Freitag, 21. September 2018

Morgen ein Wunder


Predigt am 17.Sonntag nach Trinitatis (23.9.2018)


Josua 3, 5-11+17
5 Und Josua sprach zum Volk: Heiligt euch, denn morgen wird der HERR Wunder unter euch tun. 6 Und Josua sprach zu den Priestern: Hebt die Bundeslade auf und geht vor dem Volk her! Da hoben sie die Bundeslade auf und gingen vor dem Volk her. 7 Und der HERR sprach zu Josua: Heute will ich anfangen, dich groß zu machen vor ganz Israel, damit sie wissen: Wie ich mit Mose gewesen bin, so werde ich auch mit dir sein. 8 Und du gebiete den Priestern, die die Bundeslade tragen, und sprich: Wenn ihr an das Wasser des Jordans herankommt, so bleibt im Jordan stehen. 9 Und Josua sprach zu den Israeliten: Herzu! Hört die Worte des HERRN, eures Gottes! 10 Daran sollt ihr merken, dass ein lebendiger Gott unter euch ist und dass er vor euch vertreiben wird die Kanaaniter, Hetiter, Hiwiter, Perisiter, Girgaschiter, Amoriter und Jebusiter: 11 Siehe, die Lade des Bundes des Herrn der ganzen Erde wird vor euch hergehen in den Jordan. … 17 Und die Priester, die die Lade des Bundes des HERRN trugen, standen still im Trockenen mitten im Jordan. Und ganz Israel ging auf trockenem Boden hindurch, bis das ganze Volk über den Jordan gekommen war.

Untergehen
Über den Jordan kommen. An ihm stehen und wissen: Es gibt keinen anderen Weg, keinen anderen Weg, als durch ihn durchhinzugehen. Durch den Jordan gehen. Als wäre das so einfach. Breit ist er, über die Ufer getreten ist er, viel Wasser trägt er. Schnelle, reißende Flut. Unüberwindbar. Morgen kommt ein Wunder. Über den Jordan kommen, durch ihn hindurch. Wenn das so leicht wäre. Wenn Menschen vor ihrem Jordan stehen und wissen: Es gibt keinen anderen Weg mehr, es sind mächtige Lebens-Fluten, zu breit, zu tief, kein Leben in Sicht. Wenn Menschen vor ihrem Jordan stehen, vor etwas, was unüberwindbar ist, vor etwas, über das sie nicht hinüberkommen, vor etwas, was für sie eine nicht überschreitbare Schwelle ist, etwas aber, worüber sie müssen, wollen, weil da drüben, über ihrem Jordan das gelobte Land ist, Besserung, gute Zeit sichtbar ist.
Morgen kommt ein Wunder. Wenn das so einfach wäre. Wenn Menschen drohen zu ertrinken, unterzugehen, eben nicht durchzukommen ans andere rettende Ufer, wenn Flut und Wellen über sie drohen einzustürzen, wenn Probleme zu viele sind, wenn der Schmerz zu tief ist, wenn kein Ausweg mehr da ist, wenn morgens das Aufstehen schon sinnlos scheint, der Tag aus dunklen Stunden nur besteht, abends Angst mit im Bett liegt, weil man die Nacht und ihre Träume und den nächsten Tag fürchtet. Da stehen vor dem eigenen Jordan. Und Morgen kein Wunder. Sondern: Vor dem eigenen Jordan wegrennen, zurück, aber noch tiefer hinein ins Leben, was keines mehr ist. Oder: Resigniert aufgeben, aufhören, über den Jordan zu wollen, ans rettende Land zu glauben, aufhören zu sein. Oder: In den Jordan sich einfach hineinstürzen. In die Fluten, aussichtslos, und weggespült werden, wirklich untergehen.

Eintreten
Einen solchen wie Josua, solche wie die Priester, solche wie das mitgehende Volk, die bräuchte es dann an meinem Jordan. Einen der eintritt, eintritt mitten in mein Leben, der wie dazwischenkommt, sich einstellt, wo ich stehe, der von wo anders her, fern von mir, etwas hört, etwas weiß und hineinbringt in meine Situation. Einer, der mich zum Hörer macht, der mir die Ohren öffnet und ich eingebunden werde in mehr als das, was ich gerade bin an verzagten und armseligen Menschen. Einer, den andere groß nennen, weil Großes man ihm anvertraut und Großes mit ihm ist. Ich bräuchte solche, denen ich dann folgen könnte, die Mut und Auftrag hätten voranzugehen, mir voranzugehen, denen ich mich geben darf, anvertrauen kann, denen ich - so müde geworden - fast blind nachgehe, weil sie vorangehen, ja, auch durch den Jordan, und durch die ich dann sehe: Da sind andere wie ich, vielleicht nicht sichtbar, aber andere, denen es geht wir mir. Wir sind ein merkwürdiges Volk am Jordan, die gleiche Angst, das gleiche: wir kommen nicht hinüber.

Dastehen
Morgen ein Wunder. Ein Kasten aus Holz, Lade genannt, vielleicht sogar leer, leer, weil Gott nicht in Kästen ist, in keiner Truhe sich aufbewahren lässt. Wenn Gott aber da wäre, wenn er an meinem Jordan sich mir zeigte, für mich spürbar wäre, wenn er mitstünde am Jordan, und fast geheimnisvoll auch drüben am anderen Ufer, weil er selbst das gelobte Leben ist, dann würde ich hinüberkommen, vielleicht.
Ich bräuchte etwas, was zu stehen kommt, mitten im Jordan, mitten in diesem Unüberwindbaren zu stehen kommt und für mich dasteht. Ich weiß nicht, was es ist, wenn ich es wüsste, wäre ich schon jenseits des Jordans. Aber es müsste etwas sein, was dahin kommt, was dahin getragen wird, ein Jemand, ein Ereignis, ein Wort, ein aufkeimendes Vertrauen, ein Schimmer der besseren Zeiten, ein Gott, ein Mensch. Wenn dies hingestellt würde, hinbewegt jetzt unbewegt, fest und sicher, still und starr, ewige Momente dastehen würde in den Lebens-Fluten - und es würde dann für mich aushalten, was ich nicht aushalten kann, würde abhalten, was mich umreißt, aufhalten, dass ich nicht untergehe in diesem verfluchten Jordan.

Trocken
Dann könnte ich trockenen Fußes hinüberkommen, dann wäre heute Wunder und morgen auch. Dann würde ich mit meiner Seele, die durchnässt ist, heiler und unversehrter durch meinen Jordan kommen, würde das Wunder für mich geschehen und ich glauben: das im Kasten war etwas, dass die Fluten mich nicht umbringen, dass ich lebe und mit mir das Volk jenseits des Jordans, dass Gott irgendwie mobil ist, beweglich, mit mir ist und dazwischen gerät, eintritt, vorangehet und lebendig mich hindurchführt, hindurchführt durch meinen Jordan, ja mich unsichtbar hindurchträgt trockenen Fußes, gerettet.

Morgen
Morgen ein Wunder. Ich soll mich dafür heiligen. Ich möchte Hörer sein, auf die ganz leise und bestimmte Stimme Gottes hören, ihr gehorchen, folgen, hinter ihm hergehen, eingebunden in Andere, in Wortgeber, in Hoffnungsboten, in Mitleidende, im Volk am Jordan auf dem Weg ins gelobte Leben. Ich soll mich heiligen dem lebendigen Gott, vorbereiten auf das Wunder, was Morgen meine Not zu wenden vermag? Kann ich das? Kann man das? Sich heiligen, sich heilig machen, fühlen? Vielleicht einreihen, das kann man, das könnte ich, sich etwas kleiner machen, etwas geringer, sich in die Hände geben, das könnte ich, und: hoffen, aufmerken auf solche wie Josua, auf solche, die Gott tragen und bringen, für mich dazwischen stellen. Ich könnte da stehen am Jordan anders und nach der Lade schauen. Morgen das Wunder. Amen.

Freitag, 7. September 2018

leise


Predigt am 15. Sonntag nach Trinitatis (9. September 2018)

Galater 5, 25-26. 6, 1-3.7.-10
25 Wenn wir im Geist leben, so lasst uns auch im Geist wandeln. 26 Lasst uns nicht nach eitler Ehre trachten, einander nicht herausfordern und beneiden. 1 Brüder und Schwestern, wenn ein Mensch etwa von einer Verfehlung ereilt wird, so helft ihm wieder zurecht mit sanftmütigem Geist, ihr, die ihr geistlich seid. Und sieh auf dich selbst, dass du nicht auch versucht werdest. 2 Einer trage des andern Last, so werdet ihr das Gesetz Christi erfüllen. 3 Denn wenn jemand meint, er sei etwas, obwohl er doch nichts ist, der betrügt sich selbst. …. 7 Irret euch nicht! Gott lässt sich nicht spotten. Denn was der Mensch sät, das wird er ernten. 8 Wer auf sein Fleisch sät, der wird von dem Fleisch das Verderben ernten; wer aber auf den Geist sät, der wird von dem Geist das ewige Leben ernten. 9 Lasst uns aber Gutes tun und nicht müde werden; denn zu seiner Zeit werden wir auch ernten, wenn wir nicht nachlassen. 10 Darum, solange wir noch Zeit haben, lasst uns Gutes tun an jedermann, allermeist aber an des Glaubens Genossen.

Nicht müde werden
Nicht müde werden. Menschen werden aber müde. Nicht nur am Abend nach getaner Arbeit, nicht nur am Lebensabend nach ganz vielen gelebten Jahren. Menschen werden manchmal auch des Guten müde, müde, das Gute immer wieder zu tun, zu versuchen, zu denken, zu wollen, anderen zu tun. Menschen werden manchmal wie erschöpft davon, dass das Gute nicht ankommt, nicht erwidert wird, nicht auf guten Boden fällt. Manchmal sind Menschen frustriert davon, gegen alle Erfolglosigkeit dennoch gute Menschen zu sein, und Fragen machen ihr gutes Wollen klein, mutlos und hoffnungsarm, sie fragen, ob da Gute wirklich immer Sinn macht, ob es war bringt, ob es nicht vergebens ist.
Sie säen das Gute und ernten Schlechtes. Sie säen Liebe und bekommen dürre Früchte der Gleichgültigkeit oder Berechnung. Sie säen und nichts wächst und wird, die Erfahrung spricht gegen das Gute, und dann werden Menschen müde, lassen nach und hören auf, das Gute wirklich noch zu tun, tun zu können.

sondern dem Wunder
Vielleicht ist es so: Die Menschen, vielleicht auch wir, können das Wunder nicht mehr sehen, das Wunder, das in allem lebt und lebendig ist, das Wunder der Liebe und des Geliebtseins, dass alles ein unglaublichen Wert besitzt, das alles auf herrliche Vollendung zielt, dass Gott das Leben mit Güte und Gnade geschaffen hat und in sich lebendig hält, das Wunder, dass der Sinn von allem im Guten liegt, Menschen davon und dafür leben.
Menschen sehen dieses Wunder nicht mehr, können es nicht wahrnehmen, schlechte Erfahrung, Angst, Misstrauen hat ihnen die Augen verschlossen. Sie meinen dann sie selbst wären irgendwie alles, sie machen sich irgendwie zum Mittelpunkt, werden eitel, brauchen anderen, um selbst etwas zu sein, bereichern sich, sind übergriffig, blassen sich auf und täuschen sich selbst über die wahre Bedeutung ihres Daseins, über das Wunder, das sie selbst sind und betrügen sich selbst um ihr eigentliches Leben. Sie säen dann gar nicht mehr, was eigentlich wachsen soll und dem Leben dient, sie ernten unverschämt, wo die Früchte anderen gehört, sie glauben gar nicht mehr daran, das da ein Zusammenhang ist zwischen eigenen Tun und dem Werden der Welt und setzen sich selbst jenseits von allem. Sie spotten dann Gott, der doch Anfang und Ziel ist, der alles so liebevoll im Blick hat und behält, der Mittelpunkt sein will, damit alle das Leben bekommen. Sie erheben sich über das Leben, machen eigentlich alles lächerlich, verhöhnen, verletzen, demütigen und sind die größten in ihrem eigenen Spiegel nur.

wie einem Vogel
Weit ist dann der Weg, sich selbst wieder zu relativieren, einzuordnen, Liebe zu empfangen und davon zu leben. Weit ist der Weg, den eigenen Irrsinn zu sehen, in der Drohung vor Verderben die Stimme dessen zu hören, der zum Leben ruft. Weit ist der Weg, das Wunder des Guten in allem wieder zu sehen, in der Seele zu merken. Weit ist der Weg, von sich selbst abzusehen, sich zu entledigen aller Selbstbehauptung, zu sehen, wo man sich selbst bitter betrügt und eigentlich das Wichtigste verspottet: Gott. Weit ist der Weg nichts zu werden, um dann alles zu bekommen, sich selbst wie zu entleeren, damit man wieder von neuem, gleich einer Neuschöpfung, gefüllt wird, erfüllt wird.
Ein Klitzekleines braucht nur der Geist, damit er Raum in einem Menschen greift, gewinnt und ihn erfüllt. Vielleicht nur den Moment des eigenen Ekels vor sich, des Unwohlseins im Blick auf die Taten, der aufbrechenden Sehnsucht nach Liebe, vielleicht auf nur ein stilles, leises: bitte, bitte, Geist komm.
Gutes tun, ist alles anderen als einfach. Das Gute ist zart und zerbrechlich, scheu und manchmal kaum zu finden. Mit dem göttlichen Geist in uns, da können wir es tun. Zwischen säen und ernten liegt jene unheimliche Zeit des Werdens, des Wachsens, des Guten, das selbst beginnt zu wirken. Jede Zeit, sei sie noch so kurz, wird dann zur Ernte, für uns und den anderen. Sanftmütig still das Gute versuchen zu denken, zu erspähen, zu entdecken und ihm seinen Raum zu lassen: Lasten der anderen sehen und nicht einfach, aber doch sie zu guten Teilen auf die eigene Lebensschulter laden und ein paar Schritte mitgehen. Sich selbst als durchs Leben stolpern, manchmal fallen sehen und feste ans Wunder des Lebens glauben und anderen aufhelfen und sie für Momente als Gottes schmutzig gewordene heilige Geschöpfe wunderbar lieben.

die Hand hinhalten.
Nicht müde werden. Auf den Geist Gottes vertrauen, ein Geist der Liebe, der weht wo er will, der weht, wo es ihn braucht, der weht ganz bestimmt. Auf ihn vertrauen, dass Gott ihn reichlich schenkt, er uns erfüllt und uns säen lässt Gutes, da wo wir sind, so viel wir gerade können. Auf den Geist setzen, ihn machen lassen, an jene leise, bestimmte, ganz eigene Wirkung glauben, glauben, daran mitarbeiten, davon leben, dass Gott auch in Ohnmacht, im Leid sich mit seiner Liebe durchsetzt.
Das wäre eine stille Freude, die wir hätten, am Tun des Guten, wir würden unsere Hände ausstrecken, irgendwie das Gute in einem Moment zu empfangen und -und zu geben; und wenn unsere Hände müde wären des Guten, reichte ein Blick, ein leises Gebet um Gottes Geist. Bitte, sich nicht irre machen lassen, nicht daran verzweifeln, nicht mit dem Vertrauen aufhören: Gott ist das Gute. Er sucht es, will es und tut es. Er schenkt das ewige Leben, ein Leben in göttlicher Güte. „Nicht müde werden, sondern dem Wunder, leise wie einem Vogel die Hand hinhalten.“ (Hilde Domin) Amen.

Freitag, 17. August 2018

Weite

Sing- und Gedichtgottesdienst
(13. Sonntag nach Trinitatis, 19. August 2018)

Vor lauter Lauschen und Staunen sei still.

Du mein tieftiefes Leben;
Daß du weißt, was der Wind dir will.
Eh noch die Birken beben.

Und wenn dir einmal das Schweigen sprach,
Laß deine Sinne besiegen.
Jedem Hauche gib dich, gib nach,
Er wird dich lieben und wiegen.

Und dann, meine Seele, sei weit, sei weit.
Daß dir das Leben gelinge,
Breite dich wie ein Feierkleid
Über die sinnenden Dinge.
(RM Rilke)

Nicht in die Weite

Herz, mein Herz, nicht in der Weite,
In der Nähe wohnt das Glück!
Glaube, liebe, hoffe, leide,
Und kehr’ in dich selbst zurück.
Wüchsen über Nacht dir Flügel,
Schneller als der Sonne Strahl,
Trügst doch über Tal und Hügel
Rastlos deiner Sehnsucht Qual.
Denn die Welt kann dir nicht bieten
Das, wonach du heiß verlangst;
Denn die Welt hat keinen Frieden
Hat nur Streit und Not und Angst.
Ewig wechselnd ist ihr Streben,
Ewig wechselnd ist ihr Ziel:
Was ihr heute Rast gegeben,
Morgen ist’s der Winde Spiel.
Drum, mein Herz, nicht in der Weite,
In der Nähe such‘ das Glück!
Glaube, liebe, hoffe, leide
Und kehr‘ in dich selbst zurück.
(Julius Sturm)
 
Stufen

Wie jede Blüte welkt und jede Jugend
Dem Alter weicht, blüht jede Lebensstufe,
Blüht jede Weisheit auch und jede Tugend
Zu ihrer Zeit und darf nicht ewig dauern.
Es muß das Herz bei jedem Lebensrufe
Bereit zum Abschied sein und Neubeginne,
Um sich in Tapferkeit und ohne Trauern
In andre, neue Bindungen zu geben.
Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne,
Der uns beschützt und der uns hilft, zu leben.

Wir sollen heiter Raum um Raum durchschreiten,
An keinem wie an einer Heimat hängen,
Der Weltgeist will nicht fesseln uns und engen,
Er will uns Stuf' um Stufe heben, weiten.
Kaum sind wir heimisch einem Lebenskreise
Und traulich eingewohnt, so droht Erschlaffen,
Nur wer bereit zu Aufbruch ist und Reise,
Mag lähmender Gewöhnung sich entraffen.

Es wird vielleicht auch noch die Todesstunde
Uns neuen Räumen jung entgegensenden,
Des Lebens Ruf an uns wird niemals enden ...
Wohlan denn, Herz, nimm Abschied und gesunde!
(Hermann Hesse)

Für Einen

Die Andern sind das weite Meer.
Du aber bist der Hafen.
So glaube mir: kannst ruhig schlafen,
Ich steure immer wieder her.
Denn all die Stürme, die mich trafen,
Sie ließen meine Segel leer.
Die Andern sind das bunte Meer,
Du aber bist der Hafen,
Du bist der Leuchtturm. Letztes Ziel.
Kannst Liebster, ruhig schlafen.
Die Andern … das ist Wellenspiel,
Du aber bist der Hafen.
(M. Kaleko)

Ein Rose als Stütze

Ich richte mir ein Zimmer ein in der Luft
unter den Akrobaten und Vögeln:
mein Bett auf dem Trapez des Gefühls
wie ein Nest im Wind
auf der äußersten Spitze des Zweigs.
Ich kaufe mir eine Decke aus der zartesten Wolle
der sanftgescheitelten Schafe die
im Mondlicht
wie schimmernde Wolken
über die feste Erde ziehen.
Ich schließe die Augen und hülle mich ein
in das Vlies der verläßlichen Tiere.
Ich will den Sand unter den kleinen Hufen spüren
und das Klicken des Riegels hören,
der die Stalltür am Abend schließt.
Aber ich liege in Vogelfedern, hoch ins Leere gewiegt.
Mir schwindelt. Ich schlafe nicht ein.
 Meine Hand
greift nach einem Halt und findet
nur eine Rose als Stütze.
(Hilde Domin)




Donnerstag, 9. August 2018

Nein!!



Predigt am 11. Sonntag nach Trinitatis
(12. August 2018)

Galater 2, 16-21


16 Doch weil wir wissen, dass der Mensch durch Werke des Gesetzes nicht gerecht wird, sondern durch den Glauben an Jesus Christus, sind auch wir zum Glauben an Christus Jesus gekommen, damit wir gerecht werden durch den Glauben an Christus und nicht durch Werke des Gesetzes; denn durch des Gesetzes Werke wird kein Mensch gerecht. 17 Sollten wir aber, die wir durch Christus gerecht zu werden suchen, sogar selbst als Sünder befunden werden – ist dann Christus ein Diener der Sünde? Das sei ferne! 18 Denn wenn ich das, was ich niedergerissen habe, wieder aufbaue, dann mache ich mich selbst zu einem Übertreter. 19 Denn ich bin durchs Gesetz dem Gesetz gestorben, damit ich Gott lebe. Ich bin mit Christus gekreuzigt. 20 Ich lebe, doch nun nicht ich, sondern Christus lebt in mir. Denn was ich jetzt lebe im Fleisch, das lebe ich im Glauben an den Sohn Gottes, der mich geliebt hat und sich selbst für mich dahingegeben. 21 Ich werfe nicht weg die Gnade Gottes; denn wenn durch das Gesetz die Gerechtigkeit kommt, so ist Christus vergeblich gestorben.





Leben wegwerfen


Etwas wegwerfen. Das machen Menschen alltäglich. Dann, wenn etwas verbraucht ist, nicht mehr gebraucht wird, kaputt ist. Dann wird es weggeworfen. Menschen werfen achtlos weg, und manchmal mit Bedacht. Manchmal werfen sie Dinge weg, um sich von ihnen zu trennen, um sie loszubekommen, auch um vielleicht neu aufzubrechen. Wegwerfen gehört zum Leben, wie Bekommen und Behalten. Und manche Menschen werfen mehr als nur Dinge, Sachen weg, sie werfen andere Menschen weg, nicht wirklich, aber sie behandeln sie so, und manchmal wie in einem verkehrten Leben werfen Menschen ganz Wertvolles weg, verlieren es auf dramatische Weise. Und manchmal werfen Menschen ihr Leben weg, vergeuden Chancen, gehen fahrlässig mit eigenen Talenten, mit dem, was ihnen geschenkt ist, um. Und immer ist es traurig, wenn das passiert, wenn Menschen ihr Leben wegwerfen, zornig, trotzig, allmählich, aus Versehen, mit sehendem Auge. Und Nein, möchte man sagen. Nein: Nicht wegwerfen.


Vielleicht mag Menschen manchmal vieles, alles vergeblich erscheinen, umsonst, ohne Sinn und Gehalt und ihr Leben selbst kommt ihnen merkwürdig vergeblich vor, als sei es nicht wert, als sei es ohne Resonanz, ohne Wirkung, ohne Grund. Und eigentümlich verkehrt sich alles dann, nicht Sinn ist Leben, sondern Sterben macht Sinn, nicht Helligkeit beim Aufgehen der Sonne, nicht Ruhe in der Nacht, nicht Seele, die atmet, nicht andere, die freuen, sondern das Leben ist verkehrt, als sei das Leben mitten im Leben schon Tod, als sei nicht von irgendwo Gnade ins Leben gegeben, als sei nicht immer auch von Sinn erzählt worden, als sei da nicht einer, der alles zusammenhält und geborgen hält.


Und statt liebevoll sich in die Arme der Gnade zu werfen, statt zu behalten, was Gott an Liebe ins Leben legt, stolpern Menschen übers eigene Leben, nagt die Vergeblichkeit an ihnen, bauen sie auf, was für sie schon längst eingerissen wurde, bauen wieder auf Angst und Argwohn, bauen wieder auf Selbstbehauptung und Rivalität, bauen sich groß und größer auf, statt sich heilsam in die eigene Kreatürlichkeit und Liebe einzuordnen. Sie fallen zurück hinter ihre eigene Zeit, hinter die eigene Geschichte des Lebens und des Glaubens, hinter die widerfahrene Gnade





Kann nicht sein


Nein! Das darf nicht sein. Nein! Das kann nicht sein! Das sei ferne. In alten, kaum eigenen Worten macht Paulus diese Erfahrung durch, die Menschen schon immer und heute kennen, und er ringt um seine eigenen Lebensgeschichte, die immer wieder gebrochen wird durch Sünde, Vergeblichkeit, verkehrten Welten und Verlieren, wie Menschen ringen um ihre eigene Lebens- und Glaubensgeschichte, ihrer Geschichte der Suche nach sich, nach Leben, nach anderen, nach Gott.


Das sei ferne! Dass uns die Vergeblichkeit anfällt wie ein dumpfer Schatten in der Nacht. Das sei ferne! Dass uns der Sinn abhandenkommt, wie ein wertvoller Augenblick der Ewigkeit im faden Zeitenlauf. Das sei ferne! Dass wir unser wegwerfen als seien wir uns selbst Müll und Morast. Das sei ferne! Nein, denkt und sagt Paulus für sich und für uns. Nein. Das sei ferne. Und er bringt Distanz, einen heilsam aufbrechenden Abstand hinein, ein Könnte und ein Ist, einen Konjunktiv und den heilsamen Indikativ göttlicher Liebe. Ich glaube doch, auch wenn ich als Sünder gefunden würde. Ich gehe den rechten Weg, auch wenn manche Irrwege mich suchen würden. Ich bin durch die Liebe Gottes geworden was ich bin, ich bin sein Werk, nicht das Werk anderer Götter, anderer Wege, auch nicht das Werk meiner selbst. Christus ist nicht vergeblich gestorben, sondern für mich.





Wege sterben, ich lebe


Manche Wege müssen sterben. Alle Wege, die von Gott wegführen, alle Irrwege, die Menschen vom Leben fernhalten, die sie gehen und auf dem sie selbst am Leben sterben, sich und die Gnade wegwerfen, einen verkehrten Sinn sehen. Diese Wege müssen sterben. Wege sterben aber nicht, sondern die, die darauf dem Lebenstod gehen. Wege sterben nicht, sondern wir dürfen sie nicht mehr gehen, sie müssen für uns sterben.


Es ist eine geheimnisvolle Weggemeinschaft zwischen Christus und uns: Christus ging diese Wege. Er als Gerechter, als von Gott zutiefst Geliebter und seine Liebe wie kein anderer Bringender. Christus ging diese Wege, und alle Irrwege, alle Wege der Sünder und Ungerechten fanden sich auf seinem Weg. Er wurde zum Opfer dieser Wege, er ging diese Wege tödlich dahin und gab sich auf seinem Weg dahin in Liebe.


Sein Tod auf diesem Weg kommt mir zu Gute: Gehe ich diesen Weg mit ihm, werde ich mit ihm gekreuzigt und sterbe mit ihm. Ist er auf diesem Weg gestorben, brauche ich nicht mehr darauf zu sterben. Den Weg, den ich als Sünder immer wieder gehe, ist schon längst seiner: Ich gehe den Weg mit ihm, er stirbt ihn für mich, der Weg ist für mich gestorben. So ist dieser Weg nicht mehr mein Weg, sondern der von Christus und mir; so ist sein Sterben meines und meines seines, und so ist mein Leben nicht mehr meines, sondern das von Christus und mir, es ist keines zum Wegwerfen niemals vergeblich und genau das mit Sinn: Ich lebe ihm und er lebt in mir. Amen.