Sonntag, 22. Dezember 2013

Gegensätze versöhnen



Predigt zum Christvesper 2013 (24.12.13)

Draußen vom Wald einen grünen Tannenbaum sich drinnen ins Wohnzimmer stellen und ihn grün mit bunten Kugeln behängen. Ganz eng sich auf eine Kirchenbank setzen und die Weite des Himmels erspüren. Auf kalten Weihnachtsmärken sich mit warmem Glühwein das Stehen versüßen. Ferne Gäste sich einladen, damit sie an Weihnachten ganz nah kommen. Was sonst gegensätzlich, fast unvereinbar ist, wird an Weihnachten merkwürdig zusammengebracht, wie versöhnt: draußen und drinnen, eng und weit, kalt und warm, nah und fern.

Lesung Lukas 2, 1-5
Es begab sich aber zu der Zeit, dass ein Gebot von dem Kaiser Augustus ausging, dass alle Welt geschätzt würde. Und diese Schätzung war die allererste und geschah zur Zeit, da Quirinius Statthalter in Syrien war. Und jedermann ging, dass er sich schätzen ließe, ein jeder in seine Stadt. Da machte sich auf auch Josef aus Galiläa, aus der Stadt Nazareth, in das jüdische Land zur Stadt Davids, die da heißt Bethlehem, weil er aus dem Hause und Geschlechte Davids war,damit er sich schätzen ließe mit Maria, seinem vertrauten Weibe; die war schwanger.

Fernes nah
Es. Mit Es beginnt alles. Neutral. Distanziert. Fern. Wie festgestellt. Ein übergroßes Es: alle Welt, jedermann, ein jeder, die allererste. Übergroß, umgreifend, gewaltig, ein Es des großen Kaisers August und des etwas kleineren Statthalters Quirinius. Ein Es der fernen Macht, Gewalt, des Gebots, der Anordnung für alle. Das Es einer Schätzung, ein Es von kühlen, neutralen Zahlen, Strichen, Berechnungen, Namen, Listen, Listen voller gezählter Jedermanns und Niemands.

Josef und Maria waren, sind aber Jemand. Für uns. Für Jesus. Sie tragen einen Namen. Das Kind im Bauch auch. In den übergroßen, feststehenden Es bewegen sie sich, müssen, sollen sich zählen lassen. Sie sind aber einzigartig, Maria ist Gottesmutter, Gottgebärerin. Sie ist mit Jesus schwanger. Und es gibt wohl nichts Näheres an dies: ein anderes Leben in eigenen Leib zu tragen, zu nähren, ihm Atem, Blut und Herzschlag zu geben, alle Tage und Nächte für bestimmte Zeit es wie unter dem eigenen Herz zu tragen und der Welt zu schenken.

Lesung Lukas 2, 6-7
Und als sie dort waren, kam die Zeit, dass sie gebären sollte. Und sie gebar ihren ersten Sohn und wickelte ihn in Windeln und legte ihn in eine Krippe; denn sie hatten sonst keinen Raum in der Herberge.


Warmes kalt
Der entscheidende Augenblick ist in fast furchtbar kurzen knappen Sätzen eingegraben. Da wird geboren der Messias, der Heiland, der Retter, die Erlösung, das Wort Gottes, die Ewigkeit, der Himmel in die Zeit. Die ungeheure Intimität, Energie, ja Wärme jeder Geburt wird hier erzählt, das Herauspressen des Allerliebsten, der erste Blick in die Augen des Erstgeborenen, die behutsam Sorgfalt, ihn in Windeln zu wickeln, ihn in den Armen an der Brust zu halten, ihn in die Krippe zu legen und still und stumm das Gotteswunder zu bestaunen.
Keinen Raum hatte es in der Herberge. Kein Raum, kein Platz, kein Ort, kein Verständnis, kein Interesse, kein Gedanke. Hier nicht, dort nicht und dort drüben auch nicht. Eine ungeheure Kälte, Gleichgültigkeit steht Jesus, der Intimität der Geburt des Himmels in die Welt, gegenüber, eine Kälte, die übersieht, nicht sieht missversteht, was da an Bedeutsamen, Wunderbaren, Heiligen geschieht: Dafür kein Platz im Herzen, kein Platz im Sinn, kein Platz im Leben. Wie tragisch!
Lesung Lukas 2, 8-14
Und es waren Hirten in derselben Gegend auf dem Felde bei den Hürden, die hüteten des Nachts ihre Herde.  Und der Engel des Herrn trat zu ihnen, und die Klarheit des Herrn leuchtete um sie; und sie fürchteten sich sehr. Und der Engel sprach zu ihnen: Fürchtet euch nicht! Siehe, ich verkündige euch große Freude, die allem Volk widerfahren wird; denn euch ist heute der Heiland geboren, welcher ist Christus, der Herr, in der Stadt Davids. Und das habt zum Zeichen: Ihr werdet finden das Kind in Windeln gewickelt und in einer Krippe liegen. Und alsbald war da bei dem Engel die Menge der himmlischen Heerscharen, die lobten Gott und sprachen: Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden bei den Menschen seines Wohlgefallens.

MUSIK

Enge weiten
Noch klingt das Es, das übergroße Es inmitten von Wärme und Kälte, Nähe und Ferne nach, wie ein dumpfer, stiller Nachhall der Größe und Macht des Augustus, aber im kleinen Kind liegt jetzt schon alles beschlossen. Naheliegend waren die Hirten, sie werden zu Nachbarn des Heils. Wachen bei den Schafen in derselben Gegend, teilen unverhofft Raum und Zeit mit Jesus.
Sie teilen ihren eigener Raum, ein Raum, eine Enge, beschrieben durch Schafe und deren Radius, durch Hürden, die wahrscheinlich schon immer da stehen, durch ein Leben, in dem der Vater schon Hirte war, in dem alles vorhersehbar ist, weil immer gleiches Hirtenleben, eng, eng gemacht durch das leben am Rande und in Armut.
Diesen Hirten erscheinen die Engel, in leuchtender Klarheit und mit wunderbaren Worten voller Licht, voller Wärme, voller Nähe, voller Freude, voller Frieden für alle. Randvoll. Und der Himmel bricht auf für die Hirten, der kosmische und ihr eigener, er weitet sich unendlich, und sie sehen die Engel singen, die Heerscharen loben, ein Stück von Gott selbst und alle Hirten-Enge, alle Enge des Lebens wird geweitet durch den Himmel darin.

Lesung Lukas 2, 15-19
Und als die Engel von ihnen gen Himmel fuhren, sprachen die Hirten untereinander: Lasst uns nun gehen nach Bethlehem und die Geschichte sehen, die da geschehen ist, die uns der Herr kundgetan hat. Und sie kamen eilend und fanden beide, Maria und Josef, dazu das Kind in der Krippe liegen. Als sie es aber gesehen hatten, breiteten sie das Wort aus, das zu ihnen von diesem Kinde gesagt war. Und alle, vor die es kam, wunderten sich über das, was ihnen die Hirten gesagt hatten. Maria aber behielt alle diese Worte und bewegte sie in ihrem Herzen.

Innen überall
Was die Hirten erleben, sehen, erfahren setzt sie in Bewegung, vom Feld zur Krippe, von der Krippe hinaus. Sie sind in Bewegung in sich selbst, wo stumm war sind jetzt Worte: Sie sprechen, sie gehen, sie eilen, sie kommen, sie finden, sie breiten das Wort aus, erzeugen Verwunderung und Herzensbewegung bei anderen, kehren zurück und singen innerlich geweitet wie die Engel vom Himmel. Sie können gar nicht das behalten, was sie bewegt, ihr Leben ist mit dieser Nacht ein anderes geworden, sie müssen es aus sich heraus und in die Welt bringen, sagen und tragen.
Und die, die ganz nah, den ehemals fernen Gott in sich trug. Sie, die mit warmen Herzen in kalter Welt den Heiland gebar. Sie, die miterlebte, wie Gott das Leben auf Erden durch seinen Himmel weitet. Sie, Maria behielt all dies in sich, all diese Worte, die voller Licht, Bewegung, Ehre, Freude, Frieden, Wohlgefallen sind. Innen drin, in ihrem Tiefsten, bewegte sie das alles, jene heilige Nacht, Gottes Liebe, die in ihr Leben fiel, wie in unseres durch jene Nacht. Fröhlich und selig sind wir: Gott hat die Welt mit sich versöhnt. Amen.

Mittwoch, 11. Dezember 2013

Der Liebe begegnen



Predigt am 3. Advent (15.12.13)

Offenbarung 3, 1-6
Und dem Engel der Gemeinde in "Sardes" schreibe: Das sagt, der die sieben Geister Gottes hat und die sieben Sterne: Ich kenne deine Werke: Du hast den Namen, dass du lebst, und bist tot. Werde wach und stärke das andre, das sterben will, denn ich habe deine Werke nicht als vollkommen befunden vor meinem Gott.  3 So denke nun daran, wie du empfangen und gehört hast, und halte es fest und tue Buße! Wenn du aber nicht wachen wirst, werde ich kommen wie ein Dieb und du wirst nicht wissen, zu welcher Stunde ich über dich kommen werde.
Aber du hast einige in Sardes, die ihre Kleider nicht besudelt haben; die werden mit mir einhergehen in weißen Kleidern, denn sie sind's wert.  Wer überwindet, der soll mit weißen Kleidern angetan werden, und ich werde seinen Namen nicht austilgen aus dem Buch des Lebens, und ich will seinen Namen bekennen vor meinem Vater und vor seinen Engeln. Wer Ohren hat, der höre, was der Geist den Gemeinden sagt!

In Licht getaucht
Wenn uns die Liebe, die Liebe unseres Lebens begegnet, wie tragisch wäre es, wir würden sie nicht empfangen, wir würden sie nicht sehen, erkennen, wahrnehmen, wenn wir die Liebe verfehlen.
Der Advent ist ein gut vorbereitete Zeit, nach und nach läuft alles auf Heilgabend zu. Auch wenn manche sagen, es wäre ein Geheimnis, ist die Zeit dorthin gut strukturiert: Vier Kerzen an vier Adventssonntagen: nach und nach angezündet. 24 Türchen: Tag für Tag geöffnet. 24 Kalenderblätter: jeden Morgen umgeblättert. Advent kehrt regelmäßig wieder, jedes Jahr und mit ihm, für ihn Weihnachten. Ein absehbar Zeit, so sehr Menschen sie mit Besonderem, mit Sehnsüchten, mit Geschenken, Liebenswürdigkeiten, mit Spannung und Überraschenden füllen mögen.
Wenn uns die Liebe, die Liebe unseres Lebens begegnet, dann wird sichtbar, wer sie ist und wer wir sind. Tief geliebt zu werden, heißt erkannt zu werden und selbst zu erkennen, auch und gerade mit unseren Schattenseiten. Der Liebe zu begegnen, ist ein stiller und heiliger Augenblick, überraschend und unverhofft, weil größer als wir, erfüllend und tief besselend, weil für uns. Tragisch, wenn dieser Moment uns erwischt, wenn wir unselig schliefen, nicht empfangsbereit und wach wären, wenn wir ihn spürten, wie ein Dieb in der Nacht; tragisch, wenn wir ihn missverstünden, als würde er uns etwas rauben, statt mit allem uns zu beschenken; tragisch wenn wir erschrecken würden, statt uns fürs Leben zu freuen, wenn wir zittern würden vor Schrecken, statt vor großer glücklich machender Sehnsucht.
Weihnachten könnte uns überraschen in der Nacht, uns überkommen wie ein Dieb. Wer denkt das schon? Und auch wenn unsere nach Liebe hungrige Seele der vielen und merkwürdigen Advente und Heilgabende manchmal müde ist, wenn manchmal man das alles viel lieber verschlafen wollte oder nur noch totmüde erlebt, bleibt es heilsam dabei: Uns begegnet an Heiligabend  die Liebe, die Liebe Gottes, die Liebe unseres Lebens.

Das Tote in mir
Die Liebe unseres Lebens liebt das Leben, unseres. Die Liebe will nicht, was dem Leben entgegensteht. Sie will nicht den Tod. Advent, so merwürdig es ist: Zeit, das Tote in mir zu bedenken:
Das Tote in mir bedenken, nicht dem Irrtum erliegen, in mir wäre alles Leben, alles gut, alles auf die Liebe und Leben ausgerichtet. Es gibt in mir, an mir Totes, Sterbendes; Tage an denen ich mich wie ausgehöhlt, wie sinnentleert fühle, wo das Aufstehen schwerfällt und nachts ich keinen Schlaf finde; Momente, wo mir etwas aus dem Ruder läuft, wo ich das faslche Wort, den falschen Gedanken gewählt habe und sprach; so manches ist in uns wie Treibholz, Treibolz eines toten Lebens, Abgestorbenes, Tödliches, was wie Dunkles in unserer Seelengrund schwer liegt und von Zeit zu Zeit quält und treibt. Unbefleckt waren wir vielleicht am Punkt unserer Geburt, aber seitdem schon lange nicht mehr, unsere Seele hat dunkle Flecken bekommen, alte und neue Verletzungen, Wunden, die wir zugefügt bekamen, zugefügt haben, die da sind.
Wie sehr mag Liebe uns an diesen Seelenflecken heilen, sie wieder zu Leben bringen, zärtlich beharrlich all das Treibholz böser Erinnerung aus unserem Leben ausräumen, im Licht der Liebe das Dunkle erhellen. Sie begegnet uns, diese Liebe, ihr Ruf ist der Ruf zum Leben, wir überwinden uns und schauen das Tote in mir an, nehmen es wahr, erinnern uns, wie liebevoll wir geschaffen sind, halten uns klammernd an allen guten Worten fest und stärken das Tote hin zum Leben, werden lebendiger bereitet.

Ein Brief im Advent
Wie merkwürdig irr ist jeder Advent, als müssten wir die Welt um uns herum neu erfinden, nur uns müssen wir erneuern, der Liebe begegnen.
Manche Briefe flattern im Advent in unsere Briefkästen auf unsere Tische, in unser Leben hinein, regelmäßig wiederkehrend knüpfen sie manchmal an alte und ferne Begegnung an. Wir lesen sie flüchtig, bei manchem kommen die Tränen. Hungrig ist unsere Seele nach Liebe. Ein Brief im Advent, mehr nicht, ist unser Predigttext. Eigentlich könnten wir froh sein, ihn zu bekommen, an uns als Gemeinde adressiert, für uns alle geschrieben. Dass er für uns gedacht ist, uns vorgelesen werden soll, ist schon Vorbereitungchance genug, ohne ihn wäre es leerer auf dem Weg. Es ist ein Liebesbrief denn.
Er stellt weiße Kleider in Aussicht, er legt sie in unserem Advent bereit, sie anzuziehen, mit ihnen angetan zu werden. Wir dürfen uns in ihnen kleiden, bergen mit Sorgen und Fragen, mit: Wohin treibt es mich; einfach hineinbergen als wären sie ein Wörterkleid Gottes und so der Liebe Gottes begegnen, einhergehen mit ihr, ein kleines Wunder, und das Leben versprochen bekommen, spüren und sicher wissen: Ich bin wertvoll, ich bin in Gottes Hand, seine Liebe wird immer bei mir sein.
Der Brief gill de Engel unserer Gemeinde. Jede Gemeinde hat einen Engel. Jeder in der Gemeinde hat einen, der zum Brief wird. Der Engel passt auf, er passt darauf auf, dass nicht das Schlimmste passsiert, wenn uns die Liebe, die Liebe unseres Lebens begegnen will, wir sie verfehlen. Der Engel sagt uns: Sie begegnet euch. Im Advent. Gott kommt. Amen.

Donnerstag, 5. Dezember 2013

Was uns nicht verzweifeln lässt



Was mich trotzdem hoffen lässt …
… ist nichts, was ich mir selber geben könnte; ist das, was mir gegeben wird, was mir gegenüber tritt, mir gesagt wird,  was mich hält und trotzdem, trotz allem von sich aus hoffen lässt, so wie der biblische Text, den wir als Schriftlesung gehört haben:

Ein nahender Gott
Er erzählt für mich, mir von einem nahenden Gott, einem Gott, der nicht fern bleibt, der nicht „im Himmel“ bleibt, sondern ein Gott, der sich bewegt, erst innerlich, innerlich von mir bewegt, dann so, dass er sich auf mich zubewegt, dass er sich aufmacht, mit all dem, was er ist, für mich ist, sein möchte; er mir nahe kommt, so nahe wie eine tröstende Mutter, wie jemand, der mich kennt, der weiß, was los ist, der sich nie beirren lässt; der mich aufhebt aus dem Staub meiner Sorgen und Probleme, mein Gesicht in seine Hände nimmt und mich aufblicken lässt.

Fingerzeige der Liebe
Und wenn das alles wieder im Alltag wie verloren geht, wenn wieder Arges hochkommt, einem begegnet und bedrückt, was einen nicht mehr hoffen lässt, was einen verzweifeln lehrt, dann erzählt mir der Text trotzdem von anderen Fingerzeigen, von Hoffnungshinweisen, die es gibt, die sichtbar und spürbar sind; Fingerzeige der Liebe, der Zuwendung, der Hoffnung trotz allem, Fingerzeige, die man ab und zu suchen muss, die einem unverhofft begegnen, für die man einen Blick haben muss, die einem ins Augen fallen, die einen für Sekundenbruchteile aufatmen, wieder anders denken und hoffen lassen. Hoffnungszeichen.

Wörter, die mich bewahren
Unter allen Hoffnungszeichen sind mir die liebsten, die tröstlichsten die Worte Jesu. Sie vergehen einfach nicht, sie lassen sich nicht unterkriegen, sie verlieren nicht ihre Kraft, auch wenn sie mitten hinein in den Zweifel, in tausende von dunklen anderen Worten auch nur leise gesprochen werden. Jesu Worte, Worte voller Erfahrung, voller Menschenkenntnis, voller Zuversicht, voller Licht, voller Nähe Gottes, sie vermögen mich zu bergen, immer wieder. Ich spüre: sie kommen von weit her, nicht von mir und sie tragen die Geschichten, die Weisheit und die Leidenschaft Gottes in sich, sie suchen mich und meine Nähe, sie werden Zeit für Zeit weitererzählt, weitergesagt und weitergetragen, von Seele zu Seele, von verzweifelten zum Armen, von Hoffnungslosen zu Ausgegrenzten, von dir zu mir, und nehmen uns auf und bewahren uns in Gottes einmaliger Liebe.

Freitag, 22. November 2013

Tränenbrot



Predigt am Ewigkeitssonntag 2013
zum Lied "Meine Freundin war im Koma und ..."

 Nicht du
Nicht du. Du nicht. Erstes Gefühl, erster Gedanke, erste Worte. Alle. Aber doch nicht du. Bei der Diagnose, merkwürdig gedämpft im Arztgespräch, in schier unendlichen Fahrten hin und her, auf dem Sofa wie erschlagen, ungeheuer stark am Totenbett, lange hin wartend, plötzlich: Nicht du, bitte nicht du, du nicht, bleib!, bitte, sei nicht krank, sei nicht tot. Ich will es nicht haben, nicht wahrhaben, nicht fassen.
Aber du auch, auch du. Schrecklich, immer mehr ins Hirn sickernd, in die Gefühle kriechend, sie lähmend, vor Augen gehalten: Du auch. Jeder kennt jemanden, der jemanden verloren hat. Der Pfarrer hat schon viele beerdigt. Ein Termin beim Bestatter, andere haben auch welche, ein Reihengrab neben den anderen, der Lauf der Dinge, der Gang des Lebens, weiter, weiter geht´s. Nein. Nicht du, und: Du auch, wir dazwischen eingezwängt, traurig eingespannt. Ich, ich auch, ich selbst auch mal, auch mal sterben. Irgendwann. Aber du?

Worlds best mum
Du: Freundin, Freund, Bekannte, Nachbar, du, mein Mann, meine Frau, meine Mutter, mein Opa, mein Kind, mein geliebtes. Du: Worlds best Mum, worlds best wife, worlds best friend. Ja, von meiner Welt das Beste. Wie immer du auch warst, mit deinen Schwächen, Kanten, Ecken, mit deinen Schrullen, Liebenswürdigkeiten,  mit dem Leben vor und hinter dir, mit deinen, nur deinen kleinen Worten, deinen Blicken, deinen Augen, Atem, den Händen zu mir.
Meiner Welt das Beste, meiner kleinen Welt, aber du gehörst dazu, verzeih: gehörtest dazu, warst da, fülltest die Räume, warst Zeit bei mir, Hilfe und Bedürftige, Rat und Tat, Weg und Gedanke, Nachtgefährte, Stück täglich Brot. Wer hat sie nicht stehen oder gesehen, diese kleine verdammte Tasse mit Namen drauf, geschenkt, geschenkt bekommen, geliebt-gehasst, lausig, die Schrift vom Wasser blass gespült, heute ohne Besitz mehr, aber mit Loch und randvoll mit Erinnerung.

Tunnelende
Erinnerungsstücke. Souvenirs. Mitbringsel. Habseligkeiten derer, die Gott selig habe. Sie füllen unsere Wohnungen, an den Wänden, auf Regalen, in Schubladen, im Kopf, im Herz, in Erinnerung. Bilder, Dinge, Erzählendes. Irgendwann gekauft, aufgenommen, mitgebracht, hingestellt, erzählen sie heute von damals, von ihm und von ihr, wie es mit ihm war, mit ihr zusammen gewesen ist. Ein bisschen lausig, weil in ihnen auch der Schmerz wie wohnt, weil sie in manchen Stunden nicht von Erinnerung erzählen, sondern vom Nicht-Dasein, vom Vermissen, vom Loch, von unseren Tränen, vom Fehlen und Sehnen.
Am Tunnelende stehen diese Souvenirs nicht, sie stehen bei uns. Am Tunnelende hoffen wir die, die sie uns schenkten. Mit ihnen sind wir durch den Tunnel gegangen. Den Tunnel der Krankheit, des Sterbens, des Abschieds, des Schocks, der Trauer. Am Tunnelende stehen wir, irgendwie  am falschen Ende, den Blick in die unerträgliche Enge des Tunnelblicks in ein fernes Licht, zurückgelassen, alleingelassen, getrennt, und stundenweise fassungslos, was bleibt von dir? Hoffentlich bist du auch am Tunnelende, aber am anderen, am richtigen, hast den Tunnel durchschritten, durchlebt, durchstorben, bist du am Anfang des Lichts, gehst hinüber, wirklich Tunnelende, hinein ins Licht, nimmst all dein Gepäck mit, all die wunderbaren Erinnerungen an uns, die Bilder taschenvoll. Die Zeit, die Blicke, die Begegnungen, die Umarmungen, die Liebe nimmst du mit, und gehst ins Licht, das uns nachts in dunklen Träumen durch die Hände rinnt. „Auch ich wollt ein Souvenir vom Tunnelende. … Irgendetwas, das uns zeigt, es tut gar nicht weh.“ Und es tut doch weh.

Souvenir
Nicht du – du auch. Gott das sagen hören, sprechen zum Sterbenden leise: Nicht du bleibst im Tod, nicht du bleibst tot, auch du, du auch kommst durch den Tunnel mir entgegen, auch du, auch dich empfange ich und führe dich ins Licht. Und zu jedem Trauernden Gott sprechen hören, zu jedem von euch: Nicht du bleibst allein am anderen Tunnelende, ich bin da, Gott, und tröste dich, nicht du bleibst in Dunkelheit, in Schmerz, in Frage; auch du, du auch bist von mir gehalten, geliebt, deine Tränen wische ich ab und sammele sie.
Beide in Gottes Hände hoffentlich: Eure Toten und Ihr, beide gehalten, geborgen in Gottes Hände. Beide in einer Hand. Doch nicht Worlds End, sondern diese Welt und danach, darin, mit ihr: eine andere Welt, jene ohne Tränenschmerz, ohne Geschrei, ohne Leid, ohne Tod, Himmel - und beide Welten, die unsere hier, und die dort mit dem, verloren Geliebten, verbunden, wir miteinander, verbunden durch Gott, in seiner einen Welt, jetzt und immer.
Kein Souvenir vom Tunnelende. Nein, eines von dort nach dem Tunnel, vom Licht, von der Ewigkeit, von eurem auferstandenen Menschen. Kein Erinnerungsstück. Nein, ein Stück mit Blick nach vorne, nach oben, hinaus, weit: T-Shirt, Hemd mit Taschen aufgenäht, Tassen mit Namen, in schweren Zeiten lausig, für uns alltäglich, tragen nach bestimmter Zeit kleine himmlische Konturen. Eure Verstorbenen werden im Himmel alles haben, woran ihr Herz hängt, jene Habseligkeiten in aller Seligkeit und dort warten sie geduldig auf die euren, auf euch. Im Himmel werden Tränen abgewischt, sie werden geweint, doch tun sie nicht mehr weh, brennen nicht mehr, Gott verwandelt sie, auch unsere Tränen, eure, eure auch. Amen.