Samstag, 4. Januar 2014

Untertauchen



Predigt am 2. Sonntag nach dem Christfest (5.1.14)

Jesu Taufe durch Johannes
Matthäus 3, 13-17: 13 Zu der Zeit kam Jesus aus Galiläa an den Jordan zu Johannes, daß er sich von ihm taufen ließe. 14 Aber Johannes wehrte ihm und sprach: Ich bedarf dessen, daß ich von dir getauft werde, und du kommst zu mir? 15 Jesus aber antwortete und sprach zu ihm: Laß es jetzt geschehen! Denn so gebührt es uns, alle Gerechtigkeit zu erfüllen. Da ließ er's geschehen. 16 Und als Jesus getauft war, stieg er alsbald herauf aus dem Wasser. Und siehe, da tat sich ihm der Himmel auf, und er sah den Geist Gottes wie eine Taube herabfahren und über sich kommen. 17 Und siehe, eine Stimme vom Himmel herab sprach: Dies ist mein lieber Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe.

Am Jordan sich begegnen

Jordan: Ort der Begegnung. Zwei treffen aufeinander. Angeblich trafen sie sich schon im Mutterleib, der eine den anderen und erkannten in Freude in Vorahnung einander. Später sollen sie voneinander gehört haben, nach einander gefragt haben, wer der andere wirklich sei.
Orte der Begegnung. Gibt es tausende. Millionen. Alltäglich. Immer wieder. Das ganze Leben. Begegnungen: Flüchtige. Beiläufige. Gewollte. Zufällige. Mit Vorkenntnis und ohne. Mit Konsequenzen und ohne. Gute und Unangenehme.
Johannes kam aus der Wüste und predigte, das Himmelreich ist nahe. Tut Buße. Jesus geht in die Wüste und predigt das auch, aber dann dazu, mehr: Er predigte den Himmel auf die Erde. Dazwischen der Jordan. Dazwischen ein kleines Zwiegespräch, ein Wortwechsel zwischen den beiden. Dazwischen dann das Wasser, ein Zunicken, ein Beugen, eine Berührung mit Händen, ein Untertauchen, Stille, ein Heraussteigen, eine Stimme.
Beide sterben, als der Weg vom Jordan weiterging. Der ein enthauptet, der andere am Kreuz. Beide in Konsequenz ihrer Worte und Taten. Beiden wurde ihre Geburt angesagt, als Geburt von etwas Besonderem, beide trugen Namen, die Gott ihnen zudachte. Für beide erfüllte sich etwas am Jordan, als sie sich begegneten. Jordan: Ort der Begegnung. Jordan: Ort der Erfüllung.
Sind unsere Begegnungsorte auch Erfüllungsorte? Orte, an denen sich etwas zumidnest ab und zu erfüllt? Für uns, für andere, für Gott? Erfüllte Begegnungen - wie und wann bei uns? Bei mir? Bei dir? Mit wem und warum und wo?
Beide Johannes und Jesus eint nicht nur Schicksal und Auftrag. Beide führt zusammen und vereint der Wille Gottes an diesem Ort. Gottes Wille wird erfüllt.Gott führt beide zusammen und eint beide: Den Täufer und den Getauften, den Wartenden und den Kommenden, den Glaubenden und den Verheißenen, Buße und Vergebung, Kreuz und Auferstehung, Opfer und Erlösung. Eine Begegnung mit erfüllenden, einmaligen, endgültigen, endzeitlichen Charakter. In einem Moment: Sich verlieren - und sich gewinnen für die Zukunft. In einer Begegnung.

Menschenhand überlassen

Jesus taucht unter. Jesus beugt sich unter den Ruf des Johannes. Demütig, anerkennend, einsichtig, überlässt er sich, passiv. Er lässt an sich geschehen. Von Menschen Hand wurde er geboren, von Menschenhand lässt er sich taufen. Von Menschenhand wird er sterben, begraben werden. Wahrer Mensch.
Viel weniger als wir macht er, macht er sich Gedanken darüber, ob er nicht größer ist als Johannes, ob er nicht sündlos ist, ob nicht ER jetzt besser sei, nicht eher machen, tun, geben gestalten sollte.
Jesus, der Mensch, der wahre Mensch uns voraus ist passiv, er ist empfindlich, ist geöffnet, durchlässig, empfängt, verwundbar wie verwandelbar. Er setzt sich aus der Begegnung, des wahrhaften Freiraum des Aufeinandertreffens, des Risikos und der Chance, berührt, geformt, geprägt zu werden. Wer weiß, was im Wasser auf ihn wartet.

Gott hören

Stille. Eine unglaubliche Stille. Dann: Der Stille unter Wasser, dem Aussetzen von Sünde und Tod, folgt das Heraussteigen, das Aufstehen und Aufsehen, das Ausstrecken und schließlich das Hören. Johannes lässt Jesus die Stimme Gottes hören.
Jesus im Wasser wird für Johannes über dem Wasser zum Schenkenden, zu einem, der Johannes selbst empfindbar, offen, Gottes Stimme hören lässt.
Eigentlich weicht all die Härte aus Johannes und er wird zum Boten des göttlichen Wohlgefallens. Da erfüllt sich etwas. Für beide. Warten und Kommen endet für eine Zeit. Ewigkeit bricht herein.
Mitten im Wasser stehend, noch zwischen Buße und Sünde und Liebe hören und empfangen, gut geheißen werden, wie am erst Tag der Schöpfung alles Leben, geliebt werden mitten in einer brüchigen Welt, geschützt, wird alles zu einem Vorgeschmack auf Auferstehung nach dem Weg ans Kreuz, auf ein Stück Himmel auf der Erde.
Es wird hörbar, sichtbar in der Taube, was in dieser Begegnung geschieht, die eintaucht in die Freiheit des anderen, ihm begegnet. Was ihre Verheißung ist, nicht ihre Garantie, aber Gottes Möglichkeit für alle Menschen, für dich und für mich:
Vom anderen, von Gott her hören: „Du bist geliebt“, hören: „Du gefällst“, spüren: „Ich bin Gotteskind“ Und anderen das Hören lassen. Das sind Begegnungen, die Taufe atmen, wo Altes, Trennendes geht und neues Leben, Gemeinsames kommt. Das sind Begegnungen, wie die am Jordan. Erfüllte und erfüllenden Begegnung der Liebe. Nicht einfach, nicht einfach so, nicht immer und gar nicht automatisch.
Denn immer wie im Leben: Durch das Untertauchen, der bedrohlichen Stille des Wassers hindurch. Denn: Hindurch durch unerfüllte Begegnung, durch Enttäuschung, Verfehlen, Wunden, die in Begegnungen geschehen, an anderen und an mir, an Körper und eigener Seele. Denn: Hindurch durch das düstere Gemenge aus Nicht-Begegnen-können oder-wollen, weil Angst, reserviert, Vorurteil, Berechnung mich verschließen, zu machen.
Hindurch durch Trennung, Sünde. Diese aber ertrinkt. Wir stumm, hören, wir lassen hören, wir lesen auf anderer Lippen, beginnen selbst auf Lippen zu bilden, hören, spütren wie eines anderen Stimme dazwischen, vom Himmel sagt: „Dennoch Geliebt“. „Gerade geliebt.“ Wie am Jordan. Erfüllungsort. Amen.

Sonntag, 29. Dezember 2013

Aus der Balance



Predigt an Neujahr 2014 (1.1.14) zur Jahreslosung: 
„Gott nahe zu sein ist mein Glück“ (Psalm 73, 28)

Nah und fern
Scheinbar ist alles schön ausbalanciert. Doch manchmal kommt etwas so nahe, dass Tränen uns über die Wangen fließen und tropfen, und ab und zu wünschen wir uns jemanden auf den Mond, soweit weg und so fern, wie es nicht geht. Vieles und viele können wir uns auf Distanz halten, es nicht an uns ranlassen, und wie ist es, wenn wir uns fast verlieren im anderen und Grenzen zerfließen.
Vielleicht ist alles eine Frage von Nähe und Ferne, von Entfernung, und unser Leben hat die Aufgabe, zwischen beiden einen Weg zu finden, vom Entscheidenden sich fernzuhalten und zum Entscheidenden die Nähe zu suchen; das Böse zu meiden, dem Unglück zu fliehen, Zuneigung zu suchen, an Herzenswärme sich zu nähren; sich den richtigen Menschen anzunähern, sich bekannt zu machen, sich zu befreunden, Nähe zu zeigen und Nähe zu wünschen, Grenzen nach und nach zu verschieben, um eine letzte zu respektieren; und das Ferne fern zu lassen, als das, was zu Recht aussteht, nicht da ist, vielleicht auch nie da sein wird. Und beides bedeutet Sehnsucht, nach Nähe und nach Ferne, nach Geborgenheit und Fremde, nach berührt und verwirrt werden, und im Moment der Liebe fällt beides in einen Augenblick, wenn Intimität den anderen als mein Fremdes und Geschenktes erlebt.
Wenn Gottes große Liebe wir und Jesus sind, wir immer nach seinem Weihnachten leben, dann ist in Jesus beides im Grunde beschlossen: Nähe und Ferne.

Ein naher Gott
Mit Jesus, der Geburt des Gottessohnes auf Erden, hat Gott seine Nähe beschlossen. Er will ein naher, ein sich nähernder Gott sein. Das ist er nie nur, auch ist er Allmacht, Zorn, Eifer, Heiligkeit, Größe, auch ein ferner Gott, aber er gibt Nähe den Vorzug, der Verringerung der Distanz, denn: Liebe zieht an, magnetisch, kraftvoll, denn Liebe will unbedingt zum anderen, denn Gott sucht der Menschen Nähe.
Und Gott stellt Nähe zu sich her. Das ist ganz und gar seine Sache. Und dass und wo dies geschieht, da ist es Glück zu nennen, denn es ist ein geschenkter, gewährter, ein wunderbarer Moment. Und Gott sucht ja immer die Nähe und so ist er immer nahe- und zuvorkommend. Auch wenn wir Erdenkinder die Nähe nicht oder anders spüren, oder wenn wir verschiedene Zeiten dafür kennen oder wenn wir dafür ganz verschiedene Bezeichnungen haben oder wenn wir daran zweifeln, fast verzweifeln. Auch wenn wir ihn fern fühlen, weg, weit weg, abwesend, auch dann bleibt es dabei: Er ist ein  naher Gott. Das macht die gespürte Ferne nur bitterer.
Und selbst Jesus, die Nähe der Liebe Gottes, zweifelte am Ende und spürte Gott weit entfernt und sich verlassen, er ihn, er seinen Gott, den er auf wunderbare Weise den Menschen so nahe brachte, dass Gott da wurde und war und blieb. In Jesu Worten, Taten, Liebeswundern kam Gott den Menschen so nahe, dass er in ihr Leben kam und sie ihn gegenwärtig spürten, umfangen wurden von der Macht einer tiefen Liebe.

Das Glück der Nähe
Es gibt wohl mehr als tausend Wege zum Glück, so viele wie zum Unglück. Es gibt mehr als tausend Worte für Glück und einer davon heißt „Gott“. In seiner Nähe ist Glück. Seine Nähe bedeutet Glück. Es ist wie in den Armen dessen, den man liebt und der einen liebt, in dessen Armen ist das Glück, liegt das Glück, ist man tief beseelt, erfüllt, aufgewühlt und still angerührt, selig, glücklich. Gott ist Ort des Glücks, denn Gott ist Liebe, er ist der, der uns liebt und den wir lieben, manchmal lieben sollen, manchmal es kaum spüren oder darum kämpfen. Aber ein nahender Gott ist der liebende Gott und in der Nähe eines Liebenden, eines liebendes Gottes, da ist Glück, Seligkeit, Erfüllung.
Nie so, als sei damit das Leben gelungen oder perfekt, als gäbe es nicht vorher und nachher Unglück, Schatten, Schmerz, Verzweiflung, Bitterkeit, Fragen, Böses. Vor all dem schützt die Liebe nicht, die Liebe aber schenkt uns Nähe, Intimität, lässt uns teilhaben an dem, der hindurch trägt und Wunden pflegt, der Böses bekämpft und Kraft schenkt, der vor Versuchung warnt und verzeiht, der um das Kostbarstes in uns weiß und ringt.
Jesus war nie glücklich. Das war weder Thema noch Ziel für ihn. Die Nähe Gottes war sein Plan und Weg. Er hatte nach menschlichen Maßstäben wirklich viel Unglück zu erleiden, aber auch manches Glück. Am Ende fiel für ihn beides so in einen Zeitpunkt, dass es ein Wunder bedurfte. Jesus lebte  so aus der Nähe Gottes, dass er sie nicht nur den Menschen brachte, sondern er selbst eine geheimnisvolle Seligkeit empfand, eine Seligkeit derer, durch die Gott hindurch leuchtet.

Nähe suchen
Das kommende Jahr steht noch ganz frisch vor uns. Es ist ein rein menschlicher Zeitenschnitt. Gott hat nur die Ewigkeit und alle Zeit. Zumindest für uns könnte es eine bevorstehende Aufgabe sein, das Glück im kommenden Jahr zu suchen. Es wird uns kaum gelingen. Das Glück war schon immer schwer zu finden. Wir könnten dagegen die Nähe suchen, die Nähe zu Gott suchen, die Nähe, die allein er uns schenkt.
Denn: Liebe lässt sich gerne finden. Auch wenn sie einem geschenkt wird. Und Nähe suchen ist vielleicht urmenschlich. Menschen suchen Nähe und haben fast immer ein gutes Gespür dafür, wo heilsame, guttuende, liebende Nähe zu finden ist. Der Nähe Gottes vertrauen, sich nicht irr machen lassen durch andere Auskünfte über Gott, darauf vertrauen und im Notfall darauf setzen, dass er meine Nähe will, dass er seine Nähe zu mir sucht, findet und schenkt. Darauf hat Jesus still auch im Tode letztlich vertraut.
Und viele, die sich Jesus annäherten und denen Jesus die Nähe Gottes schenkte, begannen letztlich bei sich, begannen in und bei sich nach der Entfernung, nach dem entstanden Abstand zu Gott, zur Liebe zu fragen, zu suchen, und wurden über die Frage hinweg nachdenklich, kamen sich selbst näher, öffneten sich und waren dann bereit für die Nähe Gottes, wurden von seiner Liebe berührt.
Und dann passiert, geschieht: Kurz die Balance verlieren, die zwischen Nähe und Ferne, die Menschen austarieren, für einen Moment: Gottes Unnahbarkeit beruhigend ahnen, allen Abstand zu ihm sehen und aushalten, nur seinen Saum anfassen, den nächst höheren Baum besteigen, zum unter die Räuber gefallenen Menschen sich hin knien, das Glas voll Salböl nehmen, eine unschätzbarer Nähe berühren und selbst berührt werden von ihr, von Gott, seiner Liebe und glücklich werden für jenen einen ewigen Moment. Amen.

Deine Zeit in meinen Händen



Predigt am Altjahresabend 2013 (31.12.2013)

Liedstrophen vor der Predigt
EG 641, 3. Du weißt den Weg ja doch, du weißt die Zeit,
dein Plan ist fertig schon und liegt bereit.
Ich preise dich für deiner Liebe Macht,
ich rühm die Gnade, die mir Heil gebracht.

EG 408, 1. Meinem Gott gehört die Welt,
meinem Gott das Himmelszelt,
ihm gehört der Raum, die Zeit,
sein ist auch die Ewigkeit.

EG 64, 1. Der du die Zeit in Händen hast,
Herr, nimm auch dieses Jahres Last
und wandle sie in Segen.
Nun von dir selbst in Jesus Christ
die Mitte fest gewiesen ist,
führ uns dem Ziel entgegen.

Predigtteil I
Unbestimmte Zeit
Das kommende Jahr liegt noch unbestimmt vor uns. Noch sind die Stunden, Minuten, Tage, die Zeit nicht da, noch sind sie von uns unbetreten, ungelebt. Vieles – so wissen wir – ist absehbar, wird sich fortsetzen. Manches – hoffen oder befürchten wir - wird anders werden. Sicher: Die kommende Zeit wird immer unsere Zeit seien, mit dem was zu uns gehört, und die Zeit anderer; Zeit hier und Zeit auf der Welt, bei anderen Menschen rund um unseren Globus. Eine Unzahl von noch ungegangenen Wegen, von Plänen und Zielen, von Unsicherheiten und möglichen Versicherungen, von Wünschen und Bitten: nach Liebe, nach Segen, nach Heil und Gnade, nach Glück und Gelingen, nach jemanden, der mitgeht, führt, Zeit verwandeln vermag, der sie gibt und in seine Hände nimmt.

In Gottes Hand
Gott steht der Zeit gegenüber. Er hat sie geschaffen, ein Vor und Nach ihm gibt es nicht, Zeit ist ohne ihn nicht denkbar. Gott hat die Welt und deren Zeit geschaffen, und mit beidem alles in der Zeit. Wir leben aus der Vergangenheit in der Gegenwart auf Zukunft hin. Für Gott ist alles ein Augenblick, sein ewiger Moment. Er weiß die Zeit. Ihm gehört die Zeit. Er hat sie in seinen Händen. Gott kennt die Zeit und wie wir sie leben, füllen, verschwenden, totschlagen, schenken, wie wir in ihr lieben, hassen, geboren werden, sterben, wie die Zeit in unseren Händen wird und wir in ihr. Er kennt seine Menschen in der Zeit. Gott gehört die Zeit, wie alles, was er geschaffen hat, ins Leben rief und immer wieder ruft. Die Zeit ist sein Besitz, wie die Erde und die Luft, die Menschen und die Pflanzen. Gott hat die Zeit in seinen Händen. Dort ist sie immer zuerst, und aus diesen Händen gibt er sie.
Er gibt sie uns als Jahr, das bevorsteht, und seines ist. Ein Stück seiner Zeitschöpfung. Er gibt Zeit uns als Momente, um deren Heiligkeit und Tragik er weiß. Er gibt sie uns als Stunden, Minuten, als Monate und Tage, als zu füllende, zu lebende Zeit, die ihm gehört und die wir leben.

EG 432, 1. Gott gab uns Atem, damit wir leben.
Er gab uns Augen, dass wir uns sehn.
Gott hat uns diese Erde gegeben,
dass wir auf ihr die Zeit bestehn.
Gott hat uns diese Erde gegeben,
dass wir auf ihr die Zeit bestehn

EG 659, 1. Die Erde ist des Herrn.
Geliehen ist der Stern, auf dem wir leben.
Drum sei zum Dienst bereit,
gestundet ist die Zeit, die uns gegeben.

EG 360, 3. Wir wollen leben und uns selbst behaupten.
Doch deine Freiheit setzen wir aufs Spiel.
Nach unserm Willen soll die Welt sich ordnen.
Wir bauen selbstgerecht den Turm der Zeit.

Predigtteil II

Zeit gelebt
Zu uns, zum Leben gehört Zeit, wir leben in der Zeit und wir haben immer gelebte Zeit hinter, mit uns. Wir haben ein gelebtes Jahr fast hinter uns, noch ein paar Stunden noch, dann gehört 2013 der Vergangenheit an und doch werden wir immer mit all dem, was da 2013 war und nicht war, was gut ging und was schlecht lief, was uns Freude machte und was uns schmerzte, Geliebte und Verlorene, dunkle und helle Seelenflecken, auch im Neuen weiterleben, es mitnehmen als unsere gelebte Zeit, wie all die Jahre zuvor.

geschuldete Zeit
In all dem haben wir die  Zeit bestanden, manchmal überstanden. Bestanden, weil leben in der Zeit immer auch Herausforderung ist, uns einiges abverlangt und wir immer auch in und an der Zeit und dem, was in ihr ist, scheitern können. In all dem war uns die Zeit gestundet. Wir haben sie bekommen, wir sind ihr, den Menschen, Gott und uns selbst etwas schuldig in ihr und ihre Erfüllung, das Auslösen dessen, was wir der Zeit schulden, ist immer wie aufgeschoben. Wir merken, wir leben Zeit nicht nur, sondern die Zeit ist geschenkt, geliehen, uns gegeben mit einem bestimmten Anspruch, mit einem bestimmten Auftrag, mit einem Ruf, diese Zeit zu füllen, ja zu erfüllen.
In all dem haben wir auch Türme der Zeit gebaut, die nie hätten gebaut werden sollen, haben Zeit so gelebt, so gefüllt, dass in ihr kein Segen, kein Gelingen, kein erfüllter Auftrag lag. Unerfüllte Zeit, uneingelöste Versprechen, Zeit vertan, Zeit falsch verbracht, am wenigsten durch Müßiggang, als dadurch, dass wir uns dem verweigert haben, der die Zeit aus seinen Händen uns gab, und wir sie nur als unsere nutzten. „Herr, nimm auch dieses Jahres Last“ ist ein realistische Bitte am Ende des Jahres, um gewandelt ins neue treten zu können.

EG 533, 3. Wir sind von Gott umgeben
auch hier in Raum und Zeit
und werden in ihm leben
und sein in Ewigkeit.

EG 225, 2. Wir haben sein Versprechen:
Er nimmt sich für uns Zeit,
wird selbst das Brot uns brechen,
kommt, alles ist bereit.

EG 294, 1. Nun saget Dank und lobt den Herren,
denn groß ist seine Freundlichkeit,
und seine Gnad und Güte währen
von Ewigkeit zu Ewigkeit.
Du, Gottes Volk, sollst es verkünden:
Groß ist des Herrn Barmherzigkeit;
er will sich selbst mit uns verbünden
und wird uns tragen durch die Zeit.

Predigtteil III
Gehaltene Zeit
Gott weiß, gehört, hat die Zeit. Sie steht ihm gegenüber. Aber wie alles, was er geschaffen hat, entspringt es seiner Liebe und ist Moment seiner Liebe. So auch die Zeit. Sie entspringt seiner Liebe und ist Augenblick seiner Liebe. Als Ausdruck seiner Liebe wird die Zeit zum Anspruch an uns, Gottes Liebe wartet auf unsere zeitige Antwort. Als Zeit seiner Liebe wird Zeit aber auch für uns lebbar und die Verheißung erfüllender Zeit liegt auf all unseren Minuten, Stunden, Tagen.
Gott umgibt unsere Zeit. Er nimmt sich  Zeit für uns. Er trägt uns durch die Zeit. Unsere Zeit ist in Gottes Liebe gehalten. So können wir all unsere Zeitübergänge, wie den heute Nacht, begehen, gesichert und immer mit einem Vorschuss an Verheißung, an „es wird gut gehen“. Er hält das nächste Jahr wie das vergangene in seinen Händen, dort ruht es und er nimmt diese Zeit, die in seinen Händen mit viel Liebe gefüllt wird, er nimmt sie sich für uns und schenkt sie uns versehen mit dem Abglanz seiner Ewigkeit.

Sein Zeitgesicht
Seine Zeit bekommen wir, wie wir sie schon immer bekamen, um sie als seine Zeit zu leben, unsere Zeit sein Antlitz zu geben, das Versprochene zu erfüllen. Alles liegt in ihr immer schon bereit.
Unsere Zeit möge zur Brot-Zeit für uns und andere werden, Zeit, die untereinander geteilt wird, sich unverhofft vermehrt, sich auftut, verbindet, die uns gegenseitig an unseren Seelen nährt und erfüllt. Sie möge Herzen-Zeit werden, die Raum hat und lässt für Sekunden angefüllt von Freundlichkeit und Barmherzigkeit, Minuten und Momente, die mitten in den herzlosen Schnelllauf unserer Zeit ein Stück Ewigkeit finden lassen.  Sie möge sein Angesicht tragen, eines das aller unbestimmten Zeit sein Aussehen gibt, sein Zeitgesicht.
Dann werde die kommende Zeit zu seiner Zeit in unseren Händen. Wir werden auch ohne eigene Zeit um die Liebe Gottes in der Zeit wissen, dass wir ihm gehören und er uns treu und immer hält. Wir werden die von ihm gewährte Zeit mutig leben, und die Ewigkeit in ihr heraus nehmen, leben und dankbar sie mit ihm für andere füllen. Wir werden am Anfang und am Ende jeder unserer Zeitabschnitte ihn als Mitte spüren und still und gemeinsam manchmal laut ihm sein Lob singen.

EG 36, 12. Ich will dich mit Fleiß bewahren;
ich will dir leben hier,
dir will ich hinfahren;
mit dir will ich endlich schweben
voller Freud ohne Zeit
dort im andern Leben.

EG 325, 1. Sollt ich meinem Gott nicht singen?
Sollt ich ihm nicht dankbar sein?
Denn ich seh in allen Dingen,
wie so gut er’s mit mir mein’.
Ist doch nichts als lauter Lieben,
das sein treues Herze regt,
das ohn Ende hebt und trägt,
die in seinem Dienst sich üben.
Alles Ding währt seine Zeit,
Gottes Lieb in Ewigkeit.

Sonntag, 22. Dezember 2013

Kostbares tragen



Predigt am 1. Christtag 2013 (25.12.13)

Fliehen
Zerschlissene Kleider. Ausgemergelte Gesichter. Barfuß. Zusammengepfercht zu Hunderten. In alten Zelten, in notdürftig aufgebauten Hütten, in Sammellagern. Bilder von Flüchtlingen, ob in Syrien, vor Lampedusa oder auf den Philippinen. Und mit ihnen auch die Bilder, warum sie fliehen mussten, die Bilder von Krieg, von Gräuel, von Naturkatastrophen. Die Flucht: notgedrungen, überstürzt, ungeordnet, mit letzten Hab und Gut, ohne alles, mit dem Tod anderer im Kopf und mit dem eigenem Leben in der Hand als letzter Ausweg: irgendwohin, nur weg, weg vom Unheil.
Und die Flucht hat im Aufnahmelager, hat auf dem Schiff im Mittemeer, hat in den Übergangswohnheimen kein Ende. Sie setzt sich fort, in unseren Köpfen, in unserem Geldbeutel, in Fragen, ob all die Flüchtlinge aufgenommen werden können, wo sind denn alle wohnen können, wie wird das bezahlt. Die Flucht setzt sich fort in den Flüchtlingen, sie setzt sich fort mit solchen Fragen, mit dem mühseligen, schwierigen Versuchen, in der Fremde bei Menschen, die anders denken, glauben, leben, Fuß zu fassen, anzukommen, sich zurechtzufinden, so etwas wie Heimat zu suchen.
Manche von Ihnen waren auch schon mal auf der Flucht. Vor fast 70 Jahren und Ihnen steckt noch im Kopf und in der Seele, dass Sie fliehen mussten, dass sie vertrieben wurden, dass sie hin- und hergeschoben wurden, bis endlich erst dort und dann hier wieder ankamen und nach und nach heimisch wurden. Neben Ihnen und denen, die aus der ehemaligen DDR flüchteten, kennen wir Flüchtlinge und Flucht bei uns eigentlich nicht. Vielleicht sind wir ab und zu noch als Kinder vor irgendetwas geflüchtet, aber das schon länger nicht mehr. Heute muss man eher seinen Mann oder seine Frau stehen, aushalten, sich durchboxen, die Ellenbogen benutzen und zum Angriff übergehen. Fliehen, Wegrennen, Davonlaufen tun wir aber trotzdem, innerlich, nach innen hinein, emigrieren, verkriechen, verstecken, stumm sein. Vielleicht ist der Mensch doch ein Fluchttier.

Geflüchtet
Das Jesuskind ist auch geflüchtet. Es wurde sozusagen geflüchtet. Kurz nach seiner Geburt konnte es selbst nicht fliehen. Im Traum hat es der Engel seinem Vater gesagt und Josef nahm das frischgeborene Kind, packte es ein, legte es vielleicht auf einen Esel und floh mit ihm, nein floh für ihn; er floh mit ihm vor Herodes, der in Jesus einen neuen konkurrierenden König sah und ihn aus dem Weg räumen wollte. Die junge Familie flüchtete nach Ägypten, ausgerechnet in das Land, aus dem das Volk Israel geflüchtet war, das Land, das Gefangenheit und Knechtschaft bedeutet. Heimat sieht anders aus. Als Herodes, der Kindermörder selbst gestorben war, kehrten Josef, Maria und Jesus wieder zurück und kamen nach Nazareth, von wo sie vor der Geburt Jesu aufgebrochen waren.
Jesus war gleich nach seiner Geburt ein Flüchtling. Seine Flucht gehört zu seiner Geburt und zu unserem Weihnachten. Aufhören, weiter zu erzählen, weiter zu hören, ausblenden geht nicht. Die Fluchtgeschichte Jesu gehört dazu, wie die Bilder der Flüchtlingen, die Flüchtlinge selbst dazugehören zu unserem Weihnachten. Das Heil ist doch nicht auf unser Weihnachten beschränkt, es kennt keine Schranken. Alle Flüchtlinge, alles, was auch in uns fliehen muss, möchte, hat Anteil an der einen Fluchtgeschichte Jesu, so wie an seiner einen Geburtsgeschichte:

In bitteren Gesichtern Jesus sehen
Jesus muss flüchten. Sein Leben wird bedroht. Von Herodes. Warum lässt Gott seinen Sohn gefährdet sein? Warum legt er auf unser Weihnachtsfest diesen Todesschatten? Ein Warum an Gott, das sich durchzieht bis an Kreuz von Jesus, das sich auch stellt, wenn Krieg, Hunger, Katastrophen, Unrechtregime Menschen nach dem Leben trachten und sie zur Flucht treiben.
Es ist eine Teil-Flucht Gottes mit all diesen, eine Teil-Ohnmacht Gottes, die schier unerklärlich ist.
Jesus flüchtet. Es geht um sein Leben, um Tod oder Leben. Es gibt keinen anderen Weg. So bitter es ist, manchmal muss man flüchten. Wenn es um unser Leben geht, ums nackte Überleben unserer Seele, dann müssen wir manchmal fliehen, dann ist Flucht, das was uns manchmal nur übrig bleibt, was noch unser Leben retten könnte, unser so kleines, verletzliches Leben wie das des Jesuskindes. Und wie bitter ist es dann, wie Josef in der Fremde, abzuwarten, bis, bis man wieder aufleben, zurückkehren, weiterleben kann.
Jesus flüchtet und er wird bewahrt. Das ist bei allem Warum und Warten die Summe der Geschichte. Das Ende der Flucht. Er wird auf Umwegen bewahrt, getragen als Gottes Kostbarstes, bewahrt durch Traum, durch Engeln, durch Josef. Es ist eine Bewahrungsgeschichte, an der wir weitererzählen, die wir weitertragen:

Einander Engel werden, vielleicht nicht prophetisch die Gefahr voraussehen und den Weg weisen, aber Engel in Menschengestalt sein, wissen, wie lebensbedrohend Flucht ist, wie geschunden und geschupst Flüchtlingen werden und überlegen, wie Lebensraum, Heimat, eine Wohnung, eine Bleibe geschaffen, bereitgestellt werden können. Ja selbst das tun! Einander Menschen werden, wie Josef: Die Menschen, die flüchten müssen, tragen, stützen, vielleicht nicht auf der Flucht, aber beim Versuch, in der Fremde, hier, Fuß zu fassen, anzukommen, heimisch zu werden. Einander Christus werden: Jesus selbst war und ist ein Flüchtling, damals gleich nach der Geburt und immer wieder. Er teilt das mit allen, die flüchten müssen. In Flüchtlingen Jesu Geschichte der Flucht nach Ägypten hineinlesen, in den Flüchtlingen Grundzüge seiner Flucht erkennen, in ihren ausgemergelten Gesichtern seine Gesicht sehen und sie im Lichte von Weihnachten das ganze Jahr kostbar achten. Amen.