Freitag, 4. August 2017

Gefundenes Herz



Predigt am 9. Sonntag nach Trinitatis (13.8.17)

Geh aus, mein Herz, und suche Freud
in dieser lieben Sommerzeit
an deines Gottes Gaben;
schau an der schönen Gärten Zier
und siehe, wie sie mir und dir
sich ausgeschmücket haben; sich ausgeschmücket haben.

Staunendes Herz
Mein Herz, in mir liegend, schlagend, pulsierend. Mein Herz, irgendwie mein Leben in mir, irgendwie ich selbst. Mein Herz suchend, manchmal unruhig, manchmal still sehnsuchtsvoll, suchend Heimat und fremde Ferne, Glück, die Liebe, mich, den einen anderen Menschen, Gott. Mein Herz, verschlossen, offen, verletzlich, wunderbar empfänglich, Herz bewegt in mir: Blickend, sehend, was da ist, um es herum, an eigenem, an anderem, an dem, was zu Herzen geht, wohin es kommen mag, was es berührt, nach was es sich ausstreckt. Geh aus, mein Herz; du ruhst in mir. Nicht so leicht lässt es sich, geht es aus, aus sich selbst, zu dem, was um ihm ist, verlässt es sich, um beim anderen teilweise, ja ganz zu sein, zu werden an dem, dem es sich zubewegt, dem es zugehört, den es finden möchte, lieben möchte.
Sechs Strophen geht das Herz aus, ein langer Spaziergang, ein weiter Rundblick des Herzens, weit hinaus in die Natur, auf Pflanzen, Tiere, Bäche, Erdreich. Die angeblickte Natur wird zu seiner, zu seiner Natur, die für ihn bestimmte Bedeutung erlangt. Das Herz blickt besonders auf die Natur, sie wird ihm zur Schöpfung, zu den guten Gaben Gottes. Das Herz ist gefüllt von Gott und sieht Natur von Gott erfüllt, die Schöpfung pulsiert und atmet, bewegt sich und ist beseelt, alles einzelne und alles zusammen, erzählt von Gott, spiegelt Gott hinein in die Welt, in das Auge des Betrachters, des Herzes. Sie wird zum Lob dessen, der sie geschaffen hat. Ein großer Resonanzraum.
Das Herz wird hineingezogen in diese Betrachtung, erst distanziert beschreibend wird es immer mehr selbst zum Bestandteil dessen, was es sieht, kommt das Herz zur Erkenntnis seiner selbst, seiner Gestimmtheit von Gott. Fasziniert von dem, was es an Wunderwelt sieht, erhebt sich das Herz gleich der Bewegung der Schöpfung wunderbar.

Die Bäume stehen voller Laub,
das Erdreich decket seinen Staub
mit einem grünen Kleide;
Narzissus und die Tulipan,
die ziehen sich viel schöner an
als Salomonis Seide, als Salomonis Seide.

Die Lerche schwingt sich in die Luft,
das Täublein fliegt aus seiner Kluft
und macht sich in die Wälder;
die hochbegabte Nachtigall
ergötzt und füllt mit ihrem Schall
Berg, Hügel, Tal und Felder, Berg, Hügel, Tal und Felder.


Die Glucke führt ihr Völklein aus,
der Storch baut und bewohnt sein Haus,
das Schwälblein speist die Jungen,
der schnelle Hirsch, das leichte Reh
ist froh und kommt aus seiner Höh
ins tiefe Gras gesprungen, ins tiefe Gras gesprungen.

Die Bächlein rauschen in dem Sand
und malen sich an ihrem Rand
mit schattenreichen Myrten;
die Wiesen liegen hart dabei
und klingen ganz vom Lustgeschrei
der Schaf und ihrer Hirten, der Schaf und ihrer Hirten.

Die unverdroßne Bienenschar
fliegt hin und her, sucht hier und da
ihr edle Honigspeise;
des süßen Weinstocks starker Saft
bringt täglich neue Stärk und Kraft
in seinem schwachen Reise, in seinem schwachen Reise.


Der Weizen wächset mit Gewalt;
darüber jauchzet jung und alt
und rühmt die große Güte
des, der so überfließend labt
und mit so manchem Gut begabt
das menschliche Gemüte, das menschliche Gemüte.

Ringendes Herz
Nach dem langen Spaziergang, dem weiten Rundblick in die Schöpfung sieht das Herz sich selbst, hat das Herz sich im umgebenden natürlichen Spiegel selbst entdeckt, in ganz bestimmet Weise: Alles singt und das Herz singt mit, alles ist von Gott bewegt und mein Herz auch. „ich selber kann und mag nicht ruhn“.
Unruhig, heilig angefasst ist mein Herz, erweckt seine Sinne, angesteckt vom höchsten Lob, mitgenommen. Ein selbst überfließendes Herz, randvoll, nicht an sich haltend, viel mehr als nur zögerlich bewusst herausgehend, sondern ein Herz, das nicht anders kann, das vor empfundener, gesehener, gespürter Liebe überfließt, sich nicht mehr halten kann.
Ein Herz, das zur Sehnsucht wird, zur übermäßigen, ein Herz, das spricht: „Ach“, „Welch“, „O“. Das sich wiederfindet im Konjunktiv der Hoffnung, diese Hoffnung als Wirklichkeit sehnt, nimmt, haben will, hat. „Denk ich“, „was will doch“, „wäre ich da“, „stünd ich schon“, „trüge“ ich. Infiziert vom Wunsch nach Christi Garten, nach dem Himmelzelt, nach dem goldenen Schloss, nach dem Klang himmlischer Chöre, nach dem Thron des süßen Gottes versetzt sich das Herz in diese Welt nach dieser Welt, ist es ein Herz, das sich ins Jenseits rettet, dorthin flieht, ganz entrückt sein will, geh aus mein Herz so weit, zu weit.
Und doch. Mein Herz ringt sich durch, nicht über diese irdene Realität hinweg zu schweben, sondern in der Welt zu bleiben und genau hier und überall Gott zu loben. Ein mit sich ringendes Herz, das um das Joch des Kummers, der Plage, der Sinnlosigkeit weiß, daran leidet, darum weiß, das Gott den Himmel bereit hält, aber nicht selbst dorthin entflieht, sondern sein Joch trägt und dennoch zum Lobe sich neigt. Ein durch die Erfahrungen des Lebens, gerade auch die bitteren und die bittersten, geneigtes Herz, das Gott trotzdem lobt, nicht still und stummgemacht schweigt, sondern fort und fort, hier und überall den Klang der Schöpfung in seiner Stimmlage wiederholt.

Ich selber kann und mag nicht ruhn,
des großen Gottes großes Tun
erweckt mir alle Sinnen;
ich singe mit, wenn alles singt,
und lasse, was dem Höchsten klingt,
aus meinem Herzen rinnen,
aus meinem Herzen rinnen.

Ach, denk ich, bist du hier so schön
und läßt du's uns so lieblich gehn
auf dieser armen Erden:
was will doch wohl nach dieser Welt
dort in dem reichen Himmelszelt
und güldnen Schlosse werden,  und güldnen Schlosse werden!

Welch hohe Lust, welch heller Schein
wird wohl in Christi Garten sein!
Wie muß es da wohl klingen,
da so viel tausend Seraphim
mit unverdroßnem Mund und Stimm
ihr Halleluja singen, ihr Halleluja singen.

O wär ich da! O stünd ich schon,
ach süßer Gott, vor deinem Thron
und trüge meine Palmen:
so wollt ich nach der Engel Weis
erhöhen deines Namens Preis
mit tausend schönen Psalmen, mit tausend schönen Psalmen.

Doch gleichwohl will ich, weil ich noch
hier trage dieses Leibes Joch,
auch nicht gar stille schweigen;
mein Herze soll sich fort und fort
an diesem und an allem Ort
zu deinem Lobe neigen, zu deinem Lobe neigen.

Wachsendes Herz
Ein Herz, erst betrachtend, dann hineingenommen in das Lob der Schöpfung, ein Herz, das seine Wege, auch die leidvollen, geht, aber dann selbst wie hervorgeht aus dem sommerlichen Glanz der Schöpfung, in der sich Gottes Herrlichkeit wiederspiegelt. Ein wahrlich geneigtes Herz, das sich vom Lob ausgehend in Worten der Bitte wiederfindet.
„Hilf“, „Segne“, „Gib“, „Mach Raum“, „Verleih“, „Erwähle“ und „Lass“. Ein Herz, das gelernt hat zu bitten, nicht nur zu loben, nicht nur zu zweifeln, zu klagen. Ein Herz, das das zur Sprache bringt, was die Schöpfung nur unhörbar kann, das sich und seinen Inhalt, sein Leben und Sehnen vor Gott bringt und darum bittet, das wünscht bedürftig zu empfangen; nicht nur ein herausgehendes, überfließendes Herz, sondern eines, das weiß: es empfängt, ihm wird gegeben, es darf bitten:
Seine Bitte, so zu werden, wie es sieht, dass anderes wird. Die Natur als Schöpfung von Herzensaugen, ihr Vergehen im Gedächtnis, ihr sommerliches wunderbares Gewordensein vor sich, ganz gegenwärtig hat es denselben Wunsch: Mein Herz und mein Leben möge werden, möge stetig blühen, möge Glaubensfrüchte bringen, möge Wurzeln und Raum haben, möge schöne Blume und Pflanze in Gottes Garten werden und bleiben.
Ein Herz, das darum bittet, in anderer und seiner Augen so ausgeschmücket zu sein, so schön zu sein, wie das, woran es seinen Ausgang genommen hat in seiner Suche, an der schönen Garten Zier. Ein Herz, das spürt und lebt, unser Herz, es ist von Gott schön angeschaut, es ist seine Zier, sein Lob, seine lebenslange Herzensbitte. Wir sind erwählt zum Paradies, Gotteskinder, warten blühend getrost auf dieses eine Ziel und immer bis dahin stimmen wir ein, Gott allein und sonsten keinem mehr, hier und dort ewig zu dienen.

Hilf mir und segne meinen Geist
mit Segen, der vom Himmel fleußt,
daß ich dir stetig blühe;
gib, daß der Sommer deiner Gnad
in meiner Seele früh und spat
viel Glaubensfrüchte ziehe, viel Glaubensfrüchte ziehe.

Mach in mir deinem Geiste Raum,
daß ich dir werd ein guter Baum,
und laß mich Wurzel treiben.
Verleihe, daß zu deinem Ruhm
ich deines Gartens schöne Blum
und Pflanze möge bleiben, und Pflanze möge bleiben.

Erwähle mich zum Paradeis
und laß mich bis zur letzten Reis
an Leib und Seele grünen,
so will ich dir und deiner Ehr
allein und sonsten keinem mehr
hier und dort ewig dienen, hier und dort ewig dienen.

Freitag, 28. Juli 2017

Brot vermehre sich



Predigt am 7. Sonntag nach Trinitatis (30. Juli 2017)

Johannes 6, 30-36
Da sprachen sie zu ihm: Was tust du für ein Zeichen, auf dass wir sehen und dir glauben? Was wirkst du? Unsre Väter haben Manna gegessen in der Wüste, wie geschrieben steht (Psalm 78,24): »Brot vom Himmel gab er ihnen zu essen.« Da sprach Jesus zu ihnen: Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Nicht Mose hat euch das Brot vom Himmel gegeben, sondern mein Vater gibt euch das wahre Brot vom Himmel. Denn dies ist das Brot Gottes, das vom Himmel kommt und gibt der Welt das Leben. Da sprachen sie zu ihm: Herr, gib uns allezeit solches Brot. Jesus aber sprach zu ihnen: Ich bin das Brot des Lebens. Wer zu mir kommt, den wird nicht hungern; und wer an mich glaubt, den wird nimmermehr dürsten.

Brot in der Hand
Im Bauch unten ein Stück Brot, helles, dunkles, zerkaut, klein gemacht. Mehr davon, mehr Stücke füllen den Bauch mit sich, mit Brot. Brot – geschnitten: fein säuberlich in Scheiben, mit der Maschine, mit dem Messer in der eigenen Hand. Auf den Teller gelegt: Mit großen Hunger, aus Gewohnheit, weil es halbsieben am Morgen ist oder sechs Uhr am Abend; mit anderen am Tisch oder ganz allein, dann mit der Vergangenheit am Tisch die anderen, die ihr Brot mit uns schmierten, aßen, schluckten. Brot – belegt: schnell, flüchtig, routiniert, mit Bedacht, ausgesucht, mit anderen Stücken Lebensmittel, so zurechtgemacht, wie wir es mögen, vielleicht lieben. Menschen beißen in Brot, schmecken, schlucken.
Für Brot anstehen, eine lange Schlange, vielleicht früher, früher als Brot wenig war, als Menschen in Krisenzeiten Hunger hatten nach ihren Bissen Brot. Heute nur manchmal anstehen, samstags vielleicht, länger Zeit zu schauen, ungeduldig zu warten. Aus unzähligen Sorten aussuchen, überlegen, welches Brot soll es heute sein. Das Brot in eine Tüte geschoben wird dann getauscht gegen ein paar Münzen Geld, ein Stück Leben gegen das, was wir in Geldbeuteln, auf Konten sammeln.
Mit Brot im Gepäck, im Einkaufskorb, in der Tasche wieder nachhause, wieder zurück, kurze, längere Wege; wahrscheinlich millionenmal so gegangen, ohne weiteres zu denken. Daheim: Das Brot ausgepackt, vielleicht unter all den anderen Dingen, vielleicht beiseite gelegt bis zum nächsten Tag, das tägliche Brot, herausgeholt aus dem, wo wir es aufbewahren, den Staub leicht als Wolkennebel auf der Küchenarbeitsplatte, das Korn verstreut daneben, das Brot in der Hand, in meiner, deiner Hand. Was will es sein? Was kann es sein?

Wach geküsst
Kann es Erinnerung sein? Erinnerung an mehr? Ruft es etwas wach, was in ihm liegt, was in ihm irgendwie zu hören, zu sehen ist? Vielleicht:
Eine Sehnsucht nach Leben, unbestimmt, vage, ein Schmerz vielleicht auch. Eine Sehnsucht nach Leben, nach Bekommen, nach Leben dürfen, nach dem Notwenigen und Wichtigen, was nährt, was erhält, was bewahrt. Erinnert an Hunger, an Hunger nach Leben, nach Liebe, nach Gemeinschaft, nach Zuwendung, nach Ankommen und Daheimsein. Erinnert an die Momente, wo wir satt werden an unseren Seele, wo wir spüren und leben, warum wir leben, wozu und für wen; Momente, wo wir satt werden im Herzen, übervoll von Liebe, die uns jemand gibt, die wir jemanden geben; satt, still, selig. Erinnert an den Schmerz, dass der Hunger wiederkommt, die Liebe nicht bleibt, das Herz hasst, die Seele verletzt wird, das Leben sich weiterlebt, sich manchmal wie verlebt, vergilbt, Schatten wirft.
Erinnert Brot in der Hand an das, was wirklich nährt, uns nährt am Leben, und die eine Frage nährt, wie wir satt werden, wer uns diese Sehnsucht stillt, wer uns Brot in den Lebenshunger gibt. Herr, gib. Ich komme. Ich nehme. Ich, Mensch, bin Sehnsucht. Du, Herr, bist Antwort. Es kann mehr sein als Brot, so sehr es nur Brot ist. Es kann mehr werden als Brot, es kann uns Hinweis, Zeichen, Erinnerung, stiller Ruf sein. Es kann Brot werden auf unserer Wüstenwanderung durch die dürren Seelentäler, das, was uns am Leben hält; es kann Himmelsbrot werden für unser Leben auf Erden, etwas, was uns den Himmel in uns wach hält, unsere Seele bewahrt, uns der Liebe des himmlischen Vaters versichert, auch in dunkelster Zeit. Finsternis ist dann Licht.
Es kann uns Jesus Christus begegnen:

Anders zurück
Mehr sein als Brot, Brot in der Hand, den Kopf, das Herz und die Seele woanders, erinnert, wach, präsent für seine Verheißung, für die Zusage seiner Gegenwart mitten in unsere alltäglichen Welt. Im ganz täglichen Brot wird uns der Blick, der Sinn geöffnet für ihn. Für sein unendlich nahes „Ich bin“, dafür, dass ER die Seelennahrung für uns sein will, das Leben im Leben, die Lebensmitte in allem Kommen und Gehen, Werden und Vergehen, Verzweifeln und Glücklichsein.
Sein „Ich bin“, das alle Zeit überdauert. Das nie „Ich war“ meint, das nie ein „Ich werde nicht mehr sein“ sein kann. Ein „Ich bin“, das Menschen erfahren, erleben dürfen, das ihnen begegnet und allen Hunger nach Leben stillt, die Angst nimmt, Geborgenheit schenkt, gibt, von dem sie täglich leben können. Ein „Ich bin“, das Antwort wird auf die wichtigsten, nicht gestellten Fragen, Antwort auf eigene Schuld und erlittenes Leid von Menschenkindern, eine Antwort auf der Menschen „Wer bin ich?“. Dein bin ich.
Antwort auf unser „Ich bin“, das wir seit wir denken und dann sprechen können, sagen, immer mit der Stimme, die wir im Lauf der Zeiten haben, mit der Seele, die in uns liegt, mit dem Sinn, der uns gegeben, genommen wird, unser „ich bin …“ dem so viele Worte, Sätze, Bedeutungen, Zeiten, Räume folgen, die uns bezeichnen, ausmachen, in denen wir sind, wer wir sind. ER: Antwort, Brot, auf uns, auf unser kleines, großes, geliebtes „ich bin“, mit seinen Bissen Brot im Menschenbauch. Amen.

Samstag, 1. Juli 2017

Auf den Schultern



Predigt am 3. Sonntag nach Trinitatis (2. Juli 2017)

Lukas, 1-7
1 Es nahten sich ihm aber alle Zöllner und Sünder, um ihn zu hören. 2 Und die Pharisäer und die Schriftgelehrten murrten und sprachen: Dieser nimmt die Sünder an und isst mit ihnen. 3 Er sagte aber zu ihnen dies Gleichnis und sprach: 4 Welcher Mensch ist unter euch, der hundert Schafe hat und, wenn er eines von ihnen verliert, nicht die neunundneunzig in der Wüste lässt und geht dem verlorenen nach, bis er's findet? 5 Und wenn er's gefunden hat, so legt er sich's auf die Schultern voller Freude. 6 Und wenn er heimkommt, ruft er seine Freunde und Nachbarn und spricht zu ihnen: Freut euch mit mir; denn ich habe mein Schaf gefunden, das verloren war. 7 Ich sage euch: So wird auch Freude im Himmel sein über einen Sünder, der Buße tut, mehr als über neunundneunzig Gerechte, die der Buße nicht bedürfen.

Dem Leben verloren gehen
Verlieren können Menschen Dinge und sie wiederfinden, sie können sie verlegen, kurz suchen und wieder in Händen halten. Manchmal verlieren Menschen ein wertvolles Ding, suchen lange und sind glücklich, es wieder gefunden zu haben. Menschen verlieren wirklich Dinge, finden sie nicht wieder, wie verschwunden, weg für immer. Manchmal verlieren Menschen Dinge  für immer, die ihnen ganz wertvoll waren, die zu ihnen gehören, zu denen sie wie eine Beziehung hatten. Dann tut verlieren weh.
Verlieren können Menschen manchmal die Hoffnung, für einen Augenblick und gewinnen sie wieder. Sie können auch die Geduld verlieren und werden unruhig, fahrig und mitunter wütend. Menschen verlieren aus Versehen, unachtsam sind sie; sie verlieren mutwillig, viel zu unvorsichtig, sie verlieren absichtlich, warum auch immer; sie verlieren tragisch, gegen ihren Willen und Plan. Manchmal verlieren Menschen den Sinn, die Kraft, schleichend; manchmal die Liebe, und weinen Tränen; immer verlieren Menschen andere Menschen, stehen an Gräbern, spüren den Kloß des Abschieds im Hals, trauern, verzweifeln, müssen ohne geliebten Menschen weiterleben.
Manchmal und gar nicht so selten geht Menschen das Leben verloren, das eigene, mitten während sie leben, geht ihnen, geht in ihnen das Leben wie verloren, der Zugang dazu, die Kraft daraus, der Wille dafür; fühlen sie sich wie abgeschnitten vom Leben, schneiden sich selbst manchmal ab vom Leben, gehen irgendwie zugrunde, kommen im lebendigen Leibe um, verlassen das Leben, das Leben sie, auf eigentümliche Weise, verlassen sie auch die Quelle des Lebens, Gott, wenden sich ab von ihm, heißen sie Sünder. Und Gott fühlt sich verlassen, und Gott verliert, verliert einen seiner Menschen, den er zum Leben bestimmt hat, zur Gemeinschaft mit ihm, er verliert ihn und fühlt jenen Schmerz des Verlustes, wenn Liebgewonnenes verloren geht, verloren ist, jene Trauer, jene Verzweiflung, jenes: „Wo bist du“ von Liebenden.

Göttlich vermissen
Und Gott geht ihnen nach, sucht sie, bricht immer wieder auf am Morgen dieser Menschen und am Abend. Gott sucht sein Leben lang diese Menschen, in allen ihren Ecken und Ende, an entlegenen winkeln, dort, wo sie sind, Gott sucht sie selbst, ihre Seele wieder, seine Liebe wieder. Er sucht und wartet, Gott wartet wie jemand, der nicht mehr suchen kann, der bitter akzeptieren muss, das der andere geht, seinen Weg geht, sich verliert, der den anderen verliert, ihn tot fühlt und nur noch warten kann. Gott wartet mit einem göttlichen Gedanken in sich:
Mir fehlt dieser Mensch. Ein unglaubliches göttliches Vermissen. Ein in sich suchender Gott, der den, den er verloren hat, nicht vergisst, nicht vergessen kann, den Gott in sich trägt als Sehnsucht, als offene und wunde Frage, als stete stille innerliche Suche nach dem unwiederbringlich Verlorenen, nach dem, den Gott über alle Maßen vermisst, nach dessen Wohin und Wiederendlichzurück Gott unablässig fragt.
Ein Mensch, der ursprünglich zu Gott gehört, den Gott in großer Liebe geschaffen hat, den er mit Liebe begabt hat, den er zur Gemeinschaft mit ihm bestimmt hat. Ein Mensch unter unzählig vielen anderen in Raum und Zeit, ein Mensch aber für Gott, immer einer, der bestimmter Mensch; für Gott immer der Mensch, den er unendlich vermisst, der ihm schmerzlich fehlt als sein Gegenüber, als sein Teil. Ein Mensch, der ihm das wichtigste ist, nicht ein Teil, sondern immer das Teil von ihm, ohne das alles nichts ist, ein Lücke bliebe, ein dunkles Nicht-Da.

Endlich wieder umschließen
Gott findet diesen Menschen, im Warten, im Fragen, im unbändigen Vermissen. Gott umschließt ihn mit all seinem göttlichen Leben und Lieben. Endlich das Vermisste wiedergefunden. Endlich der Verlorene wieder da. Endlich das Leben wieder bei ihm. Endlich, zwei Liebenden gleich, endlich wieder vereint. Gott nimmt in die Hand, umarmt, trägt auf seine göttliche Schulter, auf der die Welt, die Last, das Kreuz, die größten Hoffnungen liegen.
Es muss, es kann nicht anders sein, in Gott eine unendliche, alle übersteigende, himmlische Freude sein, über diesen Menschen, den er vermisst hat und der wieder bei ihm ist, über jeden der verloren geht und der wieder das Leben findet, über jeden Sünder, der vom Weg umkehrt und sich angstvoll, aber doch endlich in Gottes liebende Arme wirft. Ein Freude muss da sein, unüberhörbar und unheimlich still, ein Lobgesang des Kosmos und der Herzen, ein Beben und Klingen; ein tief empfundene glücklich machende frohe Freude in Gott, in dem, der wieder da ist, der verloren war und wieder gefunden ist.
Eine Freude, wie sie Liebende kennen, wie sie Liebende leben, für die ein Leben ohne den anderen undenkbar ist, für die der andere immer alles ist, in denen, in deren Augen eine still-laute Freude am anderen um seiner selbst willen ist, ein Freude, dass man einander hat, einander das Leben teil. So eine Freude, nur noch mehr, hat Gott, wenn seine liebende Sehnsucht nach dem Menschen, der verloren geht, uns endlich findet. Amen.

Samstag, 24. Juni 2017

gegründet



Predigt am Jahresfest 2017 (25. Juni 2017)

1897
„Möge Gottes reicher Segen auf dem Bau ruhen und derselbe unter seiner Obhut ohne Unfall vollendet werden! Möge diese Anstalt eine Stätte der Heilung und Erquickung werden für viele Kranken, ein Hort evangelischen Glaubens und Lebens für die hiesigen Protestanten, für die auswärtigen Gemeinden eine Quelle reichen Segens durch die Schwestern welche für deren Armen- und Krankenpflege von hier ausgesandt werden!“ Mit diesen urkundlichen Worten wurde am 29. Juni 1897 der Grundstein für das „Diakonissen- und Krankenhaus“ gelegt.
Das war fast genau auf den heutigen Tag vor 120 Jahren. Die, die damals der Grundstein legten, legten Rechenschaft ab, baten Gott um Segen und versprachen sich viel von Bau und Werk, was sie geplant hatten, bauten und was eineinhalb Jahre später eingeweiht wurde. Wir hier fußen so oder so auf diesem einen Grundstein. Und es ist die Frage für uns, ob sich die damaligen Hoffnungen bewahrheitet haben, sich erfüllt haben, ob auf dem Weg seitdem, auf der Strecke von 120 Jahren, das ausgesprochene und damit vorgegebene Versprechen von damals eingelöst wurde von denen, die folgten - auch von uns eingelöst wird, heute und in Zukunft.

Mit und ohne Gründe
Gründe gibt es unendlich viele. Talgründe, Grund und Boden, gute Gründe, Ursachen, Fundamente. Man kann gründen, ergründen und begründen. Es gibt Grundlagen, Grundsätze, das Grundgesetz, und die uns allen vorgegebenen Lebensgrundlagen, die Ressourcen, von denen wir alle Leben, die wir gemeinsam und doch ungleich verteilt haben, die wir brauchen, achten und zerstören.
Und: Es gibt Lebens-Gründe. Gründe, warum ich lebe, wozu ich da bin, warum ich atme, aufstehe, arbeite, mein Leben gestalte und versuche zu führen. Es Begründungen für mein Leben, die wichtigsten Antworten auf meine wichtigsten Fragen, es gibt tausend Gründe, die Menschen an guten, hellen Tagen einfallen, warum sie leben, und manchmal Menschen gar kein Grund mehr einfällt, zu leben. Sie ohne Grund sind. Traurig.
Und es mag Grund geben in meinem Leben, etwas, jemand, Erfahrungen, Worte, Bilder, Zuwendungen, die meinem Leben Grund und Halt geben, tief fundieren, es auf sichere Beine stellen und am Leben halten, vielleicht etwas, was man scheuen müsste, es zu benennen, da wir auf geheimnisvolle Weise davon Leben. So viel Grund es geben mag, so wenig ist Leben so, so einfach, als sei es ein Bauwerk: Fundament und darauf wird nach und nach aufgebaut, Lebensstockwerk für Lebensstockwerk, am Ende das Dach. Nein, so ist Leben nicht; es bricht manchmal unter der Last zu leben zusammen, fügt Bruchstücke mühsam in sich, gleicht es eher einer immerwährenden Baustelle.

Kleiner Grundstein
Ähnlich dem Spatenstich ist die Grundsteinlegung an sich eher ein merkwürdiges Unterfangen, als könnte ein paar Männer oder Frauen ein Baugrube mit Spaten ausheben, als würde ein einziger größerer Stein mit Kapsel und Urkunde ein ganzes, großes Gebäude tragen. Mit beidem fängt das Bauen erst an, einen Bauen, das bei großen Gebäuden eigentlich nie wirklich endet, ein Grundstein verweist auf Zukunft, er ist mehr ein Zeichen, das Menschen brauchen.
„Als die Junisonne heiß brannte, konnte das Fest der Grundsteinlegung begangen werden … Unter tropischer Sonnenglut fand die Feier statt. Platz und Bauten trugen festlichen Flaggenschmuck. Eine große Festversammlung, bestehend aus den Vertretern geistlicher und weltlicher Behörden, aus einer zahlreichen Schar hiesiger und auswärtigen Glaubensgenossen, hatte sich eingefunden. Nach Ansprachen über die Geschichte des Werkes, über die Hoffnung, die man an dasselbe knüpfte, wurde die Grund[stein]surkunde verlesen.“
Noch diesen Worten aus der Festschrift zum 25jJährigen Jubiläum des Diakonissenhauses ist abzuspüren, wie lebendig die Gefühle und die Sehnsucht sich mit Grundstein und Gebäude verbindet, die Sehnsucht, es möge etwas Großes, vor und für Gott und seine Menschen begründet und gestaltet werden. Dafür ist jener eine Stein Symbol für das Leben.
Grundsteine des Lebens. Gibt es die? Nicht der sprichwörtliche Grundstein für meine 1. Millionen. Sondern ein Grundstein meines Lebens. Haben den die Eltern gelegt, meine Familie, die Erziehung, früh kondensierte Erfahrung und Werte? Gibt es solche Grundsteine im Leben?

Gottes Gründe
Steine gibt es wie Sand am Meer. Wirklich. Der Tempel in Jerusalem war aus besonderen Steinen und das himmlische Jerusalem, vom Himmel für uns kommend, soll auch solche in sich tragen. Gott vermag Steine in Brot zu verwandeln, an Ostern hat er den Stein vom Grab weggewälzt. Petrus Namen bedeutet Fels und Gott ist ein Fels für meinen Glauben, sicherer Grund, von dem her und auf den hin ich lebe. Er hat die Grundfesten geschaffen, er mag nicht, dass wir ohne Grund leben. Zusammen mag Gott uns als Haus der lebendigen Steine sehen, erbaut von ihm, mit dem Geschenk der Fülle des Lebens in seiner Brüchigkeit.
Jesus Christus ist wie gehört der einzigartige Grund, ein Grund, wie niemand und nichts anderes sein kann. Auf ihm gründet unser Leben. Er ist der Eckstein, den die Bauleute verworfen haben. Der wichtigste Stein im Bauwerk unseres Lebens. Er ist Schlussstein, wie auf dem Bild unseres Liedblattes, der Stein, mit Hilfe dessen, sich das Bauwerk zusammenfügt. Ganz am Ende. Ganz am Ende wird Gottes unser Leben zusammenfügen, aus dem dürftigen Mosaik ein wunderbares machen, wird sichtbar, wer wir wirklich sind, was das mit unserem Leben war und ist.

Du bist mein bester Grund
Die Liebe braucht keinen Grund. Sie liebt. Sie hat alle Gründe in sich. Sie liebt. Liebe ist Grund und vor mir aus auch Grundstein. Sie liebt aus einem einzigen Grund. Der Grund ist der andere, den sie liebt. Sie mag und kann sich keine Welt vorstellen, in der der andere nicht ist.
Das ist Gottes unerträglicher Gedanke: Er mag sich keine Welt vorstellen ohne uns. So wie wir sind, herrliche und unperfekte Menschen, schuldige und gerechte, geliebte und elende Menschen. Der Grundstein von Gottes Liebe ist er selbst. Seine lebendige Liebe in ihm, eine die nicht endet und überfließt, die Menschen will und schafft, die Mensch zurecht bringt und birgt, die Mensch sucht und liebt. Gottes Liebe hat nur einen Grund und unzählige: Wir sind es, seine Menschen, jeder.
Seine Liebe hat gegenwärtige Gestalt genommen in Jesus Christus. An und in ihm ist sie sichtbar, erlebbar, weiterzusagen, von Zeit zu Zeit, von Generation zu Generation, von Jahresfest zu Jahresfest, all die 120 Jahre eingebettet in eine noch größere Geschichte. Jesus Christus ist der Eckstein von Gottes Liebe. Er ist der verworfene, unnütze, unbrauchbare Stein, den er ausgerechnet auserwählt, Grund zum Leben für alle zu werden.
In diesem unbrauchbaren Stein können sich alle wiedererkennen, sehen, können alle sich daran aufrichten: Gott baut aus dem brüchigen, scheinbar unbrauchbaren, aus dem Verworfenen, Unvollkommenen sein Reich, seine Liebe heilt, verwandelt, sie gründet uns fest und sicher in ihm. So schließt in Weisheit unsere Urkunde von vor 120 Jahren: „Das walte Gott in seiner Gnade. Amen!“