Freitag, 9. November 2018

Gib Frieden, Herr, gib Frieden


Predigt am Drittletzten Sonntag (11.11.2018), 
hundert Jahre nach Beendigung des 1. Weltkrieges

1. Gib Frieden, Herr, gib Frieden,
die Welt nimmt schlimmen Lauf.
Recht wird durch Macht entschieden,
wer lügt, liegt obenauf.
Das Unrecht geht im Schwange,
wer stark ist, der gewinnt.
Wir rufen: Herr, wie lange?
Hilf uns, die friedlos sind.

Bitte in eigener Friedlosigkeit
Dieses Lied ist eine eindringliche Bitte. Es hat die Melodie von „Befiehl du deine Wege“ und sieht Wege in Krieg und Unfrieden und bittet, ja fleht um Wege heraus aus Krieg, Leid und Tod. Viermal wird zu Beginn der Strophen die Bitte wiederholt, zweimal in der Form, dass ausdrücklich gesagt wird, dass die Singenden bitten, und die Bitte meint die Bitte zu geben, zu helfen, nicht allein zu lassen, Mut zu geben, Zeichen zu machen. Diese Bitten sind nicht ins Leere gesprochen, so kriegsdunkel es auch sein mag. Gott ist angesprochen, Gott ist gebeten, Gott ist das Du dieser Bitten, dieses Liedes.
Ihren tiefsten, fast leisen Ausdruck finden diese Bitten an Gott in jenem flehenden, uns so sehr bekannten, nahen und doch fernen: „Herr, wie lange?“ Wie lange noch. Wie lange noch Krieg, Schießen, Kugeln, Strategien, Gefechte, Hunger, Wunden, Tod. Wie lange noch. Die Bitte nach Ende, nach Ende von Krieg ist vor genau 100 Jahren mit dem Waffenstillstand des ersten Weltkrieges erhört worden, zumindest war der Krieg und das Morden zu Ende.
Die Bitte nach Frieden ist das unsere Bitte? Können wir sie so aussprechen, wie die Menschen, die im Krieg sind, die Krieg erlebt haben. Gibt es die Gnade der späten Geburt und ist diese nicht trügerisch. Wir haben vielleicht mal gebittet um Ende eines Krieges, wir bitten vielleicht um Ende des Krieges in anderen Ländern, sehen das heutige Leid in Kriegsregionen und wohnen doch im Frieden. Und so singt uns dieses Lied die unheilvolle Dynamik des Krieges wie ins scheinbar friedvolle Leben hinein, als wollte man uns nicht entlassen aus einer Pflicht. Es singt vom schlimmen Lauf, von dem, was im Schwange ist, vom quälenden Warten und vom Wachsen der Furcht, vom Grollen der Horizonte, von Macht, Lüge, Unrecht und Stärke, die siegen, vom Leid, von uns.
Als sei kein Krieg zeitlich und räumlich weit genug weg, überrascht, vielleicht ertappt uns die erste Strophe am Ende. Wohin mögen wir unsere Blicke sonst im Blick auf Kriege wenden, auf die Täter, auf die Opfer, als Zuschauer. Das Lied wendet unseren Blick aber auf uns selbst: „Hilf uns, die friedlos sind.“ Wann sind wir das: fried-los?

2. Gib Frieden, Herr, wir bitten!
Die Erde wartet sehr.
Es wird so viel gelitten,
die Furcht wächst mehr und mehr.
Die Horizonte grollen,
der Glaube spinnt sich ein.
Hilf, wenn wir weichen wollen,
und lass uns nicht allein.

Wie verlernt man Krieg?
Das Lied entlässt uns nicht. Es spitzt sogar zu. Es richtet sich auf den Glauben und seine Rolle im Krieg. Auf den eigenen Glauben, auf meinen. Das ist ernüchternd selbstkritisch. Vor aller Friedensbemühung kommt der Blick auf den eignen Glauben und darauf, was der Glaube im Krieg macht, was mit ihm im Krieg passiert. Auch wenn uns Krieg vielleicht ferner ist, so kennen wir Streit, Konflikte, Kämpfe und das Lied fragt uns, was macht der Glaube damit, und die Antwort des Liedes ist ehrlich, ja fast radikal ehrlich:
Der Glaube spinnt sich ein. Der Dynamik des Krieges, die Welt nimmt schlimmen Lauf, folgt eine Bewegung des Glaubens. Glaube zieht sich zurück, auf sich, er verkriecht sind, er verkapselt sich, verhakt sich in sich selbst, beginnt zu spinnen. Statt: sich zu entspinnen, zu entfalten, auszubreiten, stark zu machen. Und er weicht, er geht zu Seite, im kleinen, aber spürbar, er weicht zurück, statt zu widerstehen, sich einzusetzen, dazwischen zu gehen.
Mir scheint es ein ehrlicher, weniger heldenhafter Blick auf den Glauben im Krieg, im Streit zu sein. Und es ist vielleicht ein Blick, der doch etwas eröffnet, wenn man ihn selber wahrnimmt, wenn man merkt, dass der Glaube die falsche Bewegung macht, sich einspinnt, weicht, statt in eine Friedensbewegung zu kommen. Vielleicht eröffnet er doch den Blick darauf, wie man Krieg beginnt zu verlernen. So wie es Micha ersehnt hat. Wenn der Glaube versponnen in sich mitten in sich doch beginnt zu bitten, bitten um eigene Hilfe, nicht allein zu bleiben.

3. Gib Frieden, Herr, wir bitten!
Du selbst bist, was uns fehlt.
Du hast für uns gelitten,
hast unsern Streit erwählt,
damit wir leben könnten,
in Ängsten und doch frei,
und jedem Freude gönnten,
wie Feind er uns auch sei.

Mangel an Gott
Mitten im Glauben kann eigentlich nur Gott sein. So spitzt unser Lied sich noch mal zu, noch radikaler und grundsätzlicher, aber vielleicht auch herausführend. Es kommt direkt auf Gott zu sprechen, zu singen, es spricht Gott direkt an und stellt wie in sich fest: „Du selbst bist, was uns fehlt!“ Es stellt die Frage entschieden, wo Gott denn sei im Krieg, im kriegerisch versponnen Glauben. Wo ist Gott im Krieg? Auf Koppelschlössern? Im Segen der Waffen? Im Sieg an der Front? Bei den zahllosen Opfern? Bei Menschen in Schützengräbern? Bei den Witwen und den weinenden Müttern? Nirgends in all dem? Überhaupt nirgends? Abwesend? Es gibt viele Antwortversuche. Theoretische und mitten im Daseinskampf notgeborene. Vielleicht gibt es keine.
Unser Lied versucht eine Antwort. Eine negative. Gott fehlt. Gott fehlt im Krieg. Krieg ist Mangel an Gott und mit diesem Mangel Mangel an noch viel mehr. Und diesem Mangel setzt das Lied etwas entgegen, eine ganz und gar merkwürdige Fülle. Jesus Christus. Er hat für uns gelitten, er hat für uns den Streit gewählt. Und wenn Jesus Christus den Streit gewählt hat, ihn ausgefochten hat, erlitten hat, dann müssten wir im Grunde nicht mehr streiten, nicht mehr streiten müssen.
Und das wäre der Ausgang aus jedem Krieg vielleicht. Wer nicht mehr streiten muss, streiten mit anderen, um sich, sein Leben, seinen Wert, seinen Erhalt, weil dieser Streit von Christus schon längst geführt, erlitten und gewonnen ist, der braucht keinen Krieg mehr, der wird frei in Ängsten von deren Macht, der kann andere neben sich sein lassen, der kann selbst Feinde Freude gönnen, allen anderen das Leben gönnen. Krieg wäre nicht mehr nötig, könnte verlernt werden.

4. Gib Frieden, Herr, gib Frieden:
Denn trotzig und verzagt
hat sich das Herz geschieden
von dem, was Liebe sagt!
Gib Mut zum Händereichen,
zur Rede, die nicht lügt,
und mach aus uns ein Zeichen
dafür, dass Friede siegt.

Der Liebe gehören
Und als sei das nicht genug vollendet sich unser Lied, kommt es auf das Wichtigste und Elementarste zu sprechen, auf die Liebe. Und auf das menschliche Herz. Ein Herz im Krieg, im Streit, im Konflikt ist ein trotzig verzagtes Herz. Es hat vergessen, welche Weite in ihm wohnt. Es hat sich zusammengezogen im Schmerz zum Schmerz. Und es ist ein Herz, das sich von sich selbst abgekoppelt hat, das von der Liebe geschieden ist. Ein merkwürdiges Bild: Das Herz, in dem die Liebe wohnt, hat sich von dieser geschieden. Und Krieg ist eine Ansammlung von Herzen, die sich von der Liebe geschieden haben, geschieden wurden. Gewaltsam.
Und dabei spricht die Liebe, sagt sie etwas, hat sie etwas zu sagen. Würden alle auf sie hören. Aber der Krieg, das Davor ist laut, unglaublich viele Töne, Stimmen, Botschaften. Und was nicht alles, hören Menschen im Krieg, Propaganda, unheilvolle Heilsbotschaften, Klischees, Lügen, Kanonenlärm, Todesschreie, eine unheimlich bedrohliche Stille, volle, abgestumpfte, todgehörte Ohren.
Unser Lied glaubt aber daran, dass die Liebe dennoch spricht, sagt. Und daran, dass Menschen im Krieg sie hören können, dass sie bitten können, dass wir bitten können. Und das ganze Lied wird zum Ruf, zur Bitte der Liebe. Der Liebe, die zu verwandeln mag. Jene Verwandlung von der Micha spricht, wenn Schwerter zu Pflugscharen umgeschmiedet werden, von der Jesus beseelt ist, wenn er die rechte Wange dem Schläger hinhält, wenn unser Lied um Mut bittet, einander die Hände zu reichen und zueinander Worte der Wahrheit zu reden.
Und alle Bitten münden ein in unsere eigene Verwandlung und die Bitte darum. Kein Krieg ist wieder rückgängig zu machen, es gibt keine „Rückverwandlung“. Es gibt die Zeit nach dem Krieg, hoffentlich, und die Verwandlung der Menschen zu Friedensmenschen, damit Krieg verlernt werde. Gott möge uns aus den Fried-Losen der ersten Strophe Fried-Volle machen, aus den Eingesponnen der zweiten Strophe solche, die Frieden entspinnen und entfalten, bringen. Wir sollen nicht nur Friedenszeichen sein. Wir sollen gegen jede Kriegsdynamik, gegen jenen schlimmen Lauf der Welt, selbst Friedensdynamik entwickeln und werden. Wir sollen Zeichen sein, dass der Friede siegt. Das soll an uns ablesbar, sichtbar, spürbar sein. In unseren persönlichen Streit und Konflikten - und auch in unserem Engagement gegen Kriege und für Frieden weiter entfernt.
Zum Zeichen, dass Friede werde, werden wir durch eindringliches Bitten, durch gemeinsames Singen, wie Singen dieses Liedes. Und wir werden es durch die Liebe Gottes, von der uns niemand scheiden kann: Christus hat den Streit in unseren Herzen für immer beendet und die Fülle der Liebe Gottes in sie eingegossen. Darum lohnt es sich zu bitten: Gib uns Frieden. Dona nobis pacem ….

Atem holen: Heilig geschmückt


Ich sah die heilige Stadt, das neue Jerusalem, von Gott aus dem Himmel herabkommen,
bereitet wie eine geschmückte Braut für ihren Mann.“
(Monatsspruch November 2018, Offenbarung 21, 2)

geschmückt
Geschmückt sind Menschen nicht immer, eher manchmal, eher zu besonderen Zeiten. Menschen schmücken sich, ziehen sich feiner an, schminken sich vielleicht, richten sich her, an ihrem Körper, an ihrer Kleidung, mit Dingen, aber irgendwie auch an ihrer Seele. Menschen schmücken sich vielleicht für ein Fest, für eine besondere Begegnung, für andere, für sich, für einen bestimmten Moment, Augenblick. Sie schmücken sich, es ist auch Verkleidung, es ist aber vorallem, weil Menschen wirklich wertvoll, schön sind, an ihrer Seele. Geschmückt werden, geschmückt sein: Das heute eher weniger, vielleicht mit Worten, Gedanken anderer, die sie zu uns haben, mit Liebe kann man geschmückt werden.
Heute ist Allerheiligen. Die katholische Kirche gedenkt all ihrer Heiligen. Gestern war Reformationstag. Die evangelische Kirche denkt an die Reformation von 501 Jahren, an Martin Luther, den so etwas wie ihren Heiligen und daran, dass alle Christen eigentlich heilige sind, weil Gottes heilige Liebe allen ihnen gilt. Heute Nacht war Halloween. Ein merkwürdiges Fest, bei dem vor allem Kinder sich verkleiden und durch die Straßen ziehen, bei dem in ausgehöhlte Kürbisse Lichter stellt. Alles Herbstfeste, die auf ihre Weise das Vergehen zum Thema haben, aber auch vom Heiligen reden, vom Licht und von dem, was das Vergehen überdauern soll.

sehen
Unser Monatsspruch aus der Offenbarung sieht etwas, inmitten all unserem Sehen, von Allerheiligen, Halloween und Reformationstag. Er sieht eine heilige Stadt, einen heiligen Ort mit Menschen. Der Ort hier im Krankenhaus ist jetzt unser Ort, länger, kürzer, auf dem Weg unseres Lebens, zwischen Krankheit und der Hoffnung, wieder gesund zu werden. Wie kommt das Heilige hier an unseren Ort? Wir begegnen wir ihm?
Die Stadt, die der Monatsspruch sieht, ist das neue Jerusalem. Ein alter Ort, eine alte Verheißung, eine alte Sehnsucht, die neu geworden ist. Eigentlich ein verwandelter Ort. Wie verbindet sich unser Ort mit Verwandlung, mit Verheißung, mit Altem und mit Sehnsucht? Wie viel Sehnsucht beseelt uns hier, wieviel Angst, wieviel Altes und wie sehr die Hoffnung auf Neues?

herabkommen
Unserem Monatsspruch wohnt eine eigentümliche, spürbare und kräftige Bewegung inne. Eine Bewegung von oben nach unten, eine Bewegung des Kommens, des Herabkommens auf uns, nicht weil wir klein wären, sondern weil es größer ist als wir und wir von dem, was herabkommt, umfasst, umschlossen, geborgen umarmt werden.
Was mag alles auf Menschen herabkommen, an Angenehmen wie Schwierigem, an Schönem wie Bitterem, an etwas, was einengt, weitet, befreit, Mut macht, quält. Das was auf uns herabkommt, was der Monatsspruch für uns sieht, ist bereitet, bereitet an sich, aber es ist vor allem bereitet für uns. Es ist für uns gedacht, gesandt, gemacht, geschaffen. Welch eine wunderbare Bewegung: Da kommt auf uns etwas herab, was für uns bereitet ist, für unsere Seele, etwas Geschmücktes, etwas zurecht Gemachtes, etwas Glänzendes, etwas Heiliges.
Das, was auf uns herabkommt, ist von Gott, ist göttlich, trägt das Göttliche, Heilsame, Liebende, zu uns, um uns herum, vom Himmel auf Erden, auf unsere Erde herab.

Augenblick
Unser Monatsspruch sieht eine Vermählung, eine Vermählung von einer geschmückten Braut und ihrem Mann. Das mag fremd sein, aber doch so nahe. Der Monatsspruch sieht Liebe, die Liebe, wie sie sich ereignet, stark und fest ist, wie sie lebendig ist. Es ist der Moment, wo Himmel und Erde sich berühren, Gott und Mensch, ein Moment der alles wendenden Liebe.
Es ist eigentlich der Augenblick kurz davor. Sekunden vielleicht davor. Ein ganz eigner Augenblick: kurz davor; das alte noch in sich, aber das Neue schon vor sich, fast, gleich da!. Das sieht unser Monatsspruch, wie das Gewand des Heiligen auf uns herabkommt, wie Gott schon ganz adventlich auf uns zukommt, wie die Vermählung von Himmel und Erde in einem Augenblick sich gleich ereignet. Dieser Augenblick ist voller Vergehen des Alten, des Schmerzvollem, ist voller gleich anbrechender Hoffnung und Sehnsucht, ist voller: Es wird neu und verwandelt sich, voller dem wunderbaren Geheimnis der Liebe Gottes zu seinen Menschen. Allerheiligen, Halloween, Reformationstag. Feste, teilweise merkwürdig, von Licht und Heiligkeit. Dieser mögen wir gedenken. Das, was unser Monatsspruch sieht, ereignet sich, geschieht uns, wirklich von Gott aus, bereitet: Wir werden in seinem Licht Heilige, mit dem Glanz seiner Liebe wunderbar bekleidete, geschmückte Menschen.