darüber unwillig, zornig, wendet sich ab und geht weg. Zu stolz scheint er. Zu fremd, zu weit weg das, wie Elisa, seine Heilung geschehen möchte.
Es braucht den Diener, seinen eigene demütigen Mut, vom hohen Ross herunterzusteigen, seine eigenen Vorstellungen zu verlassen, den nicht so erwarteten Weg zu gehen, im Kleinen, nicht Großen, die Heilungschance zu ergreifen, den Umweg über Unverständnis, Zorn, Widerstand, seinen eigenen Umweg zum Heil zu gehen.
Wie nahe ist er uns, dieser Naaman. Über eigene Umweg und Hindernisse zum Heil gehen: Seine eigenen Vorstellungen verlassen, wirklich aus sich herausgehen, den gebotenen, aber anders erwarteten Weg einschlagen, sich eher an das Unspektakuläre, an das Unscheinbare halten, den eigenen Widerstand in sich, den Zorn überwinden, und umkehren, wieder umkehren und selber den Weg gehen, die letzte wichtigen Schritte.

Selber gehen
Naaman tut das Gebotene, ganz selbst und für sich. Er tut es. Er steigt herab in den Jordan. Er taucht unter. Er tut dies siebenmal. Er wird rein.
Heil werden, indem man in das Heil hinabsteigt, in es untertaucht, nicht einmal, nicht zweimal, nicht dreimal, sondern so oft, bis das Heil einem wieder nach oben entlässt und reingewaschen hat. Man ganz selbst. Erlebt an eigenen Körper, an sich selbst. Abgewaschen, weggewaschen all das, was einen juckt und quält, was sich wie Aussatz einem auf der Seele legt und sich in sie hineinfrisst. Siebenmal. Beim Weg zum Heil muss man Geduld mitbringen, oft etwas mehrmals tun. Aber dann wieder auftauchen, auftauchen als ein anderer, als eine andere, an sich herabschauen und sehen, mit den Augen und den Händen spüren: Ich bin ohne das Quälende, ohne Seelenflecken, ohne Todesgeschwür; ich bin rein, heil, in Frieden.
Das ist, war mein Weg zum Heil über Umwege.

Gottes Weg
Jesus kennt Naaman. Er kennt seine Geschichte. Jesus sieht in ihm einen, an dem sich Gott erfüllt. Den Armen wird das Evangelium gepredigt, die Gefangenen werden frei, die Blinden sehen, die Zerschlagenen werden aufgerichtet, die Aussätzige werden rein. Jesus erfüllt Gott in Menschen. Jesus ist für Menschen Frieden, Heilung, Reinigung, Glücksort, Seelenhalt.
Jesus geht aus sich heraus. Er bleibt nie bei sich selbst. Gott geht aus sich heraus. Gott kommt in Jesus Christus zu den Menschen. Gott kann nicht bei sich bleiben, seine Liebe in sich bricht aus ihm heraus, fließt über, überwindet jede Kluft, Fremdheit, überwindet eigene Vorstellungen, manchen dummen Stolz und lässt umkehren. Unser Umweg zum Heil, unser Weg des Naamans, ist Jesu Weg zu uns. Er geht zu denen, deren Seele danach ruft, frei zu werden von üblen Lebensaussatz, er lässt sie hören, wohin sie gehen könnten, er setzt ihre Füße auf den Weg, er lässt sie ihre Weg finden, er taucht sie mit unter, taucht selbst mit unter, siebenmal, und wäscht sie rein und wir tauchen wieder auf, er ist es, der unseren Weg gegangen ist zum Heil und er sagt zu: Zieh hin mit Frieden. Amen.

Mittwoch, 4. Januar 2012

Das Licht wächst still


Predigt am 1. Sonntag nach Epiphanias (09.01.12)

Geboren
Nicht in Bethlehem. Nicht damals vor mehr als 2000 Jahren wurde Jesus geboren. Weihnachten, Heiliger Abend liegen vierzehn Tage hinter uns. Jesus ist geboren. In uns. Mitten unter uns. Zwischen uns.
Jesus ist uns geboren worden. Klein, nackt, in einer abgeschiedenen Ecke unserer Seele, unseres Lebens. Wir haben ihn empfangen. Er ist in uns eingepflanzt. Er, das Licht, das Heil, die Rettung. Und alles ist schon da mit dieser Geburt in uns: All seine Worte, die er dann spricht; all die Taten, die er dann tut; all das Gleichnishafte, all das Heilsame, alles von diesem Gott, den er den Menschen so nahe in ihr Leben bringt. All das ist da, ist in uns geboren - und wartet darauf, dass es beginnt zu werden, zu wachsen, zu leben, sich zu entfalten, zu strahlen, zu leuchten, zu heilen; in uns, mitten unter uns, zwischen uns.
Dreißig Jahre hat es gedauert von der Geburt Jesu in Bethlehem bis er begann zu predigen, zu heilen, Wunder zu tun, vom Himmel zu erzählen, bis er öffentlich auftrat und alle ihn hören, sehen, spüren konnten. Dreißig Jahre, so lange dauerte, bis er gewachsen war, die Zeit reif ist; wie ein heiliges Innehalten, in dem Gott alles selbst bereitet und Atem holt für uns. Zeit der Ruhe, des Reifens, Wartens, und dann leuchtete das Licht bald über den ganzen Erdenkreis.
Dreißig Jahre. Solange dauert es bei uns, in uns nicht, von der Geburt des Lichts, bis wir darin erstrahlen. Oder doch? Es dauert auf jeden Fall. Das Licht geboren muss ruhen, warten, reifen, wachsen in uns.
Nur spärlich, äußert spärlich füllt die Bibel diese Zeit, diese dreißig Jahre bis zur Taufe Jesu. Nur mit ganz wenigen, fast rätselhaften Geschichte: Mit Johannes, dem Täufer; mit Simeon, der kurz vor seinem Tod noch den erhofften Heiland als Kind sieht; mit Jesu Beschneidung; mit dem zwölfjährige Jesus im Tempel; mit den heiligen drei Königen, und mit dieser Geschichte:

Die Flucht nach Ägypten und die Rückkehr
Als sie aber hinweggezogen waren, siehe, da erschien der Engel des Herrn dem Josef im Traum und sprach: Steh auf, nimm das Kindlein und seine Mutter mit dir und flieh nach Ägypten und bleib dort, bis ich dir's sage; denn Herodes hat vor, das Kindlein zu suchen, um es umzubringen.

Da stand er auf und nahm das Kindlein und seine Mutter mit sich bei Nacht und entwich nach Ägypten und blieb dort bis nach dem Tod des Herodes, damit erfüllt würde, was der Herr durch den Propheten gesagt hat, der da spricht (Hosea 11,1): »Aus Ägypten habe ich meinen Sohn gerufen.« ….
Als aber Herodes gestorben war, siehe, da erschien der Engel des Herrn dem Josef im Traum in Ägypten und sprach: Steh auf, nimm das Kindlein und seine Mutter mit dir und zieh hin in das Land Israel; sie sind gestorben, die dem Kindlein nach dem Leben getrachtet haben.
Da stand er auf und nahm das Kindlein und seine Mutter mit sich und kam in das Land Israel. Als er aber hörte, dass Archelaus in Judäa König war anstatt seines Vaters Herodes, fürchtete er sich, dorthin zu gehen. Und im Traum empfing er Befehl von Gott und zog ins galiläische Land und kam und wohnte in einer Stadt mit Namen Nazareth, damit erfüllt würde, was gesagt ist durch die Propheten: Er soll Nazoräer heißen.

Gefährdet
Kaum ist das Licht, ER, seine Worte, seine Taten voller Heilsamkeit in uns geboren, müssen sie fliehen. Ist das Licht in uns gefährdet, vom Tod bedroht, trachtet man ihm nach dem Leben, möchte man es in uns mundtot, unwirksam machen, es rausreißen, vertilgen, auslöschen.
Kaum in uns wird das Licht zum Spielball der Mächte, der Mächte zwischen uns, in uns. Spielball von Hass, Neid, Zweifel, anderen dunklen, verwirrenden, bösen Mächten – und es muss weg von dort, weit weg, so weit, dass es die dunklen Mächten nicht erreichen. Es muss fliehen an einen sicheren, anderen Ort. In uns. Wo ist dieser Ort, dieser versteckte, sichere Ort für das Licht Gottes in uns? Vielleicht gerade der Ort, den man nicht erwartet. Ägypten war das Land der ehemaligen Knechtschaft, der Ort, aus dem Israel selbst floh, befreit wurde; gerade dieser Ort, früherer Un-Ort, wird Fluchtort, sicherer Ort. Das Licht sucht einen Ort des Asyls in uns.

Bewegt
Nachts. Im Traum. Auf engelhafte Weise. Josef hört es. Josef nimmt es. Josef bringt es an einen anderen Ort. Das Jesuskind. Nachts. Wenn es dunkel ist. Merkwürdig. Wundersam. Wer sieht und hört es? Wer steht auf? Wer nimmt das gerade göttlich geborene Licht in uns, nimmt und bringt es an einen sicheren Ort?

Wir merken, wie wenig wir das tun können. Wie sollen wir das Licht in uns nehmen und in uns woanders verorten? Wie wenig können wir das, was tief in uns ist, wohnt, lebt, steuern, lenken, vernehmen, wegnehmen und wo hin bringen; unsere Gedanken in uns, unsere Gefühle, unsere Ideen, unsere Hoffnung, unsere Sehnsucht, unser Licht von dir, o Gott.
Es muss einer in die Hand nehmen, wenn das Licht, das „Von dir Gott“, gefährdet ist, droht zu sterben. Es muss einer aufmerksam sein, um die Gefährdung wissen, sie sehen, sie sagen, unser Licht geborgen sichern, retten. Du, Du musst es sein. Du sagst es zu dir und uns im Stillen, du stehst auf und nimmst in uns dich selbst und rettest das Licht.

Eingenistet
Über Umwege gelangt Jesus an den Ort, wo er wächst, bis durch ihn Gott sichtbar beginnt zu leuchten. Über Umwege findet das Licht in uns seinen Platz, seinen Ort. Es musste fliehen, sich verbergen, gerettet werden; nun findet das Geborene seinen Ort, wo es sich fest einnistet, bleibt, anwächst, sich beheimatet und reift, wird, das wird, was es schon immer war, in der Geburt, in der Flucht und in der wundersamen Rettung: Licht von Gott in uns.
Bethlehem, Ägypten, Nazareth sind Orte in uns. Wir selbst sind die Topographie, die Landkarte des Heils. Geburt, Flucht, wunderbare Rettung. Gott schenkt uns sein Licht. Zwischen uns. Mitten unter uns. In uns. Er selbst, Gott, nistet sich bei uns sicher ein, verwächst mit uns, dreißig Jahre, dreißig Wüstenwochen, dreißig Tage, dreißig Minuten, Sekunden; hindurch durch dunkle Bedrohungen wächst er beharrlich, in uns, wird er in uns strahlend, werden wir selbst ein Stück vom Licht, erscheinen wir. Sind wir Ort des Wunders, Ort der göttlichen Liebe. Amen.