Sonntag, 17. Juli 2016

Gegen den Strom



Predigt zum 118. Jahresfest des Diakonissenhauses Freiburg (17. Juli 2016)



In welche Richtung, Herr?
Gegen den Strom: Auf der Vorderseite unseres Liedblattes dazu vielleicht ein passendes Bild, das Parament aus der Kapelle, ein Fisch schwimmend und Menschen gehend: vielleicht gegen den Strom. Gegen den Strom: Anders schwimmen, anders gehen, in Bewegung sein, handeln, denken, leben. In eine andere Richtung. Gegen den Strom leben: sein Ding machen, Exot sein, Gegenentwurf sein, kontrafaktisch leben, sich reiben, anstoßen, anecken, ausweichen, Augen zu und durch, einsam, mühsam, Kraft zehrend, heldenhaft, geboten.
Wie schwimmt man, wie geht man, wie lebt man gegen den Strom? Und was ist der Strom, die Masse, die Mehrheit, gegen die man sich bewegt? Der Mainstream, der Trend, die Angepassten. Gibt es die, jenseits der Entartung von Massenaufläufen dunkler Zeiten und Ellenbogenmenschen? Die Masse: Normale? Gibt es die Stromlinienförmigen. Wirklich? Gehen nicht alle irgendwie in eine Richtung, in ihre, wir alle in verschiedene Richtungen, manche gemeinsam. In welche Richtung gehen wir? Mit unserm Leben, mit unseren Denken, Handeln, Tun? In die richtige Richtung, in die falsche? Gegen den Strom? Wohin? Was gibt uns Kraft dazu? Wer sagt uns das wohin und gibt und dazu Kraft, Vertrauen und Geduld?

Ungewöhnlich
Jesus war, ist anders. Sein Art zu leben, zu sprechen, zu denken, zu lieben; sein Sinn vom Leben, sein Auftrag, sein Lebensstil waren anders, seine Richtung im Leben. Gott ist anders, anders in diesem Jesus. Ein ungewöhnlicher, verrückter Gott, der Mensch wird, der diesem Jesus Woher und Wohin, Richtung ist. Verrückt, anders ist der Weg, den Jesus ging und geht: Hineingeboren in eine abgelegene Krippe, genagelt ans Kreuz, verlassen im Garten Gethsemane, wandernd ohne Platz für sein Haupt, Rast machend am Tisch mit Ausgegrenzten, lebendig in der Gemeinschaft von Sündern. Ein Weg gegen den Strom? Gegen gewöhnliche Bilder von Gott und die Menschen.
Ungewöhnlich, was Jesus tat und sagte: Kranke hat er geheilt, Stummen Worte geschenkt, den Tod überwunden. Ungewöhnlich seine Worte, irgendwie Worte gegen den Strich, gegen den Strom: Von der Hand an den Pflug, den Blick nur nach vorne; vom Verlassen deren, die man liebt, die Toten nicht beerdigen, der Zukunft Gottes entschlossen entgegen leben; Wort, so hart und verheißungsvoll: sein Kreuz auf sich nehmen, ihm folgen, solidarisch leiden; Worte von einem schmalen Weg ins Leben, von einer engen Pforte hinein in den Himmel, von wenig Brot, das sich vermehrt, Worte vom Nadelöhr, durch das nur die kommen, die ihm folgen, von unsere Seele, um die er sich dreht.


Vorwärts
Wir sind im Mutterhaus. Hier lebten und leben Diakonissen. Mit Haube und Tracht, mit einem anderen Leben. Früher gewohnt im Bild der Städte und Dörfer, heute ungewöhnlich, irgendwie aus der Zeit gefallen, bloße Tradition? In der Kapelle der Diakonissen am Altar dieses Parament. Es hängt da in der Sommer- und Trinitatiszeit und wir sitzen jetzt hier.
Gegen den Strom: Ein Fisch, der in die entgegengesetzte Richtung schwimmt, scheinbar, wirklich, weil die Wellen darunter in die Richtung laufen, wie wir schreiben, fahren, denken: von links nach rechts. Der Fisch gegen diese Richtung. Christen sollen gegen den Strom leben. Darunter im Bild fünf Gestalten, Figuren, schemenhafte Menschen, hell und dunkle, verschiedene. Zwei von ihnen haben einen Stock. Diese Fünf sind auf dem Weg, woher und wohin wissen wir nicht, sie wissen es. Wanderer auf dem Weg durch Leben und Zeit. Ihre Körper gebeugt, sie gegen entgegen, irgendwie einer Richtung entgegen, gegen den Wind in Raum und Zeit, im Leben, sie ducken sich, schützen sich, gehen vorwärts trotzend; gehen gemeinsam, die Gestalten vermischen, schützen sich gegenseitig, bergen sich, gehen ihren Weg, gegen den Wind, der ihnen bringt, was kommt.
Ein grünes Parament, Ein Bild für die Trinitatiszeit, jene Zeit im Sommer, die Zeit der wachsenden Saat, des Kornes, das in die Erde fällt und stirbt, damit es Frucht bringt zu seiner Zeit. Zeit für die Gemeinde nachzudenken, was es bedeutet, als Christ gesandt zu sein, auf dem Weg zu sein, in eine Richtung dem Herrn alleine folgend unterwegs zu sein und zu bleiben, auch gegen den Wind, gegen den Strom. Reihen wir uns ein in diese fünf Gestalten? Sind wir eine von ihnen? Wollen wir es sein? Werden wir es?

Entgegenkommend
Ruhig hängt das grüne Parament, statisch, beharrlich am Altar, stoisch gegen manch andere Bilder des Lebens. Es trägt auf sich zwei Bilder, die eigentlich eins sind, in eins gehören. Nur getrennt durch die Wellen, die scheinbar die Richtung angeben. Zusammen geschaut wird die Frage nach rechter Richtung selbst anders, fast paradox. Der Fisch, der gegen den Strom, schwimmt, kommt nun den fünf Gestalten, die gegen den Wind gegen, entgegen. So, wie wir als Christen sein sollen, das kommt uns entgegen, unser eigenes Gegenbild von Gott gewollt kommt uns entgegen. So sehr wir auf dem Weg sind, bleibt das unsere Aufgabe, bleibt das in uns auch widerständig, für uns herausfordernd: Gott, den Ungewöhnlichen, den Non-Konformisten, den der Mensch wird im anderen, zu suchen. Er kommt uns aber im gleichen Moment entgegen, wir und er gehen, leben aufeinander zu. Er ist immer und bleibt in allem Widerständigen ein zutiefst entgegenkommender Gott, gegen alles andere für uns, für uns gegen den Strom. Amen.



Fürbitten

Einleitung Kunath

Was keiner wagt, das sollt ihr wagen
was keiner sagt, das sagt heraus
was keiner denkt, das wagt zu denken
was keiner anfängt, das führt aus

Wenn keiner ja sagt, sollt ihr's sagen
wenn keiner nein sagt, sagt doch nein
wenn alle zweifeln, wagt zu glauben
wenn alle mittun, steht allein

Wo alle loben, habt Bedenken
wo alle spotten, spottet nicht
wo alle geizen, wagt zu schenken
wo alles dunkel ist, macht Licht.
Lothar Zenetti (geboren 1926 in Frankfurt)

VATERUNSER

Donnerstag, 23. Juni 2016

Verrücktes Wort vom Kreuz



„Wort vom Kreuz“
Predigt am 5. Sonntag nach Trinitatis (26. Juni 2016)

1. Kor 1, 18-25
Denn das Wort vom Kreuz ist eine Torheit denen, die verloren werden; uns aber, die wir selig werden, ist's eine Gotteskraft. Denn es steht geschrieben (Jesaja 29,14): »Ich will zunichte machen die Weisheit der Weisen, und den Verstand der Verständigen will ich verwerfen.« Wo sind die Klugen? Wo sind die Schriftgelehrten? Wo sind die Weisen dieser Welt? Hat nicht Gott die Weisheit der Welt zur Torheit gemacht? Denn weil die Welt, umgeben von der Weisheit Gottes, Gott durch ihre Weisheit nicht erkannte, gefiel es Gott wohl, durch die Torheit der Predigt selig zu machen, die daran glauben. Denn die Juden fordern Zeichen und die Griechen fragen nach Weisheit, wir aber predigen den gekreuzigten Christus, den Juden ein Ärgernis und den Griechen eine Torheit; denen aber, die berufen sind, Juden und Griechen, predigen wir Christus als Gottes Kraft und Gottes Weisheit. Denn die Torheit Gottes ist weiser, als die Menschen sind, und die Schwachheit Gottes ist stärker, als die Menschen sind.

Heruntergekommen
Das Wort vom Kreuz: Vom Kreuz heruntergekommen, gesagt, gepredigt. Kein Wort über das Kreuz. Es überdenkend, über es redend, sprechen, sinnieren. Wort vom Kreuz. Von dem kommend, ihn in sich tragend, ihn an sich tragend, der da am Kreuz ist. Wort vom Kreuz, das so aussieht, sich anfühlt, gesprochen und gehört wird, wie der, der da hängt am Kreuz. Wort vom Kreuz: gekreuzigtes Wort. Dürres Wort, ausgemergeltes Wort, verspottet, verhöhnt, geschlagen, gefesseltes, nacktes, mit Nägeln durchlöchertes Wort, heruntergekommen.

Verrücktes Wort
Diesem Wort vom Kreuz vertrauen? Sich ihm anvertrauen, sich ihm anbefehlen, mit Leib und Seele, gar sein Leben auf es setzen? In diesem heruntergekommenen, dürren, toten Wort vom Kreuz etwas finden, etwas suchen, von sich, von der Welt und von Gott? Von ihm etwas erwarten, in ihm mehr sehen? Dieses geschlagene, verspottete, nacktes Wort für viel halten, für klug, weise, sinnvoll, zukunftsträchtig, erfolgsversprechend halten?
Kein Wunder: Anderen Worten vertrauen wir mehr, erwarten mehr von ihnen. Sehen mehr in ihnen, lesen Sinn und Wegweisendes an ihnen ab. Anderen Worten vertrauen wir mehr, den Worten, die viel enthalten, die sinnvoll sind, die lebendiger, stärker, klüger, gelehrter, erprobter, bewährter, viel gesprochener, viel versprechender sind. Den anderen Worten vertrauen wir mehr und was und die hinter und in diesen Worten sind. Die sie sprechen und hören.

Verkehrte Welt
Aber nicht diese anderen Worte werden gepredigt, werden weitergesagt, weitergegeben, sondern das heruntergekommene Wort vom Kreuz wird gepredigt, genau dieses dürre, dumme, nackte, ausgelieferte Wort. Und: Es kann gar nicht schön sein. Es kann gar nicht klug daherkommen. Es kann gar nicht glatt und eingängig sein.
Es trägt einen Gott mit und in sich der selbst heruntergekommen ist, vom Himmel in die tiefsten Niederungen menschlichen Lebens, ein Gott, der sich in die Ecken und Winkel des Lebens traut, dorthin kommt, wo es wehtut, ein Gott, der das Verachtete schätzt, das Beschmutzte liebt, das Verlorene sucht, der sich selbst erniedrigt, um bei den Erniedrigten zu sein, an den Rändern, bei den Verstoßenes, bei unseren übelsten Taten und Fragen, in unserem Seelenmorast.
Ein irgendwie verkehrter Gott, der nichts hält von den gewohnten Wegen eines Gottes, der nichts hält und meint von den normalen gewohnten Wegen, wie Menschen sich ihm nähern, zu ihm versuchen zu kommen. Ein Gott, der die gewohnten Welt der Allzu-Mächtigen nicht mag und nicht anerkennt, eine Welt von denen, die meinen, alles von sich aus, mit eigener Kraft zu können und zu ihm zu kommen. Die Gedanken, das Wollen, die Worte von diesen verwirft Gott macht er zunichte. Er kommt selbst herunter, zu diesen und sicher ganz besonders zu denen, die selbst ganz unten sind.
Ein irgendwie verrückter, verkehrter, heruntergekommener Gott mit seinem Wort vom Kreuz. Eines, das notwendig in sich querliegt zu gewöhnlichen Wegen und Denkweisen, ein göttliches Wort, so nackt, dürr, totenbleich es ist, verwirrt, das anstößt, ärgert, pervertiert, verrückt, schwer zu verstehen ist. Eines, das Gott selbst gefällt und nicht gefällt, ein Wort, das Gott nicht, niemals gefällt, weil es gekreuzigt wurde, ein Wort, das Gott gefällt, sein Weg konsequent zu den Menschen zu sein.


Hinaufkommen
Wort vom Kreuz. In dir wohnt die Gotteskraft, die machst selig, schenkst glauben und rufst in deine Gemeinschaft. Du bist töricht und um so viel weiser als alle anderen Worte. Du bist nackt und geschlagen und so viel stärker als alle anderen Worte.
Wort vom Kreuz. Wo sind all die Klugen der Welt, die Schnellerdenken und Alles-Macher, die schlauen Wortanführer und Besser-Durchkommer, die Gewieften und selbsternannte Glückspilze ? Du weißt es. Wo sind wir? Das weißt du auch. Wir, die wir immer auch etwas von diesen anderen in uns tragen, die wir auch selber machen wollen und uns stoßen am Kreuz und es nie ganz verstehen.
Wort vom Kreuz. Du Gotteskraft denen, die selbst am Kreuz sind, die heraufgekommen sind ans Kreuz, an ihr Kreuz, das mitten im Leben steht, heraufgekommen durch eigene Not, selbst dürr, nackt, verlassen und geschlagen, irgendwie lebendig gekreuzigt, heruntergekommen, erniedrigt, ohne Worte mehr, selbst ein stummes Wort vom Kreuz. Auch dort sind wir - manchmal in bestimmten Augenblicken, vielleicht nicht so auffällig, eher tragisch und dramatisch - Welche vom Kreuz. Dort wird das dürre Wort vom Kreuz zur Gotteskraft, zum weisen, still klugen Wort, das von Gottes liebender Gegenwart erzählt, davon, dass Gott bei denen ist, die am Kreuz sind, dass er mitleidet, mitgeht, im selbst sich neigend hinaufsteigt an deren Kreuz und im todschwärzesten Augenblick Wort „Gott“ am Kreuz ist.  Amen.

Samstag, 11. Juni 2016

Kommt gut an



Predigt zum Beginn der Woche der Diakonie (12. 6. 2016)

Gut Ankommen
„Kommt gut an!“ Das wünscht ein Mensch dem anderen, wenn er auf Reisen geht, wenn die Sachen gepackt sind, die letzten Vorbereitungen getroffen sind, dann: Gute Reise, gute Fahrt. Komm gut an. Im Wunsch die Sorge: Wege können gefährlich sein, lange und kurze Wege, es kann immer was passieren. Deswegen: Komm, bitte, gut an, melde dich kurz, dass ich es weiß. Im Wunsch die Bitte, es möge gut enden und gut beginnen, der Weg und das Dortsein.
Gut ankommen. Der Blick ist auf das Ziel gerichtet, auf das, wohin der Weg führen soll, die Reise, die Schritte, die Bahnkilometer. Nach guter Reise ein gutes Ankommen, ein paar erste gute Stunden, sich einfinden, wohl fühlen, mit der Seele mitkommen. Ankommen: kleiner und größerer Moment zwischen „Ich bin gekommen“ und „Ich bleibe dort“. Im Ankommen ist der Weg noch irgendwie gegenwärtig, ist das dort, wo man ankommt, noch zu entdecken, noch zum eigenen zu machen. Im Ankommen halten wir wie inne und bringen uns mit, so wie wir sind.
Angekommen: Wie oft sind wir das irgendwann und irgendwo im Leben. Angekommen in einer neuen Wohnung, angekommen nach kurzer Straßenbahnfahrt, angekommen nach einer Durststrecke im Leben. Angekommen im Leben, in meinem eigenen Leben. Sind wir das? In Momenten, ganz? Schwer zu sagen. Merkwürdig. Angekommen im Leben. Wissen wie es ist: das Leben; was es auf sich hat, wie es tickt? Angekommen bei einem Menschen, dort ganz da sein zu können und zu dürfen, wie ich bin. „Komm gut an.“ Lebenswunsch.

gekommen
Zum Leben gehört Kommen. Es mag ein Wort sein, dass wir im Lauf eines Lebens millionenmal sagen, hören, lesen. Kommen ist anders als die anderen Fortbewegungsarten, Kommen ist nicht gehen, laufen, rennen, fahren. Beim Kommen geht es weniger um das Wie, wie Menschen sich bewegen. Es geht beim Kommen und das Woher und Wohin, um Ursprung und Ziel und um Orte, die unser Leben beschreiben, bestimmen. Und es erinnert grundlegend und bleibend daran, dass wir Kommenden sind als Menschen, zur Welt Kommende und Gekommene. Einmal für immer. Und im Wort „Kommen“ spricht sich so vieles im Leben aus: umkommen, verkommen, überkommen, niederkommen, abkommen, auskommen, übereinkommen, vorkommen, willkommen, Einkommen, vollkommen.
Und Gott kommt auch. Er geht nicht, er läuft nicht, er rennt nicht. Er kommt. Gott ist in sich in Bewegung, in Liebesbewegung und diese innere Liebesbewegung macht Gott zu einem kommenden Gott. Gott bleibt nicht in sich, nicht bei sich. Gott kommt. Sein Sein hat ein Beweggrund, ein Ziel, eine Quelle, eine Absicht, ein Auftrag, eine Bestimmung, ein Sinn: Menschen sind es. Gott kommt zu Menschen, zu uns. Sein ganzes Sein ist Advent, Ankunft, Ankommen bei uns, sein Weg ist Jesus Christus. In ihm kommt das Himmelreich unglaublich nahe. Durch ihn will Gott bei uns ankommen.
Noch mehr: Gott ist angekommen. In unserem Wochenspruch: „Der Menschensohn ist gekommen…“ Mit einem Wozu, mit einem Grund, mit einem Ziel. „Der Menschensohn ist angekommen, zu suchen und selig zu machen, was verloren ist.“ Das ist die göttliche Suchbewegung, wie sie in Jesus Christus uns glaubhaft vor Augen gemalt wird: Gottes Kommen ist ein Suchen, ein bestimmtes, beharrliches Suchen, ja Finden, ja, wo gefunden ein Seligmachen. Wo Gott ankommt, da ist Suche zu Ende, da wird gefunden, ist gefunden, da wird Seligkeit.

Verloren gehen
„Kommt gut an!“ Motto der Woche der Diakonie. Diakonie denkt an Menschen, die in Not sind und Hilfe brauchen. Menschen in Not, bedürftige Menschen, der Zuwendung, der Hilfe, der Unterstützung, der Teilhabe bedürfte Menschen.
Menschen, die irgendwie auch angekommen sind, aber angekommen sind in Notlagen, in der Not: selbstverschuldet, fremdverschuldet, tragisch, nur kurz, ganz lange, an Leib, an Seele. Angekommen in der Not und gar nicht gut angekommen. Angekommen auf der Straße, angekommen in einsamen Wohnungen, angekommen in Heimen, angekommen in Krankenhäuser, angekommen in eigener Not, in Einschränkungen, in Schmerzen, in Hilfslosigkeit, in offenen Fragen.
Angekommen, irgendwie zwischen einfinden, abfinden, sich arrangieren, zwischen geholfen bekommen, sich integrieren sollen, getröstet werden, geheilt werden. „Der Menschensohn ist gekommen, zu suchen und selig zu machen, was verloren ist.“ Angekommen, um gesucht zu werden, damit zu ihnen etwas kommt, bei ihnen etwas, jemand ankommt. Menschen, denen ein Stück vom Leben und mehr, manchmal viel mehr verloren geht, die vom Leben und seinen Möglichkeiten ausgeschlossen werden. Zu denen kommen, dort ankommen, vorsichtig, behutsam, sie teilhaben lassen am Leben, am eigenen Leben, am Leben überhaupt, an seinen Möglichkeiten, an seiner Fülle, selbst zu deren Lebensmöglichkeiten werden. Das Verlorene suchen und wie Jesus Christus Leben bringen.

Gott ankommen
„Kommt gut an.“ Kann auch heißen: „Es kommt gut an.“ Etwas findet Anklang, findet Resonanz, kommt so, dass es das Wort „gut“ nahelegt. Gut ankommen wollen auch Menschen, bei anderen, bei sich, so allgemein. Die wenigsten wollen schlecht ankommen, die meisten gut. Menschen wollen gefallen, wollen geschätzt, geachtet, mit dem, was sie sind, wahrgenommen werden, gut ankommen.
Gott will auch gut ankommen. Mit dem, was er gut nennt. Gott ist gekommen und will ankommen bei uns. Er will, dass wir zu ihm kommen. Wo Gott und wir aufeinandertreffen, ist Gott angekommen bei uns. Ob das immer gut ist? Wo Gott ankommt, kann er aufrütteln, in Frage stellen, irritieren, auf neue Wege setzen. Will es dem Guten für die Menschen, für uns dienen. Gott will gut ankommen, und die Hoffnung ist: Wo dies passiert, sind wir im Leben angekommen.
„Kommt gut an!“ Motto der Woche der Diakonie auch in diesem Sinne: „Es kommt gut an“. „Es“ ist Gott, ist die Fülle, ist dass Menschen einander teilgeben und teilhaben an dem, was Leben ist. Da, wo dies passiert. Da, wo dies geschieht. Da, wo andere Menschen in der Not von Menschen ankommen, dort sind und bleiben, wo sie Gottes Liebes- und Suchbewegung zum Verlorenen hin, zur Welt nachahmen, dort kommt Gott selbst an, kommt er gut, ja sehr gut, ja seligmachend an, dort erfüllt sich der Wunsch, die Bitte auf der einen Lebensreise: „Kommt gut an.“Amen

Freitag, 6. Mai 2016

Liebeserklärung



Predigt an Exaudi (8. Mai 2016)

Epheser 3, 14-21
Deshalb beuge ich meine Knie vor dem Vater, der der rechte Vater ist über alles, was da Kinder heißt im Himmel und auf Erden, dass er euch Kraft gebe nach dem Reichtum seiner Herrlichkeit, stark zu werden durch seinen Geist an dem inwendigen Menschen, dass Christus durch den Glauben in euren Herzen wohne und ihr in der Liebe eingewurzelt und gegründet seid. So könnt ihr mit allen Heiligen begreifen, welches die Breite und die Länge und die Höhe und die Tiefe ist, auch die Liebe Christi erkennen, die alle Erkenntnis übertrifft, damit ihr erfüllt werdet mit der ganzen Gottesfülle. Dem aber, der überschwänglich tun kann über alles hinaus, was wir bitten oder verstehen, nach der Kraft, die in uns wirkt, dem sei Ehre in der Gemeinde und in Christus Jesus zu aller Zeit, von Ewigkeit zu Ewigkeit! Amen.

Liebe erklären
Dieses Gebet ist wie eine große Liebenserklärung.
Von Zeit zu Zeit erklären Menschen sich einander die Liebe. Zärtlich, leise, alltäglich, außergewöhnlich. In ganz besonderen Momenten und vielleicht braucht aber eine Liebenserklärung auch das ganze Leben, die ganze Fülle von vielen Tagen, Sätzen, Berührungen, gemeinsamen erlebten, durchstandenen, wunderbaren Augenblicken. Jemand erklärt jemanden anderen die Liebe, fühlt sie in sich, überfließend, gewiss, wahrhaftig und gesteht sie, sagt sich, spricht sie aus, zu, gibt und schenkt sie dem anderen als Wertvollstes, als Schönstes, lässt den anderen als geliebten Menschen fühlen, sehen, erstrahlen, diese Liebe empfinden. Das Unsagbare der Liebe, deren Faszination und Tragkraft, deren Erhebendes und Alltagssattes, wird ausgesagt, das Unerklärliche erklärt, und bleibet kostbarstes Geheimnis.
Dieses Gebet ist wie eine wunderbare, kostbare Liebeserklärung. Da betet einer für einen anderen, für uns, die wir das Gebet hören, dass dieser, dass wir die Liebe bekommen, spüren, in sich haben, erfüllt davon seien. Er betet selbst erfüllt von Liebe zu dem, der die Liebe ist, zu Gott, und Gott möge dem anderen, uns, die Liebe schenken.
Eine Liebeserklärung Gottes.

Hingebungsvoll
Hingebungsvoll, voll Liebe, selbst erfüllt von ihr, betet der Beter dieser Worte. Er betet aus eigener Liebe, sie erfahren, geschenkt bekommen, er betet in Liebe für die Liebe. Er betet nicht für seine eigene Liebe, nicht in eigener. Er betet von Gottes Liebe geliebt in Gottes Liebe für Gottes Liebe.
Er betet kniend, gebeugt, versunken, ehrergiebig, selbst vollkommen bedürftig, angewiesen, ausgestreckt auf jene Liebe, um die er bittet, selbst hungrig und durstig nach Liebe, selbst von ihr lebend, sie gebend, sie erbittend, von dem, der die Quelle der Liebe ist.
Er betet eindringlich, eingehend, dreimal setzt er mit Gebetsworten immer wieder an, er schreitet in Worten Himmel und Erde ab, versucht beten in Worten alles zu umfassen, versucht den Glanz zu sagen, den Reichtum vor Augen zu malen, die wunderbare Kraft selbst spürbar zu machen, den, für den er betet, hineinzuführen, hineinzusprechen, hineinzubringen in jene Liebe, aus der er selbst alles schöpft: seine Worte, seine Gebet, seine Bitten, sich und sein Leben.

Überfließend
Überfließend, überbordend, aus sich herausgehend, suchend, findend, im höchsten Maße erfüllend ist ihm die Liebe Gottes, ist die Liebe Gottes. Sie ist alles durchpulsierende Kraft und Macht, sie kann zart und stürmisch sein, fordernd und selbst hingebungsvoll, erbarmend und zurechtrückend, gütig und geduldig, herrlich, nahe, unglaublich reich und bereichernd. Über alles ist sie alles umfassend, alles berührend, alles umarmend, alles bergend, alles haltend, heilend, befreiend, rettend.
Gottes Liebe erfüllt alles, Zeit und Raum, Himmel und Erde, kleine und große, Sünder und Heilige, sie ist überschwänglich, leidenschaftlich, schöpferisch, verändernd und hält geborgen. Sie ist unerklärlich, unfassbar, wirksam, verleiht Flügel und Wurzeln, in ihr erklärt sich Gott der Welt, uns, er erklärt sich als der, der er ist, er erklärt uns die Liebe.

empfangen
Erbeten, gewünscht, zugesprochen gibt die Liebe Kraft und Stärke. Kraft und Stärke, sie zu empfangen, in ihr zu leben. Nicht eigene Kraft, nicht eigene Stärke, auch wenn sie in und an uns ist. Sondern Kraft und Stärke dessen, der Liebe schenkt, der schenkt, dass in uns, im Herzen Christus selbst einwohnen, sich lebendig einnisten kann. Menschen ganz bedürftig, angewiesen, ganz offen, vielleicht auch wundgelebt, schmerzlich aufgebrochen bekommen Gottes Kraft, dass die Liebe Christi in ihnen einwohne, sich einwurzle, sich dort gründe und dort selbst zum Grund, zum Fundament, zur Quelle, zur Lebenskraft wird.
Menschen werden immer tiefer in diese Liebe hineingeführt, kommen hinein, wohnen selbst der Liebe ein, finden sich ein, finden sich und ihr Leben in dieser Liebe, die nicht ihre ist, aber ihnen geschenkt ihre wird, sie selbst wird. Das Unfassbare, das Unermessliche der Liebe, deren Größe, deren Geheimnis, deren unerfindliche, spürbare Macht verstehen Menschen, erfassen, begreifen sie, so wie Menschen Liebe begreifen, wenn ein Jemand zutiefst liebt und geliebt wird, die Liebe einen begreift, umgreift und uns hineinnimmt in sich, in all ihrer wunderbaren Breite und Länge, Höhe und Tiefe, in ihren alles heilsam umfassenden Raum.
Mit den Augen der von Gott geheiligten, zu tiefst geliebten Menschen die Liebe selbst dann sehen und von ihr erfüllt werden. Diese Fülle empfangen und in sich tragen und ihrer wie alle anderen bedürftig in Höhen und Tiefen, in der ganzen Weite und Enge des Lebens, um sie bitten, für sie beten, für andere anderen beten, um Liebe für andere bitten, auch die Liebe Gottes erklären.
Amen.