Donnerstag, 18. April 2019

Menschen sterben


Predigt an Karfreitag 2019 (19. April 2019)

Johannes 19,16-30
16 Da überantwortete er ihnen Jesus, dass er gekreuzigt würde. Sie nahmen ihn aber, 17 und er trug selber das Kreuz und ging hinaus zur Stätte, die da heißt Schädelstätte, auf Hebräisch Golgatha. 18 Dort kreuzigten sie ihn und mit ihm zwei andere zu beiden Seiten, Jesus aber in der Mitte. 19 Pilatus aber schrieb eine Aufschrift und setzte sie auf das Kreuz; und es war geschrieben: Jesus von Nazareth, der Juden König. 20 Diese Aufschrift lasen viele Juden, denn die Stätte, wo Jesus gekreuzigt wurde, war nahe bei der Stadt. Und es war geschrieben in hebräischer, lateinischer und griechischer Sprache. 21 Da sprachen die Hohenpriester der Juden zu Pilatus: Schreibe nicht: Der Juden König, sondern dass er gesagt hat: Ich bin der Juden König. 22 Pilatus antwortete: Was ich geschrieben habe, das habe ich geschrieben. 23 Die Soldaten aber, da sie Jesus gekreuzigt hatten, nahmen seine Kleider und machten vier Teile, für jeden Soldaten einen Teil, dazu auch den Rock. Der aber war ungenäht, von oben an gewebt in einem Stück.24 Da sprachen sie untereinander: Lasst uns den nicht zerteilen, sondern darum losen, wem er gehören soll. So sollte die Schrift erfüllt werden, die sagt (Psalm 22,19): »Sie haben meine Kleider unter sich geteilt und haben über mein Gewand das Los geworfen.« Das taten die Soldaten. 25 Es standen aber bei dem Kreuz Jesu seine Mutter und seiner Mutter Schwester, Maria, die Frau des Klopas, und Maria Magdalena. 26 Als nun Jesus seine Mutter sah und bei ihr den Jünger, den er lieb hatte, spricht er zu seiner Mutter: Frau, siehe, das ist dein Sohn! 27 Danach spricht er zu dem Jünger: Siehe, das ist deine Mutter! Und von der Stunde an nahm sie der Jünger zu sich. 28 Danach, als Jesus wusste, dass schon alles vollbracht war, spricht er, damit die Schrift erfüllt würde: Mich dürstet.29 Da stand ein Gefäß voll Essig. Sie aber füllten einen Schwamm mit Essig und legten ihn um einen Ysop und hielten ihm den an den Mund. 30 Da nun Jesus den Essig genommen hatte, sprach er: Es ist vollbracht. Und neigte das Haupt und verschied.

Selber tragen
Menschen sterben. Menschen sterben hier im Haus, sie sterben in Krankenzimmern, plötzlich auf der Straße, qualvoll unter Schmerzen, wunderbar friedlich. Menschen sterben zu abertausenden im Krieg, sie sterben in den Armen von anderen, sie sterben ganz allen, sie sterben stumm, mit letzten Worten, mit einer Anzeige in der Zeitung, bedacht, anonym, so wie sie gelebt haben und ganz anders. Menschen sterben. Auch ich werde sterben, wir alle werden es.
Jesus starb. Er musste sein Kreuz selber tragen, selber hinauftragen an die Schädelstätte. Andere hievten ihn hinauf ans Kreuz. Dorthin wurde er genagelt, wurde er gekreuzigt. Er erlebte, erduldete, erlitt dies, ganz passiv. Über seine Kleider wurde das Los geworfen. Es wurde verteilt, was er hatte, was er war. Mit Durst starb er, ungestillt verhöhnt. Er neigte sein Haupt zur Seite, das Leben wich aus ihm und er verschied, der Tod trennte ihn von allen Lebendigen.
Menschen tragen ihren Tod selbst hin zu der Stätte, an der sie sterben werden. Menschen sterben immer sich selber. Sie erleiden, erdulden, erleiden ihren Tod. Im Tod werden sie die Passiven sein, irgendwann ab einem bestimmten Punkt: Stirbt man nicht, sondern wird man gestorben. Und dann wird das Los geworfen, es wird verteilt, was das Leben in Gänze war. Es bleiben Bruchstücke, Fetzen, Erinnerungen, Nachlässe, Bleibendes als Stückwerk. Das Leben zerfällt im Tod merkwürdig in seine Einzelheiten. Und im Tod bleibt der Durst ungestillt, der letzte Durst, die letzte Sehnsucht unerfüllt. Menschen werden im Sterben ihr Haupt neigen, ihr Leben hat sich bis zur bitteren Neige geneigt, es ist wie endgültig leer gelaufen. Definitiv. Es ist so wie es ist. Verschieden. Der Tod trennt vom Leben.

Viele lesen
Jesus ging mit dem Kreuz auf seinen Schultern hinaus nach Golgatha, hinaus auf die Schädelstätte, nicht an einen einsamen Ort, nicht an einen abgeschiedenen. Er ging mit seinem Kreuz hinaus an diesen öffentlichen Ort. Dort waren andere Menschen, Herumstehende, welche, die neben ihm gekreuzigt wurden, andere, die ihn auf´s Kreuz hoben und bewachten, andere, die zuschauten, die blickend vorübergingen, andere, die unterm Kreuz standen, erschrocken waren und weinten. Über Jesus war eine Tafel, ein Schild, eine Überschrift. Dort war festgehalten sein Leben in kargen Buchstaben. Zu lesen von allen, die es lesen sollten, mussten. Auf verschiedenen Sprachen, wie eine kleine festgenagelte Proklamation weit hinaus. Jesus sprachen sein „Es ist vollbracht“, als sei dieser Ort ein Ort der Geschichte, als geschehe dort etwas im größeren und größten Horizont vor allen Menschen.
Menschen sterben nicht nur privat, nicht nur im kleinsten Kreis, nie anonym. Jesu Tod geht mit. Es ist ein eigentümliches Ineinander von seinem und unserem Sterben. Auch der Menschen Sterben geschieht nie nur verborgen, abgeschieden. Irgendwie sterben Menschen auch auf ihren Schädelstätten, hinausgegangen, hinausgetragen dort, wo Menschen sind. Es wird Herumstehende geben, wenn wir sterben, leibhaft und anders dabei. Welche, die an uns was tun, an uns vorüberziehen, und welche, die bei uns stehen und weinen. Dieser weitere Horizont geht mit ihm Sterben. Und es wird gleich Jesu eine Überschrift im Sterben da sein, eine Überschrift, wer wir waren, wer wir wirklich waren, was andere vernahmen und vermuten, was wir nie sein wollten und nie waren. Letztlich Gottes Überschrift über unser Leben, ein paar karge göttliche Buchstaben der Wahrheit von uns vor allen. Und es wird auch jenes „Es ist vollbracht“ erklingen, still, leise, von irgendwoher, von Golgatha her. Menschen sterben eingeordnet in den weiten Horizont des Lebens und der Geschichte.

In der Mitte
Jesus starb in der Mitte von zwei weiteren Sterbenden. Als hätte er sich dorthin gestellt. Ihm, dem die Mitte so wichtig war, jene Mitte, in die er Kinder stellt, das Reich Gottes und seine Liebe. Der Jesus am Kreuz sieht, spricht, weiß, verbindet und spendet. Er sieht die Menschen dort stehen, er sieht seine Mutter und den Jünger, den er liebte. Er sah und sprach und verband beide miteinander, machte seinen Blick zu ihrem, dass sie einander erkennen und so stiftetet Jesus in seinem einsamen Moment Zweisamkeit, eine neue Beziehung. Jesus sprach von seinem Durst und er wusste, dass alles vollbracht und erfüllt sein muss. Er hatte bis zum Schluss ein untrügliches Gefühl, ein sicheres Wissen von der Zeit, von dem, was passiert und sein wird.
Menschen sterben seit jenem Tod am Kreuz mit Jesus in ihrer Mitte, als würde Golgatha in alle Tode hinein vermehrt. Jesus tritt in unserem Tod mitten hinein, mitten hinein ins Sterben, ins Leben, links und rechts von ihm sind wir. Seine Nächsten im Tod. Dort, mitten in der Menschen Sterben, sieht er, spricht er, weiß er, verbindet und spendet er. Er sieht uns mitten in unserem Sterben, er spricht zu uns, er weiß um uns und er verbindet uns. Er stiftet neue Beziehung mitten im Tod, er verbindet uns mit uns, über den Tod hinaus, hinein, weit hinein, in weiteste Horizonte, die wir Ewigkeit, Himmel, Fülle nennen. Er verbindet uns mit uns im Tod und vollbringt, dass wir uns erfüllen, erfüllen hinein, hinein, dass im Tod auch Ostern für uns werden wird. Amen.

Donnerstag, 4. April 2019

Weizenkorn


Ansprache beim Gottesdienst „Atem holen“
am 4. April 2019
"Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und erstirbt, bleibt es allein; wenn es aber erstirbt, bringt es viel Frucht." | Joh 12,24

Dieser Satz, unser Wochenspruch, ist ein Bild, ein Bild, das den Weg des Weizenkorns beschreibt. So wie es für ein Weizenkorn ist, sein muss, wie sein Weg automatisch, natürlich, sinnvoll ist: Das Weizenkorn fällt in die Erde, es erstirbt dort, es bleibt nicht allein und es bringt dann viel Frucht. Am Ende des Weges steht viel Frucht, in der Mitte das Ersterben.
Das Bild beschreibt aber auch den Weg Jesu, den Weg, den er gehen muss, der so ist, wie er ist, wie sein Weg automatisch, natürlich, sinnvoll ist: Jesus fällt in die Erde: Er wird gefangen genommen, verhört, geschlagen, verurteilt, er geht den bitteren Weg hinauf nach Jerusalem. Jesus erstirbt: Er wird ans Kreuz geschlagen, er sagt letzte Worte, ihm wird der Essig gereicht und er stirbt. Jesus bleibt nicht allein: Es geschieht etwas in seinem Tod, es kommt einer hinzu, Gott lässt ihn nicht allein im Tod, er lässt ihn auferstehen. Er bringt ihn wieder zum Leben. Jesus bringt viel Frucht: Wir verkünden den Gekreuzigten und Auferstandenen bis auf den heutigen Tag als Heil der Menschen. Wir feiern Ostern und Weihnachten und sehen in Jesus Gottes Nähe zu uns. Wir werden durch Jesu Worte ermutigt, getröstet, aufgerüttelt, geheilt. Am Ende des Weges Jesu steht viel Frucht, in der Mitte das Sterben.
Das Bild mag aber auch den Weg von Menschen beschreiben, den Weg, den Menschen gehen müssen, der so ist, wie er ist. Ein Weg automatisch, natürlich, sinnvoll.
Sicher am Ende des Lebens. Sterben tun Menschen. Sie fallen in die Erde und ersterben. Die Hoffnung des Bildes, die Hoffnung aus dem Bild des Weizenkorns: Menschen bleiben im Sterben nicht allein, nicht im Moment des Sterbens, aber auch nicht im Sterben, im Tod. Da kommt, wie bei Jesus einer, es kommt Gott zu ihnen, und wie bei Jesus lässt Gott Menschen nicht im Tod, sondern bringt sie wieder zum Leben, lässt sie auferstehen, hinein in sein Reich, in seine Ewigkeit, dort werden Menschen vollendet leben, mit all den Früchten ihres irdischen Lebens jetzt im Himmel. Dieser Weg durch den Tod hin zum ewigen ist so, wie christliche Hoffnung es hofft, in ihrem Sinn, in ihrem Hoffen automatisch, natürlich, sinnvoll.
Aber auch im Leben, mitten im Leben könnte dieser Weg, dieses Bild gelten, Wirklichkeit meinen, beschreiben, die von Menschen: Leben fällt in die Erden, es erstirbt, es bleibt nicht allein und bringt viel Frucht. Auch im Leben könnte die Wahrheit des Weizenkorns stimmen, gelten, da sein, wirklich werden.
Der Weg für Menschen könnte sein: Wo in deinem Leben etwas erstirbt, wo etwas für dich in die Erde fällt, bleibt es nicht allein, es wird viel Frucht tragen. Vielleicht nach länger als drei Tagen, vielleicht unter Schmerz und Fragen, vielleicht auch unbemerkt und immer noch mit Bitterkeit vermischt. Aber es könnte doch so sein: Etwas erstirbt in deinem Leben, es bleibt aber nicht allein. Etwas vergeht, etwas wird nicht mehr sein, etwas wird erstorben sein, aber du bleibt nicht allein, es wird durch das Sterben hindurch Frucht wachsen. Still, leise, unbemerkt, aber trotzdem.
Dieser Gedanke, dieses Bild ist fast Vertröstung, ist fast zu einfach, und es braucht das „aber“. Es braucht auch die Hoffnung, dass es so ist, und es braucht vielleicht auch den Zweifel neben sich, ob es so ist, damit das Bild ernst und kraftvoll bleibt. Im Vergehen kommt etwas dazu, kommt Gott hinzu, bleiben wir nicht allein, so viel zumindest. Und vielleicht noch so viel: In der Mitte das Ersterben, am Ende aber die Frucht. So könnte der Weg, der Weg Gottes mit uns sein, sein automatischer, ihm natürlicher Weg, durch die Passion Richtung Ostern. Amen.

Umgepflügt


Ansprache zur Wieder-Einweihung von Haus Landwasser 
am 4. April 2019

"Wer die Hand an den Pflug legt und sieht zurück, der ist nicht geschickt für das Reich Gottes." | Lk 9,62

Pflug
Mit einem Pflug pflügen Menschen einen Boden, einen Acker um, sie durchziehen ihn und wenden die Erde. Früher war das harte Arbeit und bedeutete Zeit und Schweiß, und es war die Vorbereitung dafür, dass wieder gesät werden konnte, dass wieder Früchte wuchsen.
Ans Haus Landwasser wurde auch der Pflug angelegt, das Haus wurde gründlich umgepflügt und der Boden gewendet, und das nicht nur baulich, sondern auch inhaltlich, strukturell und personell. Es wurde der Boden bereitet, damit wieder auf Menschenseelen gesät werden kann und wieder und weiter die Arbeit Früchte trägt. Die vergangenen zwei Jahre waren umwälzend, und es hat Zeit und Mühe, Gedanken, Ängste, Gespräche, Planen gekostet und viel Schweiß, innerlich und äußerlich. Jetzt ist umgepflügt und Neues beginnt.

Hand
Es wurde Hand angelegt. Früher an jenem Pflug, der mit der Hand durch den Acker geführt wurde, und heute die Hände beim Umpflügen von Haus Landwasser, Hände, die das alles gemacht haben, Hände der Bauarbeiter, der Landschaftsgärtner, der Fachplaner, der Architekten, der Leitenden, der Mitarbeiter und irgendwie auch die Hände derer, die hier wohnen.
Es wurde Hand angelegt an das Haus Landwasser und es wurde Kopf und Herz angelegt an Haus Landwasser, von so vielen und von einzelnen so viel, und was entstand ist hand-, kopf- und herzgemacht. Es ist gutes Menschenwerk. Es macht dankbar für alles Gelungene, für das Bewahrtwerden, für das Zusammenarbeiten, für das Segensreiche, was entstand. Es kann auch dankbar machen dafür, dass wohl Gott seine Hand über alles hielt, in Händen mitarbeitete, und es lässt bitten, dass er das fortsetze, dass auch Gotteswerk im Menschenwerk sei.

Zurücksehen
Mit der Hand am Pflug bitte nicht zurücksehen. Aber heute ist ein Tag des Zurücksehens, des Rückblick auf das, was geworden ist. Und wie oft wird im Haus Landwasser zurückgeblickt, auf das Leben, auf das, wie es geworden ist, wird zurückgeblickt auf Leben, um es zu verstehen, um es gemeinsam hoffentlich wieder zurechtzubringen.
Hier im Haus Landwasser wird deswegen nach vorne geblickt, soll wieder das Leben zusammen lichtfroher entwickelt werden, soll Leben wieder gelebt werden können, soll ein Leben, durch das ein merkwürdiger Pflug hindurchging, wieder spüren, dass in es gesät ist, dass Frucht verheißen wird. So blicken wir heute nach Vorne, auf die Zukunftsmöglichkeiten von jungen Menschen, für die das Haus da ist, gebaut wurde und wir arbeiten.

Geschickt
Sind wir geschickt? Geschickt für das Reich Gottes? Ist es dies Haus? Die darin arbeiten und leben? „Geschickt“ ist ein wunderbares Wort, es ist wunderbar zweideutig: Geschickt ist tauglich, ist brauchbar, ist etwas, was man gebrauchen und nutzen kann. Und geschickt ist man, wenn man zu gebrauchen ist und wenn man uns zu etwas gut nutzen kann. Geschickt waren viele, die das Haus Landwasser weitergedacht, geplant und gebaut haben; sie waren nicht nur geschickt, sondern bisweilen gesegnet.
Geschickt meint aber auch, dass uns jemand geschickt hat, dass uns jemand gesandt, auf den Weg gesetzt hat. Hat das Jemand? Spüren wir einen Auftrag, eine Sendung? Ich glaube: Gott schickt uns mit dem Haus Landwasser, und das haben alle, die im Haus Landwaser jetzt und in Zukunft leben, und es haben auch die sogenannten Kostenträger. Sie schicken uns. Und wir sind Geschickte. Geschickt ist man weniger wohin, sondern für etwas, man ist geschickt, dass etwas wird, hier: dass Haus Landwasser immer wieder wird.

Reich Gottes
Das Reich Gottes ist dort, wo Gott den Menschen passiert, wo Gott sich bei, unter und in Menschen ereignet. Dort wird er wirklich, dort ist er dann, dort gewinnt er Raum und Zeit. Dort geschieht Gott mit allem, was er ist, für Menschen ist: Dort geschieht Vergebung, Schutz, Lebensbrot, Trost, Ewigkeit in der Zeit, Neuaufbruch, Liebe, vor allem Liebe.
Ich glaube, dass Menschen brauchen, dass ihnen Gott geschieht, dass er sich ihnen ereignet. Was ihr vom Haus Landwasser jetzt schon tut und vorhabt, zu was euch das Gebäude in die Lage versetzt, ist Lebensarbeit und wunderbar. Er schenkt Menschen Anteil am Leben, und da, wo Leben ist, ist Gott.
Im Haus Landwasser wird Hand an den Lebenspflug gelegt, blicken Menschen, aus verschiedenen Lebensperspektiven, gemeinsam nach vorne, soweit bis Leben wieder sichtbarer wird, wird auch Leben vorsichtig umgepflügt mit viel Mühe und Arbeitsschweiß, wird sichtbar, dass ein jeder für das Reich Gottes taugt, dass Gott jeden gebrauchen mag und liebt, dass das dieses Haus ein Stück vom Reich Gottes schon ist.


Samstag, 30. März 2019

Liebe lebt auf


Predigt an Laetare (31. März 2019)

Lukas 22, 54-62 Die Verleugnung des Petrus
54 Sie ergriffen ihn aber und führten ihn ab und brachten ihn in das Haus des Hohenpriesters. Petrus aber folgte von ferne. 55 Da zündeten sie ein Feuer an mitten im Hof und setzten sich zusammen; und Petrus setzte sich mitten unter sie. 56 Da sah ihn eine Magd im Licht sitzen und sah ihn genau an und sprach: Dieser war auch mit ihm. 57 Er aber leugnete und sprach: Frau, ich kenne ihn nicht. 58 Und nach einer kleinen Weile sah ihn ein anderer und sprach: Du bist auch einer von denen. Petrus aber sprach: Mensch, ich bin's nicht. 59 Und nach einer Weile, etwa nach einer Stunde, bekräftigte es ein anderer und sprach: Wahrhaftig, dieser war auch mit ihm; denn er ist auch ein Galiläer. 60 Petrus aber sprach: Mensch, ich weiß nicht, was du sagst. Und alsbald, während er noch redete, krähte der Hahn. 61 Und der Herr wandte sich und sah Petrus an. Und Petrus gedachte an des Herrn Wort, wie er zu ihm gesagt hatte: Ehe heute der Hahn kräht, wirst du mich dreimal verleugnen. 62 Und Petrus ging hinaus und weinte bitterlich.

Korn
Korn, das in die Erde, in den Tod versinkt. Petrus war zu allem bereit. Er war bereit, mit Jesus den bitteren Weg zu gehen, ihm mit allen Konsequenzen zu folgen, mit ihm in den Tod zu gehen. Kein Gedanke hatte er, dass das vielleicht nicht geht, vielleicht gar nicht gefordert sei.
Sein Glaube, sein Vertrauen in sich und in Jesus ist unerschütterlich, ist fest und sicher. Bewundernswert. Atemberaubend. Bis in den Tod. Wer mag das sagen, sich trauen zu sagen. Ich folge Jesus bis in seinen Tod. Selbst als Jesus ihm sagt, wie es kommen wird, dass Petrus ihn verleugnen wird, dass er scheitern wird, lässt sich Petrus und sein Glaube nicht irritieren. Es ist als sei sein Glaube groß gewachsen, seit jener Begegnung, als Jesus ihn berufen hat, seit jenen Momenten, in denen Petrus seinem Jesus auf den Weg durch Dörfer und nach Jerusalem gefolgt war, seit jenen Wort-Augenblicken, als er Jesus von Gott so nah, so reich reden hörte und der Glanz der Liebe in sein Leben fiel. Groß ist Petrus Glaube, nah ist ihm Jesus, und er verspricht Jesus weiter Nähe, allergrößte Nähe, Intimität bis in den Tod hinein. Ob Jesus das auch von uns verlangt? Ob unser Glaube so groß ist?
Vorn Ferne folgt Petrus dem abgeführten Jesus, aus gewisser Distanz, vielleicht aus Angst, vielleicht aus Vorsicht, er folgt aber, bleibt seiner Nähe zu ihm treu. Petrus setzt sich mutig und entschlossen zu den anderen, in deren Mitte, mitten unter sie, er weiß, was dies bedeutet, bedeuten könnten. Ob Petrus wartet, sehen will, was passiert. Nur irgendwie Jesus nahe bleiben.

In den Tod versinkt
Korn, das in die Erde, in den Tod versinkt. Gespannt schaut die eine Magd Petrus an, und in ihrem genauen Blick liegt eine Frage, die Petrus verändern wird. Petrus wird gefragt. Wie viele Fragen mag er schon gehört und beantwortet haben, alltägliche, nebensächliche, wichtige. Und wir. Welche Frage stellt uns die Magd, in unserer Suche nach Nähe zu Gott? Petrus wird nochmal und nochmal gefragt, in Frage gestellt und wie sehr muss er darunter gelitten haben, eine andere Antwort zu geben, als er gewollt hat, als er vorhatte. Drei Mal. Die falsche Antwort auf die richtige Frage, wie bitter teilen wir das Wort-Leiden von Petrus, wenn uns das passiert.
Wie oft täuschen wir uns, als könnten wir allem widerstehen und überall bestehen, als würden wir die Treue zu uns selbst halten und nicht an bestimmten Punkten uns selbst verlieren, selbst verleugnen, wir schwache Menschen. Petrus verleugnet Jesus, er verleugnet seine Nähe zu ihm, seine Beziehung zu ihm, Petrus verleugnet sich. Und in diesem Moment stirbt er, stirbt sein Glaube, fällt sein Glaube tief in die Erde und versinkt im Tod. Scheitern, Versagen, Abbruch, sagen die einen, Versinken, Verbergen, Verschwinden, Erlöschen eines ganz bestimmten Petrus, die anderen.

Keim
Korn, das in die Erde, in den Tod versinkt. Der eine bestimmte Petrus fällt tief. Jesus wendet sich ihm zu, die ganze Szene verschwimmt, als würden sich in jenem Augenblick Abgründe auftun, Himmel und Erde sich kreuzen. Jesus, der gar nicht da ist, der abgeführt wurde, der im Haus des Hohepriesters gefangen ist, wendet sich um, sucht den Blick, findet Petrus im Hof und schaut ihn an. Tiefer kann Petrus nicht fallen, als dass Jesus, zu dem er unbedingt nah bleiben will, ihn sieht, wie er ihn verleugnet, wegstößt, nicht kennt. Doch Jesus wendet sich ihm zu, wie so oft in der Lebensgeschichte seines Jüngers, wie so oft in unserer Lebensgeschichte, selbst im tiefsten Leiden bleibt Jesus uns zugewandt. Mitten im eigenen Sterben bleibt Jesus da.
Petrus erinnert sich, wie Jesus das schon wusste, wusste, was Petrus passieren wird. Petrus blickt zurück und auf sich selbst, und es muss ihn ein Schaudern durchzogen haben. Der Hahn kündet ihm von Schuld, von bitterer Schuld, aber er ist auch der Hahn, der sonst vom Morgen kräht. Petrus bestimmter Glaube versinkt tief in der Erdem, im Tod, und dort geschieht mit ihm, was jenem Korn, das in die Erde, in den Tod versinkt, es beginnt nach gefühlten Ewigkeiten zu keimen, der Glaube beginnt unsichtbar wieder neu zu werden.

In den Morgen dringt
Korn, das in die Erde, in den Tod versinkt. Petrus geht hinaus und weint bittere Tränen. Er weint aus Scham, aus Enttäuschung, aus Schmerz, er weint auch Tränen, die ihn befreien, die von neuem künden. Vielleicht, aber nur vielleicht liegt das auch in jeder Träne von uns beschlossen. Heute ist Sonntag Lätare, der Sonntag, der auch Kleinostern mitten in der Passionszeit heißt. Petrus erinnert sich jetzt an jedes Wort von Jesus, an jedes Wort, das Jesus zu ihm sagt, bevor Petrus meint, er sei zu allem, zum Sterben bereit.
Anfechtung, Prüfung, Glaubenslernen, sagen die einen. Die anderen: Glaube stirbt und wird neu geboren. Petrus erinnert sich daran, dass Jesus zu ihm gesagt hat: Der Satan wird hinter dir her sein, und Petrus weiß: Es war der Satan eines hochmütigen Glaubens, der ihn gerieten hat. Und wir wissen, wo unsere Satane uns reiten. Petrus erinnert sich, dass Jesus zu ihm gesagt hat, der Satan bekommt dich nicht, ich bete für dich, ich mache deinen Glauben stark, und Petrus weiß: Er hat jetzt diesen Glauben, einen Glauben, der ganz und gar von Jesus Stärke lebt, der davon zehrt und lebt, dass Jesus in ihm lebendig ist, für ihn betet und ihn in den Momenten, wo er schwach und ohnmächtig ist, hält.
Jesus hätte von Petrus nie verlangt, ihm in den Tod zu folgen. Das wäre dem Glauben menschenunmöglich. Petrus konnte es nicht. Wir auch nicht. Das verändert Glauben. Er braucht es auch nicht, Jesus Tod kommt uns zu Gute. Das müssen wir bis zu Karfreitag ertragen. In der Hoffnung auf Liebe, die verborgen da ist. Korn, das in die Erden fällt, in den Tod versinkt. Liebe lebt auf. Amen.

Donnerstag, 14. März 2019

Ein besonderes Licht


Predigt an Reminiscere (17. März 2019)



Johannes 3

14 Und wie Mose in der Wüste die Schlange erhöht hat, so muss der Menschensohn erhöht werden, 15 auf dass alle, die an ihn glauben, das ewige Leben haben. 16 Denn also hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn gab, auf dass alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben. 17 Denn Gott hat seinen Sohn nicht in die Welt gesandt, dass er die Welt richte, sondern dass die Welt durch ihn gerettet werde. 18 Wer an ihn glaubt, der wird nicht gerichtet; wer aber nicht glaubt, der ist schon gerichtet, denn er hat nicht geglaubt an den Namen des eingeborenen Sohnes Gottes. 19 Das ist aber das Gericht, dass das Licht in die Welt gekommen ist, und die Menschen liebten die Finsternis mehr als das Licht, denn ihre Werke waren böse. 20 Wer Böses tut, der hasst das Licht und kommt nicht zu dem Licht, damit seine Werke nicht aufgedeckt werden. 21 Wer aber die Wahrheit tut, der kommt zu dem Licht, damit offenbar wird, dass seine Werke in Gott getan sind.



Der dunkle Punkt

Die Finsternis, die bedroht uns, sie sucht uns und findet uns. Sie befällt uns manchmal und wir erliegen ihr. Die Finsternis im eigenen Herzen. Ein merkwürdiges Gemisch aus Angst, Kränkung, verletzten Momenten, Eigensinn, Schuld, dem falsch Getanen. Wir lassen uns in sie hineinziehen, von ihr in Besitz nehmen, verfinstern mit ihr unser Herz und Sinn, unser Denken und Sagen, unwillig willig. Finsternis wohnt nahe, wohnt in uns, wirkt durch uns, Ungutes, etwas, was uns im Nachhinein leid tut, bisschen wie von ihr getrieben, aber von, durch uns. Es ist ein Ringen mit ihr, der Finsternis.

Wir lieben nicht die Finsternis. Wir hassen nicht das Licht. Und doch ist es manchmal finster um uns, ist es finster in uns, zieht uns Finsteres an, werden wir Finstere, Herzen wie Mördergruben, welche, die das Licht doch nicht suchen, es scheinen zu meiden, die nicht zum Licht kommen, die lieber woanders hingehen, hin denken, die verbergen, verstecken, nicht antworten wollen und können, auf bestimmte Fragen nach dem Warum, weil sich dann Abgründe auftäten, dunkle Seiten, dunkle Flecken wie Moder an der eigenen Seele. Hässlich, gesichtslos, ungeheuer vielfältig, chamäleonhaft ist das Böse, alltäglich klein, wirksam wie ein Schlangenbiss.

Selbst sind wir dann gegangen, haben uns ziehen, haben für dunkle Momente das Finstere, das Böse, das Abgründige in uns wohnen und wirken lassen, haben selbst uns Gericht gesprochen, sind dem Licht ausgewichen, dem Dunklen gefolgt, haben zu wenig geliebt und zu viel gehasst, sind selber schuld, haben uns gerichtet.



Geliebtes Licht

Das Licht entspringt der Liebe, sie ist die Quelle des Lichts. Das Licht wird geboren, wie alles, was aus Liebe Gestalt gewinnt. Das Licht wird geboren hinein in Zeit und Raum, hinein in Welt, in unsere, in uns, geboren und lebendig, geboren und irgendwie aus Fleisch und Blut, merkbar, vernehmbar, spürbar, fassbar, da. Das Licht ist gesandt, ist auf den Weg gesetzt, gebracht. Es ist gegeben, vorgegeben, zu geben, was es hat. Das Licht ist hineingegeben in alle Zusammenhänge, in den Lauf der Zeiten, in die entlegensten Räume, in das Leben der Menschen, in das Denken der Köpfe, das Schlagen der Herzen, das Sehnen der Seele. Dort istes da, weltverliebt.

Das Licht ist eingeboren, es ist einzig und trägt den Einzigen in die Welt. Es trägt in sich einen Schatz, das Kostbarste, was schon immer da ist und immer neu werden soll. Es trägt in zarten, irdenen, zerbrechlichen schönen Gefäßen aus Alltag einen unermesslichen Schatz für die Menschen. Es hat einen Namen, es ist Sohn, es ist Wahrheit und Ewigkeit. Es scheint in die Finsternis hinein, in deine. Das Licht scheidet, trennt: sich und das Dunkle, hell und finster, Licht und Schatten, Liebe und Hass. Es ist aber immer nur das eine, an ihm wird aber das andere sichtbar. Licht deckt auf, entlarvt, macht wahr, legt offen, erkennt und heilt Verletztes, vergibt.

Das Licht wird erhöht, angeschlagen, sichtbar, sichtbar höher, erhöht wie ein Zeichen, wie dieim Dunkel leuchtende Rettung für alle. Das Licht wird erhöht und es wird erniedrigt, im Garten Gethsemane, im Teilen der Kleider, mit jedem Hammerschlag auf die Nägel am Kreuz, mit jener dunklen Ewigkeit an Karfreitag. Das erhöhte erniedrigte Licht scheint aber umso heller. Es ist geborenes, geliebtes Licht, zu tiefst.



Offenbar gerettet

Es will retten. Das Licht. So wie es Gott schon immer wollte und tut. Nichts anderes hat Gott im Sinn, nichts anderes hat er vor und tut er: retten. Mich und dich im unseren finstern Momenten, freisprechen von Schuld, mit uns in Liebe immer weitermachen, heilen die schlimmsten Wunden, uns aufrichten, aufpassen, dass wir nie wirklich verloren gehen, nicht uns, nicht anderen, nicht ihm. Nicht gerichtet, aufgerichtet. Das bringt das Licht.

Mit dem Licht bringt Gott uns unsere Ewigkeit und die Wahrheit dazu. Wir werden in ihm sichtbar, wer wir sind, von Anfang an und für immer, durchzogen mit unserer Endlichkeit, verwoben mit unserer Zeit hier auf Erden, verwoben mit unseren Geschichten und anderen Menschen, vermengt mit Sühne und Schuld, Segen und Ach, Hoffnung und Fragen, ganz und gar Menschen aus Fleisch und Blut. Das geliebte Licht, Eingeborenes, Einzigartiges, gepriesen, das bescheint uns, so zart, wie Jesus die Menschen berührte. Wir spüren, sehen, denken uns als die, die wir sind, noch einmal: von Anfang an, durch die Zeit in alle Ewigkeit: als geliebte Menschen, als welche, die empfangen, bekommen, glauben und ebenso lieben.

Erhöht, erhöhte Menschen wie das Licht, durch göttliche Liebe. Erhöht mitten in aller Erniedrigung, in den Kreuzmomenten, dem Gemisch aus menschlicher Sünde und Wunde. Erniedrigt und doch stets geliebt vom göttlichen Licht. Seele, vergiss das nicht. Amen.

Freitag, 15. Februar 2019

Pass, bitte, gut auf dich auf


Predigt an Septuagesimae (17. Februar 2019)



Prediger 7, 15-18

15 Dies alles hab ich gesehen in den Tagen meines eitlen Lebens: Da ist ein Gerechter, der geht zugrunde in seiner Gerechtigkeit, und da ist ein Gottloser, der lebt lange in seiner Bosheit. 16 Sei nicht allzu gerecht und nicht allzu weise, damit du dich nicht zugrunde richtest. 17 Sei nicht allzu gottlos und sei kein Tor, damit du nicht stirbst vor deiner Zeit. 18 Es ist gut, wenn du dich an das eine hältst und auch jenes nicht aus der Hand lässt; denn wer Gott fürchtet, der entgeht dem allen.



Pass bitte auf

Pass auf dich auf. Das sagen Liebende zu einander. Wenn der eine aus der Tür geht, der andere bleibt. Pass auf dich auf. Das sagen Menschen und denken sie. Sie wissen, dass immer etwas passieren kann, nicht immer, aber sie haben erfahren, es kann etwas passieren. Sie wissen: Menschen sind gefährdet, ihnen kann etwas passieren, sie können sich verletzten, zu Schaden kommen, nicht mehr heim kommen. Pass auf dich auf, ist eine Bitte, ein Wunsch, mit Worten gesagt, mit Gesten, in der Stille der Räume, im Blick aus dem Fenster. Vermischt, manchmal bestimmt von Sorgen, von Angst, von schlimmen Erfahrungen, eigenen, gehörten, anwesenden.

Wie kann ich das tun, auf mich aufpassen? Auf andere aufpassen, das kann ich, kann ich vielleicht. Sie an die Hand nehmen, wirklich und in Gedanken, für sie beten, ihnen sagen, worauf sie aufpassen müssen, sie von was abhalten, vor etwas bewahren, sie mit Kräften und Umsicht schützen. Dass ja nichts passiert. Aber wie kann ich auf mich selbst aufpassen, dass mir nichts passiert, dass ich auch der mir gemeinten Bitte, pass auf dich auf, folge? Ich kann versuchen, Gefahren zu kennen, einzuschätzen und zu vermeiden, ich kann hinschauen, mich hüten, aufmerksam, bewusst, nie Kopflos sein, selber darum bitten und beten.



Sich Fernhalten

Pass auf dein Leben auf. So als ganzes. Insgesamt. Im Leben auf sein Leben aufpassen. Das versucht unser Bibeltext. Auf seine Weise. Der Prediger schaut in Distanz, mit Abstand auf sein Leben, vielleicht ist das der erste Versuch, sich selbst zu schützen. Sich nicht so reinziehen zu lassen, mit nehmen zu lassen, versuchen sich etwas fernzuhalten, auf Distanz. Der Prediger sieht und hat erfahren: Das Leben ist vergeblich, vergänglich, eitel, brüchig, ein Windhauch. Er hat gesehen und erfahren: Es gibt keine Sinn-Logik des Lebens, die Gerechten gehen zugrunde, die Gottlosen leben gut. Der Prediger denkt sich: Man weiß nie, sieht Willkür, fragt sich, wie er dann auf sein Leben aufpassen soll, aufpassen kann.

Er denkt sich: Suche den Mittelweg, sei nicht „allzu“, nicht allzu das eine oder das andere, so erwischt es dich vielleicht nicht. Oder sei beides, sowohl als auch, dann bleibst du vielleicht auch verschont. Er denkt sich, wenn ich die Extreme vermeide, wenn ich von allem ein bisschen bin, wenn ich nicht allzu das eine oder das andere bin, sondern wenn ich mich maßvoll, kontrolliert, irgendwie dazwischen bewege, lebe, in jener Distanz zum Leben mich ihm irgendwie fernhalte, dann kann ich auf mich aufpassen, dann kann ich mich vor dem Windhauch, der Vergänglichkeit, vor der Willkür des Augenblickes einigermaßen schützen.



Auf Gott achten

Und unser Bibeltext, unser Prediger sagt uns: Passt auf Gott auf. Um auf dich und dein Leben aufzupassen. Sei gottesfürchtig. Auf Gott aufpassen. Wie können wir das? Wir können es nicht. Dürfen es nicht. Und wir können es doch. Wir sollen es. Wir können aufpassen, an ihn zu denken, mit ihm zu rechnen. Wir können aufpassen, dass er uns nicht verschwindet im Leben, dass wir gottnah sind und bleiben. Wir können darauf achten, dass wir am Morgen Gott im Sinn haben, am Abend zu ihm beten, dass unser Tag von ihm gefüllt sein will. Wir können ihn einbeziehen, uns versuchen rückzukoppeln an ihn, daran, dass wir getauft sind, von ihm gesucht und gewollt werden, wir können uns an ihn erinnern, erinnern lassen, wir können Gottesorte aufsuchen, Verheißungspunkte. Wir können eine innere Haltung einnehmen, die Gott Respekt zollt, Abstand wahrt, ihm das Seine reserviert, und uns Gehorsam abzwingen, wir können zu ihm hochschauen, das ihm Wohlgefällige suchen, Demut zeigen, ihn lieben, gottesfürchtig sein, auf ihn aufpassen.

Und in all dem spüren, hoffen, beten: Gott passt auf uns auf. Ein kleiner Schritt weiter gehen als der Prediger, eine Erfahrung entscheidend mehr: Gott passt auf uns auf. Das Leben ist nicht eitel, nicht Windhauch, nicht nur vergänglich und vergeblich, ohne innere Sinnlogik. Das alles auch und manchmal erdrückend und erschreckend. Das Leben ist aber auch anders und Gott ist auch anders: Er ist nahe, leidenschaftlich, leidet mit; er führt, begleitet, ringt, liebt. Er passt auf uns auf. Mit dem Prediger vielleicht auch jenes Allzu meiden, aufpassen, nicht extrem leben, eher in der Mitte, ja manchmal auch bescheiden mittelmäßig. Aber auch aufpassen, auf sich, auf Gott und auf die anderen, auch nahe sein, sich dort hin bewegen, wo die Extreme sind, wo es weh tut, wo es nicht bequem ist, wo Menschen allzu sehr, allzu notwendig für das Leben anderer Menschen eintreten müssen, wo die Ehrfurcht vorm göttlichen Leben in allen zum Einsatz dafür wird, wo alle aufeinander aufpassen.



Nicht zugrundegehen

Und all das, damit nichts passiert, auch wenn wir wissen, erfahren, erleiden, dass immer etwas passiert. Aber eben nicht aufgeben. Nicht daran verzweifeln. Gott vertrauen, dass er auf uns aufpasst und wir in Gottesfurcht aufeinander. Damit das nicht passiert, was der Prediger befürchtet: dass Menschen zugrundegehen, in Bosheit anderen zuleid leben, dass sie sterben vor ihrer Zeit, dass die Verbindung zwischen unserem gemeinsamen Leben wie abreißt. Dem allen entgehen, im Leben verschont bleiben, auf das Leben, sich und Gott aufpassen. Darum bitten: Gott, pass gut auf uns. Amen.