Samstag, 9. November 2019

Flieg


Predigt zu „Mit meinem Gott überspringe ich Mauern“ am 9. November 2019, dreißigster Jahrestag des Mauerfalls

„Denn … mit meinem Gott [kann ich] über Mauern springen.“ (Psalm 18, 30b)

Mit meinem Gott überspringe ich Mauern. Kann ich das. Können Menschen das. Menschen so wie sie sind, mit all ihren Beschränkungen, Ängsten, Hoffnungen, mit ihrer mal schweren, mal leichten Seele. Mit meinem Gott überspringe ich Mauern. Kann ich das. Mit ihm, den ich mein nenne, der mir nahe ist, der mich sein nennt, mit ihm zusammen kann ich das. Er gibt mir dazu Kraft, Mut, Geschick, den Willen, den Halt. Dass ich das kann. Mit ihm meine Mauern überspringen, die in mir und die außerhalb von mir. Nur: Wo ist Gott genau, wenn wir die Mauern überspringen?

Vor der Mauer stehen
Ich stehe vor der Mauer. Es ist meine, denn sie steht vor mir. Sie fragt mich an, sie geht mich an. Sie steht vor mir und irgendjemand hat sie vor mich gestellt, irgendetwas, vielleicht sogar ich selbst. Sie steht da und ich meine nicht die guten Mauern, die zwischen meinen Räume stehen, meine Räume einteilen und voneinander trennen, die mich schützen gegen den Wind im Herbst, der Kälte des Winters, den mutwilligen Einbrechern, die mich schützen, das, was ich habe und was ich bin. Diese Mauern nicht.
Sondern Mauern, die nicht gut sind, die nicht gut tun, die wie hineingestellt sind in mein Leben, bedrohlich, dick, hoch, schwer, dunkel, gebaut aus Angst und Schuld, aus Unwissen und schiefen Geschichten. In mir, vor mir. Da und kaum zu überwinden.
1378 km war die Mauer damals lang, allein in Berlin 168 Km, errichtet am 13. August 1961, quer durch große Stadt und weites Land, durch eine gemeinsame Geschichte, durch Familien, durch Herzen. Trennend, gebaut aus Stein und Beton, aus Angst, aus Staatsräson, unverständlich, scharf bewacht, mit Todesopfern.
Was machen wir mit unseren Mauern? Was machen wir, wenn wir vor ihr stehen? Der Mauer in uns und knapp außerhalb von uns. Vor ihr weichen? Zurückgehen wieder zu uns, ihr den Rücken kehren und mit dem leben, was vor der Mauer ist und bleibt? Sich wieder zurechtfinden, vielleicht sogar im Grunde fürchten, sie wirklich zu überwinden, es würde Neuland sein. Was machen wir mit den Mauern? Als Kinder vielleicht sind wir über die kleineren Mauern hinübergekraxelt, hinübergeklettert, in des Nachbars Garten vielleicht. Einfach so in fremdes Land. Die Berliner Mauer wurde nicht übersprungen. Sie wurde eingerissen mit Kerzen und Gebeten, gemeinsam durch friedlichen Protest. Diese große Mauer wurde abgerissen, abgetragen, sie ist weg. Und doch ist immer noch etwas von ihr da. In Menschen, beiderseits der ehemaligen Mauer.

Wenn ich fliege
Wie wäre das, wenn ich meine Mauer, vor der ich stehe, innerlich und äußerlich, wenn ich diese große, dunkle, schier unüberwindbare Mauer überspringen würde? Ich müsste mich abstoßen, um zu springen, abstoßen von Ort, von dem, was vor der Mauer ist, was mein bisheriges Leben ist, abstoßen und mich beginnen zu strecken, zu recken, mit meinem Lebensbeinen und Lebenshänden, mich dem Sprung förmig machen, ducken, dehnen, ausstrecken nach dem, was hinter der Mauer ist, was ich dort erwarte, ersehne, erhoffe, was die anderen mir von dort erzählen. Will ich dorthin? Dorthin will ihn!
Im Sprung muss ich ein bisschen Fliegen, alles loslassen, sonst werde ich niemals drüben landen. Ich muss ein Weg weit fliegen, nur ich in der Luft, so wie ich bin, schwer und leicht, Mensch, der nicht fliegen kann, muss ich fliegen und auf der anderen Seite ankommen, dort wieder meinen Fuß auf neues Land setzen, irgendwie dorthin gelangen hinter meine Mauer. Fliegen haben wir nie richtig gelernt. Wir schauen hinunter. Wird es reichen? Sollen wir umkehren? Angst und Hoffnung. Losgelassen, losgesprungen. Mein Sprung verwandelt mich, mein Leben vor der Mauer, ich werde ein anderer. Und bekomme eine Antwort nach dem Sprung, nach dem kleinen Flug: was da ist, endlich hinter der Mauer.

Nach der Mauer
Ist für die Menschen, die den Bau der Berliner Mauer, der Mauer quer durch Deutschland, erlebt haben, die sich vielleicht täglich fragten, was von ihr zuhalten wäre, die den Fall der Mauer miterlebten, über die Grenzen gingen nach fast 30 Jahren und vor genau 30 Jahren, die mit Hilfe der Weltgeschichte die Mauer übersprangen, ist für diese Menschen hinter der Mauer das gewesen, was sie sich ersehnt, erhofft, erwartet haben?
Hinter der Mauer beginnt das Leben nach der Mauer. Vor der Mauer ist das eine. Den Sprung wagen ist das andere. Ein Drittes ist, hinter der Mauer zu leben, in dem inneren und äußeren Land, wo die Mauer, das Leben nicht mehr bestimmt, wo das, was sie errichtet und gebaut, erschaffen hat, nicht mehr da ist, wo die eigenen Mauerängste, Mauerschulden, Mauertage übersprungen und überwunden sind. Dort leben, ist leben, ist neues Leben. Darauf kommt es dann an. Hinter der Mauer nach dem Sprung.

Mit meinem Gott überspringe ich Mauern. Kann ich. Die Menschen vor 30 Jahren haben den Mauerfall als Geschenk Gottes gesehen, die Kraft der Gebete und Kerzen, die Kraft der Bergpredigt und der Kirchen in der DDR haben den Sprung mit Gottes Hilfe schaffen lassen. Sie haben Gott als Mauerspringer erlebt. Noch einmal: Wo genau ist Gott, wenn wir mit ihm unsere Mauern überspringen?
Gott steht mit uns vor unserer Mauer. Kennt unser Zögern und Hadern, unser Beten und Bitten, unser Zurückweichen und Wagen. Gott ist auch hinter der Mauer, wenn wir gesprungen sind. Er wird dort sein, wo wir nach der Mauer leben, weiterleben, er wird dort sein und uns genauso halten und tragen, lieben und auf uns setzen. Und im Sprung, in jenem kleinen Augenblick des wagemutigen Fluges über die Mauer? Dort ist auch Gott. Er springt mit. Er fliegt mit. Mitten im Flug umhüllt er uns, trägt er uns unsichtbar hinüber. Vertraut. Vertraut den neuen Wegen. Amen.

Verrückter Gott


Predigt am 18. Sonntag nach Trinitatis (20.10.2019)

Hermann Hesse                                                     gestutze Eiche
Wie haben sie dich, Baum, verschnitten,
Wie stehst du fremd und sonderbar !
Wie hast du hundertmal gelitten,
Bis nichts in dir als Trotz und Wille war !
Ich bin wie du, mit dem verschnittnen,
Gequälten Leben brach ich nicht
Und tauche täglich aus durchlittnen
Roheiten neu die Stirn ins Licht.
Was in mir weich und zart gewesen,
Hat mir die Welt zu Tod gehöhnt,
Doch unzerstörbar ist mein Wesen,
Ich bin zufrieden, bin versöhnt,
Geduldig neue Blätter treib ich
Aus Ästen hundertmal zerspellt,
Und allem Weh zu Trotze bleib ich
Verliebt in die verrückte Welt.

Sich sehen
Im Baum sich spiegeln, sich sehen. Im Vorübergehen vielleicht, im Stehenbleiben, berührt, selbst in die Jahre gekommen. Sich in irgendetwas spiegeln, in etwas, was wir anschauen, das in uns etwas aufbricht, das uns beginnt, etwas zu erzählen, ein dann bestimmter Baum, eine Szene, ein Wort vielleicht. Sich spiegel und sich sehen, sich, sein Leben, etwas klarer, etwas dichter, sein Leben, wie man ist, wie man geworden ist, in der Zeit.
Und jenes „bis“ rückt in den Blick, bis jetzt, seit dem: Wer bist du bis dahin geworden? Wer?

Bis …
Fremd und sonderbar stehen wir uns dann vielleicht gegenüber, verschnitten, verzeichnet, unser Leben. Nie als Ganzes, nie Alles, nicht Bausch und Bogen, aber doch, jetzt sehen wir es, durchlittene Nächte, sorgenvolle Zeiten, leidvoll durchlebte Momente, mit dem, was jeder für sich sein Leid nennt und was ihm Leid ist, zerbrochene Träume, zerbrochene Beziehungen, Versäumtes, Schuldhaftes, Verletzungen an Leib und Seele, jener merkwürdige Morast und jene merkwürdige Qual, die das Leben kennt, hat, verhöhnt, am Großen gemessen lächerlich, roh behandelt, abgeschliffen die Seele, alles, was an uns zart, weich war, all die manchen Versuche, zaghaft das Leben zu leben, weich mit sich und andren zu sein, wie abgenutzt, abgebrochen, verschließen.
Was kann alles passieren in diesem „bis“, in diesem leidvollen Zeiten, Lebensmomenten, in den das ein und das andere zählt, sich summiert, sich bildet, wo die Waagschale zwischen „es war gut“ und „es war Leid“ so unklar wiegt.
Und dann die Gefahr: Mit dem Leben still bestimmt brechen, langsam, nach und nach, unmerklich, erst innerlich und dann immer mehr nach außen. Oder nur resignieren, verzweifeln, komisch irr werden, mitten im Leben wie absterben, kaputt gehen, zu viele zerstörte Lebenspunkte haben, andere in den eigenen Abgrund wissentlich unwissentlich reißen?
Das Leben lässt einen wohl nicht einfach weise werden, einfach reifen, einfach abgeklärt klug gewachsen zurück!

Gestutzt
Die Stirn trotzallem ins Licht tauchen. Die Lebensstirn, nicht heldenhaft, nicht vital und kräftig, sondern mit gestutzter Energie, mit durchlebter Kraft, mit vielleicht immer auch letztem Willen. Und mit einem irgendwoher geborenen Willen, dennoch leben zu wollen, allem zum Trotz, das Licht zu suchen, in es hineinzutreten, trotzig, nicht aus purem Trotz, sonder aus dem Leid ans Licht hinaus. Weil es ums Wesen geht, um das Wesentliche von uns, um uns selbst, um das, was wir sind.
Zufrieden und versöhnt. Wer kann das von sich schon sagen. Zu welcher Zeit und warum genau. Wie schaffen wir das, zufrieden und versöhnt zu werden, zu sein, mit uns, mit den anderen, mit Gott? Und doch in diesen einen Ruhepunkt in Trotz und Wille, in Leid und Qual, mitten in diesem „bis“ wie einkehren. Beides: trotzig und versöhnt. Gestutzt und Blätter wieder treibend, knapp resigniert, leicht melancholisch, aber wieder Blätter treibend, heraus aus all den geschlagenen Wunden, den fragwürdigen Minuten, den dunklen Stunden, den Demütigungen, den Irrungen. Woher die Kraft dazu? Nur wünschen, darum bitten, mitunter um sie klagen, das können wir.

Verrückt
Verliebt in diese Welt, genau in diese Welt und in keine andere. Verrückte Welt, vielleicht gibt es kein besseres, schlechteres Wort für diese Welt. Verrückt, verrückt von dem, was sie sein soll, verrückt von Gottes Plan, verrückte Menschen, verrückte Bilder, verrückte Politik, verrückte Zeiten, verrückt, ohne Lächeln in der Hinterhand, verrückt mit allem Ernst, Kopfschüttelnd und in und mit ihr leiden.
Verrückte Welt, das sehen, sagen, denke, das hält sie mir ein bisschen auf Abstand, noch habe ich nicht ganz resigniert, noch kann ich mich bitter wundern. Verrückt: mit schweren Gedanken so die Welt einordnen, und sie so immer noch als meine Welt sehen, als meine Welt mit meinen Menschen, mit meiner Geschichte und mit meinen kommenden Tagen.
An ihr verrückt werden und sie doch lieben. Wie kann man diese verrückte Welt nur lieben? Nicht nur lieben, sondern in sie trotz allem immer wieder verliebt sein? In sie vernarrt sein, Herzklopfen in ihrem Blick bekommen, ihre Nähe wollen, sie nie missen wollen. Verliebt in eine verrückte Welt. Eigentlich ist damit das ganze Leben gesagt.

Verliebt
Und unser Gott? Wie durchzieht er unser Gedicht? Fragen wir ihn, wo er in all dem ist, in meinen verschnittenen, durchlittenen Leben? Ist er der, der uns die Kraft zum Trotz gibt? Der uns mit sich und mit uns selbst versöhnt? Ist es so einfach und so leicht? Er die Kraft zum Aufblühen aus jenen zerspellten Lebensästen?
Gott spricht dieses Gedicht für mich. Er sieht sich und spiegelt sich in seiner ganzen Welt, in Baum, Ereignis, Mensch, in dir und mir und unserem Tun. Er spiegelt sich und durchleidet dunkle Nächte, verschnitten wird sein Plan am Kreuz, und er bricht fast mit seinem Leben, mit seiner Schöpfung, mit einer Bestimmung für uns alle. Und er trotzt und kämpft um uns, sein Wesen ringt er unzerstörbar, versöhnt sich mit sich und mit uns, kehrt ein in den Atem still gehaltener Ruhe und tragisch gewonnener Zufriedenheit und geduldig, als gäbe es nichts mehr anders zu tun, nichts mehr anderes zu tun seit der Schöpfung bis sie wieder neu wird, bis … als dies: neue Blätter zu bringen, neue Blätter der Liebe, neue Blätter in Worten , in Menschen, in Gottesdiensten, im Abendmahl, in Gemeinden, in ganze Fremden zum Blühen zu bringen, aus Gottes Lebensästen hundertmal zerspellt.
Verrückt ist die Welt. Mitunter arg weit abgerückt von Sinn, Liebe und Gott. Doch kein Abrücken kann größer sein als Gottes Trotz, kein Leid ihn davon abbringen, kein Blick, keine Spiegelung auf noch irgendetwas. Gott ist verrückt verliebt in diese Welt, seine arg gestutzte Welt. Verliebt über alle Maßen in uns. Amen.

Donnerstag, 3. Oktober 2019

Strom des Lebens



Predigt zu Erntedank 2019 (6.10.2019)



Jesaja, 58, 7-12

Heißt das nicht: Brich dem Hungrigen dein Brot, und die im Elend ohne Obdach sind, führe ins Haus! Wenn du einen nackt siehst, so kleide ihn, und entzieh dich nicht deinem Fleisch und Blut! 8 Dann wird dein Licht hervorbrechen wie die Morgenröte, und deine Heilung wird schnell voranschreiten, und deine Gerechtigkeit wird vor dir hergehen, und die Herrlichkeit des Herrn wird deinen Zug beschließen. 9 Dann wirst du rufen und der Herr wird dir antworten. Wenn du schreist, wird er sagen: Siehe, hier bin ich.

Wenn du in deiner Mitte niemand unterjochst und nicht mit Fingern zeigst und nicht übel redest, 10 sondern den Hungrigen dein Herz finden lässt und den Elenden sättigst, dann wird dein Licht in der Finsternis aufgehen, und dein Dunkel wird sein wie der Mittag. 11 Und der Herr wird dich immerdar führen und dich sättigen in der Dürre und dein Gebein stärken. Und du wirst sein wie ein bewässerter Garten und wie eine Wasserquelle, der es nie an Wasser fehlt. 12 Und es soll durch dich wieder aufgebaut werden, was lange wüst gelegen hat, und du wirst wieder aufrichten, was vorzeiten gegründet ward; und du sollst heißen: »Der die Lücken zumauert und die Wege ausbessert, dass man da wohnen könne«.



Fleisch und Blut

Natur ist nicht aus Fleisch und Blut, sie ist nicht unser Fleisch und Blut. Menschen sind aus Fleisch und Blut. Die Natur kann blühen, sie kann wüten, kann zerstören, kann wunderbare Momente erschaffen, kann das Auge und das Herz weiten, kann unsere Seele zum Strahlen bringen, alles rauben. Natur kann Ernte sein, angepflanzt, angebaut, gepflegt, gewachsen, geerntet, gegessen. Immer wieder. Jedes Jahr. Natur ist Gabe und Schönheit. Menschen können dankbar sein.

Menschen können Ernte sein, Ernte für andere, geboren, umsorgt, gewachsen, von anderen genossen. Vielleicht. Menschen sind Geschöpfe, Geschöpfe von Gott, Geschöpfe für sich, Geschöpfe für andere. Doch so etwas wie Ernte. Ich bin Ernte und Du bist es. Und wir danken dafür einander. Menschen sind aus Fleisch und Blut, unser Fleisch und Blut. Das teilen wir einander, rund um den Globus: beseelter Körper sind wird, lebendige Wesen, gerufen, gesucht, gewollt eingebunden. Immer wieder, Blut und Fleisch, vermengt mit Freude und Schmerz. Mitten, mitten und gemeinsam im Strom des Lebens, eines Lebens.



Entziehen

Menschen können sich dem entziehen, können das anders sehen, können sich eingrenzen auf nur ein paar Fleisch und Blut, nur auf sich. Sie können sich entziehen dem anderen, ihn als fremd, Feind, egal betrachten, sich von ihm innerlich und äußerlich distanzieren, abwenden, den Finger zwischen sich und ihm setzen, den Finger, der den einen zum ich und den anderem zu einem macht, der dazwischen ist, zeigt und trennt. Sie können sich entziehen und übel reden, Worte finden, die den anderen verzeichnen, verzerren, nicht meinen, die den anderen schwarz malen und weit weg von sich Hellem abstellen. Menschen können sich entziehen, sich größer machen, erhabener, intelligenter, kompetenter und den anderen unterjochen, unter sich stellen, unter sich drücken, durch Gesten, Schachzüge, tägliches Zermürben, ihn niedrig, benutzbar, unnütz machen.



Körpernähe

Menschen können aber auch Nähe suchen, Nähe zulassen, Nähe, die sich aussetzt, in der immer ein kleines Wagnis wohnt, die immer vom einem zu anderem was gibt, die verbindet, teilt. In die eigenen Hände das Brot nehmen, es durchbrechen und dem anderen in die Hände legen. An die eigenen Hände die Hände des anderen nehmen und ein Weg zum Dach über seinen Kopf führen. Ein warmes Kleidungsstück in die eigenen Hände nehmen und dem anderem um seine nackte Haut legen, für Bruchteile von Momenten seine Haut mit der eigenen berühren. Handnähe.

Sein eigenes Herz suchen lassen, nicht verstecken, nicht in sich, in sich still, stumm lassen. Sein Herz finden lassen vom leeren Bauch, vom schutzlosen Kopf, von nackter Haut und Elendige mit dem Herzen sehen und sättigen. Körpernähe. Aus Fleisch und Blut. Herzensnähe. Das Leben pulsiert, fließt, verbindet.



Lichtgeschehen

Und Gott kommt in Bewegung, ist in Bewegung. Gott bricht herein. Sucht und findet unsere Nähe. Ein herrliches Lichtgeschehen, das Menschen geschieht. Licht, Morgenröte, Mittagsglanz, Dunkel wie Hell. Aufgehend, vorangehend, beschließend. Menschen mitten darin, werdende Lichtgestalten Gottes, herrlich.

Satt, heil, gestärkte, gerechte werdende Menschen. Wir rufen nach Leben und Gott hört und Gott antwortet. Wir schreien in Not, in Stille, um unser Leben und Gott sagt: ich bin da. Ich bin da bei dir. Ich bin da für dich. Wir spüren, er ist da, er gibt Anteil an seinem Leben, wir sind aus seinem Fleisch und Blut, Licht umgibt uns wie ein zartes Kleid, Gott beseelt uns, bewegt uns.



Seelenwohnung

Was lange wüst lag, was nur vorzeiten gerade noch heil lebte, was Lücken aufweist, Brüche, Wunden. Was beschädigt, verletzt, rastlos, müde, suchend, ohne Wohnung, ohne Behausung, ohne Zuhause ist, die Seele von Menschen, von Menschen aus Fleisch und Blut, mit Seele wie wir, für diese wüste, irr suchende, unbehauste Seele Lebensort werden, kleiner Sehnsuchtsort, sie suchen, nachhaltig, zärtlich bereichern, mitunter für sie leben, für sie hoffen, für sie glauben, sie mit unseren Seelenmomenten berühren, anfüllen, erfüllen.

Seelen-Nähe. Seelen-Arbeit. Seelenleben wieder aufbauen, sein Haus geben, aufbauen, wie Lebensstein auf Lebensstein legen, das verstreute Lebensmosaik sorgfältig zusammensetzen. Seelen aufrichten, solche die sich weggebückt haben, kauern, verschreckt, diese aufrichten, ihnen Rückgrat geben, sein. Lebenslücken schließen, die ausgefallene Zeit, die Leerpunkte, die unendlich stummen Seelenstunden ausbessern, füllen, schließen, zumauern, Lebenswege ausbessern, begehbar machen. An fremden Biografien heilsam wirken. Für Menschen Licht sein. Aus Fleisch und Blut, Körper an Körper, Seele an Seele, für Körper und Seele zur Zeit-Behausung werden. Ernte, Ernte sein. Gott sei Dank. Amen.

Donnerstag, 26. September 2019

Kleinlaut


Ansprache bei „Atem holen“ am 26. September 2019

"Lobe den HERRN, meine Seele, und vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat." | Ps 103,2, Wochenspruch zum 14. Sonntag nach Trinitatis)

Seele berühren
Nur ein Gegenüber können wir wirklich ansprechen. Es muss etwas, zumindest etwas Kleines, zwischen ihm und uns sein, damit Worte und Blicke, Gesten und Gemeintes ein bisschen Raum haben, um von uns bei ihm anzukommen, um gesagt und gehört, um gesehen und empfangen zu werden.
„Lobe den Herrn, meine Seele.“ Als wäre meine Seele mir gegenüber., als müsste ich, sollte ich sie ansprechen, auffordern, ihr etwas sagen. Mir meine Seele gegenüber. Aber ich bin doch der, der sie hat, die Seele, meine Seele. Ich bin doch Seele. Aber vielleicht braucht es diesen Augenblick, indem wir unsere Seele, was immer sie sein mag, gegenüber sind, gegenüberstehen und sie bitten, sie auffordern, sie bewegen, das in uns bewegen, was in uns ist, was vielleicht unsere Tiefe, unser Wesentlichstes ist.

An Schmerz erinnern
Vergessen mag eine Gnade sein, am bestimmten Punkten, wenn es so wird, mit und ohne unser Zutun, dass Schlimmes, Schmervolles, Abgründiges wir vergessen, so weit vergessen, dass es einer besonderen Erinnerung bedürfte, es wieder hervorzuholen; es sonst aber vergessen ist. Vergessen ist ungnädig, wenn Menschen uns entschwinden, wenn sie in ein Vergessen geraten, dass sie zu anderen macht und doch bleiben sie, weil wir uns erinnern, weil wir gegenwärtig sind. Vergessen tun wir oft flüchtig, das ein oder das andere und es ist nicht wichtig, vielleicht nur unangenehm oder hinderlich. Und am liebsten vergessen wir nicht die schönsten Dinge, Momente und Menschen im Leben. Und manche sind gar nicht mehr Vergessen, erinnern nur noch und sind und leben ganz im Vergangenen.
Wir unserer Seele gegenüber, wir bitten sie. Unsere Seele soll nicht vergessen, sie soll ich erinnern. Auch an das Schmerzliche, Schlimme? Wenn wir unsere Seele aufrufen, nicht zu vergessen, sich zu erinnern, wie können wir sicher sein, dass nicht eben das Schlimme sich erinnert, hochkommt? Als ob unsere Seele, wenn sie sich erinnert, wenn sie selbst in die Tiefen des Vergangenen wie hinuntersteigt, fein säuberlich trennen könnte zwischen dem, was sie sich erinnert und was nicht, was gut ist und erinnert werden darf und was schlecht ist und vergessen wird. Das kann sie nicht. Vielleicht darf sie nicht.

Kleinlaut loben
Dadurch erhält vielleicht ihr Lob eine besondere Würde, einen besonderen Klang, eine besondere Tiefe. Im Lob schwingt auch das Schlimme mit, die Erinnerung ist ganz, das Lob umschließt auch die Dunkelheit, die Klage und ist so Lob.
Loben tun wir Kinder, wenn sie etwas sehr gut getan haben, loben tun wir andere, manchmal auch uns selbst. Zumindest hören wir gerne, wenn jemand uns lobt. Loben ist Anerkennung, ist motivieren, ist erhöhen von mir und dir, es ist gut, wo es Grenzen kennt. Loben tun wir mit Worten, mit Gesten, mit Blicken, manchmal mit ganzen Briefen und Schreiben und Auszeichnungen, eigentlich auch und irgendwie durch unser Leben loben wir.
Ist dies alles wirklich Lob? Sicher und doch ist loben auch mehr. Wenn wir den Morgen loben, einen geglückten Augenblick, den anderen liebend, weil er so ist, wie er ist. Loben, das ist vielleicht dort, wo wir etwas kleiner sind und das zu Lobende größer, zum Loben gehört vielleicht Ehrfurcht, das Gefühl, jetzt geschieht mehr als ich, Schöneres, Erhabeneres, ein Stück kleine Ewigkeit für mich, dann loben wir vielleicht ganz still, durch einen Atemzug, durch das pure Gefühl und Wissen, das ist jetzt für mich.

Guter Gott
Das Gute nicht vergessen. Auch das ist Teil des Selbstgesprächs mit unserer Seele. In allem Schlimmen und in allem Klagen, denke an das Gute, was dir widerfuhr, erinnern dich daran, lass es da sein in dir.
Was tut Gott Gutes? Was ist das Gute für mich, generell und jetzt. Wissen das Menschen denn immer? Immer so genau? Überblicken sie wirklich alle Zusammenhänge? „Lobe den Herren …“ Und die Seele schwingt sich auf zur Erinnerung an das Gute in alten, wunderbaren Worten des Psalmliedes: der dir deine Sünden vergibt, der dich heilt von Gebrechen, der dich erlöst, der dich krönt mit Gnade und Barmherzigkeit, der dich fröhlich und gnädig stimmt.
Gott handelt gut an mir, mit mir, vielleicht auch manchmal nicht, das ist fremd und tief verborgen, aber er will immer gut an mir handeln, mir Gutes tun. Weil er selbst gut ist, gütig ist, mich liebt und sich meiner erbarmt, meine im Selbstgespräch befindlich Seele schütz und erinnert, nicht vergessen lässt ihn, das Gute an ihm.
„Lobe den Herren, meine Seele“ das sagt Gott zu unserer Seele. Eingedenk, was noch so alles ist.  Gott bringt uns hinein ins Loben, ins Lobsingen, er bringt uns zum Klingen, ins Beten, ins Anbeten, ins Rühmen, ins heilsame Nicht-Vergessen von IHM.
Amen.

Dienstag, 24. September 2019

Zurück ins Leben


Predigt am 14. Sonntag nach Trinitatis (22.09.2019)


Lukas 17,11-19 Die zehn Aussätzigen

11 Und es begab sich, als er nach Jerusalem wanderte, daß er durch Samarien und Galiläa hin zog. 12 Und als er in ein Dorf kam, begegneten ihm zehn aussätzige Männer; die standen von ferne 13 und erhoben ihre Stimme und sprachen: Jesus, lieber Meister, erbarme dich unser 14 Und als er sie sah, sprach er zu ihnen: Geht hin und zeigt euch den Priestern! Und es geschah, als sie hingingen, da wurden sie rein. 15 Einer aber unter ihnen, als er sah, daß er gesund geworden war, kehrte er um und pries Gott mit lauter Stimme 16 und fiel nieder auf sein Angesicht zu Jesu Füßen und dankte ihm. Und das war ein Samariter. 17 Jesus aber antwortete und sprach: Sind nicht die zehn rein geworden? Wo sind aber die neun? 18 Hat sich sonst keiner gefunden, der wieder umkehrte, um Gott die Ehre zu geben, als nur dieser Fremde? 19 Und er sprach zu ihm: Steh auf, geh hin; dein Glaube hat dir geholfen.

Wo nur?

Wo nur? Wo nur sind die Neun? Nur einer, nur ein einziger ist umgekehrt! Die anderen Neun nicht. Wir schütteln mit Jesus den Kopf. Mit Unverständnis, Enttäuschung, leiser Wut? Kopf schütteln: Über die Neun. Und im Kopf Fragen: Warum sind sie nicht umgekehrt? Wo sind die hin? Was machen die? Warum haben sie nicht?

Genauso wenig wie Jesus sehen wir die Neun, sie sind weg, Jesus steht bei dem einen. Wir sehen sie nicht und wir wissen keine genauen Antworten auf unsere Fragen, wir können nur Vermutungen anstellen über Wo und Warum. Wir sehen sie nicht diese neun. Sie sind aus unserem Blick. Und doch fixieren sie unseren Blick, beschäftigen sie unseren Kopf, als wären sie da.

Das, was wir nicht sehen, das, was nicht ist, aber sein sollte, das, was ausbleibt, versäumt wird, fehl geht, fehlt, ist manchmal so übermächtig, so mehr, so dominant, so bindend, diese Wo nur? Warum nur? Warum nicht anders?

Jesus scheint über die Neun zu klagen, wie wir über versäumte Gelegenheiten, versäumte Chancen, Stunden, Wege, die wir in ein „Wohin nur“ gegangen sind, klagen. Beklagenswert sind die neun.



Glaubenswege trennen sich

Beide, Jesus und die zehn Aussätzigen, treffen sich kaum, zwischen ihnen und Jesus ist jene Distanz, die ihr ganzes Leben kennzeichnet. Nicht zu nahe kommen. Jesus sieht sie, ihre Haut, ihre Isolation, dass sie ausgesetzt sind. Sie bitten ihn von Ferne um Erbarmen. Er kommt ihnen keinen Schritt näher, schickt sie aber auf einen Weg, den Weg des Glaubens, der Heilung umschließt.

Es ist für sie der Weg zurück ins Leben. In ihr Leben. Dieses Leben, was sie verloren hatten, mussten sie in Jesus erblickt haben, zumindest eine Hoffnung darauf, die sie wagen konnten; denn sie gingen den Weg und als sie ihn gingen, wurde sie rein, wich der Aussatz, begann die Heilung, war es wirklich der Aufbruch zurück ins Leben.

Zurück ins Leben. Merkwürdig. Man hat doch sein Leben, lebt es jeden Tag. Kann man es denn verlieren? So dass man in es zurück müsste? Sein Leben verlieren, seine eigene Haut nicht mehr mögen, aussätzig sein, isoliert, ausgesetzt den Blicken, sich selbst, verlorenen Zielen, Hoffnungen, Liebe; darüber sich verlieren, wie dunkel Schatten, die das Leben verdunkeln. Wo ist mein Leben? Ich will mein Leben zurück. Zurück ins Leben.

Der Glaubensweg der Zehn, auf den Jesus sie geschickt hat, der trennt sich. An einem Punkt gegen einige dorthin und einer, wo anders hin. Die Zehn gehörten zusammen, waren sich über Zeit die einzigen, die sich hatten; nun trennen sich ihre Wege; an einem bestimmten Punkt.

Vielleicht zu dem Zeitpunkt als der eine sich, seine ganze Geschichte, ansah. Vielleicht, als für ihn nicht wichtig war, sich zu zeigen, sondern sich selbst anzuschauen, kam er in Stocken, wurden seine Schritte langsamer, gingen die anderen weiter, blieb er stehen, begann er zu lachen, zu weinen, pries Gott still er erst in seiner Seele und dann immer lauter, da waren die anderen aber schon außer Hörweite.



Zurück

Zurück ins Leben. Das geht für den einen nur, indem er wirklich noch mal zurück geht. Er kann nicht einfach vorwärts gehen, ihn treibt es innerlich noch mal zurück. Er bleibt stehen, wendet sich, seinen Blick, sein Herz, und geht dorthin zurück, wo er vor ein paar Augenblicken war, wohin er aber jetzt ganz anders zurückgeht. Er kehrt zurück, aber er ist ein anderer; zwischen dem Ort, wo er war, und an dem er zurückkehrt, liegen eigentlich Welten, vorher: Aussatz, Distanz, Bitte, Klage, Tod, jetzt: rein, Nähe, Lob, Dank, Leben. Es ist genau der gleiche Ort, aber ein anderer Mensch, der dahin wieder geht. Er ist geheilt, verwandelt. Einer, der sein Leben wieder hat und spürt.

Der eine geht eigentlich gar nicht zurück, er geht eigentlich direkt in sein neues Leben hinein. Ob das den anderen, den neun auch gelingt, ob sie in ihrem vorwärts wirklich im Leben zurück ankommen, ob ihre Heilung eine Verwandlung hin zum Leben ist, ist vollkommen unausgemacht, ist offen; nur die Sorge umtreibt Jesus, dass die anderen neun nicht wirklich zurück ins Leben finden, so wie der eine. Eine Sorge, die er mit uns teilt.

Zurück ins Leben. Sein Leben wieder finden. Da rennen wir manchmal, sind auf den Weg gesetzt, haben Angst die Richtung zu verlieren, gehen vorwärts, meinen das wäre es, dort wäre mein Leben, vielleicht sogar zusammen mit vielen; merken aber nicht, wo es wirklich liegt. Darum sorgt sich Jesus, wenn er fragt, wo, wo wir sind.




Verwandlung

Der eine, sogar ein Fremder, einer der eigentlich gar nicht zum auserwählten Volk gehörte, der gab Gott seine Herrlichkeit zurück, weil er spürte, sah, ja lebte, dass Gott seine Herrlichkeit auf und in ihn gelegt hatte. Er gab Gott seine Herrlichkeit zurück. Gottes Herrlichkeit ist so erfüllend, so reich, so übervoll. Sie ist das Leben. Menschen bekommen sie verliehen. Menschen können sie in Dankbarkeit wie zurückgeben und Menschen können sie dennoch behalten als Gottes Geschenk.

Schon in dem ewigen Augenblick, als diese Herrlichkeit Gottes in ihn fiel, war er geheilt, fand er wieder sein Leben, trug er es an und in sich, war er „zurück“. Er kehrte zurück, weil er lebte, weil er weiterging und diese Herrlichkeit Gott wieder geben wollte, als Dank und Lob, ihm zu Ehre, ihm zum Glanz.

Nicht: Wo sind die anderen? Warum kehrten sie nicht um? Sondern: Wo bin ich? Auf dem Weg meines Lebens.

Und spüren, leben: Gott legt seine Herrlichkeit mir zart in und auf mein Leben, holt mich zurück, gibt mir Anteil an sich und heilt meine vom Leben zugefügten Wunden, außen und innen. Nicht sich irre machen lassen von der Übermacht dessen, was nicht ist oder nur ist; sondern sich anstecken lassen vom Dank und Lob:

Gott sieht mich, wenn auch nur aus Ferne, er setzt mich beharrlich auf meinen Glaubensweg, plötzlich leuchtet im Lebens-Gehen Gottes Herrlichkeit an mir auf und ich bleibe stehen, wende mich - und alle Qualen dunkler Erinnerung verwandeln sich in eine stille Lebensfreude. Amen.