Samstag, 18. August 2012

Vielmehr als Durchschnitt



Predigt zur Arbeit „Drops . 4,567 Milliarden Jahre“ von Jochen Kitzbihler

Wort aus dem Anfang
Es ist egal, wie Sie das Bild in Ihren Händen drehen. Es zeigt immer den fein geschliffenen Querschnitt eines kleinen Steinmeteoriten, eines sogenannten Chondriten, der mikroskopisch von einem Künstler aufgenommen und dann zu einem Bild vergrößert wurde. Dieses Kunstwerk, das auch noch mehrere Bilder solcher Steinmeteoriten zeigt, hängt im Haus der evangelischen Kirche in der Habsburgerstraße, dort im Andachtsraum als lichtdurchflutete Installation.
Der Chondrit, dessen Abbdilung Sie in den Händen halten, ist bei seiner Entstehung ein gasförmiger, energiereicher Tropfen gewesen. In einem gewaltigen Temperaturwechsel ist er schockartig zu Materie geworden. Das war vor ca. 4, 567 Milliarden Jahren, als unser Sonnensystem entstand. Damals gab es die Erde noch nicht, geschweige denn Leben oder gar Menschen. Der Mensch entstand erst gut vor 2-3 Millionen Jahren, also 4, 565 Milliarden später als dieser Chondrit.
Ist dieser Chondrit so etwas wie ein Urwerk Gottes? Etwas ganz vom Anfang? Von Gott uranfänglich geschaffen und gewollt? Steine, Meteoriten, Planten, Sonnensysteme, beginnendes Leben, Pflanzen, Bäume, die ersten kriechende Tiere, Lebenwesen, all dies antwortet auf Gott in seinen Sprachen, viele von ihnen sind uns eher stumm und unverständlich, aber sie sind geschaffen, um Gott gegenüber ihm Antwort und Ehre zu geben. Je auf ihre Weise.
Der Mensch gibt Gott seine Antwort. Als Geschöpf ist er von Gott als Gegenüber gewollt und Gott wartet auf Antwort auf seine Schöpfertat und seine Leibe. Er wartet geduldig, beharrlich, liebevoll. Unser Leben ist Antwort auf Gottes Frage nach mir und dir - und ihm. Menschen sind nicht vom Himmel gefallen, sie sind entstanden aus dem Leben vor ihnen, es ist eine Kette von Antworten, die letztlich beim Menschen, bei uns jetzt angekommen ist; es gehört zur gnadevoll zugesprochenen Freiheit, dass wir geworden sind aus dem, was vor uns war, dass wir auf Antwortversuche vor uns fußen – und vielleicht ganz andere Antworten auch nach uns noch kommen.
Der Chondrit ist auf seine Weise Antwort auf Gottes Schöpferliebe, wir sind es auf unsere Weise. Die Anwtort des Chondriten und unsere werden beide von Gott gehört. Uns ist die des Chondriten sichtbar gemacht:

Querschnitt
Wir sehen seine Antwort im Querschnitt. Der Künstler hat mikroskopisch den Chondriten genommen und ihn durchgeschnitten, so sehen wir ihn als Bild im Querschnitt. Viele Dinge werden uns im Querschnitt dargestellt, die Biologie- und Chemiebücher sind voll davon, ob Zellen, Atome oder Zähne. Häuser werden von Architekten im Querschnitt gezeichnet und an Bäumen sehen wir im Querschnitt die Jahresringe.
Selbst Menschen werden im Queschnitt gezeigt, wenn sie im Tomographen liegen und untersucht werden.
Wir betrachten unser Leben an Punkten, an Phasen, oft leben wir es, ohne es zu betrachten, auf seinen Lauf und Kern hin es zu beschauen. Menschen schreiben Tagebücher und Lebensgeschichten auf und oft wird Leben in seiner Chronologie der Tage und Ereignisse gesehen, als Abfolge vom ersten Geburtsschrei bis zum letzten Atemzug; fast wie im Längsschnitt mit offenen Fragen: Was kommt raus? Wo war der rote Faden? Wer waren wir?
Würden wir unser Leben im Querschnitt betrachten, so mittendurch seziert und aufgeklappt, was bekämen wir da zu Gesicht? Alles und jeden? Einen Kern? Die Wachstumsringe? Unsere Beziehungsfelder? Durchschnitt und mehr?
Der Chondrit in Ihren Händen hat verschiedene Farben, es gibt dunkle Stellen, schwarz, Löcher. Da ist weiß, Helligkeit und Licht; da ist blau, fast himmlisch und rot, hellgrün auch. Wie in unserem Leben mit seinen dunklen Momenten, den Lebenslöchern, in die wir fallen; die hellen Augenblicke, Phasen voller Glück und Gemischtes von Himmel, Erde, Blut, Tränen und Hoffnung. Manche Stellen sind unkenntlich. Alles ist da.
Die Konturen sind unklar, offen nach außen, ein bißchen durchlässig, die Form ist eher rund als eckig; nach innen fast wie eine Zwiebel, aber ein Kern: Das bin ich, gibt es nicht. Wir sind alles. Ein wenig unsortiert, fast chaotisch, einzelen Streifen, wie Abschnitte, die sich zusammenlegen, außen wie ein kleiner Streifenmantel zum Schutz?, innen verschwimmend. Jeder Chondrit ist nicht wie dieser, aber jeder ist ganz individuell, so wie unsere Antwort auf Gott im Querschnitt des Lebens.

Feinschliff Gottes
Wie mag Gott unser Leben betrachten? Auch im Querschnitt? Was mag er da sehen? Was sieht er und was möchte er sehen? Gottes Blick ist der eines Schöpfers, der sein Geschöpf aus Liebe geschaffen hat und in Liebe ansieht, ein Geschöpf, das sein Leben, seine Farben, seine Strukturen und Konturen, sein Chaos und seine Angesicht von Gott hat. Ein Geschöpf, das von Gott bleibend gewollt, geliebt, gehalten wird, und das antwortet, in einer Sprache wie die des Chondriten.
Der Künstler Jochen Kitzbihler hat die Sprache des Chondriten empfunden und herausgearbeitet. Er hat den kleinen Stein ganz groß gesehen. Wie wunderbar. Das sollten wir bein klein gemachten Menschen öfter tun. Er hat den kleinen Stein seinen Querschnuitt gegeben und ihn fein geschliffen, richtig schön gmacht. Wie Gott, der Menschen schön macht, schön schaut, sie fein schleift, zart, mit möglichst wenig Schmerz, bis Menschen in einem Lichtglanz glänzen können.
Als sein Kunstwek fertig war und es im Andachtsraum im Haus der evangelischen Kirche installiert wurde, wurde neben die Installation eine ganz zarte, feine, fast durchsichtige Schrift angebracht, ein Satz aus Psalm 19, den wir vorhin alle zusammen Gott antworteten:
Die Himmel rühmen den Lichtglanz Gottes. Das endlose Weltall verkündet seiner Händewerk.“
Die ganze Schöpfung ist Antwort auf Gottes uranfängliches und wiederholtes Liebeswort. Und so rühmen die Himmel Gott und das endlose Weltall verkündet ihn. Die Welt wird ls Schöpfung sein Händewerk und sein Lichtglanz. Sie ist eine Polyphonie aus ganz verschieden gesprochenen, gestotterte, gemalten Antworten, samt den unglaublichen und tragischen Missklängen, die ihm im göttlichen Ohr gällen. Aber eben auch herrliche Antworten, wie dies des ganz kleinen und uralten Chondriten, wie vieles um uns herum, gerade in der Sommerzeit, und wie unsere eigene Antwort auf Gottes Schöpfertat. Wir selbst, ich und du im Querschnitt gesehen, sind ein ganz bestimmter, lieb gehörter Ton im unendlichen langen und großen Rühmen von Himmel und Erde. Wir selbst, du und ich, sind seiner lieben Hände Werk, sind zart sein Lichtglanz. Amen.

Donnerstag, 26. Juli 2012

Ein tanzendes Kind


Predigt am 8. Sonntag nach Trinitatis (29.7.2012)

1. Korinther 6, 9-11 + 15-20
9 Oder wisst ihr nicht, dass die Ungerechten das Reich Gottes nicht ererben werden? Lasst euch nicht irreführen! Weder Unzüchtige noch Götzendiener, Ehebrecher, Lustknaben, Knabenschänder, 10 Diebe, Geizige, Trunkenbolde, Lästerer oder Räuber werden das Reich Gottes ererben.
11 Und solche sind einige von euch gewesen. Aber ihr seid rein gewaschen, ihr seid geheiligt, ihr seid gerecht geworden durch den Namen des Herrn Jesus Christus und durch den Geist unseres Gottes.
15 Wisst ihr nicht, dass eure Leiber Glieder Christi sind? Sollte ich nun die Glieder Christi nehmen und Hurenglieder daraus machen? Das sei ferne! 16 Oder wisst ihr nicht: wer sich an die Hure hängt, der ist "ein" Leib mit ihr? Denn die Schrift sagt: »Die zwei werden "ein" Fleisch sein« (1.Mose 2,24). 17 Wer aber dem Herrn anhängt, der ist "ein" Geist mit ihm. 18 Flieht die Hurerei! Alle Sünden, die der Mensch tut, bleiben außerhalb des Leibes; wer aber Hurerei treibt, der sündigt am eigenen Leibe.
19 Oder wisst ihr nicht, dass euer Leib ein Tempel des Heiligen Geistes ist, der in euch ist und den ihr von Gott habt, und dass ihr nicht euch selbst gehört? 20 Denn ihr seid teuer erkauft; darum preist Gott mit eurem Leibe.

Ich bin Körper
Körper schieben sich im Gedränge wie Klötze durch Straßen, sie legen sich entblößt auf grüne Wiesen in die Sonne, ziehen sich hübsch an und malen Lippenstift auf ihre Münder; Körper streifen sich flüchtig, meiden Bewegung und Berührung; Körperaugen blicken sorgenvoll auf Körperbäuche, lustvoll auf Körperkurven, nackte Körper wiegen sich; Körper werden verletzt, operiert, widerbelebt. Körper sind durchtrainiert, schlank, schlaff und bunt angezogen, Körper sind wir jeden Tag, von morgens bis abends und in der Nacht, sind wir manchmal ungeheuer allein und wunderbar zu zweit. Unsere Körper kriegen wir nie los, wir haben sie an uns, an ihnen sind unsere Jahre zu zählen. Anfang geboren als ein Bündel verschmiertes Leben, am Ende blas als Totenleib.
Von Lob Gottes und Sünde sind unsere Körper meistens weit entfernt.
Wir sind Körper, unser Körper, es ist das Bild, das wir von außen abgeben. So sehen uns die anderen Menschen, bevor sie uns näher sehen. Unser Körper ist das Außen von uns innen drin. Er ist unser Ich nach außen gestülpt, sichtbar, spürbar, anzufassen, zu berühren. Unser Körper ist unser Membran, an dem uns die Welt um uns herum berührt, mit dem wir die Welt um uns wie einatmen, durch das hindurch Welt ins uns kommt. Unser Körper ist Verbindung nach Außen, von außen nach innen, von Innen nach Außen.
Wie wir uns ausdrücken in unseren Körper, innere Sorgen Falten werden auf unserer Stirn, so füllt die Welt uns innen an mit dem, was wir über unseren Körper spüren, Schläge wie Küsse,  zärtliche Worte, die unter die Haut gehen; Sätze, die uns verletzten wie Messerstiche. So tragen wir in uns Sehnsüchte, Hoffnungen, Wünsche, schlechte Erfahrungen, tiefe Ängste, eine Vielzahl von zugeworfenen Worten, gesehene Bildern und Menschen. Uns unser Körper kehrt, zeigt das wieder nach außen, mal verschlossener, mal nur bestimmten Menschen, mal ganz offen: gebeugte Körper, lachende Körper, weinende, hingebungsvolle, zerbrechliche.
Mein Körper gehört mir. Ich bin er – und er ist das, was in mir ist. Ihm gehört er auch.

Die Hure in mir
Das dürfen wir nicht vergessen. Daran müssen wir denken. Wir müssen aufpassen und vorsichtig sein. Auf uns und unsere Körper.
Was ist die Hure in mir? Was ist in mich eingewandert von außen, durch meinen Körper in mich herein? Was ist durch mein Körpermembran in mich gekommen und wohnt dort, hat mich wie infiziert. Was ist diese Hure in mir, vor die Paulus uns warnt? Hurerei ist das Bild, was Paulus eingeprägt ist. Heute sind es andere Bilder, anderes, was in uns einwandert und uns beherrscht, gefangen nimmt, uns selbst preisgibt und uns verkauft.
Körper begegnen, ohne sich zu begegnen, ohne nach dem da drinnen im Körper zu sehen, zu fragen, ohne dass es eine Bedeutung hätte, dass das etwas drinnen im Körper ist und auch begegnet, auch begegnen will, Sehnsucht hat, das andere im Körper des anderen sucht, berühren möchte. Körper berühren einander, ohne dass sich Menschen berühren, deren Seele. Körper bleiben seelenlos, ohne die Seele des anderen gestreift zu haben, für Sekunden, sie zu halten, sie bleiben leer, ohne die eigene Seele berührt zu haben, genährt für Sekunden.
Körper bleiben ganz im Außen, verlieren ihre Bedeutung, Verbindung zu sein, Membran nach außen und Innen, sich zu berühren und das was innen ist einander nahe zu bringen. Körper werden bedeutungsleere Körper, eigentlich leblose Körper, kalt, icharm, nach innen und nach außen. Der Körper wird bedeutungslos als nach Außen von mir, er wird losgelöst, egal, aufgeplustert, abgemagert, stilisiert, minimiert, nichts und alles, aber nicht mehr mein Körper für mich und dich. Das Innen im Körper wird verkauft.

Gottes Leib sein
Dabei sind unsere Körper mit Seelen drin teuer erkauft. Nicht mit Geld, sondern mit etwas, das keine Währung kennt, das unvergleichlich ist: Mit Jesus, seinen Körper am Kreuz, seinem Körper auferweckt. ER in mir gegeben.
Nicht vergessen. Sich erinnern. Aufpassen und vorsichtig sein: Jesus Christus ist in uns. Das mache nicht ich. ER kommt in uns, von außen, durch unseren Körper, durch das gehörte, gelesene, gesprochene Wort, durch den Heiligen Geist, der ihn in uns lebendig macht, als das, was seine Gedanken, Wünsche, Sehnsüchte, Zweifel, Gebete, Worte für uns sind.
Wir werden durch ihn befreit von den Huren in unseren Körpern, von jeder seelenlosen Begegnung der Körper. In unserem tiefsten Seelenort wohnt Jesus. Wir werden reingewaschen, geheiligt, gerecht. Unsere Körper werden zu Tempel Jesu, zu nach außen sichtbaren und wunderbar leuchtenden Behältern für Gott, seine Träger. Ich kann mich in meinem Körper durch ihn als der zeigen, der ich bin: Gottes Mensch aus Fleisch und Blut, beseelt. Unsere Körper gehören ihm, damit er in ihnen lebendig und sichtbar wird. Unsere Körper sind göttlich beseelte Membrane zu uns und zu den anderen. Wir tragen Gott in uns, das spüren wir nach innen und das leben wir als sichtbare, spürbare, berührbare Körpern nach Außen.
Wir, wir als Ganze, unsere Seele, unser Körper, werden dann zum Teil des Reich Gottes. So wie wir geschaffen sind, leben wir: von Gott schön gemacht, trotz und in Wunden und Dreck, in uns und für andere aus uns heraus. Unsere von Gott beseelten Körper werden dann ihm zur Ehre. Er hat sie wunderbar geschaffen und sie dienen ihm. Er selbst wird durch Seelen und Körper sichtbar und spürbar. Sie loben ihn. Unsere Körper erzählen in ihrer ganzen Haltung das von Gott in ihnen, wie ein kleines tanzendes Kind, dessen Körper in Gottes Lichtkegel die Augen geschlossen vollkommen selbstvergessen, sich ganz und gar findend von Gottes umfassender Liebe tausend und mehr Worte laut spricht. Amen.


Mittwoch, 4. Juli 2012

Etwas kleiner


Predigt am 5. Sontag nach Trinitatis

1. Mose 12, 1-4a
Und der HERR sprach zu Abram: Geh aus deinem Vaterland und von deiner Verwandtschaft und aus deines Vaters Hause in ein Land, das ich dir zeigen will. Und ich will dich zum großen Volk machen und will dich segnen und dir einen großen Namen machen, und du sollst bein Segen sein. 3 Ich will segnen, die dich segnen, und averfluchen, die dich verfluchen; und bin dir sollen gesegnet werden alle Geschlechter auf Erden. 4 Da zog Abram aus, wie der HERR zu ihm gesagt hatte.

Ein paar Schuhgrößen kleiner
Es sind große Schuhe, die Abram da trägt. Es sind große Fußstapfen, die er macht und die er hinterlässt. Zu groß. Der Text, das, was da berichtet wird und geschieht, ist wie ein paar Schuhgrößen zu groß.
Zu groß ist die Aufforderung Gottes an Abram: Er soll herausgehen nicht nur aus dem Vaterland, nicht nur weg von der Verwandtschaft, sondern sogar raus und weg aus dem eigenen Haus, aus der Heimat, aus dem Gewohnten, aus dem, was bisher war. Sehr groß ist auch das Versprechen Gottes: Gott verspricht Abraham nicht nur ihn in ein anderes, fremdes Land zu führen. Gott will ihn sogar zu einem großen Volk machen, er will ihm einen großen Namen machen. Gott will Abram nicht nur segnen und ihm zu Segen werden lassen für alle Geschlechter, an Abram sollen sich sogar Segen und Fluch Gottes entscheiden.
Sehr gehorsam Abram, sehr radikal seine Vertrauen, ungeheuerlich die Zusage Gottes. Das ist fast ein paar Schuhgrößen, ein paar Fußtapfen zu groß. Geht es vielleicht, geht es bitte ein bisschen kleiner? Etwas kleiner.

Ich zeig dir was
„Ich zeig dir was“, Gott spricht das. Gott sagt das zu mir. Ich meine es zumindest. Er spricht es unspektakulär. Oder zumindest höre ich es so. Fast nebenbei. In meinem Kopf, in meiner Seele, in mir wächst aber etwas, es wächst die kleine Sehnsucht nach diesem „Ich zeig dir was“.
Gott zeigt mir was. Vielleicht hinter vorgehaltener Hand oder halb verdeckt. Er zeigt mir etwas, was ich bis jetzt nicht sah, nicht hatte, nicht ahnte, nicht war. Etwas aber, was zu mir gehört, was mir fehlte, ohne dass ich es wusste, was größer ist als ich, aber nicht nur gefährlich, was mehr ist als ich, aber mich auch aufnehmend, erhebend, erfüllend. Etwas, das ist wie eine Bestimmung, ein Auftrag, eine Verheißung. Alles zu viel gesagt vielleicht. Aber eine kleine Vision ist dieses Etwas schon, was Gott mir zeigt. Es ist eine kleine Vision für mich, für den anderen Alltag, ein Stück Anderland, ein Stück Segen, Heilwerden, Glück.
„Ich zeig es dir“, Gott spricht leise, sanft, aber zu mir, unauffällig, aber seine Vision von mir setzt mich in Gang, erst ganz langsam, zögernd, innen drin, aber ich beginn, mich ein bisschen zu bewegen, aufzubrechen. Fast, nur fast wie Abram.

Ein bisschen bewegen
Sich ein bisschen raus und woanders hin bewegen, gehen. Das muss nicht viel sein. Raus aus dem Gewohnten. Das ist leicht gesagt, aber manchmal verdammt schwer getan. Das Gewohnte ist gewohnt, ist sicher, ist auch gut, hält einen, man klebt dran fest, manchmal fesselt es. Aber doch: Sich an einem kleinen Lebenspunkt davon wegbewegen, lösen, aufmachen, raus auf einen kleinen Weg machen, aufbrechen.
Das wäre wie sich selbst aufbrechen. Selbst an seinen winzigen, aber wichtigen Lebensporen offen sein oder werden, seine kleine Lebensöffnungen finden und sich verlassen. Das ist kein Auszug mit Sack und Pack, kein radikaler Wechsel von allem, was einem lieb und teuer ist. Es ist aber schon ein bisschen davon. Es ist schon so wie bei Abram, oder bei den Jüngern Jesu, als er sie rief. Menschen öffnen sich der großen Vision Gottes, die er sicher für uns hat, für unser Leben, so wie es ist und so wie es werden soll. Wir öffnen uns, kommen vielleicht raus aus unserem Schneckenhaus, lassen uns von der Vision Gottes wie ziehen, anziehen und machen uns los, los von alten Sachen, von unlösbaren Fragen, von dumpfen Vorbehalten, von vergangenen Schmerzen, von allzu Eingefahrenem, von ewigen Ängsten, von schalen Lebensträumen.
Wir machen uns los von einem Etwas, was davon abhält, Gott ein Schritt entgegenzugehen, auszuziehen Richtung gelobtes Land, Richtung „ich zeige es dir“. Fast wie bei Abram.

An mir liegt´s
Es liegt an mir. Ob ich mir das Etwas zeigen lasse, ob ich mich bewegen lasse und mich bewege. Von der Vision Gottes für mich. Von ihm. Es liegt auch an Gott. Ob er mich anspricht, ob er mir etwas zeigt, ob er mich hineinnimmt in seine Vision und auch im Kleinen losschickt.
Gott bewegt mich und ich lasse mich von Gott in Bewegung setzen und ich merke: Ihm liegt an mir. Aus mir wird etwas, etwas von dem, was Gott von mir will, was meine Bestimmung und Aufgabe ist von ihm aus. Das muss nicht so radikal, so alles umwälzend, so groß und wuchtig sein wie bei Abram. Es kann an einem Punkt in meinem Leben sein, in einem Bereich, mit einer Idee oder Tat, manchmal auch nur mit einem Wort. Aber dann spüre ich: Ich bin gerade ein Teil, ein Etwas seiner Vision, seiner Bewegung, seiner Liebe.
Und dann spüre ich an mir: Mensch, an dir liegt es. Es ist nicht so, dass sich jetzt alle guten und schlechten Geister an mir scheiden müssten. Es ist nicht so, dass sich Segen und Fluch Gottes, Weh und Ach, Hop oder Top gerade an mir entscheiden würden. Aber ich merke: Es liegt eben auch an mir, genau an mir, ob Gottes Vision sichtbar wird, ob sich etwas von Gott bewegt, ob Menschen bewegt werden von ihm, ob andere auch etwas von ihm zu sehen, gezeigt bekommen.
Ich spüre, wie Gott mir etwas zeigt, eine kleine Vision, wie aus mir an einem Punkt der wird, der ich sein soll, wie mich das rausbringt aus altem Trott, mich tiefer beseelt, ja mich auch im Dunkeln trägt. Es liegt dann an mir, das auch zu sein, zu zeigen, weiterzugeben, ein Stück von Gottes Vision, von seinem Segen, von seiner großen Liebe.

Hosentaschengröße
Unser Text ist klein. Es sind nur viereinhalb Verse. Es sind nicht einmal hundert Worte. Mancher Einkaufszettel ist länger. Aber seine Spuren, seine Fußstapfen, seine Bedeutung sind groß, erheblich, wichtig.
In meine hintere Hosentasche oder in meinen Geldbeutel, da stecke ich mir den kleinen Text hin, den kleinen wichtigen Text voller Visionen Gottes von mir, von Abram und von euch. Ich nehme ihn so mit. Ich nehme ihn mit ab jetzt für die ganze Zeit des Sommers, und lass ihn mit umziehen von Hosentasche zu Hosentasche, von Ort zu Ort sicher in meinem Geldbeutel. Überall ist der dabei, wohin ich auch gehe. Ich versuche mich an diesen Zettel, an seine Worte zu erinnern, an das Große, was darauf steht, was drin steckt, an das Große, was Gott auch mit mir vorhat. Amen.

Montag, 25. Juni 2012

Dorfbrunnen




Der Dorfbrunnen an der Carl-Kistner-Straße wird renoviert. In diesem Jahr wird er 120 Jahre alt. 1892 hat ihn die Stadt Freiburg zur Eingemeindung geschenkt. Mit der Eingemeindung wurde Haslach, das damals ca. 800 Bewohner hatte, an das Wasserleitungsnetz Freiburgs angeschlossen. Der Dorfbrunnen sollte dafür stehen.
Brunnen waren  schon immer Begegnungsorte und Orte, an denen neben Wasser Gespräche, Neuigkeiten und vor allem Dorftratsch geschöpft wurden. Brunnen waren im wahrsten Sinne des Wortes Lebensmittelpunkt.
Die Bevölkerung von Haslach stieg im 20. Jahrhundert rasant an. Haslach wurde zum größten Stadtteil Freiburgs. 1969 musste der Dorfbrunnen der Verbreiterung der Carl-Kistner-Straße weichen und wurde von der Mitte eher an den Rand gesetzt. Spätestens seit dem hatte Haslach keinen Dorfbrunnen als Lebensmittelpunkt mehr.
Wertvoll scheint der Dorfbrunnen manchen trotzdem zu sein; wertvoll genug, an ihn und seine Geschichte zu erinnern und ihn renovieren zu lassen. Er steht irgendwie für den Wandel unseres Stadtteils. So eingepackt und als Baustelle sichtbar, erinnert er jetzt an die vielen Baustellen in Haslach, nicht nur die wirklichen, sondern vor allem an die vielen Lebensbaustellen. Er erinnert daran, wie man in die Jahre kommt, wie der Lack abplatzt, wie man manchmal an den Rand gestellt wird und man unansehnlicher wird. Und im Grund erinnert er uns daran, dass wir eine Mitte im Stadtteil brauchen, einen Lebensmittelpunkt, nicht nur als Ort, sondern etwas, was uns als Gemeinschaft im Wandel der Zeiten zusammenhält. Und er erinnert uns als Brunnen ans Wasser als alltäglichstes Lebensmittel: Das, was wir brauchen, kommt von wo anders her. Für mich ist Gott der, an den ich denke, wenn ich durch den eingezäunten Dorfbrunnen an all dies erinnert werde.
Ich bin gespannt, wie der frisch renovierte Dorfbrunnen aussieht; vielleicht ist er schon fertig, wenn Sie diese Zeilen lesen, und das umseitige Bild gehört der Vergangenheit an. Ich wünsche Ihnen allen, dass Sie im Sommer auch renoviert werden, vor allem innerlich, an der Seele, etwas neu, geglättet, von der Gnaden-Sonne beschienen, zurechtgemacht, repariert, schön und erfüllt. Gott möge Ihnen das schenken.

Donnerstag, 14. Juni 2012

Der Hüter des Feuers


Impuls zum „Nepal-Gottesdienst“ am 2. Sonntag nach Trinitatis 
(17. Juni 2012)


Die Macht gebändigt
Die Macht des Feurs haben wir schon längst gebändigt, in den Griff bekommen. Um uns zu wärmen, um unsere Essen zuzubereiten, um Helligkeit um uns zu schaffen, haben wir Schalter, Glühbirnen, Ceranfelder, Heizstrahler.
Feuerstürme irgendwo, Waldbrände im Fernsehen, die Sirene der Feuerwehr nachts, wenn sie aufheulen, erinnern uns daran, dass es nicht immer so war, dass es nicht immer so ist. Gott ist ein verzehrendes Feuer, so sagt es der Hebräerbrief wie eine kleine Zusammenfassung. Gott wie Feuer, sein Eifer, sein Grimm, sein heiliges Wort. Er lässt feurige Wagen und Rosse fahren. Er lässt Feuer vom Himmel regnen. Er ist bedrohlich, fressend, verzehrend wie das Feuer.
Mit dem Feuer haben wir vielleicht auch Gott, zumindest Gott im Kopf gezähmt. Wir haben die verzehrende, ungezügelte Macht des Feuers in den Griff bekommen und Nutzen es, haben Feuer in Elekritizität umgemünzt und beherrschen und gebrauchen es, um etwas gekocht, warm, hell zu bekommen.
Nicht schon immer ist da so. Nicht überall ist das so. Andere Zeiten, anderen Kulturen, andere Länder sind eine Erinnerung und eine Hinweis: Es gibt offenes Feuer, an deren Rand Menschen sitzen und das Feuer ist Macht: Kinder können hinein fallen und verbrennen, der Qualm kann Menschen ersticken.

Feuer hüten
Wir hüten das Feuer schon lange nicht mehr, höchstens die brennenden Kohlen auf dem Grill oder den Schwedenofen im Wohnzimmer. Doch das ist Luxus-Hüten. Elekrizität hütet man nicht, man kauft sie, man schaltet sie an oder aus, man spart oder verschwendet sie, am Ende wird sie bezahlt.
Das Feuer hüten ist etwas ganz usprüngliches, und überall, wo es nicht aus Luxus, sondern aus Notwendigkeit getan wird, ist es uns selbst Hinweis: Auf Feuer muss man aufpassen, dass es nicht ausgeht, dass es nicht ausbricht. Man muss es hüten, am Brennen halten. Man muss es hüten, immer wieder eingrenzen. Eine fast archaische Balance, die Aufmerksamkeit, Mut, Vorsicht und Resepkt erfordert. Feuer ist fast wie Liebe.
Ein Bild steht dahinter, ein Bild, das man angesicht der Menschen weder bagatallisieren noch romantisieren darf, ein fast verlorengegangenes Bild: Menschen sitzen am Feuer, ein Feuer, von dem sie leben, das sie hüten wie ihren Augapfel, ja ein Feuer, mit dem sie leben, leben müssen, leben dürfen und leben können müssen.

Das Feuer in mir
Das Feuer hüten. Das kann auch uns, uns selbst meinen. Feuer kann meinen, was in uns brennt, lodert, aufflackert. Unsere Leidenschaft, unser Brennen für etwas, für jemanden, unsere Energie, unsere innere Wärme, das, was uns brennend beseelt.
Dieses Feuer in uns hüten. Wie schwierig das ist erzählen die immer häufigeren Fälle, wenn Menschen ausbrennen, krank werden, weil das zu erlöschen droht, was in ihnen brennt. Um so dringlicher, lebensnotwendig ist es, das Feuer in uns zu hüten und auch auf das Feuer in den anderen aufzupassen. Dieses Feuer in uns zu wissen, zu spüren, es einzugrenzen, dass es uns selbst nicht vezehrt, dass es aber am Brennen bleibt. Eine ursprüngliche Aufgabe des Lebens. Und Glauben und Gott zu lieben, sich selbst und andere, hat viel mit diesem Feuer in uns zu tun.
Wir wissen doch: So sehr dieses Feuer in uns ist, so sehr wir es hüten, so wenig ist von uns. Die alte Kulturen, die fernen, noch sehr nah am Lebensgrund lebenden Menschen wissen es: Das Feuer ist gegeben, es ist unverfügbar, es ist gefährlich, eine Macht über uns, eine Macht, mit der wir uns arrangieren müssen.
Von alters her haben Christen Gott als soetwas wie das Urfeuer verstanden. Das ewige Licht, das Urwort Christus als Licht der Welt erzähen uns in Bildern davon. Gott ist es, der das Feuer in uns schenkt, gibt, am Brennen hält, uns das Hüten des Feuers in mir aufträgt. Darum müssen wir auf es aufpassen, weil es uns wertvoll gegeben ist. Deswegen müssen wir auf das Feuer der anderen mit aufpassen und wo nötig unser Feuer in uns an andere weitergeben, ihre ausgehende Flamme neu entfachen helfen.
Wir haben einen feurigen Gott. Ein verzehrendes Feuer. Gott brennt in sich. Er hat ein wahrlich ewig lebendiges Feuer in sich. Wärmend. Erhellend. Das Feuer seiner göttlichen Liebe, auch verzehrend, seine Liebe eifert um uns; sie überkommt ihn mit ungeheurer Kraft. Kräftig genug, das Feuer in mir und dir zu entzünden, zu unterstützen, zu bewahren. Seine Liebe passt auf. Gott hütet das Feuer der Liebe in sich. Er mag es eingrenzen, aber immer am Brenen halten. Amen.

Hinweis für weitere Informationen zum Projekt: www.ofenmacher.org