Samstag, 23. September 2017

Der Liebe er folgt



Predigt am 15. Sonntag nach Trinitatis (24. 09. 2017)

Lukas 18, 28-30
Da sprach Petrus: Siehe, wir haben, was wir hatten, verlassen und sind dir nachgefolgt. Er aber sprach zu ihnen: Wahrlich, ich sage euch: Es ist niemand, der Haus oder Frau oder Brüder oder Eltern oder Kinder verlässt um des Reiches Gottes willen, der es nicht vielfach wieder empfange in dieser Zeit und in der kommenden Welt das ewige Leben.

Und jetzt?
Und jetzt? Petrus Satz hat kein Fragezeichen und doch fragt sein Satz, er hat nach sich wie eine lange Pause, eine Stille: ------ und jetzt. In Petrus Satz schwingt der ganze Petrus mit, der ganze Weg, seit der Ruf Jesu ihn traf, er aufbrach, er losging, seit er mit Jesus Zeit und Raum teilte, ihm nachging, ihn Tag und Nacht sah, von seinem Bissen Brot aß, mit anderen um seine Worte lagerte. Und jetzt. Und all der Mut von Petrus ist mit zu hören, all der Zweifel, all seine Hoffnung, sein Suchen, sein Schmerz, seine Neugier, sein Entflammtsein, seine stille Angst, der Weg übers Wasser, das Untergehen, die Hand Jesu, ihm zugstreckt.
Es ist keine Frage und doch steckt alles drin, und eine ungeheure Offenheit, die ins Leere oder Volle weist: der Blick zurück, und der Blick nach vorne, die immense Spannung, so viel zu geben und auch bekommen zu wollen, so viel zu lassen und am Ende nicht mit leeren Händen dazustehen, so viel gefolgt zu sein und doch nicht zu wissen, wohin der Weg geht, so sehr ein kommendes Leiden zu fürchten und doch ganz zu hoffen, das Herrliche zu finden. Es ist nur ein Satz, keine Frage, aber irgendwie alles von Petrus: Und jetzt?

Hingebungsvoll
Jesus hört diesen Satz. Er ist ihm vor die Füße gelegt, so wie Petrus ihm am Ufer einst einfach ins Leben kam. Jesus weiß, Petrus hat alles verlassen und er wird noch mehr lassen müssen. Jesus weiß um das Menschen Unmögliche, ganz Jesus zu folgen, seinen Weg zum eigenen zu machen. Jesus weiß, dass es hingebungsvolle Menschen braucht, dass wir Menschen es im Kern doch sind und sein können:
Menschen, die Gott vor Augen, sich trennen, hinter sich lassen, die aufgeben, ihr eigenstes, das, was zu ihnen gehört, was sie ausmacht, was sie zu dem macht, wer sie sind. Menschen, die sich selbst verlassen, sich hingeben, sich vergessen und ganz und gar zu hingebungsvollen Menschen werden, im Kleinen, manchmal im Großen, mit Mut, mit Zittern, tastend, suchend, findend, sich selbst wie veräußern, sich selbst wie hingeben, den kleinen, entscheidenden Schritt tun und sich Gott in die Arme werfen. Sich selbst wie entleeren, von all dem, was sie ausmacht, füllt, beschwert, quält, um ganz leer vor Gott zu werden zu warten, zu harren, bis jenes „Und jetzt“ in ihrem Leben geschieht.
Was wir für das Reich Gottes tun können? Jetzt. Immer wieder. Ein Leben lang. Was für eine anmaßende Frage: Als ob wir was tun könnten, damit Gott sich bewegt, geschieht, da ist, Gott inmitten unserer Wirklichkeit wirklich wird und sein Reich komme. Was wir für das Reich Gottes tun können, für es, seinetwegen? Was für eine für Menschen Leben und Denken übergroße Frage. Unmögliches vielleicht nur: Leiden. Lieben. Leer werden. Alles bekommen. Werkzeug sein.

Voll empfänglich
Inmitten, wenn Menschen, unbeholfen, mutig, verzweifelt, sich Gott hingeben, empfangen sie unendlich viel. Aus dem hingebungsvollen Menschen wird ein ganz und gar empfänglicher. So ist das bei Gott. Unmögliches wird bei Gott wirklich. Wer hingibt, der empfängt. Gott. Die Nachfolge macht das wunderbar aus Menschen, aus ganz normalen Menschen, die Gottes Nähe suchen, die versuchen, sich ihm zu verschreiben, die versuchen, ihm nachzufolgen, die Nachfolge formt aus Menschen solche, die empfangen, die empfänglich sind, die nur mit leeren Händen die Fülle ergreifen.
Und das im Blick Jesus, in dessen Ohr und Sinn der eine Satz des Petrus noch nach halt, sicher, gewiss, verheißen und weit mehr. Weit mehr empfangen: Der Mangel, die Entbehrung, die müden Füße, das Loslassen der Hand des Geliebten, das Leiden weichen, werden wie verwandelt in eine ungeahnte andere Fülle, eine Fülle von Gott her, wie ein Stück vom Himmel, das alles aufwiegt, wie tief empfundene Liebe, wie Schmerz, der neugebiert, wie Trost, der umarmt, wie seligen Glauben.
Und das Jetzt! Jetzt. Garantiert. Jetzt und für immer, nie ohne unsere Zeit, sondern mit und in unserer Zeit. Jetzt, morgen, übermorgen, nächstes Jahr, all unsere Zeit und ewig. Als würden wir jenen einen vollen Gesang von der Ehre Gottes singen uns zur Ehre ---- und Gott meinte uns und das Reich, das uns gilt, das wir tausendfach und mehr von ihm empfangen: „.. wie es war im Anfang, jetzt und immerdar und von Ewigkeit zu Ewigkeit.“

Erfüllt
So ist das Reich Gottes, um dessen willen wir leben, so ist Gott, der uns geschieht, so gibt Gott eine Antwort auf den einen Satz des Petrus nach jenem drängenden, ehrlichen: Und jetzt?, sagt er: Schau, Petrus, schaut Ihr:
Gott geschieht, sein Reich kommt: Er gibt sich hin, ein hingebungsvoller Gott, ganz und gar, entäußert er sich selbst und gibt sich ganz hin an die Welt, verlässt sein ganz Eigenes, den Himmel, das Reservat für die Götter, und wird Menschen, ganz und gar. Er verlässt sich und empfängt. Wird ein ganz offener, ganz empfänglicher Gott, er empfängt uns, wie wir sind, unseren Schmerz, unsere Hoffnung, unsere Sehnsucht, unsere Freude. Er empfängt Kritik, Skepsis, Lob und Ehre, er lässt sich seine göttlichen Hände füllen, er erfüllt die Welt mit sich, verwandelt ihr menschliches Antlitz, uns, in einen göttlichen Glanz. Er folgt nur einem und findet sich und uns darin. Er folgt seiner Liebe. Amen.

Freitag, 8. September 2017

Ihr seid Gottes Wille



Predigt am 13. Sonntag nach Trinitatis (10.09.17)

Markus 3, 31-35
Und es kamen seine Mutter und seine Brüder und standen draußen, schickten zu ihm und ließen ihn rufen. Und das Volk saß um ihn. Und sie sprachen zu ihm: Siehe, deine Mutter und deine Brüder und deine Schwestern draußen fragen nach dir. Und er antwortete ihnen und sprach: Wer ist meine Mutter und meine Brüder? Und er sah ringsum auf die, die um ihn im Kreise saßen, und sprach: Siehe, das ist meine Mutter und das sind meine Brüder! Denn wer Gottes Willen tut, der ist mein Bruder und meine Schwester und meine Mutter.

Von Draußen gesehen
Von Draußen kommen die Stimmen, bekannte, vertraute Stimmen. Von draußen kommen die Stimmen und über die Ohren und die Münder der anderen dringen sie nach Innen. Von Draußen kommen die Stimmen nach Innen und Draußen bleiben sie stehen. Von irgendwoher kamen sie und fragen nach Jesus, suchen ihn, schicken sie nach ihm, lassen sie Worte von Draußen nach Innen sagen.
Die Worte sagen, wer Jesus ist. Von Draußen, von außen wird Jesus zugeschrieben, wer er ist, vielleicht auch was er ist. Die Worte nennen Jesus Bruder, Sohn. Sie sagen: Siehe, schau, wer du bist. Du bist Bruder und Sohn, du bist ein Teil der Familie, unserer Familie. Du gehörst zu mir, du bist Bruder, du bist Schwester. Du bist mein Bruder, du bist mein Sohn.
Von Draußen, von Außen wird gesagt, wer ich bin. Wie oft mag das passieren. Dass andere von Außen sagen, das andere als wahrlich Außenstehende sagen, meinen, wer ich bin, wer ich sein soll, wie ich bin: Du bist der, der. Du bist die, die. Vielleicht sogar von Draußen nach Innen: Du gehörst zu mir, Du bist mein. Und so sehr die Stimmen vielleicht von dort zu mir hinein klingen, andere wie die Jünger im Kreis sie an mich bringen, zu mir transportieren und jenes „siehe“ sagen, siehe, der bist du doch, so sehr gibt es die da Draußen - und mich hier Innen.

Nach Innen gehen
Jesus stellt Fragen. Eigentlich ist doch klar, wie es ist, wer sein Bruder, wer seine Mutter, wer seine Schwester ist. Aber eben nur eigentlich. Eigentlich ist es vielleicht anders. Jesus stellt Fragen, kleine und scheinbare einfache: Wer ist? Und Jesus macht sichtbar, macht deutlich, dass da zwischen Draußen und Drinnen vielleicht eine feine Grenze liegt, ein Unterschied ist, die Frage nach dem, was eigentlich ist, liegt. Jesus stellt die Frage nach dem Eigentlichen, er geht in die Tiefe weg, weit weg vom bloß Selbstverständlichen, von dem, wie es vordergründig ist, und er eröffnet Horizonte, öffnet leicht die Türe zum Blick über das Vordergründige, scheinbar Selbstverständliche hinweg und führt in das Innere, in das Innere von allem hinein.
Es ist, als würde er durch sein Fragen die Sicht auf Gott lenken, konzentrieren: Wer ist eigentlich und wirklich mein Bruder, meine Schwester, meine Mutter und mein Vater? Nicht gefragt ist, wer ich bin, sondern wer es ist vor Gott, wer ihr seid. Von Innen, im Wesentlichen gesehen: Wer ihr wahrhaftig seid.
Ihr: Die Ihr in Familien geboren seid. Ein jeder von euch. Jeder von seiner Mutter und jede von seinem Vater, hineingeboren in einen bestimmten Lebenszusammenhang, in eine vorgegebene Lebensgemeinschaft, mit Brüdern und Schwester, wie ihr auch gezeugt und geboren, vielleicht auch ohne, aber immer mit Vätern und Müttern vor euch, mit Leben, in das ihr hineinkommt, da ihr nicht gewählt habt, sondern das euch gegeben wird. Familie: auch wenn Realität manchmal so anders ist, Ort einer Gemeinschaft, einer verbindlichen, verlässlichen, von Liebe und Vertrauen getragenen Gemeinschaft.

Im Kreis sitzen
Jesus ist Innen, und er schaut in den Kreis derer, die um ihn sitzen, die seine Worte hören und als Lebensbrot nehmen. Er schaut ins Gesicht all derer, die ihm folgen, die von Gott berührt sind, die Heil suchen und er sieht sie als die, die sie sind: Er sieht sie als seine Brüder und Schwestern. Die Frage ist nicht, wer Jesus ist, sondern wer die sind, die da mit ihm sitzen. Und Jesus beantwortet sie: Es sind seine Brüder und Schwestern, seine Familie. Wir sitzen in diesem Kreis. Jesus schaut uns an, er sieht uns als die, die wir sind, und er sagt zu uns, in unser Gesicht hinein: Du bist mein Bruder. Du bist meine Schwester. Du bist meine Mutter. Welch ungeheure, wunderbare, erhebende Zusage, ja Zuschreibung, ja Daseinserklärung: Du bist mein Bruder, meine Schwester. Du bist Jesu Bruder. Du bist Jesu Schwester. Wahrhaftig. Eigentlich. Wirklich.
Menschen haben immer ihren eigenen Willen. Sie lernen ihn mit dem Willen anderer in Verbindung zu bringen, werden eigenwilliger, willenloser, freier und wunderbarer Teil von Willensbildungen, die über sie hinausgehen, manchmal gehen Wille und Wille ganz eng ineinander über. Mein Wille hilft mir, dass ich meine Absichten habe, dass ich nach etwas streben kann, dass ich begehre und mich sehne, dass sich etwas von meinem Leben, vom Leben anderer von Wollen in die Tat umsetzt, vom Gedanken auch Wirklichkeit wird.

Gott wollen
Gott hat einen bestimmten Willen. Er will die Liebe, das Rech Gottes und uns. Wir sind sein Wille, unser Leben, unser Heilsein, unsere Liebe. Gottes Wille geschehe, damit Wunden verbunden werden, Krieg in Frieden sich besinne, Seelen bewahrt werden, Kinder wunderbare Erwachsene werden, Kranken jemand beistehe, Armen Gottes Nähe gilt, Tote auferstehen und wir alle gemeinsam seinen Geist spüren. Sein Wille geschehe im Himmel und auf Erden, und Menschen willigen in seinen Willen ein, sind es, die seinen Willen wirklich machen auf Erden, die still gerufen sind, Gottes Wollen auch Tat werden zu lassen. Gottes Wille traut ihnen das zu, vertraut ihnen das an. Und Menschen finden dann in Gottes Willen ihren eigenen und werden selig schon zu Lebzeiten.
Wir sitzen in jenem Kreis. Wir sind es, denen Gott sein Wille zutraut, anvertraut, die Gottes Willen tun und sein Reich, sein wunderbares Reich geliebter Seelen Wirklichkeit werden lassen, wir die schöne Lebensgemeinschaft Gottes, wirklich Bruder und Schwestern von Jesus. Amen.

Freitag, 25. August 2017

Sein Wunsch nach Reue



Predigt am 11. Sonntag nach Trinitatis (27.8.17)

Matthäus 21, 28-32
28 Was meint ihr aber? Es hatte ein Mann zwei Söhne und ging zu dem ersten und sprach: Mein Sohn, geh hin und arbeite heute im Weinberg. 29 Er antwortete aber und sprach: Ich will nicht. Danach aber reute es ihn, und er ging hin. 30 Und der Vater ging zum andern Sohn und sagte dasselbe. Der aber antwortete und sprach: Ja, Herr!, und ging nicht hin.
31 Wer von den beiden hat des Vaters Willen getan? Sie sprachen: Der erste. Jesus sprach zu ihnen: Wahrlich, ich sage euch: Die Zöllner und Huren kommen eher ins Reich Gottes als ihr. 32 Denn Johannes kam zu euch und wies euch den Weg der Gerechtigkeit, und ihr glaubtet ihm nicht; aber die Zöllner und Huren glaubten ihm. Und obwohl ihr's saht, reute es euch nicht, sodass ihr ihm danach geglaubt hättet.

Weitersehen
Jesus sieht auf die zwei Söhne, auf den Vater in der biblischen Geschichte. Jesus sieht auf die Zöllner und Huren auf den Straßen in Jerusalem. Jesus sieht auf die Pharisäer und Schriftgelehrten, dien ihn und Gott fragen. Jesus sieht auf uns, die wir hier sitzen. Alles Menschen.
Jesus sieht wie Menschen den Willen Gottes tun. Nichts sehnlicher wünscht er sich. Er sieht sie gehen, aufbrechen, im Heute Gottes leben und an seiner Wirklichkeit arbeiten. Jesus sieht Menschen den Weg der Gerechtigkeit gehen, in Frieden zum Frieden, Menschen wie sie im Gottes Herrlichkeit wandeln, sein Glanz auf ihnen ruht. Jesus sieht Menschen ins Reich Gottes kommen, nicht nur am Ende ihrer Zeit, sondern schon zu ihren Lebensaugenblicken sieht er sie auf Gott ihr Leben setzen, seiner Liebe folgen, alles Wesentliche von ihm bekommen, erfüllt leben. Nichts sehnlicher wünscht sich Jesus. Er sieht Gottes Weinberg, die uralte und immer neue Erzählung von Menschen, für die Gott arbeitet, die für Gott arbeiten, die wachsen, Früchte tragen, die das Leben schmecken und selbst Leben für anderen sind. Nichts sehnlicher wünscht sich Jesus. Nichts anderes will er sehen.

Tiefer wissen
Jesus weiß: Menschen, wir, sind gerufen, gerufen von Gott, mit dem Tag ihrer Geburt, jeden Tag neu, immer wieder, beharrlich. An Menschen ist Gottes Ruf gerichtet, sie sind Gottes Sinn, Gottes Gegenüber, deren Liebe er sich wünscht, die er liebt. Jesus weiß, Gott spricht Menschen an, mitten in ihrem Alltag, leise, unüberhörbar. Gottes Wort gilt ihnen, jenes Wort, das die Welt schuf und schafft, das alles wenden kann, das tröstet, richtet, Kraft ist. Jesus weiß, wir sind von Gott gemeint, aufgefordert, gefragt nach unserem Leben, wie wir es leben möchte, zu leben gedenken, wie wir glauben, dass es auf Gottes Frage eine Antwort sein könnte, wie wir auf seine Lebensfrage Lebensantwort sind.
Jesus weiß: Menschen fällt ihre Antwort schwer, sie wissen nicht immer genau, wie auf Gott zu antworten ist, sie haben viele, zu viele Antwortmöglichkeiten, zu viele Gedanken schwirren ihnen im Kopf, zu viele Seelen schlagen manchmal in ihrer Brust. Manchmal sind sie auch viel zu unentschlossen, zu lau, zu wenig geübt im Antworten auf Gott, zu kleingläubig auch. Manchmal sind sie auch blind, taub für Gott, taub geworden über all die Jahre, durch zu viel Stimmengewirr der Anderen, durch sich selbst.
Jesus weiß: Menschen übersehen Gottes Wegweiser Richtung Leben, sie stolpern furchtbar auf dem Weg der Gerechtigkeit, sie nehmen seine Verheißungen als Befehle, seine Gebote als Zumutungen, sein Wille als Möglichkeit, sie verschieben Gottes Heute auf Morgen, scheuen die Arbeit im Weinberg, verfehlen das Reich Gottes, ohne es zu wissen und absichtlich, versagen jene ein Antwort auf Gottes Frage nach Leben, nach uns, bleiben ohne Gottesresonanz. Sie sagen Nein statt Ja.

Zutrauen
Jesus bleibt ihnen aber treu. Er bleibt bei Ja. Jesus sieht die Menschen und er glaubt an deren Reue, an ihre wunderbare Kraft. Er weiß um die Reue und er wünscht sie Mensch, uns, dass wir sie erfahren, erleben, empfinden, daraus leben.
Jesus glaubt an die Reue, an deren unheimliche Kraft zur Veränderung, zur Umkehr, zum Sinneswandel, er vertraut darauf, dass die Reue die eigenen Wege anders sehen lässt. Jesus weiß um den Schmerz, den bitteren Schmerz, der in der Reue wohnt, er weiß, wie Reue sieht, wie sie zurückblickt und Trauer, Schmerz, Kopfschütteln empfindet über das, was getan. Jesus glaubt daran, dass in diesem Lebensschmerz, der nicht mehr rückgängig machen kann, was war, gerade eine Kraft innewohnt, die wieder neu leben lässt, eine Kraft, die sich selbst vergibt, die um Vergebung bittet, um Festhalten fleht, um das trotzdem-ich-liebe-dich ringt, auf Neuanfangen hofft.
Jesus weiß, es braucht jenes „Danach“ aus dem die Reue des ersten Sohnes, aus dem die Reue der Menschen wie herauskommt, wie geboren wird. Jesus weiß, wie lange, wie schwer, wie unergründlich dieses „Danach“ ist, sein kann. Er weiß, wie wenig Reue gemacht werden kann, wie sehr im Dunkeln der Schuld sie wohnt, wie sehr sie Gabe, Geschenk ist, als wende sich einem Tod in Leben. Jesus traut sie uns zu. Jesus weiß um einen Gott, der selbst der Reue willens und fähig ist, wie kein anderer, ein Gott, der immer wieder zuschaut, wie Menschen seine Frage ohne Antwort lassen, ein Gott, in dem Wut und Zorn darüber entsteht, der vielleicht Böses sinnt, der aber immer wieder Reue über uns empfindet, den wir reuen und der gnädig, barmherzig, geduldig bleibt und immer wieder wird, ein Gott, der sich immer wieder für seine Liebe zu uns entscheidet und unbedingt will, dass am Ende unserer Gedanken, am Ende unserer Tage, am Ende des Leben wir nicht bereuen, auf seine Lebensfrage mit unserem Leben nicht geantwortet zu haben. Sondern es taten: Dem Ruf Gottes folgten. Nichts sehnlicher wünscht sich Jesus. Amen.

Freitag, 4. August 2017

Gefundenes Herz



Predigt am 9. Sonntag nach Trinitatis (13.8.17)

Geh aus, mein Herz, und suche Freud
in dieser lieben Sommerzeit
an deines Gottes Gaben;
schau an der schönen Gärten Zier
und siehe, wie sie mir und dir
sich ausgeschmücket haben; sich ausgeschmücket haben.

Staunendes Herz
Mein Herz, in mir liegend, schlagend, pulsierend. Mein Herz, irgendwie mein Leben in mir, irgendwie ich selbst. Mein Herz suchend, manchmal unruhig, manchmal still sehnsuchtsvoll, suchend Heimat und fremde Ferne, Glück, die Liebe, mich, den einen anderen Menschen, Gott. Mein Herz, verschlossen, offen, verletzlich, wunderbar empfänglich, Herz bewegt in mir: Blickend, sehend, was da ist, um es herum, an eigenem, an anderem, an dem, was zu Herzen geht, wohin es kommen mag, was es berührt, nach was es sich ausstreckt. Geh aus, mein Herz; du ruhst in mir. Nicht so leicht lässt es sich, geht es aus, aus sich selbst, zu dem, was um ihm ist, verlässt es sich, um beim anderen teilweise, ja ganz zu sein, zu werden an dem, dem es sich zubewegt, dem es zugehört, den es finden möchte, lieben möchte.
Sechs Strophen geht das Herz aus, ein langer Spaziergang, ein weiter Rundblick des Herzens, weit hinaus in die Natur, auf Pflanzen, Tiere, Bäche, Erdreich. Die angeblickte Natur wird zu seiner, zu seiner Natur, die für ihn bestimmte Bedeutung erlangt. Das Herz blickt besonders auf die Natur, sie wird ihm zur Schöpfung, zu den guten Gaben Gottes. Das Herz ist gefüllt von Gott und sieht Natur von Gott erfüllt, die Schöpfung pulsiert und atmet, bewegt sich und ist beseelt, alles einzelne und alles zusammen, erzählt von Gott, spiegelt Gott hinein in die Welt, in das Auge des Betrachters, des Herzes. Sie wird zum Lob dessen, der sie geschaffen hat. Ein großer Resonanzraum.
Das Herz wird hineingezogen in diese Betrachtung, erst distanziert beschreibend wird es immer mehr selbst zum Bestandteil dessen, was es sieht, kommt das Herz zur Erkenntnis seiner selbst, seiner Gestimmtheit von Gott. Fasziniert von dem, was es an Wunderwelt sieht, erhebt sich das Herz gleich der Bewegung der Schöpfung wunderbar.

Die Bäume stehen voller Laub,
das Erdreich decket seinen Staub
mit einem grünen Kleide;
Narzissus und die Tulipan,
die ziehen sich viel schöner an
als Salomonis Seide, als Salomonis Seide.

Die Lerche schwingt sich in die Luft,
das Täublein fliegt aus seiner Kluft
und macht sich in die Wälder;
die hochbegabte Nachtigall
ergötzt und füllt mit ihrem Schall
Berg, Hügel, Tal und Felder, Berg, Hügel, Tal und Felder.


Die Glucke führt ihr Völklein aus,
der Storch baut und bewohnt sein Haus,
das Schwälblein speist die Jungen,
der schnelle Hirsch, das leichte Reh
ist froh und kommt aus seiner Höh
ins tiefe Gras gesprungen, ins tiefe Gras gesprungen.

Die Bächlein rauschen in dem Sand
und malen sich an ihrem Rand
mit schattenreichen Myrten;
die Wiesen liegen hart dabei
und klingen ganz vom Lustgeschrei
der Schaf und ihrer Hirten, der Schaf und ihrer Hirten.

Die unverdroßne Bienenschar
fliegt hin und her, sucht hier und da
ihr edle Honigspeise;
des süßen Weinstocks starker Saft
bringt täglich neue Stärk und Kraft
in seinem schwachen Reise, in seinem schwachen Reise.


Der Weizen wächset mit Gewalt;
darüber jauchzet jung und alt
und rühmt die große Güte
des, der so überfließend labt
und mit so manchem Gut begabt
das menschliche Gemüte, das menschliche Gemüte.

Ringendes Herz
Nach dem langen Spaziergang, dem weiten Rundblick in die Schöpfung sieht das Herz sich selbst, hat das Herz sich im umgebenden natürlichen Spiegel selbst entdeckt, in ganz bestimmet Weise: Alles singt und das Herz singt mit, alles ist von Gott bewegt und mein Herz auch. „ich selber kann und mag nicht ruhn“.
Unruhig, heilig angefasst ist mein Herz, erweckt seine Sinne, angesteckt vom höchsten Lob, mitgenommen. Ein selbst überfließendes Herz, randvoll, nicht an sich haltend, viel mehr als nur zögerlich bewusst herausgehend, sondern ein Herz, das nicht anders kann, das vor empfundener, gesehener, gespürter Liebe überfließt, sich nicht mehr halten kann.
Ein Herz, das zur Sehnsucht wird, zur übermäßigen, ein Herz, das spricht: „Ach“, „Welch“, „O“. Das sich wiederfindet im Konjunktiv der Hoffnung, diese Hoffnung als Wirklichkeit sehnt, nimmt, haben will, hat. „Denk ich“, „was will doch“, „wäre ich da“, „stünd ich schon“, „trüge“ ich. Infiziert vom Wunsch nach Christi Garten, nach dem Himmelzelt, nach dem goldenen Schloss, nach dem Klang himmlischer Chöre, nach dem Thron des süßen Gottes versetzt sich das Herz in diese Welt nach dieser Welt, ist es ein Herz, das sich ins Jenseits rettet, dorthin flieht, ganz entrückt sein will, geh aus mein Herz so weit, zu weit.
Und doch. Mein Herz ringt sich durch, nicht über diese irdene Realität hinweg zu schweben, sondern in der Welt zu bleiben und genau hier und überall Gott zu loben. Ein mit sich ringendes Herz, das um das Joch des Kummers, der Plage, der Sinnlosigkeit weiß, daran leidet, darum weiß, das Gott den Himmel bereit hält, aber nicht selbst dorthin entflieht, sondern sein Joch trägt und dennoch zum Lobe sich neigt. Ein durch die Erfahrungen des Lebens, gerade auch die bitteren und die bittersten, geneigtes Herz, das Gott trotzdem lobt, nicht still und stummgemacht schweigt, sondern fort und fort, hier und überall den Klang der Schöpfung in seiner Stimmlage wiederholt.

Ich selber kann und mag nicht ruhn,
des großen Gottes großes Tun
erweckt mir alle Sinnen;
ich singe mit, wenn alles singt,
und lasse, was dem Höchsten klingt,
aus meinem Herzen rinnen,
aus meinem Herzen rinnen.

Ach, denk ich, bist du hier so schön
und läßt du's uns so lieblich gehn
auf dieser armen Erden:
was will doch wohl nach dieser Welt
dort in dem reichen Himmelszelt
und güldnen Schlosse werden,  und güldnen Schlosse werden!

Welch hohe Lust, welch heller Schein
wird wohl in Christi Garten sein!
Wie muß es da wohl klingen,
da so viel tausend Seraphim
mit unverdroßnem Mund und Stimm
ihr Halleluja singen, ihr Halleluja singen.

O wär ich da! O stünd ich schon,
ach süßer Gott, vor deinem Thron
und trüge meine Palmen:
so wollt ich nach der Engel Weis
erhöhen deines Namens Preis
mit tausend schönen Psalmen, mit tausend schönen Psalmen.

Doch gleichwohl will ich, weil ich noch
hier trage dieses Leibes Joch,
auch nicht gar stille schweigen;
mein Herze soll sich fort und fort
an diesem und an allem Ort
zu deinem Lobe neigen, zu deinem Lobe neigen.

Wachsendes Herz
Ein Herz, erst betrachtend, dann hineingenommen in das Lob der Schöpfung, ein Herz, das seine Wege, auch die leidvollen, geht, aber dann selbst wie hervorgeht aus dem sommerlichen Glanz der Schöpfung, in der sich Gottes Herrlichkeit wiederspiegelt. Ein wahrlich geneigtes Herz, das sich vom Lob ausgehend in Worten der Bitte wiederfindet.
„Hilf“, „Segne“, „Gib“, „Mach Raum“, „Verleih“, „Erwähle“ und „Lass“. Ein Herz, das gelernt hat zu bitten, nicht nur zu loben, nicht nur zu zweifeln, zu klagen. Ein Herz, das das zur Sprache bringt, was die Schöpfung nur unhörbar kann, das sich und seinen Inhalt, sein Leben und Sehnen vor Gott bringt und darum bittet, das wünscht bedürftig zu empfangen; nicht nur ein herausgehendes, überfließendes Herz, sondern eines, das weiß: es empfängt, ihm wird gegeben, es darf bitten:
Seine Bitte, so zu werden, wie es sieht, dass anderes wird. Die Natur als Schöpfung von Herzensaugen, ihr Vergehen im Gedächtnis, ihr sommerliches wunderbares Gewordensein vor sich, ganz gegenwärtig hat es denselben Wunsch: Mein Herz und mein Leben möge werden, möge stetig blühen, möge Glaubensfrüchte bringen, möge Wurzeln und Raum haben, möge schöne Blume und Pflanze in Gottes Garten werden und bleiben.
Ein Herz, das darum bittet, in anderer und seiner Augen so ausgeschmücket zu sein, so schön zu sein, wie das, woran es seinen Ausgang genommen hat in seiner Suche, an der schönen Garten Zier. Ein Herz, das spürt und lebt, unser Herz, es ist von Gott schön angeschaut, es ist seine Zier, sein Lob, seine lebenslange Herzensbitte. Wir sind erwählt zum Paradies, Gotteskinder, warten blühend getrost auf dieses eine Ziel und immer bis dahin stimmen wir ein, Gott allein und sonsten keinem mehr, hier und dort ewig zu dienen.

Hilf mir und segne meinen Geist
mit Segen, der vom Himmel fleußt,
daß ich dir stetig blühe;
gib, daß der Sommer deiner Gnad
in meiner Seele früh und spat
viel Glaubensfrüchte ziehe, viel Glaubensfrüchte ziehe.

Mach in mir deinem Geiste Raum,
daß ich dir werd ein guter Baum,
und laß mich Wurzel treiben.
Verleihe, daß zu deinem Ruhm
ich deines Gartens schöne Blum
und Pflanze möge bleiben, und Pflanze möge bleiben.

Erwähle mich zum Paradeis
und laß mich bis zur letzten Reis
an Leib und Seele grünen,
so will ich dir und deiner Ehr
allein und sonsten keinem mehr
hier und dort ewig dienen, hier und dort ewig dienen.