Samstag, 4. Juli 2015

Ein zweites Mal



Predigt am 5. Sonntag nach Trinitatis (05.7.15)
 Lukas 5, 1-11
1 Es begab sich aber, als sich die Menge zu ihm drängte, um das Wort Gottes zu hören, da stand er am See Genezareth 2 und sah zwei Boote am Ufer liegen; die Fischer aber waren ausgestiegen und wuschen ihre Netze. 3 Da stieg er in eines der Boote, das Simon gehörte, und bat ihn, ein wenig vom Land wegzufahren. Und er setzte sich und lehrte die Menge vom Boot aus.
4 Und als er aufgehört hatte zu reden, sprach er zu Simon: Fahre hinaus, wo es tief ist, und werft eure Netze zum Fang aus! 5 Und Simon antwortete und sprach: Meister, wir haben die ganze Nacht gearbeitet und nichts gefangen; aber auf dein Wort will ich die Netze auswerfen. 6 Und als sie das taten, fingen sie eine große Menge Fische, und ihre Netze begannen zu reißen. 7 Und sie winkten ihren Gefährten, die im andern Boot waren, sie sollten kommen und mit ihnen ziehen. Und sie kamen und füllten beide Boote voll, so daß sie fast sanken.
8 Als das Simon Petrus sah, fiel er Jesus zu Füßen und sprach: Herr, geh weg von mir! Ich bin ein sündiger Mensch. 9 Denn ein Schrecken hatte ihn erfaßt und alle, die bei ihm waren, über diesen Fang, den sie miteinander getan hatten, 10 ebenso auch Jakobus und Johannes, die Söhne des Zebedäus, Simons Gefährten. Und Jesus sprach zu Simon: Fürchte dich nicht! Von nun an wirst du Menschen fangen.
11 Und sie brachten die Boote ans Land und verließen alles und folgten ihm nach.

Zwei leere Boote
Zwei leere Boote. Am Ufer. Zwei leere Boote, am Anfang und am Ende. Beide mal verlassen, aber am Ende ganz anders als am Anfang. Dazwischen ändert sich alles, kommt Jesus, wird ein Mensch ein anderer, kehrt Sinn in die Welt.
Am Anfang leer gelassen, weil nichts gefangen und die Netze wie immer gewaschen werden müssen für den nächsten Alltag. Vielleicht wieder so leer. Zwei leere Boote, so leer gelassen wie manchmal wir selbst, leer, weil nichts bekommen, nichts behalten, weil der Alltag nichts übrig hatte, was er in unsere leere Seelen hätte füllen können.
Zwei leere Boote am Ufer. Jesus steigt in eines hinein. Jesus steigt mit ein, in die Leere, in meine Leere. Einfach so, zufällig mehr, unverhofft. Jesus steigt ein in mein Lebensboot und lässt sich ein Stück hinausfahren. Das gerade noch leere Boot wird gefüllt, mit Jesus, mit seinen Worten, seinen Gedanken, seiner Vorstellung von Gott. Das Boot wird voll. Auch in meiner leeren Seele beginnen die Worte zu wachsen, Gott zu werden, Leere zu weichen. Mein manchmal so schrecklich leeres, verlassenes Lebensboot wird gefüllt.

Anders gefischt
Aus Zufall wird Bestimmung. Zufällig stand Petrus neben der Menge. Nur aus dem Augenwinkel sah er Jesus, den alle sehen wollten. Nur nebenbei hörte er auch die Worte, die das Volk unbedingt hören wollte. Aus dem zufälligen Hörer, aus dem Unbeteiligten wird langsam und behutsam einer, den Jesus direkt anspricht, den er nach und nach mit hineinzieht in seine Geschichte, den er beteiligt.
Und er lässt ihn machen, was er immer macht. Er lässt ihn die Netze auswerfen, wie an unzähligen Tagen. Er lässt ihn sein Alltägliches tun: Netze auswerfen, Netze einholen, Fische fangen. Aus Zufall wird Bestimmung mitten im Alltag, langsam, behutsam, bestimmt. Eher zufällig, eher unbeteiligt, eher so wie immer, plötzlich angesprochen, radikal gemeint, etwas spüren und dann das Gewohnte, Alltägliche tun, aber darin etwas Neues finden, sich neu finden lassen.

Mitten im Alten wird Simon Petrus ein neues Leben zugesprochen, erhält das, was er immer tut, eine neue Bedeutung, erhält er neuen Sinn, erfährt er seine Aufgabe, leuchtet seine Bestimmung auf. Sie wurzelt in seinem alten Leben, setzt ihn aber auf neue, auf Gottes Spuren.
Wirf noch mal die Netze aus! Noch einmal! Es wird das letzte Mal sein. Es wird der Beginn deines neuen Lebens sein. Ein zweites Mal, eine zweite Chance. Bekommen. Haben. Wahrnehmen. Egal wie die erste verlief, aber eine zweite Chance im Leben haben und ergreifen. Wann immer auch. Ein zweite Lebenschance! Im Alten das ganze neue entdecken, gerufen werden, seine Bestimmung bemerken, und das Alltägliche wird durchsichtig für das Eigentliche. In Bewegung geraten. Losgehen. Das Neue, wozu man gerufen ist, anfangen. Erst lagerte sich Petrus, dann hörte er, schließlich verließ er alles und ging mit Jesus bis nach Jerusalem und dann viel weiter. Bis heute.

Mit leeren Händen
Du bist Menschenfischer, Petrus! Dein Boot war leer, du warst leer - und du hast mit leeren Händen die Netze ausgeworfen und sie wurden dir gefüllt.
Mit leeren Händen Menschenfischer werden! Nur mit leeren Händen kann man Menschen gewinnen, gewinnen für Gott. Nichts hatte Petrus, nichts haben wir, mit leeren Händen gehen wir und Gott wird sie uns mit Menschenseelen füllen. Mit leeren Händen, offen, so dass man die wunden Stellen sieht, leer, bereit mit zutragen, zu berühren, zu umarmen, zu suchen, zu nehmen, leer, bereit, sich füllen zu lassen und so Menschen für Gott zu gewinnen.
Mit leeren Händen wie Petrus dahin fahren, wo es tief ist. In die Tiefe zu gehen, ist mutig, dauert Zeit, bleibt nicht an der Oberfläche. In die Tiefe zu gehen, heißt bis an die Seele der Menschen reichen zu wollen, behutsam, langsam, so wie Jesus zur Seele von Simon Petrus tief ging und sei verwandelte. Dort in der Tiefe die Netze vorsichtig auswerfen: Zu Menschen gehen, bei ihnen sitzen, warten bis aller Seelenmorast abgesprochen ist, bis etwas aufleuchtet wieder von ihrem göttlichsten Kern - und dann Netze nach dunklen Bilder, die weg müssen, nach Geschichten die bewahren, nach heilsamen Worten, nach Gesten, die trösten, sachte auswerfen, um sie, um Rettung in der Tiefe zu holen.
Und wenn es dann passiert, wenn Gott es schenkt, dass Seele gerettet werden, dann mit Petrus erschrecken, erschrecken, weil wirklich ungeheuerliches passiert. Erfurcht empfinden, weil nicht wir es gemacht haben, weil Gott uns benutzt hat, uns! Fast zurückschrecken, weil es uns den Atem nimmt, weil es uns verwirrt, weil wir selbst so viel in diesem Moment bekommen, weil uns plötzlich selbst die Seele gefüllt wird.
Auf dein Wort Jesus, haben wir es getan, haben wir im alten das neue versucht, sind hinausgegangen in die Tiefe von Menschen, tun es immer wieder. Allein auf dein Wort hin, allein weil du es sagst, weil du unsere Seele suchst, weil du mit ins Boot steigst, weil du Leben allein verheißt und schenkst.

Leben schenken
Zwei leere Boote. Am Ende sind die beiden Boote wieder leer, verlassen. Aber jetzt ganz anders. Petrus und seine Brüder gegangen. Sie werden nicht mehr zurückkehren zu ihren Booten.
Das Alte, was vergangen sein soll, verlassen, hinter sich lassen. Nicht mehr zurückkehren zu dem, was uns leer macht: Die quälend leeren Boote voller Trauer, voller Sorgen, Ängsten, Zwängen verlassen. Jesus in der Seele spüren, ahnen, hoffen. Etwas von unserer Bestimmung, dem liebevollen Plan Gottes für und mit uns, mitten im Alltag geschenkt bekommen, davon umfangen werden und dann neu aufbrechen, Menschen auch Leben schenken. Amen.


Zu-Mutung Gottes



„Nähme ich Flügel der Morgenröte und bliebe am äußersten Meer,
so würde auch dort deine Hand mich führen und deine Rechte mich halten.“
 (Psalm 139, 9+10)

Predigt zur Einführung ins Evangelische Diakoniekrankenhaus am 3. Juli 2015

Einräumen
Und wenn Menschen ein ganzes Leben bräuchten, wenn sie sich mühten und nachdächten, wenn sie es morgens, mittags, abends irgendwie versuchten, immer wieder, vielleicht mit langen Lebenspausen, wenn sie es täten mit dem Verstand und der Logik, mit dem Herzen und vielleicht guten Ideen, es täten mit vielen Worten oder mit vergessenen Schweigen, sie würden es nicht vermögen, es gelänge ihnen nicht, keinem Menschen, nirgends, niemand, nicht von Anfang, als Menschenherzen begannen zu schlagen, nicht in Ewigkeiten, sie würden nicht fliehen können vor Gott, sie flöhen nicht.
Unter den Modi deutscher Verben mag ich den Konjunktiv eigentlich am liebsten. Er klingt schön, manchmal fremd, irgendwie aus fernerer Zeit. Ich mag ihn lieber als einen Indikativ, der immer weiß, was ist, der setzt und Tatsachen schafft; lieber auch als einen Imperativ, der befiehlt und anweist, Wirklichkeit auffordert zu sein. Konjunktive lassen dagegen irgendwie Raum, es könnte auch anders sein; Konjunktive sind manchmal herrlich irreal und entführen sprachlich in Gedanken in kleine Welten ferner Träume, die nie so kommen, und ein bisschen doch; Konjunktive drücken fast zart Wünsche aus und überlassen zurückhaltend anderen die Erfüllung. Konjunktive ermöglichen, von anderen zu erzählen, als erzählten sie selbst und man stünde in gebührender Distanz zum Gespräch, wundersame indirekte Rede.
Wie passen Konjunktive, die Distanz sagen, lassen, hierher, ans Krankenhaus, das von der Nähe lebt und erzählt: Nahe am Menschen? Wie passen „möchte, hätte, würde könnte, ließe“ zu alle den harten Fakten, Schlagzahlen, Kennziffern, dokumentierten Worten in diesem Krankenhaus der Indikative?

Nur weg
Und trotzdem und gerade, jetzt und hier: „Nähme ich Flügel der Morgenröte und bliebe am äußersten Meer.“ So zart, so leicht Flügel sein mögen, so oft sie in metallener Form uns in den Urlaub tragen mögen, so sehr wir unseren Kindern wünschten, dass ihnen Wurzeln und Flügel wachsen, so sehr manches Flügel verleiht und wir Himmelsstürmer seien, hier nicht, gar nicht, irgendwie anders, im Gegenteil: Hier sind Flügel Fluchtinstrumente und die Morgenröte etwas Letztes, das gerade noch wegtragen und retten könnte; ist hier das äußerste Meer das Maximum an Fluchtbewegung und weiter Ort fernab.
Flucht, innerlich, weit weg, weggetragen werden, nicht in der gefühlten Höllen-Mitte sein, sondern ganz am Rande, entfernt bleiben, sich verkriechen, verstecken, verbergen, weit weg, möglichst weit weg, von dem, was gerade schlimm ist, Not macht, verletzt, kränkt, Fehler, Versäumnis, Bedrohung, Unort ist. Tausend, mehr als tausend Flügel der Morgenröte, tausend, mehr als tausend äußerte Meere sehe ich auch hier, hier im Krankenhaus ja, vielleicht grad morgens, wenn die Station ganz aufwacht, der OP beginnt zu takten, die Verwaltung an Schreibtischen Platz nimmt, wenn alle hier ihre Arbeit tun und an sich tun lassen. Fluchtgedanken in sich: Würden mich jetzt bitte Flügel wegtragen, weg vom Bett und Diagnose, weg von Visite und Zahlenkolonne, weg von Terminüberflutung und Jourfix, weg von OP-Stress, Müdigkeit, Schuldzuweisung, Druck, Überforderung und trüge mich hinüber unsichtbar für alle, für Momente, lange, an einen anderen Ort, weit weg. Augen zu.

Auch dort
„Auch dort“. Zwei kleine Worte, zwei entscheidende. Ohne sie wäre der ganze Satz nichts. Auch dort. Selbst da, selbst wenn, selbst du. Menschen fliehen, fliehen vor Teilen ihres Lebens, vor anderen, vor sich, vor Gott und irgendwie suchen sie, suchen was, suchen sie sich, suchen vielleicht Gott mitten im Weglaufen und werden wie paradox gefunden, immer wieder von IHM gefunden.
Überall. Eine Zu-Mutung Gottes. Mit Bindestrich geschrieben und für uns alle MUT groß. In alle Konjunktiven der Menschenwelt kehrt Gottes Indikativ ein: Auch dort will er sein, unbedingt. Kann er sein, wirklich. Wird er sein, für uns. Ist er. Indikativ: Auch dort führt mich deine Hand und deine Rechte hält mich, genau dort, wohin ich fliehe, ich mich wegtragen lassen, wo ich am Äußersten bleibe, geflohen aus Angst, aus Selbstzweifel, aus Fremdheitsgefühlen, aus merkwürdigen Stolz, aus Kleinmut, aus Fehlern, Schuld, Not, anderer Worte. Mitten hinein in die tausend und mehr Flügel der Morgenröte, der tausend und mehr äußersten Meere hier und überall dort ist Gottes Hand.



In Gottes Hand
Gottes Hand führt und hält, leitet und birgt. Jeden einzelnen Menschen. Gott weiß um den Mensch, in wartender Geduld. Gott kennt ihn, vom ersten Atemzug an. Gott sieht ihn, leidet und freut sich mit, Gott lässt frei und sucht, findet und verliert sich in uns, er liebt uns mehr als sich.
Gottes Hand führt und hält, leitet und birgt. Auch dieses Krankenhaus. Es liegt komplett in seiner Hand. Absolut Geborgen. Ein wunderbares Bild, ein wunderbare Wahrheit. In allen notwendigen Sichtweisen auf dieses Haus ist dies Gottes Sicht selbst. Anders kann er es in seiner Liebe nicht schauen. Und so steht für alle, die mit ihm schauen, alles hier in diesem Horizont, alles Tun und Lassen, alles Denken und Planen, alles Pflegen und Operieren, alles Verwalten und Umsorgen, jeder Einzelne und alle zusammen in Gottes Hand. Eine Zu-Mutung – MUT immer noch groß geschrieben - für alle, die hier arbeiten und für Zeit hier als Patienten leben. Vor Gott können wir wirklich nicht fliehen. Zum Glück. Seit Jahrhunderten betet Menschenleben wie wir heute jenen Psalm und plötzlich verwandelt sich ein dunkler Konjunktiv zum Indikativ: „Spräche ich: Finsternis möge mich decken und Nacht statt Licht um mich sein –,so wäre auch Finsternis nicht finster bei dir, und die Nacht leuchtete wie der Tag. Finsternis ist wie das Licht.“ Seit Jahrhunderten mündet betend alles ein in das Lob Gottes. Ein Lob, das in Gottes liebenden Blick gründet, ein Lob, das ein Krankenhaus mit Seele in Gänge und Räumen selbst mit sich zu Gott spricht: „Ich danke dir dafür, dass ich wunderbar gemacht bin; wunderbar sind deine Werke; das erkennt meine Seele.“ Amen.

Samstag, 27. Juni 2015

Im Spiegel der Barmherzigkeit



Predigt für den 4. Sonntag nach Trinitatis
 (28. Juni 2015)

Lukas 6, 36-42
Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist.  Und richtet nicht, so werdet ihr auch nicht gerichtet. Verdammt nicht, so werdet ihr nicht verdammt. Vergebt, so wird euch vergeben. Gebt, so wird euch gegeben. Ein volles, gedrücktes, gerütteltes und überfließendes Maß wird man in euren Schoß geben; denn eben mit dem Maß, mit dem ihr messt, wird man euch wieder messen. Er sagte ihnen aber auch ein Gleichnis: Kann auch ein Blinder einem Blinden den Weg weisen? Werden sie nicht alle beide in die Grube fallen?  Der Jünger steht nicht über dem Meister; wenn er vollkommen ist, so ist er wie sein Meister. Was siehst du aber den Splitter in deines Bruders Auge und den Balken in deinem Auge nimmst du nicht wahr? Wie kannst du sagen zu deinem Bruder: Halt still, Bruder, ich will den Splitter aus deinem Auge ziehen, und du siehst selbst nicht den Balken in deinem Auge? Du Heuchler, zieh zuerst den Balken aus deinem Auge und sieh dann zu, dass du den Splitter aus deines Bruders Auge ziehst!

Spiegel
Mit diesen Worten hält Jesus einen Spiegel vor.  In einem Spiegel – so meint man – da sieht man sich, wie man wirklich ist, manchmal mit Schrecken, manchmal mit Freuden. Was sehen wir, wenn wir in den Spiegel blicken?
Spiegel begegnen uns in unserem Leben auf Schritt und Tritt. Im Auto: Der Rückspiegel; ganze Ladenpassagen in Großstädten; in Kaufhäusern. Bei uns zu Hause: Sicher im Badezimmer, im Gang bei der Garderobe, im Schlafzimmer und viele haben einen kleinen Spiegel in der Handtasche. Wir schauen uns am im Spiegel morgens beim Zähneputzen oder Rasieren, abends beim Abschminken; wir schauen verschlafen rein, drücken Pickeln bewundern unsere neuen Kleider, zupfen uns zu recht, perfektionieren unsere Frisur, regen uns über Haarwirbel auf; entfernen Schlafmännchen, ziehen den Lidschatten nach, ärgern uns über Falten und Fettpolster, über Flecken auf Hemdkragen und Bluse.
Bei alle dem, bei all den vielen flüchtigen Blicken in den Spiegel: Schauen wir im Spiegel uns – uns! – wirklich an? Sozusagen Augen in Auge, trauen wir uns das, den nackten Tatsachen unseres Lebens zu stellen? Wirklich in den Spiegel zu sehen und uns zu sehen, wie wir wirklich sind, was da uns a gelebten Leben entgegen schaut? An dem, was wir getan haben, zu tun gedenken, und so sehen wir mit im Spiegel irgendwie unsere Geschichte und wir sehen im Spiegel auch all anderen, irgendwie unsere ganze Welt mit uns im Blick.



Fenster
Manchmal stehe ich am Fenster und schaue – vielleicht nur kurz - raus; an einem belebten Tag; schaue mir die Menschen an, die die Straße entlang gehen, die mit ihren Auto vorm Bäcker halten, die hastige Sprechstundehilfe; die laut schreienden Kinder, die älteren Leute, die zum Arzt gehen. Ich schaue aus dem Fenster und sehe, wie sie unbeobachtete ganz normal sind, Werktagsmenschen, halb in Eile, nicht extra zurechtgemacht.
Ich schaue sie an: Manche gehen ganz aufrecht und ich denke mir, ob die immer so sind. Manche gehen gebückt, haben den Kopf zur Erde gesenkt, und ich frage mich, was ist denen denn passiert? Ich schaue sie mir an, ein bisschen in sie hinein und denke mir ihr Leben: Was für Erfahrungen haben die wohl gemacht? Welche schmerzliche, bitteren, leidvollen. Wie führen die ihr Leben und was ist bei ihnen schlecht gelaufen. Und dann denke ich mir: Vielleicht verbirgt sich hinter der einen oder dem anderen auf der Straße, jemand, der seit Jahren schwer an etwas trägt, der sich für einen Moment hinreißen ließ, der mutwillig war, der schuldig ist oder jemand der ohne Schuld sich mit Dunklem beladen hat und das nicht mehr loskriegt.
Und aus den Menschen auf der Straße wird eine merkwürdige Gemeinde, eine Gemeinde auch aus Sündern:  Aus Menschen, die weder besonders groß noch klein sind, die weder besonders gut noch böse sind, sondern Menschen, die davon leben, dass man ihnen vergibt, eben eine Gemeinde aus Sündern. Menschen, die es brauchen, dass sie nicht verurteilt oder verdammt werden, die es nicht brauchen, dass ihnen vergelten wird oder sei noch etwas genommen wird, die andere Menschen brauchen, die nicht über sie hinwegschauen, sie richten und verurteilen, andere Menschen, die selbst wissen, dass sie gebrechlich sind, und die sich deshalb anrühren lassen, vom Hässlichen, von Fehlern und Sünde und bereit sind, nicht Gleiches mit Gleichem zu vergelten, sondern zu vergeben. Menschen brauchen andere Menschen, die barmherzig sind, die im Herzen klagen über Unglück und Elend, großes wie kleines, die sich angehen lassen, vom Leid und mitleiden.

Gottes Vision
Schauen wir in diese kleine Welt durch Fenster, schauen wir in unseren Spiegel. Wir können uns selber sehen, sehen als Menschen, die genau das brauchen, dass man barmherzig zu ihnen ist. Menschen, die Fehler machen, die Sünden begehen, die um ihre Würde kämpfen, die fehl gehen und schuften und Heil wie Heilung suchen. Menschen, so wie wir und andere eben sind: irgendwie furchtbar groß und herrlich und doch immer auch furchtbar elend und klein; Menschen die nicht gerichtet noch verdammt werden wollen, die nicht verurteilt werden wollen. Einfach Menschen, die mitten in ihrem Stolz doch Vergebung brauchen, von Gott und den Menschen, die aus Vergebung leben. Vielleicht können wir uns so ehrlich im Spiegel sehen, klein groß sehen.
Und wenn wir uns so im Spiegel sehen, können wir leben, wie Jesu es sieht. Wer von der Vergebung lebt, kann vielleicht auch vergeben; wer vom Erbarmen lebt, kann sich auch erbarmen.
Vielleicht können wir dann im Spiegel der Barmherzigkeit nicht richten, nicht verdammen, vergeben und geben; erst den eigen Splitter sehen und dann den im Auge des andern. Das sind keine ungeheuren Forderungen, sondern der Geist Gottes, der in die Welt Einzug gewinnen will:
Es sind Visionen Jesu und Gottes, wie unser Zusammenleben, wir eine Gesellschaft aussehen könnte, welche Werte wir durch unser Tun hinein in die Welt bringen und dort bewahren, Werte, die ihren Wert in sich, in dem haben, der sie uns spendet: in Gott. Werte, weil wir Gott wertvoll sind und er unser leben möchte:
Die Vision einer Menschheit, in der nicht gerichtet wird, in der nicht verdammt wird, in der vergeben wird und in der jeder, was er braucht bekommt; eine Menschheit, wo Blinde und Sehende einander führen und es Gruben zum Reinfallen nicht gibt; wo Jünger auf die Meister hören und Meister Jünger Weisheit schenken; eine Menschheit, wo Balken und Spliter aus den Augen verschwinden, alle wieder sehen; und man sich gegenseitig die Wunden verbindet, die man noch hat, und heil wird.
So eine Menschheit, solche Menschen wären für Gott, wenn er aus seinem Himmelsfenster auf uns blickt, ein Spiegel, ein Spiegel, in dem er sich selbst gerne spiegeln würde, in dem er sich selbst wirklich wieder erkennen kann. Amen.

Freitag, 5. Juni 2015

ein kleines bisschen füreinander



Predigt am 1. Sonntag nach Trinitatis (7. Juni 2015)

Es war aber ein reicher Mann, der kleidete sich in Purpur und kostbares Leinen und lebte alle Tage herrlich und in Freuden.
Es war aber ein Armer mit Namen Lazarus, der lag vor seiner Tür voll von Geschwüren und begehrte sich zu sättigen mit dem, was von des Reichen Tisch fiel; dazu kamen auch die Hunde und leckten seine Geschwüre.
Es begab sich aber, dass der Arme starb, und er wurde von den Engeln getragen in Abrahams Schoß.
Der Reiche aber starb auch und wurde begraben.  Als er nun in der Hölle war, hob er seine Augen auf in seiner Qual und sah Abraham von ferne und Lazarus in seinem Schoß. Und er rief: Vater Abraham, erbarme dich meiner und sende Lazarus, damit er die Spitze seines Fingers ins Wasser tauche und mir die Zunge kühle; denn ich leide Pein in diesen Flammen. Abraham aber sprach: Gedenke, Sohn, dass du dein Gutes empfangen hast in deinem Leben, Lazarus dagegen hat Böses empfangen; nun wird er hier getröstet und du wirst gepeinigt. Und überdies besteht zwischen uns und euch eine große Kluft, dass niemand, der von hier zu euch hinüberwill, dorthin kommen kann und auch niemand von dort zu uns herüber.
Da sprach er: So bitte ich dich, Vater, dass du ihn sendest in meines Vaters Haus; denn ich habe noch fünf Brüder, die soll er warnen, damit sie nicht auch kommen an diesen Ort der Qual. Abraham sprach: Sie haben Mose und die Propheten; die sollen sie hören. Er aber sprach: Nein, Vater Abraham, sondern wenn einer von den Toten zu ihnen ginge, so würden sie Buße tun. Er sprach zu ihm: Hören sie Mose und die Propheten nicht, so werden sie sich auch nicht überzeugen lassen, wenn jemand von den Toten auferstünde.


Riesige Kluft
Die Kluft, der Abgrund könnte nicht größer sein: Ein Namensloser und einer mit Namen, einer am Körper bedeckt mit herrlichen Kleidern und einer mit Geschwüren überseht; einer mit Purpurrot, dem königlichen Rot und einer mit dem stinkenden Rot blutiger halb verkrusteter Wunden; einer wirklich freudvoll und einer nur im schalen Konjunktiv der Freude, einer reich und der andere arm; der eine in der Hölle und der andere im Himmel, der eine umgeben von Flammen und Feuer, der andere von Engel getragen und in Abrahams Schoß geborgen, der eine in furchtbaren Leiden, der andere endlich getröstet, der eine reich und der andere arm, der eine arm und der andere reich, gutes oder schlechtes Leben, unüberwindbare Kluft, tiefster Abgrund, unglaubliche Differenz.
Und selbst der Tod, der ewige scheinbare Gleichmacher, der Tod, den alle Menschen sterben müssen, macht nichts gleich bei diesen beiden, gleiche Kluft, gleicher Abgrund zwischen beiden, auch im Tod. Eben: Wie im Leben so auch nach dem Tod. Und wir? Wo stehen mitten angesichts dieser Kluft, dieses Abgrundes? Was für den einen Verheißung ist, Entschädigung für ein armes, schlechteres Leben ist, ist für den anderen Warnung, Drohung, Schreckensszenario für ein zu reiches, zu gutes Leben. Und welches haben wir? Wo stehen wir angesichts dieser Kluft? Mitten in dieser Kluft stehen wir. Unser Kopf, unsere Gefühlen, unsere Gedanen können keine Brücke sehen, bauen, erlauben, und wir fragen mitten in der Kluft: Ist das Leben im Endeffekt gerecht, doch gerecht? Gibt es doch Zusammenhang zwischen dem, was man tut und lässt, und wie es einem letztlich deswegen ergeht Wird zu reich bestraft und zu arm belohnt, irgendwann? Und wann? Gibt es einen himmlischen und höllischen Ausgleich? Gibt es Himmel oder Hölle überhaupt? Für uns?

So naheliegend
Es wäre so naheliegend. Es ist so naheliegend: Das Haus des Reichen beim Armen. Die Sätze des Reichen beim Armen.
Vor dem Haus des Reichen liegt der Arme, so scheinbar nahe, als würden die Brosamen vom Tisch des Reichen bis zur Hand des Amen reichen, reichen können. Sie reichen nicht bis dahin. Sie bleiben auf dem Tisch und kommen nicht bis zum Armen vor dem Haus. So nahe geht der Reiche ein und aus in seinem Haus, sitzt am Tisch, die seinen mit ihm, Gäste und auf dem Tisch der Reichtum, so nahe und doch unendlich fern, tiefste Kluft im Naheliegenden.
Im Ohr liegt der Reiche dem Armen, dem Armen und mit ihm den Engeln und Abraham. Seine Sätze, seine Worte, seine Schreie aus der Mitte der Flammenhölle reichen bis an die Ohren der anderen. Der Reiche hebt seine Augen auf, wie tausendmal der Arme seinen mit Geschwüren beschwerten Körper aufhob und seine Hand ausstreckte nach ein bisschen Brot. Der leidende Reiche sieht in ungeheurer Ferne ein bisschen Erlösung, ein bisschen Linderung, Erbarmen, eine kühlende Fingerspitze möglich. So naheliegend seine Hilferufe, die gehörten Worte, diese kühle Fingerspitze und doch: tiefste Kluft, Abgrund im Naheliegenden.
So naheliegend bittet der Reiche für andere, für seine anderen, für seine Familie, seine Brüder, dass wenigstens sie bewahrt würden, so nahe liegt diese enge Verbindung, so nahe wie die Worte des Mose, wie die Worte der Propheten, wie alle, die eigentlich Nähe nahe legen und doch so fern wie Abraham und Lazarus, die hören und nicht erhören, die die Familie in der Ferne überlassen dem falschen Leben, den Reichen den Flammen, so fern wie das Haus des Reichen von Lazarus weg stand. Wie vielen Wünschen, solchen wie des Lazarus und des Reiches in ihren Höllen sind wir statt nahe doch fern? Sind selbst unerreichtes Haus und unerhörte Bitte? Wie oft, wei sehr sehnen wir uns nach jenen Brosamen vom Tisch und nach jener kühlenden Fingerspitze.

Zart stark verbunden
Brosamen, nur Abfall vom Brot auf dem Tisch, kaum beachtet, kleiner Krümel, runtergefallen. Er würde reichen. Er wäre genug. Er ist Wunsch, Sehnsucht. Erfüllung. Beginn. Fingerspitze, kleinster Teil der ganzen Hand, benetzt mit einem Tropfen kühlender Flüssigkeit, ein kleiner Tropfen, mehr nicht, herabtropfend. Er würde reichen. Er wäre genug. Er ist Wunsch, Sehnsucht. Erfüllung. Beginn.
Brosamen und Fingerspitze sind kleinste Teile vom Ganzen, sind Teile vom ganzen Brot und dem ganzen Körper, sie sind handfest, spürbar Anteil vom Ganzen, sie geben Anteil am Ganzen, hinein in leere Bäuche, ganz nah auf leidende Körper. So klein, so zart ist Erbarmen, ein handfestes, spürbares Erbarmen, das diese tiefe Kluft, den schier unüberwindbaren Abgrund doch überwindet, doch eine lebendige und Leben schaffende Verbindung zart sicher herstellt, das von der Teilgabe und Teilhabe des Lebens erzählt, mutig klein erzählt, davon, dass ein vom Tisch gefallener Brotsamen, eine kurz gekühlte Fingerspitze, die in das Leben von Menschen kommen, in ein armes, leidvolles, vom Leben selbst ausgegrenztes Leben, wieder Anteil geben am Leben, an seinem Reichtum.
Ein Reichtum, der dem Leben innewohnt, dem Brot auf dem Tisch, der Hand voller Wasser, ein Leben, das nicht bei sich bleibt, das sich austeilt, hergibt, mitteilt und teilt, was es an Reichtum, an Habe an und in sich trägt, ein Leben, das reich ist, weil es nicht Kluft lässt, nicht Abgrund lässt zwischen dem einen und anderem, zwischen mir und dir. Ein Leben, das von Gottes reicher Liebe lebt, jenem göttliche Reichtum, der in Jesus selbst erschien und zu denen kam, die sich nach Erbarmen sehnten und heute noch sehnen. Amen.