Donnerstag, 24. September 2015

Eine wundervolle Begegnung



Predigt am 17. Sonntag nach Trinitatis (27.9.2015)

Matthäus 15, 21-28: Die kanaanäische Frau
Und Jesus ging weg von dort und zog sich zurück in die Gegend von Tyrus und Sidon. Und siehe, eine kanaanäische Frau kam aus diesem Gebiet und schrie: Ach Herr, du Sohn Davids, erbarme dich meiner! Meine Tochter wird von einem bösen Geist übel geplagt. Und er antwortete ihr kein Wort. Da traten seine Jünger zu ihm, baten ihn und sprachen: Lass sie doch gehen, denn sie schreit uns nach. Er antwortete aber und sprach: Ich bin nur gesandt zu den verlorenen Schafen des Hauses Israel. Sie aber kam und fiel vor ihm nieder und sprach: Herr, hilf mir! Aber er antwortete und sprach: Es ist nicht recht, dass man den Kindern ihr Brot nehme und werfe es vor die Hunde. Sie sprach: Ja, Herr; aber doch fressen die Hunde von den Brosamen, die vom Tisch ihrer Herren fallen.
Da antwortete Jesus und sprach zu ihr: Frau, dein Glaube ist groß. Dir geschehe, wie du willst! Und ihre Tochter wurde gesund zu derselben Stunde.

sehr gewünscht
Gesund werden. Wieder gesund werden. Endlich gesund werden. Wie groß mag dieser Wunsch sein. Nicht mehr krank, nicht mehr geplagt, nicht mehr eingeschränkt, abhängig, nicht mehr Schmerzen, nicht mehr Untersuchungen, nicht mehr Angst. Endlich gesund werden  - nach vielen bitteren Wünschen und Versuchen wie diese Frau auf ein kleines großes Wunder hoffen, auf Hilfe, auf jemanden, auf etwas, das endlich hilft und gesund macht. Damit geschieht, was so sehr erhofft, so sehr gewünscht, so sehr gewollt wird.
Und wenn diese Wunder ausbleiben, wenn es kein „wieder gesund“ gibt. Wenn Kinder nicht wieder gesund werden, wenn sie krank bleiben, vielleicht unheilbar; wenn es nicht so geschieht, wie Eltern es inständig hoffen, sich morgens und abends, nachts, tags wünschen, bitten? Ist da dann zu wenig Gelingen und Glück, zu wenig Hilfe und Wunder, zu wenig Glaube und Vertrauen, zu wenig von der Frau? Zu wenig von Jesus?

nicht wegwerfen!
Jesus ist wenig. Jesus ist erschreckend abweisend. Er zieht sich auf seinem Weg zurück, äußerlich und spürbar auch innerlich. Er spricht kein Wort zur Frau, gibt keine Antwort auf sie. Er bleibt wie stumm. Jesus wirkt anders, fremd, wird von den Jüngern genötigt, gezwungen, sich der Frau doch irgendwie zuzuwenden, doch ihr etwas zu sagen, etwas, zwei, drei Sätze, wenigstens.
In diesen zwei Sätzen erinnert Jesus irgendwie merkwürdig dunkel, ja fremd daran. Daran, dass das Heil ungeheuer kostbar ist, wertvoll, exklusiv, dass das Heil unverfügbar ist, Geschenk, unglaubliche Gabe; dass es etwas ganz Besonderes ist, dass es heilig ist, um heil machen zu können, dass es teuer ist, um viel zu geben und zu sein. Nicht wegwerfen! Wie vieles weggeworfen wird, verbraucht und wertlos wird und ist. Nicht wegwerfen! Nicht verschleudern, nicht billig machen, nicht gering achten, nicht verramschen, nicht wie Allerweltsware anbieten, anbiedern, verkaufen, nicht einfach geben, weggeben! Es ist ungeheuer einmalig kostbar, das Heil. Es ist wie ein Schatz zu bewahren, aufzubewahren, in Jesus heilig zu halten, zu achten, auf es aufzupassen, es genau zu dosieren, vorsichtig zu schenken, dass es sich nicht verliert.

Erde fressen
Die Frau scheint das zu ahnen, sie schreit um Hilfe, sie bittet um Erbarmen, sie bittet um Heil, um Rettung, um Wunder. Sie bittet nicht für sich, sie bittet für jemanden anderen, sie bittet für ihr Wichtigstes, für ihr Kind, für ihre Tochter. Sie bittet hartnäckig, sie bleibt dran, sie verstrickt, verbindet merkwürdig Jesus in Worte, in einen tiefsten Wunsch nach Gesund, in eine große Sehnsucht nach Leben, in erbärmliche Not eines Menschen.
Die Frau scheint die Kostbarkeit des Heils zu ahnen, sie weiß, dass nur ein Brosamen davon, nur ein Krümel, nur ein kleines Bruchstück davon helfen, retten, heilen, gesund machen kann. Sie weiß, dass sie vom Abfall des Heils leben könnte, von jenem kleinen Stück, das zu ihr herunterfällt, dass sie ganz klein kostbar am Boden aufliest. Sie ist bereit, das kleinste Stückchen Heil auf den Boden der bitteren Tatsachen zu empfangen, es demütig zu fressen, in ihr Leben, das voll Hunger ist für ihre Tochter, zu nehmen, vom Abfall, Herabgefallenen zu nehmen, wieder leben.

wunder
Jesus und Frau begegnen einander. Irgendwie gezwungen, genötigt, kaum freiwillig, aber notwendig. Sie begegnen einander, treten einander gegenüber, bitten und bleiben stumm, wechseln Worte, Bilder, Vorstellungen, reiben sich aneinander:
Jesus ablehnend, die Frau verwundet offen. Jesus gesandt, die Frau demütig. Jesu Worte abstrakt, reden abstrakt von „man“, „es“ und allgemeinen Wahrheiten, fast leer. Die Worte der Frau konkret, laut und Schrei, vehement gefüllt von Du und mein, von Hilf mir und Ja, Herr! Jesus hat Bilder im Kopf von seiner Sendung, vom Verlorenen, von Herde und Schafen, von Wegnehmen und Wegwerfen. Die Frau hat Bilder im Kopf von Erbarmen, von ihrer Tochter, von Plage, vom bösen Geist. Beide haben Bilder im Kopf von Kindern und Brot, von Hunden und Brosamen.
Und ihre Bilder im Kopf ringen miteinander, setzen sich auseinander: Gedanken an die Heiligkeit der Dinge, an die tiefe Not von Menschen; Gedanken an die Gerechtigkeit von Vielen und die unglaubliche Bedürftigkeit von Einzelnen und ganz Vielen; Gedanken, an die Kostbarkeit des Lebens und die tiefen Abgründe darin, an die eigene Bestimmung auf seinem Weg und den Zufall von Begegnung, an den geheimnisvollen Wert Gottes und die Liebe zu seinen Geschöpfen.
Und mitten drin geschieht doch ein Wunder. Etwas vom Außergewöhnlichen, vom Wunderbaren: Das Heilige ereignet sich, das Heil wird wirklich zuteil, die Not wird gewendet, vom Brot fällt ein Stück herab in unser Leben. Beides noch so klein. Es geschieht vielleicht, was wir so sehr wünschen, und vielleicht gerade nicht. Das Kind wird vielleicht nicht wieder gesund. Doch einen Brosamen Heil gibt es sicher. Wir ringen es Gott ab. Seiner Liebe. Amen.

Donnerstag, 3. September 2015

Nahe gehen



Predigt am 14. Sonntag nach Trinitatis (6.9.15)

Lukas 17, 11-18: Die zehn Aussätzigen
Und es begab sich, als er nach Jerusalem wanderte, dass er durch Samarien und Galiläa hin zog. Und als er in ein Dorf kam, begegneten ihm zehn aussätzige Männer; die standen von ferne und erhoben ihre Stimme und sprachen: Jesus, lieber Meister, erbarme dich unser! Und als er sie sah, sprach er zu ihnen: Geht hin und zeigt euch den Priestern! Und es geschah, als sie hingingen, da wurden sie rein.
Einer aber unter ihnen, als er sah, dass er gesund geworden war, kehrte er um und pries Gott mit lauter Stimme und fiel nieder auf sein Angesicht zu Jesu Füßen und dankte ihm. Und das war ein Samariter. Jesus aber antwortete und sprach: Sind nicht die zehn rein geworden? Wo sind aber die neun? Hat sich sonst keiner gefunden, der wieder umkehrte, um Gott die Ehre zu geben, als nur dieser Fremde? Und er sprach zu ihm: Steh auf, geh hin; dein Glaube hat dir geholfen.

Nahe kommen
Wie in einer fernen Zeit: „Und es begab sich“, so fängt es an. Jesus wandert, er überwindet nach und nach laufend die Distanz hin nach Jerusalem, dem Ort, wo ihm selbst alles unglaublich nah und fern wird: Sein Leid, der Tod, Gott, seine Jünger, das Leben. Er kommt in ein Dorf, typischer Ort mit unglaublicher Nähe, wo jeder jeden kennt, wo man sich aber auch unglaublich fern, ausgeschlossen fühlt. Aus der Ferne, in gebührenden Abstand sprechen ihn zehn Aussätzige an, Aussätzige, Unreine, ausgeschlossen, entfernt vom Leben, die ein ungeheure Distanz in sich tragen müssen, nicht dazu zu gehören. Aus der Ferne klingen ihre Stimmen an das irgendwie doch nahe Ohr von Jesus. Diese Stimmen bitten um Erbarmen, um Zuwendung, um Nähe. Und Jesus sieht, hört sie aus der Ferne und kommt ihnen näher. Er bleibt stehen, sieht sie, sieht sie an und spricht befreiende Worte und er schickt sie wieder weg, entfernt hin zu anderen, denen sie sich zeigen sollen, die sie in Distanz anschauen, prüfen sollen. Und sie gehen hin und werden im Weggehen, im Entfernen, wie aus der Ferne wieder zurechtgebracht, geheilt.
Einer von ihnen kehrt um, geht den Weg geheilt noch einmal zurück, zeigt sich nicht, sieht sich selbst, geht jene Distanz weg von Jesus noch einmal und kommt Jesus ganz nahe. Seine jetzt wieder laute Stimme, die eben aus der Ferne nach erbarmender Nähe schrie, ist jetzt Gott ganz nahe und lobt Gott, preist ihn, er spürt eine ganz unmittelbare, tiefe, nächste Freude in sich und schenkt sie dem Gott, der ferne ihm heilsam nahe kam. Er fällt nieder zu Füßen Jesu, zu den Füßen, die wandern nach Jerusalem, zum nah-fernen Ort von Tod und Auferstehen, ganz nah den Füßen, die in die Ferne gehen, um endgültig Menschen Gottes Nähe auch durch den Tod zu schenken. Jesus wendet sich ihm zu, berührt ihn, sagt nicht nur Worte aus der Ferne, sondern hebt ihn auf vom Boden, mit Händen und Armen und schickt ihn ein zweites Mal, aber jetzt ganz anders, weg, er schickt ihn in sein neues Leben und er schenkt ihm darin, was ihn leben lässt: Glaube. Seinen Glauben.

Ferne Fragen
Wunder geschehen. Gott kommt Menschen nahe, ganz nahe. Er wird ihnen gegenwärtig und er wirkt mit seinem Leben auf ihr Leben. Gott begegnet, kommt nahe und verändert, heilt, rüttelt auf, richtet, richtet auf, befreit. Jeder hat seinen Aussatz, seinen äußeren und inneren Makel und Schmerz, jeder hat seinen ganz eigenen Bedarf nach Heilung, daran, dass an, in und bei ihm, in seinem Leben etwas bereinigt, befriedet, zurecht gebracht, geheilt wird. An Leib, an eigener Seele und an all den Beziehungen, Verknüpfungen, Begegnungen, Liebesmomenten, in denen Menschen leben.
Gottes Begegnung geschieht und wo sie geschieht, leben wir nach ihr und mit ihr. Hören wir dann Jesus auch das sagen, fragen, was er damals zu den Aussätzigen sagte, sie fragt, nun uns irritierend: Das ist doch dir geschehen, dir bin ich doch begegnet, du bist doch heiler geworden? Wo bist du? Was machst du damit? Wie lebst du weiter? Um wie viel mag es näher liegen, nur hinzugehen und weiterzugehen. Um wie viel mächtiger, wie übermächtig sind die Wege, nicht noch einmal umzukehren und zu danken. Wie ungeheuer groß, drängend, scheinbar wichtiger ist es, es so tun wie die neun Aussätzigen und nicht das zu tun, was der eine Aussätzige tat.

verdankt
Der eine kehrt um, noch einmal um zu Jesus und so erlebt er etwas, was die anderen neun nicht erleben konnten. Ihre Heilung, ihre Befreiung vom Aussatz erleben alle, aber nur der eine erlebt mehr, viel mehr. Er erlebt seine geschenkte Existenz:
Er sieht sich, wo die anderen sich anderen zeigen. Er sieht sich, er nimmt sich selbst wahr, er wird seiner selbst ansichtig und gewahr, was an ihm geschehen ist, er wird davon, von sich als Befreiten berührt, selbst berührt und das lässt ihn innehalten, von den anderen neun losgehen, selbst umkehren und zu Jesus zurück und ganz neu gehen.
Er ist selbst bewegt, wird nicht wie die anderen geschickt, bewegt. Er ist selbst bewegt von dem, was an ihm geschah, von der Nähe und Liebe Gottes, er spürt seine neue geschenkte Existenz, er spürt diese Gabe, dieses Gegebenwerden, ganz aus Liebe und Gnade, er spürt, dass er sich eines anderen, Gott selbst verdankt und er dankt, es fließt über in ihm, es erhebt sich in ihm alles und er lobt Gott laut, er gibt ihm demütig das zurück, was er ihm schuldet und verdank: sein Leben. Jenen einen Lebenssatz:

Du bist
„Dein Glaube hat dir geholfen“. Dem einen wird neben der Heilung vom Aussatz ein neue Grundierung seines Leben zugesprochen und er wird dieser gewahr: „Dein Glaube“. Du hast Glauben, wie wunderbar. Was hatte der Aussätzige alles nicht mehr, jetzt hat er etwas, etwas ganz wichtiges und wunderbares: Glauben. Und es ist seiner, deiner. Nicht der von Jesus, von anderen, sondern sein eigener. Er ist dein. Eine ungeheure Ermutigung, die Jesus da ihm zuspricht, in diesem „Dein Glaube“ spricht er ihm ein ganz neues Ich zu und er setzt ihn liebevoll in Bezug zu sich: Das, was du hast, ist dein Glaube. Du hast dich, du fühlst dich, du spürst dich, ja: du bist. Mehr kann man einem Menschen eigentlich nicht zusagen, als dies: Du bist. Wie oft mag der eine Aussätzige sich vorher als Nichts gefühlt haben. Und dieses neue geschenkte „Du bist“ hilft ihm, hat ihm geholfen, wird ihm helfen, helfen zu sein und zu leben. Es ist sein neues Leben. Es ist seine Nähe zu Gott und zu sich. Es ist wie eine zart wunderbare Ermächtigung zum eigenen Leben, zu einem Leben im Machtfeld der Liebe Gottes. Ein Wunder. Das wir alle erleben, leben können. Amen.

Donnerstag, 27. August 2015

Mit-Leid



Predigt am 13. Sonntag nach Trinitatis (30. August 2015) zu Lukas 10, 25-37

Jammerte
Der barmherzige Samariter ist die Figur des christlichen Mit-Leidenden. Er ist Vorbild für die Hinwendung zum Nächsten, die aus dem Mitleid mit ihm entspringt. Das, was der Samariter, barmherzig tut, konzentriert sich in dem einen kleinen Satz „es jammerte ihn“  (Lukas 10, 33) und in der einen Geste, der Grundgeste des Hinkniens.
Diese Geste des Hinkniens führt barmherzige Samariter und Leidenden zusammen, vereinigt im Mitleiden und so legt diese Geste des barmherzigen Samariters zwei Rollenangebote nahe: Wir können uns als solche sehen, die sich wie er anderer erbarmen, zuwenden. Wir können uns aber auch als solche wahrnehmen, die des Mitleides selbst bedürfen, die unter die Räuber fallen und leiden und brauchen, dass jemand wie der barmherzigen Samariter sich in unser Leben hineinkniet
Und im Grunde umfasst diese Gestik einen dritten Blick, ein Blick auf die Rolle Gottes in Leben, in unserem: Sie führt uns in der Gestalt des barmherzigen Samariters Gottes mitleidendes Wirken vor Augen. In dieses hinein sind wir einerseits berufen, sein Erbarmen für andere Menschen spürbar zu machen, wir leben aber immer selbst davon, dass Gott uns wie alle Menschen mit-leidend im Blick hat. Seine Menschwerdung beinhaltet auch das Mitleiden mit seiner Kreatur und erbarmt sich ihrer, so dass Menschen in Elend und Würde werden, was sie sind: seine geliebten Geschöpfe. Gott kniet sich hinein in unser Leben und lässt sein Herz bewegt sein inmitten von dem, was wir so tun und leben, wenn wir selbst uns bewegen: gehen, stehen, sitzen, manchmal auch knien.



Augenblick
Diese Grundgeste des Erbarmens beginnt beim barmherzigen Samariter mit einem Augenblick. Der barmherzige Samariter wird auch überfallen, er wird geradezu überfallen vom Mitleid. Das „mit“ beginnt schon in der Situation, in der der ist, der von den Räubern überfallen wurde. Dieser Überfallene und jetzt Leidende ist jenem in den Blick gefallen, aufgefallen. Der andere, der zum Nächsten wird, hat den Blick nicht abgewendet oder unfreiwillig unscharf gesehen.  Sondern: Zufällig auf der Reise sieht er das, was ihn bemitleidet. Er kann sich seines eigenen Blickes nicht erwehren und irgendetwas geschieht „zwischen“ eigenem Sehen und dem, was dann kommt,  zwischen Sehenden und Gesehenen. Es regt sich sein Herz, er wird bewegt, auch äußerlich, er lässt nahe kommen und die Anteilnahme, die Begegnung beginnt, wird sichtbar.



Hinknien
So ist der barmherzige Samariter in Bewegung gesetzt, innerlich und äußerlich. Er steigt hinab, nicht nur vom Esel. Was so selbstverständlich aussieht, braucht Entschlossenheit. Jederzeit lauert der Feind von außen – und von innen, lauert die Gefahr, doch wegzuschauen und weiterzugehen. Der Samariter hat den Mut, sich vom Leidenden ergreifen zu lassen, ihn, den Unbeweglichen, Totstarren, so nahe kommen zu lassen, ihm nahe zu kommen, sich zu ihm zu knien. Das ist eine Geste mit Demutsanteilen, durchaus mit Risiko behaftet, an sich eine Bettlergeste. Mit den Knien auf dem Boden macht sich der Samariter klein, kleiner und er macht sich selbst schmutzig, blutig. Die klaren Rollen verschwimmen, es entsteht wirklich ein Raum mit und für ein „Mit“, für Mit-Leiden und fast intimer Gemeinschaft.



Aufstehen
Der Samariter steht schließlich wieder auf von seinen Knien. Vielleicht liegt zwischen Knien und Aufstehen der entscheidende Moment, der Moment auch von Zweifeln, Fragen, was zu tun ist, wie Hilfe jetzt aussieht, vielleicht, jetzt doch wegzugehen.  Dieser kleine Moment von der Grundgeste des Mitleids zur Tat wird zum Sekundenmoratorium, ist  Raum des vollen Sehens, des Aushaltens (auch mit sich und der eigenen Rat- und Hilflosigkeit) und wird dann zum Zwischenraum schöpferischer Parteilichkeit: Der Samariter steht auf, hat den Schmutz der Erde und vielleicht des Blutes an sich, er nimmt definitiv den Leidenden, macht die Erstversorgung, hebt ihn auf seinen Esel, bringt ihn zur nächsten Pflegestation und kümmert sich weiter, indem er seine weitere Versorgung regelt.
Die Parteinahme für die Ausgegrenzten, die Opfer, die Leidenden ist uns von Jesus gezeigt, weitergeben, anbefohlen. Wir stehen auf und heben auf, die, die an Seele, Leib und Leben leiden. Wenn es sein muss, erweitern wir unseren Mitleid-Radius über viele Grenzen hinweg. Zwischenräume, die Momente zwischen Knien und Aufstehen, sind staubig, schmutzig, das Leid klebt an einem, und sie sind ambivalent. Voller Nähe, voller Herzensregung, voller Frage nach meinem Nächsten, aber eben auch die Frage nach Distanz, nach dem übernächsten Schritt, dann diese Situation auch so konsequent weiterleben, wie es der Samariter vorlebt: Nach dem Hinknien selbst auch wieder aufstehen, nach der Nähe wieder beginnende Distanz, nach der Herzensregung ein kühler Kopf, nach der Erstversorgung das weitere Mitleiden regeln, delegieren und weiterreisen.

Weitergehen
Mitleid hat eine gute Grenze  in sich selbst, darin, dass die Leidende übergeben werden, weitergeben werden in andere gute Hände, in die gleichen Hände, in denen auch wir weitergegeben sind mit unseren Leiden, damit wir erfahren, was wir selber als Erfahrung anderen geben: Wir können uns der barmherzigen Fürsorge Gottes gewiss sein, dass er uns sein Mit-Leid und sein Mit-Sein schenkt. Wir sind vom Erbarmen Beschenkte und Beschenkende. Wir sind Samariter und unter die modernen Räuber Gefallene, in der einen Geste des Hinkniens des Mitleids miteinander vereint.
Amen.

Freitag, 14. August 2015

großgesehen



Predigt am 11. Sonntag nach Trinitatis (16. August 2015)

Lukas 18, 9-14
Er sagte aber zu einigen, die sich anmaßten, fromm zu sein, und verachteten die andern, dies Gleichnis:
Es gingen zwei Menschen hinauf in den Tempel, um zu beten, der eine ein Pharisäer, der andere ein Zöllner. Der Pharisäer stand für sich und betete so: Ich danke dir, Gott, dass ich nicht bin wie die andern Leute, Räuber, Betrüger, Ehebrecher oder auch wie dieser Zöllner. Ich faste zweimal in der Woche und gebe den Zehnten von allem, was ich einnehme. Der Zöllner aber stand ferne, wollte auch die Augen nicht aufheben zum Himmel, sondern schlug an seine Brust und sprach: Gott, sei mir Sünder gnädig!
Ich sage euch: Dieser ging gerechtfertigt hinab in sein Haus, nicht jener. Denn wer sich selbst erhöht, der wird erniedrigt werden; und wer sich selbst erniedrigt, der wird erhöht werden.

Zu Gott gehen
Menschen gehen zu Gott. Sie gehen hinauf, hinauf zum Tempel. Sie gehen dorthin, wo sie Gott erwarten, wo er sich ansagt, wo er gespürt wird, gegenwärtig sein möchte. Menschen suchen Gott, ab und zu, in Verzweiflung, mit Hoffnung, tastend, fragend, trotzig, einen bekannten Unbekannten suchen sie. Mehr als sich. Menschen leben.
Menschen gehen zu Gott, um zu, um zu beten, stumm, mit vielen Worten, mit Gedanken, allein, zu zweit, sie gehen zu Gott, um ihr Leben zu ihm zu bringen, vor ihn zu bringen, es ihm zu sagen, ihr Leben: mit all dem, was darin liegt, offen, verborgen, beschlossen, ausstehend, mit all den Sorgen, mit seinen Wünschen, mit seinen Wunden, Verletzungen, Sehnsüchten, Qualen, Ängsten, Seltsamkeiten und Wundern..
Menschen gehen zu Gott hinauf, wo sie ihn suchen mögen. Sie stehen vor ihm, aufrecht, gebeugt, fern, ganz nah, spüren, danken, klagen, sprechen sich aus, kontaktlos, erwartungsvoll, bleiben still, schlagen sich auf die Brust, blicken, werden gesehen.
Der eine wie der andere, Menschen immer wieder, von Zeit zu Zeit, in ihrer Zeit, Du und ich. Werden gesehen, werden gesehen von Jesus, wie sie da gehen hinauf zum Tempel, Schritt für Schritt ihres Lebens. Werden gesehen, werden zum Gleichnis, zum Abbild für mehr, viel mehr.

Für sich stehen
Menschen stehen für sich, stehen fest auf ihren Beinen, auf ihrem Leben, auf all dem, was es ist, bedeutet, vermag, kann; hingestellt, selbständig. Menschen beginnen mit Ich, im Kopf, im Sprechen, den Satz, fast jeden Satz; mit Ich: Ich danke …. Ich faste … ich spende … ich nehme … ich bin nicht wie die anderen. Sie beginnen mit ich, immer wieder, mit sich: Sie denken sich, sprechen sich, danken für sich, bleiben bei sich.
Menschen blicken von sich, von ihrem Ich aus, wie von einem weiten Turm, blicken auf andere, auf sie umgebende Menschen, auf andere Ichs, eigentlich auf ihre Du. Menschen sind überzeugt von ihrem Ich, von sich, ganz vertrauend, bauend, lebend, bestimmt von sich, nur von sich. Maß ihres Lebens. Alles andere ist weniger, ist nicht Ich, ist nicht und nichts. Sie verachten, missachten, übersehen, blicken auf andere, auf andere hinab, über andere hinweg. Nichts - der andere, nichts, nicht ein Du, das zum Ich gehören könnte, höchstens ein schön glänzender, scheinbarer, täuschender Spiegel für das eigene Ich, ein Nichts, mit dem sie immer wieder anfangen bei dem, was sie tun, beim reden, denken, beten, beim fromm sein, bei sich. Gott sieht sie.
Menschen beginnen bei Gott, bei seinem Du, notgedrungen, nicht beim Ich. Sie beginnen bei IHM: Du, Gott, sei mir Sünder gnädig. Sie blicken gebeugt weg von sich, gesenkt, auf den Boden, den Boden ihrer nackten Tatsachen, sie beginnen immer wieder vielleicht wirklich bei Nichts, bei ihrem Nichts, bei der Nichtigkeit ihrer Sünde, bei dem, dass sie verfehlen, verlieren, verletzen, Gnade, Verzeihen und der Liebe bedürfen. Demütig gebeugt selbst nichts, fangen sie dort an und suchen Gott, werden gefunden.

Von Christus erhöht
Jesus sieht diese. Sie werden zum Gleichnis, zum Bild für die Liebe, die Gnade Gottes.
Menschen werden erniedrigt und erhöht, erhöht von Gott, durch seinen liebenden Blick. Menschen gehen zu Gott, den Weg zum Tempel hinauf. Dort gewesen: Menschen kehren zurück, wieder herab, in ihr Leben zurück mit ihrem Leben, mit ihrem Leben, das vor, bei Gott war, ein Leben vor Gott.
Menschen demütig beginnen bei Gott, stammelnd, unsicher, suchend, blicken nicht auf sich, erwarten nichts und alles. Menschen werden erhöht. Sich selbst kleingemacht werden sie wunderbar groß gemacht, groß gesehen, groß gesprochen, groß erklärt, groß gemacht von Gott, vom Augenblick seiner Liebe. Gottes Gnade erhebt Menschen aus dem Blick der anderen, entzieht sie diesem vernichtenden Blick, erhebt sie aus dem Staub dass ihre eigene Existenz fraglich gebrechlich, schuldhaft, gering, niedrig ist.
Menschen werden von Gott gesehen, aufgehoben, erhöht, aufgewertet und bekommen eine tiefe Ehre und Würde zugesprochen, verliehen, unverlierbar. Gott steht den Fernen nahe, hebt seine Augen hinab vom Himmel zu seiner Erde. Er verachtet nicht, noch blickt er herab, er denkt nie: Gut, dass ich nicht bin wie sie. Er denkt viel mehr. Er denkt: ich werde wie sie.
Gott selbst erniedrigt sich am Kreuz, hinab zum Sterbepunkt menschlicher Existenz, um alle durch seinen und ihren Tod hindurch mit sich wunderbar zu erhöhen. Gott schlägt immer wieder wie an seine Brust, an seine Brust, in der sein liebendes Herz schlägt, ein Herz für seine gequälte und oft von sich und anderen erniedrigte Geschöpfe. Und Gottes Liebe erhöht den, der erniedrigt ist, sich erniedrigt. Er schenkt seine Liebe, dem, der klein ist, der der Liebe zutiefst bedarf. Gott geht mit ihm seinen Weg vom Tempel hinab und wird, ist zu Hause seinem Ich ein ewig liebendes Du, mit dem Ich immer beginnen kann. Amen.