Donnerstag, 29. März 2018

Time of my life


Predigt an Karfreitag (30. März 2018)

Hebräer 9, 15.26b-28
Und darum ist er auch der Mittler des neuen Bundes, auf dass durch seinen Tod, der geschehen ist zur Erlösung von den Übertretungen unter dem ersten Bund, die Berufenen das verheißene ewige Erbe empfangen. Nun aber, am Ende der Zeiten, ist er ein für alle Mal erschienen, um durch sein eigenes Opfer die Sünde aufzuheben. Und wie den Menschen bestimmt ist, einmal zu sterben, danach aber das Gericht: so ist auch Christus einmal geopfert worden, die Sünden vieler wegzunehmen; zum zweiten Mal erscheint er nicht der Sünde wegen, sondern zur Rettung derer, die ihn erwarten

Meine Zeit
Christus ist erschienen. Mit seiner Geburt, mit seinem Leben, mit all seinen Worten und Taten, seinen Gesten und Gleichnissen, seiner schier unglaublichen Nähe zu Gott. Mit seinem Tod am Kreuz ist ER erschienen. Christus ist erschienen mit seinem Tod mitten in menschliche Zeit hinein, in die Zeit seiner Jünger und Jüngerinnen, in die Zeit auf Golgatha, in die Zeit jenes ersten Karfreitags, in die Zeit seitdem, in die jetzige Zeit, in unsere Zeit, die wir leben, so wie wir sie leben.
Jesu Tod ist das Ende einer Zeit, mit seinem Tod stirbt auch eine Zeit, eine ganz bestimmte Zeit. Sein Tod am Kreuz beendet dieser Zeit, schließt sie ab, macht mir ihr Schluss, endgültig, definitiv, ein für alle Mal, unumkehrbar, für immer, vollendet sie im Leiden bis zum Nullpunkt. Mit seinem Tod stirbt die Zeit unserer Sünde, unserer Übertretungen, des ersten und gebrochenen Bundes, die Zeit unseres Lebens, das gegen das Leben und gegen Gott sich gebiert. Diese Zeit ist gestorben, beendet, tot.
Jesu Tod ist eine Zeitzäsur, ein Zeitenwechsel, ein Zeiteinschnitt, wie er nicht deutlich, nicht klarer, nicht prägender sein könnte. In der Zeit geschieht sein Tod, aber wie ein Jenseits der Zeit trifft er die Zeit und schneidet sie in zwei Stücke, einen davor und einen danach, und der erste, der davor, die Zeit der Sünde, der Übertretung, des Getrenntseins von Leben und Gott ist beendet, abgeschlossen, vorbei, einmal für alle Mal.

Zeit-Übertrag
Was macht Gott nur mit unserer Sünde, an diesem Tag, an jedem Tag, an Karfreitag? Wie tritt Gott uns gegenüber, die wir uns gegen Leben, Liebe und Gott versündigen, abtrennen von dem, was Leben meint und sucht und will? Was tut er mit Sünde?
Gott verzweifelt darüber, kämpft dagegen an, wirbt mit Liebesworte, rennt weg und wieder entgegen, wird müde, bleibt bei sich. Am Kreuz seines Sohnes erträgt er die Sünde am eigenen Leben und an eigenen Leib. Erträgt er sie, ohne auszuweichen, ohne herunterzugehen vom Kreuz, erträgt er sie, hält er an seiner Nähe zu Menschen festhält, inmitten größtmöglicher Gottesferne, bleibt er mitten im Hass, im Leid, im Widerwärtigen bei der Liebe, lässt er sich doch nicht trennen von seiner Lieben Gedanken und so, genauso, ohne es zu wollen, bricht der Sünde Macht, schafft Sünde nicht mehr, trennend zu sein, zu wirken.
Der EINE vergeht am Kreuz, er atmet seinen letzten Atem, seine Zeit ist zu Ende, er stirbt und wird zu Nichts. Aber das ANDERE, unsere Sünde, stirbt eigentlich und wirklich, vergeht, tut ihren letzten Todesstoß und vergeht zu Nichts. Welch merkwürdiger Wechsel, welch geheimnisvoller dunkel heller Tausch. Jesus ist sterbendes Opfer, aber der Tod selbst stirbt. Jesus vergeht, aber die Sünde endet. Ein Zeitwechsel, als würde man das Blatt umdrehen und die Geschichte, die Zeit und das Leben würde neu geschrieben werden, als würde das Davor zur Asche und nur das Danach zählt und rechnet die Zeit.

Neue Zeitrechnung
Menschen werden durch Jesu Tod erlöst, erlöst von eigener Sünde und befreit zum Leben. Weggenommen wird, was uns immer und immer wieder beschwert und anfällig macht. Errettet werden Menschen, errettet von Sintfluten des eigenen Lebens hin zur Herrlichkeit der Kinder Gottes. Aufgehoben und annulliert wird für uns, was trennt. Es darf und wird und kann nicht mehr trennen, Menschen, euch von eurem Gott. Die Zeit hat sich gewendet. Die getrennte Zeit ist vorbei.
Am Kreuz wird inmitten des Risses durch die Zeit ein Zeitenwechsel sichtbar, ein neuer Bund, ein Gott, der bei seiner Liebe bleibt und die Sünde besiegt. Menschen dürfen mit der Zeit neu rechnen. Sie sehen sich am Kreuz, wie ihre eigene Zeit der Sünde beendet ist und sie neue werden noch verborgen im Dunkel des Karfreitags, wie Gott sie zärtlich Erlöste, Erben, Empfänger, Erwartende nennt, sie zu solchen macht.
Als würde das Kreuz, als würden SEINE Arme sich unsichtbar spürbar ausbreiten zu unseren, als würden wir tauschen mit JENEM am Kreuz, er für uns unsere Sünden sterben, seine Liebe zu unserer werden, wir mit sachte sich ausbreitenden Armen wieder und immer wieder das Leben empfangen, spüren, hören und leben: Wir sind Erben, Erben einer wahrlich großen Verheißung, die schon immer und nun immer bleibend unserem Leben zugrunde liegt und gilt, eine Verheißung des Lebens, die dort entdeckt und gelebt werden will, die Verheißung, ein Leben in Leben und Freude mit und vor Gott, sich und all den anderen zu gestalten. Wir sind solche, von deren Leben die Sünde immer und immer wieder abgetragen wird, die neu in die Zeit gehen dürfen, als solche, die erwarten dürfen, die grundlegend Erwartende sind, hoffnungsvoll und schon auch heute lichtsehnsuchtsvoll Ostern entgegen. Da wird alles erscheinen. ER und auch Wir. Amen.

Sonntag, 18. März 2018

Den rettenden Gott sehen


Gottesdienst an (18. März 2018)

4. Mose 21, 5-9
Da brachen sie auf von dem Berge Hor in Richtung auf das Schilfmeer, um das Land der Edomiter zu umgehen. Und das Volk wurde verdrossen auf dem Wege und redete wider Gott und wider Mose: Warum habt ihr uns aus Ägypten geführt, dass wir sterben in der Wüste? Denn es ist kein Brot noch Wasser hier, und uns ekelt vor dieser mageren Speise.
Da sandte der HERR feurige Schlangen unter das Volk; die bissen das Volk, dass viele aus Israel starben.
Da kamen sie zu Mose und sprachen: Wir haben gesündigt, dass wir wider den HERRN und wider dich geredet haben. Bitte den HERRN, dass er die Schlangen von uns nehme. Und Mose bat für das Volk. Da sprach der HERR zu Mose: Mache dir eine eherne Schlange und richte sie an einer Stange hoch auf. Wer gebissen ist und sieht sie an, der soll leben.
Da machte Mose eine eherne Schlange und richtete sie hoch auf. Und wenn jemanden eine Schlange biss, so sah er die eherne Schlange an und blieb leben.

Ekelblick
Den rettenden Gott, den sehen die Israeliten nicht, nicht mehr. Sie ekelte es, vor dem Brot, dem Trinken, den Weg, den Wüste, dem Leben. Sie sind angewidert von dem, wo sie jetzt sind, wohin der Weg sie geführt hat. Der Aufbruch aus Ägypten rückt in unglaubliche Ferne, das gelobte Land ist nicht in Sicht. Israel ist kurzatmig, müde, erschöpft, verdrossen, enttäuscht, voller Zweifel und Unwille. Es hat Angst vor dem Tod und spricht sich gegen seinen Gott aus, jenen Gott, den sie nicht mehr als rettenden Gott sehen wollen, können, mit dem sie müde ringen.

Wie viele Tage, Stunden mag es geben in einem Menschenleben, wo dies genau so ist: Müde, erschöpft, zweifelnd, angewidert von dem, was wurde und ist, ein Aufbruch, so weit weg, das Ziel auch, Wüstenweg und der rettende Gott gerät aus dem Blick, gerät aus dem Sinn, aus dem Leben.

Schlange denken
Auch für Gott geschieht das. Er selbst verliert sich aus dem Blick, aus dem Blick, dass er ein rettender Gott ist, sein möchte, war. Er sieht nur noch das wütende, zweifelnde, undankbare Volk und ist selbst von ihm abgestoßen, von ihm angewidert. Wütend, selbst frustriert zieht er die Konsequenz und sieht, denkt, schickt nur noch Schlange. Gott will strafen, vergelten, töten, was er doch eigentlich liebt, führen möchte, ins gelobte Land bringen will. Er gibt seinem Volk das, was es befürchtet, und statt zu retten, verurteilt er, statt Leben zu bringen, lässt er töten. Gott ringt mit seinem Volk und verliert sich selbst aus dem Blick, zeigt eine Seite von sich, die ihn garnicht ganz zeigt.
Wie viele Tage, Stunden mag es Gott so gehen, wenn er seine Menschen sieht, mit ihnen lebt, erträgt, was sie tun und lassen, ihren Ekel sich in seinen verkehrt, er Tod sinnt statt Leben, der rettende Gott sich zum Verdunkeln bringt?

Der Tod ist tot
Es muss etwas passieren, im Herzen, im Herzen von Israel, im Herzen von Gott. Die Schlangen müssen erstarren, aufhören, nicht mehr beißen, sie müssen sterben. Israel kehrt um, kehrt sich zu Mose. Mose nimmt das Volk ins Gebet und bittet für es. Gott lässt eine eherne Schlange machen und verspricht wieder Rettung.
Alles richtet sich auf an dieser Schlange. Volk und Gott haben sich aus dem Blick verloren, das Rettende ging verloren, Tod statt Leben regierte. An der ehernen Schlange auf Stange richten sich die Blicke wieder auf, Gottes Blick, der sich seines Volkes erinnert, seines Liebensweges von Anfang an, der Blick des Volkes, der an der ehernen Schlange sieht:
Da hängt unsere Sünde, da hängt das, was uns Tod brachte, was wir verschuldet haben, da hängt unser Ekel, unser Unwille, unser Wider-Gott. Es hängt dort aber tot. Gestoppt. Erstarrt. Beendet. Wir dürfen es nicht anfassen, nicht berühren, aber anblicken, hinschauen und wissen, es wird seine Wirkung nicht mehr haben, Gott fängt neu mit uns an, er heilt wieder, er rettet wieder, er liebt wieder. Und Israel sieht wieder seinen Gott und Gott sieht wieder sein Volk, gebrochen, umgelenkt im Blick, aber irgendwie wieder gerettet durch die eherne Schlange.
Wie sehr teilen wir Israels Wunsch, was von Gott zu sehen – und am Leben zu bleiben.

Beim Leben bleiben
Einen Gott, der Schlangen unter seine Menschen sendet, und sie beißen lässt, den wollen wir nicht. Den können wir uns kaum vorstellen. So oft es Schlangen im Leben gibt, und wir vom Stachel der Sünde getrieben auch sind. Aber von Gott soll das nicht kommen.
Einen Gott, der nur durch unseren Blick auf eine tote, eherne Schlange heilen kann, fast magisch komisch wirkt. Wollen wir den? So können wir uns das nicht vorstellen.
Aber einen Gott, der sich immer wieder durchringt zur Liebe, den wollen wir, den brauchen wir, und wir brauchen, dass wir am Leben bleiben. Das ganze dramatische Ringen von Gott und Mensch, von Sünde, Wut, Zweifel, Irrtumswegen, von Tod, Ekel, Aufbruch, Rettung und Wüstenwegen, spitzt sich zu, ja wird ausgetragen am Kreuz Christis, am erhöhten Gottessohn am Querbalken.
Auf ihn schauen mag uns sagen, sehen lassen: Die Sünde ist tot, der Tod ist tot. Das, was euch mitten im Leben sterben lässt, all die Katastrophen, wenn das Leben, die Verbindung zum Leben uns abhandenkommt, sind dort ertragen, erlebt, in seiner Konsequenz gebrochen. Das Todbringende stirbt. Und dieser Blick auf den am Kreuz schändlich Erhöhten mag euch sehen und spüren lassen: Gott lässt euch am Leben, ihr bleit leben.
Ihr seht dort den unverstellt rettenden Gott, den euch rettenden Gott, der alles für euch gibt, sich in einem Augenblick abwendet von allem Widerwillen gegen eure Sünde und sich selbst rettend im Blick rückt, seine Liebe zu euch, die den Tod überdauert. Amen.

Mutabor


Gottesdienst zur Südkonferenz 16. März 2018
 Bildergebnis für julia antonia mutabor
Ein Kreuz
Passionszeit. Das Bild zeigt ein Kreuz. Es stammt von der Berliner Künstlerin: Julia Antonia.
Das Kreuz ist eine Grundform des Lebens, denn im Leben überkreuzt sich immer etwas. Die Kunst hat das Kreuz kultiviert und früh hat die Religion das Kreuzförmige als Symbol aufgenommen. Die Urform: Zwei Linien, zwei Balken, quer und hochkant miteinander, verbunden sind sprechend für menschliche Sehnsüchten zwischen Himmel und Erde, zwischen den Gewalten.
Durch Jesu Tod ist das Kreuz Symbol und Zeichen des Christentums und in die Verbindung von Himmel und Erde tritt eine eigene Dimension: Der Tod Jesu als Verbindung von Himmel und Erden, Gott und Mensch.
Außer auf Golgatha gibt es Kreuze an vielen Orten: Draußen, am Hals, in Kirchen. Es gibt Kreuze als Schmuck ganz ohne christliches Bewusstsein und es gibt im Bekreuzigen: Ein Mensch unterstellt sich der fast unheimlichen Kraft, die dem Tod Jesu entspringt.
Die Form des Kreuzes unserer Künstlerin ist ein doppeltes Kreuz: Ein weißes Innenkreuz und ein buntes Außenkreuz.
Das Innere tritt erst allmählich, aber dann dominant in den Blick; es ist sehr schlicht, ganz reduziert, alleine die pure Form. Anders ist das äußere Kreuz, es dominiert. Es gibt dem Kreuz auch eine kleine dreidimensionale Form. Es sind 26 Einzelteile, 26 bunte Holzplatten, auf die die Künstlerin 26 Gesichter eingeprägt hat.
Diese Holzplatten sind gleichmäßig zu einer Kreuzform angeordnet, die Holzplatten sind alle quadratisch. Fast möchte man sagen: Quadratisch. Praktisch. Gut. Dieses Kreuz besteht aus dem, was nicht zum Kreuz passt: Aus Gleichförmigem, aus Ebenmäßigem, aus Ordnung. Am Kreuz gerät aber die Welt aus Form und Fugen.

farbig
Dieses Kreuz ist durch seine verschiedenen Farben bunt und bunt passt eigentlich auch nicht in die Passionszeit. Wenn das Kreuz dargestellt wird oder wenn wir es uns vorstellen, wie Jesus daran hing und hängt, dann ist das Kreuz selbst einfarbig, braun, schwarz, grau, wie sich alles Geschehen des Leidens in uns dunkel abschattet. Nur nachträglich wird das Kreuz in der im Handhaben bunter, zumindest silbern oder golden.
In der biblisch überlieferten Passionsgeschichte spielen Farben auch keine Rolle, als sei diese Leidenszeit ausgelaugt, farblos, wie entfärbt. Es wird nur erzählt vom roten Purpurmantel des Spotts und wir stellen uns natürlich das Blut Jesu rot vor und seinem Leib unendlich blass.
Unser Kreuz ist aber absichtlich bunt gemalt, alle diese Quadrate mit ihren skizzenhaften Gesichtern haben eine Farbe und bei ganz genauem Hinsehen hat jedes Quadrat, jedes Gesicht seine eigene sozusagen ganz individuelle Farbe.
Warum soll das Kreuz so aussehen? Will die Künstlerin das Kreuz färben, verwandelt, freundlicher, froher machen? Eigentlich heißt es nur: Das Kreuz besteht aus Farben, aus all unseren Farben, aus der Buntheit des eigenen Lebens, aus dem Rot der Liebe, dem Grün der Hoffnung, dem Blau des Himmels, dem Schwarz der Trauer, dem Gelb der Sonne. All dies ist jetzt am Kreuz, es will mitgekreuzigt werden.

Gesichter
Auf den bunten quadratischen Holzplatten sind 26 Gesichter. Von wem es die Gesichter sind, wissen wir nicht; es sind uns unbekannte Gesichter, aber sie werden uns bekannt, indem wir sie anschauen.
Die Künstlerin unseres Kreuzes hat diese Gesichter, diese Portraits „gemalt“, sie hat diese Gesichter angeschaut und dann blind, in einer Art mentalen Annäherung auf monochrome Holzplatten eingraviert.
In den Gesichtern der Darstellung der Passionsgeschichte spiegelt sich das Geschehen wieder und wird ablesbar. Und das ganze Geschehen konzentriert sich im Gesicht des gekreuzigten Jesu. Alles zeichnet sich in ihm ab.
Welche Gesichter sind uns aus der Passionsgeschichte eingeprägt? Neben dem von Jesus? Die Gesichter der Soldaten, das Gesicht des Pontius Pilatus, das Gesicht der Frauen und Männer um Jesus, das Gesicht Marias, das Gesicht des Petrus, das Gesicht der Räuber links und rechts von Jesus, das Gesicht der Volksmenge, der Vorbeigehenden? All diese Gesichter sind irgendwie auch am Kreuz, ähnelt eines davon den Gesichtern, die da bunt ans Kreuz gemalt sind?
Und unser eigenes Gesicht, das wir vermeintlich wie keines kennen, das unseres ist, das sich schon so sehr verändert hat in seinen Jahren, das aber immer unseres bleibt, wem ist es ähnlich? Von den Gesichtern am Kreuz?

Mutabor
Die Künstlerin hat ihrem, unserem Bild einen Titel gegeben: „Mutabor – ich werde verwandelt werden.“
Das große Verwandeln passt nicht zur Passionszeit, es geschieht doch erst nach dem Kreuz, wenn der Leichnam herunter genommen ist, wenn er im Grab liegt, wenn die Auferstehung kommt. Aber für die, die an der Passion beteiligt sind, bedeutet das Kreuz aber schon Verwandlung: Für die Jünger verwandelt sich die Hoffnung in Resignation, für Jesus verwandelt sich der eigene Glauben hin bis zum Rande des Zweifels, für Gott verwandelt sich Liebe in Hass.
Und die ganze Passion hat die Welt doch irgendwie verwandelt. Ohne die Passion, ohne den Tod Jesu, ohne, dass Gott ans Äußerste gegangen wäre, wäre die Welt nicht die, die sie heute ist. Oder doch? Jede Passionszeit ist Zeit der Verwandlung, schreiten wir diesen Wochen-Weg ab und spüren, es kann uns doch nicht unverwandelt lassen. Vielleicht nicht radikal, aber doch werden wir nach diesen Wochen irgendwie auch andere werden müssen. Ja, mutabor: ich werde verwandelt werden-
„Mutabor“ ist ein Wort aus dem Märchen „Kalif Storch“, und hier ist „Mutabor“ der Zauberspruch:
Wer von dem Pulver in dieser Dose schnupft und dazu spricht: Mutabor, der kann sich in jedes Tier verwandeln und versteht auch die Sprache der Tiere.“
Dieses Märchen und das Kreuz Jesu, beides aus der Welt des Orients, aber größer könnte der Abstand nicht sein; die Passion ist kein Märchen, Jesus keine Märchengestalt, es geht nicht ums Zaubern, nicht um Unterhaltung, sondern um den Tod des Lebens und um unsere eigenen Ernst dabei
Und doch erzählt „Mutabor“ von der Sehnsucht der Menschen, verwandelt zu werden, etwas anderes für bestimmte Zeit zu sein, und etwas zu verstehen, was man vorher und eigentlich nie und überhaupt nicht verstehen kann. Und es erzählt davon, dass jeder Wunsch nach Verwandlung eine Gefahr in sich birgt, dass man sich verliert in dem Wunsch, in der Sehnsucht nach Verwandlung und nicht mehr zurückfindet ins eigentliche Leben, das man zu leben hat.
Wie sehr haben wir diese Sehnsucht nach einer Verwandlung unseres Lebens? Unseres und des der anderen?
Die Verwandlung des Kreuzes in den Stamm des Lebens, die Verwandlung des gekreuzigten Jesu in den Auferstandenen, die Verwandlung der Passion in Ostern, all dies -auch unser Wunsch nach Verwandlung - geht durch den Tod, durch den Schmerz hindurch.
Und da ist kein Zauberspruch, sondern nur das Wort Gottes, das das Kreuz zum Beginn des Lebens macht, noch still wie am Anfang, ein leises „Fürchte dich nicht, werde“, mit Hoffnung versetzt: Mutabor: ich werde verwandelt werden. Amen.