Samstag, 11. Juni 2016

Kommt gut an



Predigt zum Beginn der Woche der Diakonie (12. 6. 2016)

Gut Ankommen
„Kommt gut an!“ Das wünscht ein Mensch dem anderen, wenn er auf Reisen geht, wenn die Sachen gepackt sind, die letzten Vorbereitungen getroffen sind, dann: Gute Reise, gute Fahrt. Komm gut an. Im Wunsch die Sorge: Wege können gefährlich sein, lange und kurze Wege, es kann immer was passieren. Deswegen: Komm, bitte, gut an, melde dich kurz, dass ich es weiß. Im Wunsch die Bitte, es möge gut enden und gut beginnen, der Weg und das Dortsein.
Gut ankommen. Der Blick ist auf das Ziel gerichtet, auf das, wohin der Weg führen soll, die Reise, die Schritte, die Bahnkilometer. Nach guter Reise ein gutes Ankommen, ein paar erste gute Stunden, sich einfinden, wohl fühlen, mit der Seele mitkommen. Ankommen: kleiner und größerer Moment zwischen „Ich bin gekommen“ und „Ich bleibe dort“. Im Ankommen ist der Weg noch irgendwie gegenwärtig, ist das dort, wo man ankommt, noch zu entdecken, noch zum eigenen zu machen. Im Ankommen halten wir wie inne und bringen uns mit, so wie wir sind.
Angekommen: Wie oft sind wir das irgendwann und irgendwo im Leben. Angekommen in einer neuen Wohnung, angekommen nach kurzer Straßenbahnfahrt, angekommen nach einer Durststrecke im Leben. Angekommen im Leben, in meinem eigenen Leben. Sind wir das? In Momenten, ganz? Schwer zu sagen. Merkwürdig. Angekommen im Leben. Wissen wie es ist: das Leben; was es auf sich hat, wie es tickt? Angekommen bei einem Menschen, dort ganz da sein zu können und zu dürfen, wie ich bin. „Komm gut an.“ Lebenswunsch.

gekommen
Zum Leben gehört Kommen. Es mag ein Wort sein, dass wir im Lauf eines Lebens millionenmal sagen, hören, lesen. Kommen ist anders als die anderen Fortbewegungsarten, Kommen ist nicht gehen, laufen, rennen, fahren. Beim Kommen geht es weniger um das Wie, wie Menschen sich bewegen. Es geht beim Kommen und das Woher und Wohin, um Ursprung und Ziel und um Orte, die unser Leben beschreiben, bestimmen. Und es erinnert grundlegend und bleibend daran, dass wir Kommenden sind als Menschen, zur Welt Kommende und Gekommene. Einmal für immer. Und im Wort „Kommen“ spricht sich so vieles im Leben aus: umkommen, verkommen, überkommen, niederkommen, abkommen, auskommen, übereinkommen, vorkommen, willkommen, Einkommen, vollkommen.
Und Gott kommt auch. Er geht nicht, er läuft nicht, er rennt nicht. Er kommt. Gott ist in sich in Bewegung, in Liebesbewegung und diese innere Liebesbewegung macht Gott zu einem kommenden Gott. Gott bleibt nicht in sich, nicht bei sich. Gott kommt. Sein Sein hat ein Beweggrund, ein Ziel, eine Quelle, eine Absicht, ein Auftrag, eine Bestimmung, ein Sinn: Menschen sind es. Gott kommt zu Menschen, zu uns. Sein ganzes Sein ist Advent, Ankunft, Ankommen bei uns, sein Weg ist Jesus Christus. In ihm kommt das Himmelreich unglaublich nahe. Durch ihn will Gott bei uns ankommen.
Noch mehr: Gott ist angekommen. In unserem Wochenspruch: „Der Menschensohn ist gekommen…“ Mit einem Wozu, mit einem Grund, mit einem Ziel. „Der Menschensohn ist angekommen, zu suchen und selig zu machen, was verloren ist.“ Das ist die göttliche Suchbewegung, wie sie in Jesus Christus uns glaubhaft vor Augen gemalt wird: Gottes Kommen ist ein Suchen, ein bestimmtes, beharrliches Suchen, ja Finden, ja, wo gefunden ein Seligmachen. Wo Gott ankommt, da ist Suche zu Ende, da wird gefunden, ist gefunden, da wird Seligkeit.

Verloren gehen
„Kommt gut an!“ Motto der Woche der Diakonie. Diakonie denkt an Menschen, die in Not sind und Hilfe brauchen. Menschen in Not, bedürftige Menschen, der Zuwendung, der Hilfe, der Unterstützung, der Teilhabe bedürfte Menschen.
Menschen, die irgendwie auch angekommen sind, aber angekommen sind in Notlagen, in der Not: selbstverschuldet, fremdverschuldet, tragisch, nur kurz, ganz lange, an Leib, an Seele. Angekommen in der Not und gar nicht gut angekommen. Angekommen auf der Straße, angekommen in einsamen Wohnungen, angekommen in Heimen, angekommen in Krankenhäuser, angekommen in eigener Not, in Einschränkungen, in Schmerzen, in Hilfslosigkeit, in offenen Fragen.
Angekommen, irgendwie zwischen einfinden, abfinden, sich arrangieren, zwischen geholfen bekommen, sich integrieren sollen, getröstet werden, geheilt werden. „Der Menschensohn ist gekommen, zu suchen und selig zu machen, was verloren ist.“ Angekommen, um gesucht zu werden, damit zu ihnen etwas kommt, bei ihnen etwas, jemand ankommt. Menschen, denen ein Stück vom Leben und mehr, manchmal viel mehr verloren geht, die vom Leben und seinen Möglichkeiten ausgeschlossen werden. Zu denen kommen, dort ankommen, vorsichtig, behutsam, sie teilhaben lassen am Leben, am eigenen Leben, am Leben überhaupt, an seinen Möglichkeiten, an seiner Fülle, selbst zu deren Lebensmöglichkeiten werden. Das Verlorene suchen und wie Jesus Christus Leben bringen.

Gott ankommen
„Kommt gut an.“ Kann auch heißen: „Es kommt gut an.“ Etwas findet Anklang, findet Resonanz, kommt so, dass es das Wort „gut“ nahelegt. Gut ankommen wollen auch Menschen, bei anderen, bei sich, so allgemein. Die wenigsten wollen schlecht ankommen, die meisten gut. Menschen wollen gefallen, wollen geschätzt, geachtet, mit dem, was sie sind, wahrgenommen werden, gut ankommen.
Gott will auch gut ankommen. Mit dem, was er gut nennt. Gott ist gekommen und will ankommen bei uns. Er will, dass wir zu ihm kommen. Wo Gott und wir aufeinandertreffen, ist Gott angekommen bei uns. Ob das immer gut ist? Wo Gott ankommt, kann er aufrütteln, in Frage stellen, irritieren, auf neue Wege setzen. Will es dem Guten für die Menschen, für uns dienen. Gott will gut ankommen, und die Hoffnung ist: Wo dies passiert, sind wir im Leben angekommen.
„Kommt gut an!“ Motto der Woche der Diakonie auch in diesem Sinne: „Es kommt gut an“. „Es“ ist Gott, ist die Fülle, ist dass Menschen einander teilgeben und teilhaben an dem, was Leben ist. Da, wo dies passiert. Da, wo dies geschieht. Da, wo andere Menschen in der Not von Menschen ankommen, dort sind und bleiben, wo sie Gottes Liebes- und Suchbewegung zum Verlorenen hin, zur Welt nachahmen, dort kommt Gott selbst an, kommt er gut, ja sehr gut, ja seligmachend an, dort erfüllt sich der Wunsch, die Bitte auf der einen Lebensreise: „Kommt gut an.“Amen

Freitag, 6. Mai 2016

Liebeserklärung



Predigt an Exaudi (8. Mai 2016)

Epheser 3, 14-21
Deshalb beuge ich meine Knie vor dem Vater, der der rechte Vater ist über alles, was da Kinder heißt im Himmel und auf Erden, dass er euch Kraft gebe nach dem Reichtum seiner Herrlichkeit, stark zu werden durch seinen Geist an dem inwendigen Menschen, dass Christus durch den Glauben in euren Herzen wohne und ihr in der Liebe eingewurzelt und gegründet seid. So könnt ihr mit allen Heiligen begreifen, welches die Breite und die Länge und die Höhe und die Tiefe ist, auch die Liebe Christi erkennen, die alle Erkenntnis übertrifft, damit ihr erfüllt werdet mit der ganzen Gottesfülle. Dem aber, der überschwänglich tun kann über alles hinaus, was wir bitten oder verstehen, nach der Kraft, die in uns wirkt, dem sei Ehre in der Gemeinde und in Christus Jesus zu aller Zeit, von Ewigkeit zu Ewigkeit! Amen.

Liebe erklären
Dieses Gebet ist wie eine große Liebenserklärung.
Von Zeit zu Zeit erklären Menschen sich einander die Liebe. Zärtlich, leise, alltäglich, außergewöhnlich. In ganz besonderen Momenten und vielleicht braucht aber eine Liebenserklärung auch das ganze Leben, die ganze Fülle von vielen Tagen, Sätzen, Berührungen, gemeinsamen erlebten, durchstandenen, wunderbaren Augenblicken. Jemand erklärt jemanden anderen die Liebe, fühlt sie in sich, überfließend, gewiss, wahrhaftig und gesteht sie, sagt sich, spricht sie aus, zu, gibt und schenkt sie dem anderen als Wertvollstes, als Schönstes, lässt den anderen als geliebten Menschen fühlen, sehen, erstrahlen, diese Liebe empfinden. Das Unsagbare der Liebe, deren Faszination und Tragkraft, deren Erhebendes und Alltagssattes, wird ausgesagt, das Unerklärliche erklärt, und bleibet kostbarstes Geheimnis.
Dieses Gebet ist wie eine wunderbare, kostbare Liebeserklärung. Da betet einer für einen anderen, für uns, die wir das Gebet hören, dass dieser, dass wir die Liebe bekommen, spüren, in sich haben, erfüllt davon seien. Er betet selbst erfüllt von Liebe zu dem, der die Liebe ist, zu Gott, und Gott möge dem anderen, uns, die Liebe schenken.
Eine Liebeserklärung Gottes.

Hingebungsvoll
Hingebungsvoll, voll Liebe, selbst erfüllt von ihr, betet der Beter dieser Worte. Er betet aus eigener Liebe, sie erfahren, geschenkt bekommen, er betet in Liebe für die Liebe. Er betet nicht für seine eigene Liebe, nicht in eigener. Er betet von Gottes Liebe geliebt in Gottes Liebe für Gottes Liebe.
Er betet kniend, gebeugt, versunken, ehrergiebig, selbst vollkommen bedürftig, angewiesen, ausgestreckt auf jene Liebe, um die er bittet, selbst hungrig und durstig nach Liebe, selbst von ihr lebend, sie gebend, sie erbittend, von dem, der die Quelle der Liebe ist.
Er betet eindringlich, eingehend, dreimal setzt er mit Gebetsworten immer wieder an, er schreitet in Worten Himmel und Erde ab, versucht beten in Worten alles zu umfassen, versucht den Glanz zu sagen, den Reichtum vor Augen zu malen, die wunderbare Kraft selbst spürbar zu machen, den, für den er betet, hineinzuführen, hineinzusprechen, hineinzubringen in jene Liebe, aus der er selbst alles schöpft: seine Worte, seine Gebet, seine Bitten, sich und sein Leben.

Überfließend
Überfließend, überbordend, aus sich herausgehend, suchend, findend, im höchsten Maße erfüllend ist ihm die Liebe Gottes, ist die Liebe Gottes. Sie ist alles durchpulsierende Kraft und Macht, sie kann zart und stürmisch sein, fordernd und selbst hingebungsvoll, erbarmend und zurechtrückend, gütig und geduldig, herrlich, nahe, unglaublich reich und bereichernd. Über alles ist sie alles umfassend, alles berührend, alles umarmend, alles bergend, alles haltend, heilend, befreiend, rettend.
Gottes Liebe erfüllt alles, Zeit und Raum, Himmel und Erde, kleine und große, Sünder und Heilige, sie ist überschwänglich, leidenschaftlich, schöpferisch, verändernd und hält geborgen. Sie ist unerklärlich, unfassbar, wirksam, verleiht Flügel und Wurzeln, in ihr erklärt sich Gott der Welt, uns, er erklärt sich als der, der er ist, er erklärt uns die Liebe.

empfangen
Erbeten, gewünscht, zugesprochen gibt die Liebe Kraft und Stärke. Kraft und Stärke, sie zu empfangen, in ihr zu leben. Nicht eigene Kraft, nicht eigene Stärke, auch wenn sie in und an uns ist. Sondern Kraft und Stärke dessen, der Liebe schenkt, der schenkt, dass in uns, im Herzen Christus selbst einwohnen, sich lebendig einnisten kann. Menschen ganz bedürftig, angewiesen, ganz offen, vielleicht auch wundgelebt, schmerzlich aufgebrochen bekommen Gottes Kraft, dass die Liebe Christi in ihnen einwohne, sich einwurzle, sich dort gründe und dort selbst zum Grund, zum Fundament, zur Quelle, zur Lebenskraft wird.
Menschen werden immer tiefer in diese Liebe hineingeführt, kommen hinein, wohnen selbst der Liebe ein, finden sich ein, finden sich und ihr Leben in dieser Liebe, die nicht ihre ist, aber ihnen geschenkt ihre wird, sie selbst wird. Das Unfassbare, das Unermessliche der Liebe, deren Größe, deren Geheimnis, deren unerfindliche, spürbare Macht verstehen Menschen, erfassen, begreifen sie, so wie Menschen Liebe begreifen, wenn ein Jemand zutiefst liebt und geliebt wird, die Liebe einen begreift, umgreift und uns hineinnimmt in sich, in all ihrer wunderbaren Breite und Länge, Höhe und Tiefe, in ihren alles heilsam umfassenden Raum.
Mit den Augen der von Gott geheiligten, zu tiefst geliebten Menschen die Liebe selbst dann sehen und von ihr erfüllt werden. Diese Fülle empfangen und in sich tragen und ihrer wie alle anderen bedürftig in Höhen und Tiefen, in der ganzen Weite und Enge des Lebens, um sie bitten, für sie beten, für andere anderen beten, um Liebe für andere bitten, auch die Liebe Gottes erklären.
Amen.

Samstag, 16. April 2016

Gottes Geburt



Predigt an Jubilate (17.4.16)
"Jeder, der glaubt, dass Jesus der Christus ist, ist aus Gott geboren; und jeder, der den liebt, der geboren hat, liebt den, der aus ihm geboren ist. Hieran erkennen wir, dass wir die Kinder Gottes lieben, wenn wir Gott lieben und seine Gebote befolgen. Denn dies ist die Liebe Gottes, dass wir seine Gebote halten, und seine Gebote sind nicht schwer. Denn alles, was aus Gott geboren ist, überwindet die Welt; und dies ist der Sieg, der die Welt überwunden hat: unser Glaube." (1.Jh. 5'1-4)

Gott gebiert sich
Gott setzt sich selbst in die Welt. Gebiert sich sie hinein. Er bleibt nicht bei sich, in sich. Er geht aus sich heraus und setzt sich in Beziehung zur Welt. Aus ganz freien Entschluss. Aus tiefster, in ihm wohnen der und lebendiger Liebe. Er gebiert sich in seinem Sohn in die Welt, entäußert sich und schenkt sich in seine Welt hinein. Gott entbindet sich allem bekannten Göttlichen und entbindet sich in die Welt hinein, gibt sein Göttliches, seinen eingeborenen und geliebten Sohn in die Welt hinein, sichtbar, spürbar, hörbar, annehmbar.
Gott macht sich selbst einen Ursprung, den Ursprung seiner Liebe, er setzt aus sich heraus frei in die Welt und setzt sich der Welt aus bis zum bitteren Ende am Kreuz. Gott macht einen unwiderruflich Anfang mit sich selbst, den Anfang einer bedingungslosen, unbedingten Liebe, die alles und jeden in der Welt, in allen Ecken und Enden, in allen Winkeln und Verkehrtenheiten sucht. Er überspringt, überwindet den sonst unüberwindbaren Graben zwischen Gott und Mensch, zwischen Ihm und Menschen und gebiert sich in Fleisch und Blut, in Zeit und Raum, in Elend und Würde hinein in diese Welt. Bis heute.
Gott gebiert sich: Seinen zuliebst eingeborenen Sohn und mit ihm sich, sein eigenes, sein einziges göttliches Leben, das Leben selbst. Das setzt Gott unter ungeheuerliche Geburtsqualen und Geburtsfreuden in die Welt, in sie und ihr aus. Mit dieser Geburt kommt die Fülle zur Welt und in sie,  die Fülle und ihre Verheißung, das Versprechen und ihre Sehnsucht, Gottes Nähe und Liebe wird uns geboren und geschenkt. In Jesus Christus. Gottesgeburt. Daran wäre zu glauben. Darauf wäre zu vertrauen.

Wir gottgeboren
Gott ist unser Ursprung. Er begründet uns. Er macht mit uns einen Anfang. Mitten, neben und verschränkt mit unserer Geburt, jener durch unsere Mütter und auch Väter an einem ganz bestimmten Zeitpunkt, seitdem wir atmen. Gott schenkt uns aber das Leben, gibt uns Grund zum Leben, fängt uns an. Er macht uns aus sich heraus, ihm gegenüber, von ihm beseelt, gewollt, geliebt und entlassen, entbunden in unserer eigenen Welt.
Gott setzt uns in die Welt, er setzt uns in Beziehung und in Beziehungen, zu uns, unserer Geschichte, zu anderen, zu ihm. Er setzt uns auf Wege, viele und einen, er sieht uns und gibt uns einen Auftrag, eine Bestimmung, einen Sinn, zu suchen, Antwort und Worte zu finden, zu sein, zu leben auf ihn und seinen Lebensgeschenk.
Wir werden nicht aus dem Nichts angefangen, nicht aus einer Laune, nicht aus Zufall oder Fügung. Wir haben ein Woher und Wozu,  ein bestimmtes,  ein ganzes bestimmtes: Gott. Wir haben von Anfang an und zeitlebens ein Jemand, der uns bestimmt hervorgebracht hat, der bleibend uns gegenüber da ist und vor dem wir leben.
Gott gebiert uns in die Welt hinein, von ihm her und auf ihn stets bezogen. Er setzt uns ins Offene hinein, hinaus, ins Werden. In Freiheit. In unsere zu lebende, zu ertragende, zu liebende Geschichte. Hinein gebiert er uns in unsere Wunden und Kämpfe, in Verliebtheit und Verzweiflung, in Schuld und Verstrickung,  in Glanz und Herrlichkeit. Einzigartig. Eingeboren. Wunderbar. Gerufen. Gesandt. Geboren. Wir verdanken uns einer Gottgeburt. Wir verdanken uns Gott. Wir staunen und jubeln leise im Chor der Gottes Kinder.



Entbunden lieben
Menschen so sehen, sich selbst so sehen: von Gottes Liebe geborene, entbundene und zum Leben gerufene. Das müssten wir lieben, diese Sicht, dieses Leben. Lieben uns, die wir von Gott unser Leben haben und gestalten. Lieben die anderen, die ebenso das Leben von Gott haben und gestalten. Lieben ihn, Gott, der uns das Leben schenkt und gestaltet.
Gottes Kinder. Von Gott her und nicht von der Welt. In sie gesetzt, aber nicht von ihr geboren. In sie entbunden, hier zu leben, zu denken, zu planen, zu atmen, zu lieben und zu arbeiten. Entbunden in die Welt,aber gezeugt von Gott von der Welt frei, von ihr entbunden. Von Gott zeitlebens geboren und der Weltentboren. In ihr, aber nicht von ihr, in Gottes Bereich der Liebe, nicht im Machtbereich der Welt, die Welt von  Anfang an entmachtet, machtlos, wirkungslos, aus Gottes Händen immer in seinen Händen.
Frei zu lieben und frei der Liebe zu gehorchen, dem Machtbereich der Welt und dem, was das Leben schädigt, entbunden und zeitlebens hineingeboren in Gottes Liebe und ihr gehorchen, ihr folgen, ihre Gebote tun. Nicht mehr schwer, eher ein leichtes: von Gottes Geburt,  seiner Nähe, seiner Fülle, seiner Sehnsucht nach Leben und uns, von Christus selbst seit Geburt immer getragen. Amen.


Freitag, 1. April 2016

Wunderbare Empfängnis



Predigt an Ostersonntag (27.3.16)

1. Korinther 15, 1-11
Ich erinnere euch aber, liebe Brüder, an das Evangelium, das ich euch verkündigt habe, das ihr auch angenommen habt, in dem ihr auch fest steht, durch das ihr auch selig werdet, wenn ihr's festhaltet in der Gestalt, in der ich es euch verkündigt habe; es sei denn, dass ihr umsonst gläubig geworden wärt.
Denn als Erstes habe ich euch weitergegeben, was ich auch empfangen habe: Dass Christus gestorben ist für unsre Sünden nach der Schrift; und dass er begraben worden ist; und dass er auferstanden ist am dritten Tage nach der Schrift; und dass er gesehen worden ist von Kephas, danach von den Zwölfen. Danach ist er gesehen worden von mehr als fünfhundert Brüdern auf einmal, von denen die meisten noch heute leben, einige aber sind entschlafen. Danach ist er gesehen worden von Jakobus, danach von allen Aposteln.
Zuletzt von allen ist er auch von mir als einer unzeitigen Geburt gesehen worden. Denn ich bin der geringste unter den Aposteln, der ich nicht wert bin, dass ich ein Apostel heiße, weil ich die Gemeinde Gottes verfolgt habe. Aber durch Gottes Gnade bin ich, was ich bin. Und seine Gnade an mir ist nicht vergeblich gewesen, sondern ich habe viel mehr gearbeitet als sie alle; nicht aber ich, sondern Gottes Gnade, die mit mir ist.
Es sei nun ich oder jene: so predigen wir und so habt ihr geglaubt.

Nicht zu früh geboren
Paulus sieht sich als eine unzeitige Geburt, als eine Fehlgeburt, als jemand, dessen Geburt fehl gelaufen ist, der gar nicht hätte geboren werden wollen, dürfen, ja können. Paulus wird erst geboren durch die Begegnung mit Jesus Christus. Alles vorher, alles andere ist für ihn Fehl, Mangel, ungenügend, ist unzeitig, ist gering, nichts wert. Denn er war alles andere als empfänglich für Jesus Christus. Im Gegenteil: Er verfolgte ihn blind, er suchte den Glauben an ihn zu töten. Und dennoch erscheint ihm Jesus Christus und er sieht ihn.
Wir sind Geborene, von unseren Müttern und auch von unseren Vätern. Wir sind keine Fehlgeburt, noch ist unsere Geburt unzeitig. Genauso wie Paulus und all die anderen können wir Jesus Christus sehen, ihn erscheinen sehen, für uns und in unserem Leben. Für Christus gibt es nicht erste und letzte, Menschen zur Unzeit und zur Zeit, Menschen, die es mehr oder weniger wert wären, die zu gering oder zu hoch wären. Seine Gnade gilt allen, seine Gnade, ihn sehen zu dürfen, im Leben als lebendig zu spüren.
Christus wendet sich Paulus zu. Er erbarmt sich seiner und hebt ihn auf von seiner eigenen Niedrigkeit. Das macht Christus bei allen so. Er ist der, der sich schenkt, der begnadigt, hilft und rettet. Er ist der, der Menschen wie Paulus und uns verbindet, verbindet die Wunden und verbindet mit seiner eigenen Geschichte. Er ist der, der Menschen in seiner Geschichte hineinnimmt, ihnen Anteil gibt an dem, was an und mit ihm geschieht, in seiner Auferstehung zum neuen Leben, in seinem Begraben werden in den Tod, in seinem Sterben für uns. Indem Paulus diesem Christus begegnete, sah er sein Leben in ganz auch schmerzlich,, sein Lebens-Mosaik setzte sich anders zusammen, wurde anders zusammengesetzt: Er sah sich als Sünder, dessen sich Christus erbarmt, dessen Sünden Christus selbst in den Tod nimmt und sterben lässt, so dass ein Neubeginn, eine Neugeburt erst möglich wird.

Empfänglich werden
Jede Geburt ist zu empfangen. Paulus empfängt Jesus Christus. Das ist mehr als sehen, es ist sehen und gesehen werden. Es ist, dass das, was wir empfangen, uns verändert, uns andere werden lässt. Menschen empfangen Geschenke, Nachrichten, Gäste, Gegenstände und Lebendiges; manchmal bleibt das Leben wie vor dem Empfangen, manchmal auch nicht, durch ein Gast kann man Fremdes entdecken, durch eine Nachricht, aufgerüttelt werden. Je mehr das, was wir empfangen, Leben hat, Leben in sich und aus sich trägt, umso mehr wird das Empfangen uns verändern, uns selbst Leben sein.
Jesus Christus wird empfangen, nicht als Toter, nicht als Begrabener, nicht als Gegenstand, sondern als Auferstandener und Lebendiger, als Leben. Das verändert die, die ihn empfangen, die ihn geschenkt bekommen. Das erschließt ihnen Leben selbst, so wie für Paulus. Er empfing Christus, und das blieb ihm nicht äußerlich, sondern gab seinem Leben eine neue Richtung, eine Auferstehung selbst, eine neue Geburt, er wurde geöffnet für Christus, für sein Leben, seine Geschichte, sein Tod, sein Begraben, sein Auferstehen. Paulus nahm das auf, ließ sich davon wie erobern, übernahm es als sein neues Leben.
Wir können das auch. Wir können Christus, den Auferstandenen und Lebendigen, empfangen. Das ist Ostern. Heute und jeden Tag.

Lebendiger Herr
Christus wird von Paulus, und vor ihm schon und nach ihm von Menschen: gesehen, empfangen, verkündigt, gepredigt, weitergegeben, angenommen, geglaubt. Alle menschliche Zeit wird umfasst von dieser Reihe, von dieser Kette von Worten, von Jenen und Diesen, von Akten, von Empfängnissen, von Wunderbarkeiten: Menschen leben davon, dass all dies vorgängig ist, verheißen und erfüllt, gesagt und geglaubt, geschehen und geschenkt. Menschen leben davon, dass als dies sie in eine Zukunft hinausweist, weit hinausweist: dass sie selig werden, Ewigkeit schmecken, in Herrlichkeit leben, Christus wiederkommt. Und Menschen leben davon, dass all dies Gegenwart wird und ist, dass Christus sich jeden Moment und jetzt schenkt, für mich stirbt, für mich begraben wird, für mich aufersteht, für mich lebt, dass er in jeden Augenblick sich schenkt, empfänglich macht und empfangen werden kann als lebendig.
Auf diesem ganzen Weg seiner Gegenwart, durch Vergangenheit und Zukunft hindurch, bringt er sich, seine Worte, seine Sätze, seine Suche, seine Fragen und Antworten, bringt er all das, was an ihm geschieht, was er selbst tat, die Nähe und Gemeinschaft mit ihm und seinem Gott. Auf diesem ganzen Weg der wahrhaft guten Botschaft, des Evangeliums der rettenden Liebe Gottes erscheint er als Person, gewinnt er Gestalt, zeichnet er sich ab und wird sichtbar, können Menschen ihn lebendig sehen und empfangen und weitergeben.
So wie Paulus. So wie wir. Nie unzeitig geboren, sondern zur rechten Zeit, gerade rechtzeitig: Christus schenkt sich, einem jeden von euch, auferstanden und lebendig. Amen.