Donnerstag, 1. September 2016

In der Löwengrube




Predigt am 15. Sonntag nach Trinitatis (4. September 2016)

1. Petrus 5,5c-11
Gott widersteht den Hochmütigen, aber den Demütigen gibt er Gnade. So demütigt euch nun unter die gewaltige Hand Gottes, damit er euch erhöhe zu seiner Zeit. Alle eure Sorge werft auf ihn; denn er sorgt für euch. Seid nüchtern und wacht; denn euer Widersacher, der Teufel, geht umher wie ein brüllender Löwe und sucht, wen er verschlinge. Dem widersteht, fest im Glauben, und wisst, dass ebendieselben Leiden über eure Brüder in der Welt gehen. Der Gott aller Gnade aber, der euch berufen hat zu seiner ewigen Herrlichkeit in Christus Jesus, der wird euch, die ihr eine kleine Zeit leidet, aufrichten, stärken, kräftigen, gründen. Ihm sei die Macht von Ewigkeit zu Ewigkeit! Amen.

verschlingen
Das Böse verschlingt manchmal die Welt. Die Welt von Jemanden. Das ist dramatisch, tragisch und traurig. Und wir können uns dabei nicht entschuldigen, nicht einfach frei sprechen und distanzieren. Wir hängen irgendwie auf Umwegen immer auch zusammen mit dem Bösen, mal mehr, mal weniger, und leider nicht nur selten tun wir es auch, das Böse, Falsche, das, was nicht gut ist, nicht gut tut, und manchmal wissen wir es in dem Moment, wo wir es tun, und manchmal gar nicht oder erst hinterher, und dann befällt uns der Schmerz darüber, wie der Schmerz, den wir brachten.
Den Teufel gibt es nicht. Wir wissen es. Er ist Erfindung; gemalt, ausgedacht, beschrieben, um irgendwie zu fassen, zu benennen, wie und warum Böses geschieht, bei uns, zwischen uns, global, lokal, erklärbar, unerklärlich. Teufel sind wir dann, nicht Irgendeiner, wir tun das Böse, getrieben, gewollt, geplant, rein gestolpert, beteiligt. Der Teufel soll nur erklären, wie hässlich, wie dämonisch, wie unmenschlich, wie mächtig, ja übermächtig, das Böse geschieht, Menschen es tun.
Das Böse ist eine zerstörerische Macht, die wir sind und tun; manchmal steht sie uns wie gegenüber und erfasst uns; werden wir in sie wie verstrickt, geraten durch sie durcheinander, lassen uns täuschen, gefangen nehmen; wir tun es aber genauso, wie sie in uns tut, wie sie Macht ist und uns ergreift, wie ein Teufel uns zum Widersacher des Lebens macht. Dann vielleicht ist das Böse wie ein Löwe, der durch unseren Kopf herum streift und uns befällt und mit uns andere; vielleicht dann ist das Böse wie ein Löwe, der unter uns herumgeht und nach Raub sucht und unsere Gefühle, unser Wollen verschlingt und wir andere; vielleicht dann ist das Böse wie ein Löwe, der da ist in uns, unter uns, der mit allzumenschlichen Worte, furchtbaren Bildern, wundschlagenden Gedanken und Taten brüllt und das Böse geschieht. Dramatisch. Tragisch. Traurig.

sich unterlegen
Ein nahezu unverhofftes Geschenk ist dann die Demut. Ankämpfen gegen das Böse, gegen den Teufel, die wir sind, angehen, anrennen, sich widersetzen, nur und allein mit der Demut. Die eigene Macht, die eigentlich gar keine ist, lassen, den eigenen Hochmut, man könne gegen das Böse ankämpfen, lassen, ja sich selbst lassen und ganz Gott beugen, unter seine gewaltige, mächtige Hand sich kauern, sein Leben wie dorthin legen, dort wissen. Sich Gottes Macht hingeben, nicht immer schon wissend, was sein wird, nicht unbedingt mutig, sondern demütig seine Macht suchen, seine Macht anerkennen, sich seiner Macht übergeben, anvertrauen, anbefehlen, in sie einwilligen, sich bei ihr verorten, sich unter sie begeben, wie unter Schild und Schutz, ängstlich noch halbmutig kauernd, sich und sein Leben um des Überlebens willen bergend und Gott kämpfen lassen, wie wunderbar: ihn um uns kämpfen lassen gegen alle Mächte, die nach unserem Leben greifen; sagen, denken, leben: Ihm sei Macht die Macht von Ewigkeit zu Ewigkeit! Ein dunkles Lob Gottes tief aus der Löwengrube des Lebens.

sich einordnen
Dort bei Gottes Macht sich heilsam selbst relativieren, sich wie einordnen: Demütig nüchtern und wachsam sein, ganz bei der Sache sein, um die es geht, die wichtig ist, von der alles abhängt. Nüchtern: als hätte man noch nichts anderes zu sich genommen, gedanklich nackt, bar jedes nicht Wesentlichen, pur, rein; selbst da, präsent, wach, bereit, offen, auf das eine, auf den einen hin konzentriert: Sicher und fest, sich ganz bewusst, sich selbst so spürend: Bei ihm ist es gut sein, bei ihm werde ich überleben, von ihm ist alles zu erwarten. Gott ist meine Macht, mein Dasein, mein Schutzraum.
Demütig sich einordnen in Raum und in Zeit. Fest darum wissen: Durch Gott ist die Zeit des Widersachers, das eigene teuflische Treiben, das Leiden, was ich selber erleide und dir zufüge, beschränkte Zeit, befristete Zeit, Zeit mit Anfang und Ende, es ist eine aus göttlicher Sicht eine kleine Zeit, in der ich wie böse herausfalle aus göttlichen Zusammenhängen; für mich Ewigkeiten, aber merkwürdig von Gott dennoch gehaltene Zeit, bemessene Zeit, kleine Zeit, die vorübergeht, und jetzt bei ihm es fast schon ist, ja ist. Einordnen in den Raum, einen großen, einen gemeinsamen, einen, der Zeit und Welt umspannt, wie ein unsichtbares Band, eingeordnet in die Gemeinschaft der anderen, die auch leiden, leiden an Schuld, an Bösem, selbst, erlitten, getan. Zu ihnen gehören, zählen, sich zählen, nicht alleine sein, Mitleidende haben, um sie wissen, um das gleiche Erlittene und mit ihnen harren und hoffen auf Erlösung, auf Befreiung, auf Gottes heilsame Macht, die durch Zeit und Raum schon oft geschah und alles umfasst. Auch mich. Auch dich.

Wieder stehen
Demütig sein. Sich einordnen. Bei seiner Macht. Sie sorgt für uns. Eingebunden sein immer wieder und immer wieder trotzallem, ja trotzig: eingebunden in den einen umfassenden Ruf Gottes, dem Zurufen seiner Menschen: Ihr seid zur Herrlichkeit bestimmt. Keine dunkle Macht, keine Sünde, keine Schuld, kein teuflisches Tun, nichts, gar nichts Böses darf euch diese Herrlichkeit nehmen, jene Herrlichkeit, die Gott von Anfang an und bis zum Schluss und in Ewigkeit unserem Leben zugedacht hat und erhält.
So demütig Menschen sich bei seiner Macht bergen, so herrlich richtet Gott wieder auf, widersteht er der Macht des Bösen und gibt genau in diese hinein, in uns hinein, zwischen und unter uns, seine Macht und Kraft, gibt er uns Anteil an dem, was er ist, bekommen wir seine Macht, bleibend seine, aber bei uns: Wir werden aufgerichtet unter seiner Hand, wir werden im Moment der größten Schwäche gestärkt, werden kräftig in aller Verzweiflung und werden tief und fest gegründet in seiner Liebe, eine Liebe, die selbst ohnmächtig wurde, um alle Macht zu besitzen, die sicher stärker ist als alles, was uns zu verschlingen droht. Ihm sei die Macht von Ewigkeit zu Ewigkeit! Amen.

Dienstag, 23. August 2016

Abba, lieber Vater



Predigt am 14. Sonntag nach Trinitatis (28. August 2016)

Römer 8, 14-17
Denn welche der Geist Gottes treibt, die sind Gottes Kinder. Denn ihr habt nicht einen knechtischen Geist empfangen, dass ihr euch abermals fürchten müsstet; sondern ihr habt einen kindlichen Geist empfangen, durch den wir rufen: Abba, lieber Vater! Der Geist selbst gibt Zeugnis unserm Geist, dass wir Gottes Kinder sind. Sind wir aber Kinder, so sind wir auch Erben, nämlich Gottes Erben und Miterben Christi, wenn wir denn mit ihm leiden, damit wir auch mit zur Herrlichkeit erhoben werden.

Meine Worte
„Abba, lieber Vater“. „Abba“ ist kein Wort unserer Sprache. „Abba“ ist ein Wort aus der Muttersprache Jesu. „Abba“ sprach Jesus, wir sprechen es nicht. „Vater“ sagen wir und „lieber“; beides sprechen wir mit unserer Stimme, mit dem, was in ihr liegt, von uns und unserem Leben. Manchmal denken wir beides nicht zusammen: Liebe und Vater und sagen es vielleicht trotzdem. Manchmal wünschen wir es uns. Väter und Mütter haben wir, jeder unweigerlich, jeder verschieden. Wir haben sie, wie wir Kinder sind: mal geboren, dann größer und groß geworden, erwachsen, aber Kinder immer geblieben, Kinder unserer Eltern, unserer Zeit, unserer Sprache.
Sprache sind Worte, Sätze, Ausdruck, etwas von uns, was nicht bei uns bleibt, was gedacht , gespürt, erdacht, gefühlt, vernommen wird, und nach außen aus uns heraus dringt: Menschen sprechen, erzählen, stottern, wählen Worte aus, stolpern von einem zu anderen; Menschen schreien, wimmern, klagen, überreden, haben ihre Worte, ihre Betonung, sich in ihrer Sprache, sprechen miteinander, versuchen sich zu verständigen, sprechen nebeneinander, verstehen sich nicht, sprechen übereinander, mal gut und mal weniger schön.
Und: Manchmal wohnt die Liebe in den Worten ein und die Worte sprechen Liebe, erkennen den anderen, ohne ihn in Worte zu zwingen, räumen ihm Raum und Geborgenheit in Worten ein, sagen Worte wie kleine wunderbare Geschenke, die die Seele berühren, Herzen füllen, erzählen von gemeinsamen auf der Welt und auf dem Weg sein, vom Geheimnis und den Augenblicken, wenn Menschen zusammen eins werden.

Komm, nahe
„Abba, lieber Vater“, sprach Jesus, dachte er, fühlte er in sich, lebte er, gab er an andere weiter. Abba, Vater: Im Garten Gethsemane, klagend, nicht wissend, voller Furcht, ringend um letztes und erstes Vertrauen, alles in Gottes Hand legend, sein Wille geschehe. Abba, zärtlich in die Münder der Jünger gelegt, sie sollen es sagen, wenn sie beten, immer wieder, wir sollen es sagen, bitte, im Beten: Vater unser …
Abba: Bitte um Zuwendung, Bitte um Nähe, kein Sprechen über, kein Sprechen miteinander, ein Sprechen, das in Gottes Sprechen münden will, ein Sprechen zu Gott, flehen und harren, still freuen und sehnen, ein Sprechen, das Gottes Sprache und Sprechen ersehnt, erhofft, erbittet, braucht, aus ihm schöpfen, leben will. Ein Sprechen, ein Wort, das in Gottes Nähe sich legt, ganz nah, sich verbindet mit Gott, das sich birgt und wie unterbringt in Gottes Sinnen und Trachten, Wollen und Tun.
Abba, Vater. Ein kindliches Sprechen voller erwachsener Worte, voller Ernst, voller Erfahrung, die das Leben bringt, voller Schmerz und Anrennen, voller Verzweiflung und Lieben, voller Suchen und Finden, gefunden werden; ein kindliches Sprechen, demütig klein, aufschauend, sich sehnend nach bergenden Worten, nach Fürsorge und Zuwendung, nach Halt und Verbindung, nach Antwort, nach Wort aus Gottes Welt und Mund.
 
Du sprichst in mir
„Abba, lieber Vater“. Drei Worte, die in die Sprache Jesu wie einbinden, uns in seine Worte hinein binden. Hineinnehmen in seine Worte, seine Bitte, sein Denken und sein „sich Gott in die Arme werfen“; hineinnehmen in seine wunderbare Beziehung, seine tiefe Verbundenheit, in seine ewig lebendige Gemeinschaft mit seinem Gott, in sein Leben, Sterben, Auferstehen als Sohn, als Sohn mit seinem Vater im Himmel, hineinnehmen in diese ewige Beziehung, in diese unglaubliche Nähe, die von Anfang an ist, immer sein wird, und die in unserer Zeit Gestalt geworden ist, wirklich wurde, spürbar ist, im Glauben lebt.
„Abba, Vater“: Nicht ich spreche, sondern Gott spricht in mir, Gott spricht es in mir. Er spricht und ich höre, er hört es und er erhört mich. Gott spricht in mir, sein Geist ist in mir lebendig, er formt in mir jenes „Abba“, Buchstaben für Buchstaben, er formt in mir jenes „lieber Vater“, Silbe für Silbe, er formt in mir Worte zu ihm, Satz für Satz. Sein Geist ist mir gegeben, sein Sinn in mein Herz, seine Wort in meinem Mund, sein Geist treibt mich, beseelt mich, ist in mir Gott, so dass ich ganz ich bin.
Ein Ich, das sich Gott zuwendet, sich ihm ausstreckt, das in allen Worten Worte sucht und findet, hat, die ihn meinen, die ihn ansprechen, die seine sind, in dem Moment, wo sie unser Gehirn, unsere Lippen verlassen und zu ihm gesprochen werden, sie sich kindlich ihm in die Arme der Liebe werfen.

Guter Hoffnung
„Abba, lieber Vater“. Worte, die schon Ewigkeit atmen, die mitleiden, die mit auferstehen, die mit Jesus durch den Garten Gethsemane gehen, die ans Kreuz gehen, die das Erstummen aller Worte mit erleben, die drei Tage tot sind, wenn kein Tränen-Gebet mehr Worte findet, die Gott auferweckt, wieder füllt, wieder atmen lässt, die mit Christus verherrlicht werden; Worte, die wie Versprechen sind, wie ein sicheres Erbe, die in sich schon immer Verheißung tragen, Worte voller Reich Gottes, die in aller Not in aller Hoffnung sprechen.
Worte, die uns hören lassen, wer wir wirklich sind: Gottes Kinder. Die uns sehen lassen, wer wir immer sind: Gottes Kinder. Die uns andere erscheinen lassen, wer sie vor uns sind: Gottes Kinder. Worte, die alle Furcht vertreiben, die alle Furcht vertreiben, Kinder anderer Mächte zu sein; Worte, die Gottes Geist randvoll in sich tragen, uns selbst versichern: Wir sind seine Kinder und niemals und nicht Kinder von anderen, nicht Kinder der Angst, nicht Kinder unguter Gedanken, nicht Kinder anderer Mächte, nicht Kinder böser und kleinster Geister; wir sind seine Kinder und niemanden sonst zugehörig, unterworfen, Knecht. Wir sind jetzt schon auferstandene, aufrechte, gesuchte, gewollte Menschen, befreite Menschen, über die nur Gott herrscht, denen immer nur seine Liebe gilt. Amen.

Montag, 25. Juli 2016

Endlich Zeit


Predigt zum Sommergottesdienst im EDKH
 (25. Juli 2016)


Endlich
„Endlich Zeit“. Als hätte man sie, die Zeit, irgendwie verloren, nicht mehr, und nun endlich hätte man sie. Endlich Zeit – ein Gedanke, ein Wunsch, eine kleine Sehnsucht. Endlich Zeit für mich, für jemand anderen, für etwas Schönes, Wohltuendes, für Gott. Endlich! Denn die Zeit vorher und jetzt noch ist stressig, schwierig, mühsam, anstrengend, gar keine richtige Zeit. Aber jetzt endlich: Zeit, lange darauf gewartet.
Endlich. Das gleiche Wort bekommt eine andere Bedeutung. Die Zeit ist endlich, hat einen Anfang und ein Ende. Die Endlichkeit der Zeit merkt man im Krankenhaus. Wir arbeiten als hätten wir nur ein Stück dieser endlichen Zeit, als hätten wir nur knapp bemessene, kostbare und immer zu wenige Zeit für so vieles. Die Zeit hier ist merkwürdig beschleunigt, verdichtet, der Takt auf Station, im OP, in der Verwaltung ist hoch, manchmal fast atemlos.
Endliche Zeit. Das merken die, die hier liegen, auf Zeit leben. Sie merken, ihre Körper sind vergänglich, und mit dem Gang durch die Tür hier leben sie in einer anderen Zeit, eine Zeit, die sich unterteilt in vor und nach der Krankheit, eine Zeit, die sich aufteilt in Warten, Angsthaben, Hoffen. Zeit, die sich ungeheuerlich dehnt, irgendwie sich ähnelt, von der viel zukünftige Zeit abhängt. Endlich Zeit, klingt ganz anders, wenn Menschen unser Haus wieder verlassen. Und für die, die es nicht mehr verlassen, war es endlich-letzte Zeit, und für Menschen, die im Pflegeheim wohnen ist es in ihrer ganz eigenen Zeit der letzte größere Abschnitt Zeit und für die jungen Menschen drüben im Haus Landwasser, die eigentlich noch so viel Zeit vor sich hätten, scheint die Zeit eine verkehrte zu sein.

Zeit
Zeit bemisst sich nach Sekunden, Minuten, Stunden, Tagen, Wochen, Monaten, Jahren, nach einer Lebenszeit, vom ersten bis zum letzten Atemzug. Zeit ist das, worin alles irgendwie zu liegen scheint, die Ereignisse mit Daten, die vielen Termine im Kalender, die Begegnungen an bestimmten Zeiten und die vielen einzelnen Augenblicke, schwere wie schöne, schnelle wie unendliche, einsame wie wunderschön gemeinsame. Unsere Zeit hat eine Richtung, die wir selbst nie umdrehen können, das macht Zeit gnädig und unbarmherzig zugleich, Zeit kennt Vergessen und Erinnern, Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft.
Durch Uhren lassen wir uns Zeit anzeigen, nehmen Termine wahr, verfolgen Minutenzeiger, werden geweckt am Morgen und beginnen unseren Tagestakt. Zeit hat man, oder sie hat einen. Zeit hat man nicht, man nimmt sie sich. Zeit wird einem geschenkt, manchmal, eher gestundet, es geht darum, sie zu füllen, irgendwie. Zeit ist immer die gleiche, immer 60 Minuten in 24 Stunden, mehr und nicht weniger gibt es, und doch so unterschiedlich ist sie. Mal Mangel, mal nicht tot zu bekommen, mal wunderbar gefüllt und dann furchtbar leer und verloren. Zeit wird einem gegönnt oder verwehrt, Zeit kann einen quälen, aber auch ein Stück Ewigkeit sein.
Zeit ist eigentlich nur Konstrukt, nicht wirklich wirklich, sie ist nur da, damit wir uns treffen können und nicht dauernd verfehlen, damit wir uns sagen können, seit wann wir uns lieben, damit in den Schulen alle zur gleichen Zeit Pause haben; damit wir wissen, wie lange man nach Köln braucht und ein medium gebratenes Steak; damit wir einander Zeitfenster öffnen können, um sie fast gleich wieder zu schließen. Und keiner weiß genau, wohin diese Fenster blicken lassen.

Er füllt
Jesus hatte keine Termine, zumindest liest man nichts davon, er hatte keine Uhr und selten hört man ihn nach der Zeit fragen, oder wie langes was noch geht oder wann wer kommt. Nacht und Tag waren für ihn nicht entscheidend, und selbst die wenigen Stunden, die er noch zu leben hatte, zählte er nicht. So wichtig es für Jesus war, einander zu begegnen, sich anzublicken, Gottes Gegenwart zu spüren, Vergangenheit verziehen zu bekommen und Zukunft für die Seelen zu finden, so scheinbar gleichgültig war er der Zeit gegenüber. Für ihn spielt sie wohl keine Rolle.
Man sagt: Mit ihm erfülle sich die Zeit. Mit ihm wurde die Zeit erfüllt. Unsere Zeit. Jede Zeit. Und dort, wo die Zeit erfüllt ist, kann sie selbst nicht mehr das wichtigste sein, höchstens noch Mittel zum Zweck, Struktur, Ordnung, Hilfestellung. Jesus erfüllt die Zeit und endlich Zeit ist erfüllt. Jesus füllt die Zeit mit Sinn im Schmerz, mit Leben auch im Tod, mit Woher und Wohin, mit Richtung, mit wunderbar ohnmächtig mächtiger Liebe, er füllt die Zeit mit dem, was wesentlich, wichtig, bleibend, rettend, heilsam ist. Er füllt Zeit mit wunderbaren Worten, mit sich, mit Gott.

geschenkt
Wie bekommt man eigentlich Zeit? Sie ist ja immer schon da. Jeder Tag hat seine gleiche Zeitmenge. Manchmal bekommt man Zeit, Zeit geschenkt, wenn das, was vorgesehen, geplant ist, sich nicht ereignet. Dann kommt etwas anderes in die Zeit, und manchmal ist das wie kleine Zeitgeschenke. Nur fällt es uns schwer, sie wirklich anzunehmen.
Wie löst man einen Zeit-Gutschein ein? Kein Zettel der Welt enthält wirklich Zeit.  Und viele Zettel, wie zum Beispiel Geldscheine, tauschen Menschen jeweils nur wie in eine Richtung. Zeit können wir immer in beide Richtungen tauschen. Wir können Zeit von uns schenken und wir können Zeit vom anderen uns wünschen. Da, wo dieser Zeittausch um des anderen willen geschieht, so drei Minuten von dir oder drei Minuten für dich, da wird es von Menschen erfüllte Zeit und atmet etwas von jenem einen, der seine Zeit nur und ausschließlich für Gott und seine Menschen verbrachte. Amen.