Mittwoch, 2. Dezember 2015

„Der Himmel öffnet die Türen.“ Adventsandachten 2015


2. Dezember: Tür zu - Ausschau

Adventskarte (1) Ausschau
Es ist die Hoffnung des Advents in aller Alltäglichkeit: Doch, ja doch: Der Himmel öffnet uns die Tür: Die Tür zum Himmel, ein Stück davon. Der Himmel öffnet uns aber auch die Türen auf Erden. Und vielleicht fällt beides ineinander, wie die Menschwerdung Gottes: Die Tür zum Himmel ist die Tür auf Erden. Auf Erden, hier im Krankenhaus, begehen wir wortwörtlich den Advent, unser Adventsweg durch die vier Wochen bis Heiligabend führt uns an Türen vorbei, an vielen, offenen, geschlossenen, bekannten, neuen, eigenen, fremden. Die Hoffnung darin, dass sich irgendwo auf dem Weg eine himmlische Tür sich offenbart und öffnet.
In der ersten Adventswoche: ein erster Schritt. Wir stehen vor der geschlossenen Tür. Wie oft am Anfang eines Weges. Die Türe ist zu. Wir davor. Zwiespältige Gefühle und Gedanken: zu, zugemacht, vor der Nase zugeschlagen, verschlossen, ausgeschlossen. Die „Tür zu“ markiert sichtbar die Scheidelinie zwischen drinnen und draußen, zwischen dahinter und mir, vielleicht zwischen Wunsch und Wirklichkeit. Kein Durchlass, kein Durchgang.
Was tun? Warten. Adventlich Warten. Bis vielleicht die Tür sich öffnet, auftut, nicht mehr zu ist. Wir warten geduldig, ungeduldig, denken, klopfen an, machen uns bemerkbar, merken uns als Wartende. Ängstlich, hoffend, harrend. Das Bild zeigt einen Menschen auf einen Berg, einen Hügel, über ihn etwas, was man kaum erkennen, entschlüsseln kann, eine Wolke vielleicht, bunt ist sie. „Ausschau“ heißt das Bild, der Mensch hält Ausschau. Merkwürdig: Vor verschlossener Tür Ausschau halten, warten und ausschauen. Ausschauen nach was? Sich konzentrieren auf das, was hinter der Tür ist, hinter der Tür sein könnte, was sich zeigen würde, wird, wenn sie sich öffnet. Das Warten wird anders, wird zur Sehnsucht, Sehnsucht nach Dahinter, nach Mehr, nach Himmel. Auf der Karte steht:
„Sehr auf und erhebt eure Häupter, weil sich eure Erlösung naht.“ (Lukas 21, 28)

9. Dezember: Die Türklinke – Überraschung
 Adventskarte (2) Überraschung
Advent heißt Wiederholen. Wiederholen wir im wahrsten Sinne das, was letzte Woche ein Stock höher gesagt wurde. Holen wir es in unsere Gedanken:
Es ist die Hoffnung des Advents in aller Alltäglichkeit: Doch, ja doch: Der Himmel öffnet uns die Tür: Die Tür zum Himmel, ein Stück davon. Der Himmel öffnet uns aber auch die Türen auf Erden. Und vielleicht fällt beides ineinander, wie die Menschwerdung Gottes: Die Tür zum Himmel ist die Tür auf Erden. Auf Erden, hier im Krankenhaus, begehen wir wortwörtlich den Advent, unser Adventsweg durch die vier Wochen bis Heiligabend führt uns an Türen vorbei, an vielen, offenen, geschlossenen, bekannten, neuen, eigenen, fremden. Die Hoffnung darin, dass sich irgendwo auf dem Weg eine himmlische Tür sich offenbart und öffnet.
In der ersten Woche, in der letzten Woche war die Tür zu. Noch. Möchten wir adventlich denken. Jetzt ein zweiter Schritt, ein zweiter Mittwoch im Advent und vielleicht der entscheidende Augenblick, ein Augenblick: Der Moment, in der sich die Tür öffnet, nein, noch nicht! Der Moment, in dem sich die Tür zu öffnen beginnt, gleich beginnt zu öffnen, wo man weiß, ahnt, jetzt geht sie gleich auf.
Türen öffnen sich automatisch, Aufzugstüren, Lichtschranken, Schiebetüren, wir brauchen nur hinzuzutreten, schon gehen sie auf. So ist es aber nicht im Leben und mit den Lebenstüren. So haben Türen, als sie kulturell geschaffen wurden, Türklinken, mit ihnen kann die Tür, die vorher zu war, geöffnet werden. Das Runtergehen der Türklinke signalisiert dem anderen, dass sich die Tür gleich öffnen mag. Türklinken werden berührt, und mit ein bisschen Kraft heruntergedrückt, dann entschließt sich das Schloss und die Tür kann, wird geöffnet. Wie oft haben wir das gesehen und vielleicht gedacht, gefühlt: Endlich bewegt sich etwas, die Türklinke.
Endlich bewegt sich Gott. Das ist die Hoffnung des Advents. Gott bewegt sich, er setzt seine Kraft ein, die Tür zu öffnen, die Tür zu uns, zu sich. Das Bild für den heutigen Mittwoch trägt den Titel „Überraschung“. Sehr oft wissen wir genau, wer da die Tür aufmacht, wer der ist, der die Türklinke betätigt. Der Türklinken-Moment ist keine Überraschung. Advent heißt aber: überrascht werden, auch wenn wir den Advent sehr berechenbar machen. Das Bild zeigt unseren Menschen, der von oben überrascht wird. Es scheint als wolle der Mensch schon weitergehen …. Nun kommt von oben der Advent, die bunte, diffuse Wolke vor der Vorwoche hat ein Gesicht gewonnen: Ein kommender Engel: Zeichen: Gott rettet uns, das ist seine Überraschung, unvorhersagbar, unverdient, unmachbar: weil tatsächlich Erlösung, Befreiung, wirkliche! Der entscheidende Augenblick.
„Meine Seele preist die Größe Gottes, und mein Geist jubelt über Gott, mein Retter.“ (Lukas 1, 46-47). Gott

16. Dezember: Eine Türspalt – Güte
Adventskarte (3) Güte
Advent heißt Wiederholen. Wiederholen wir im wahrsten Sinne das, was letzte Woche ein Stock höher gesagt wurde. Holen wir es in unsere Gedanken:
Es ist die Hoffnung des Advents in aller Alltäglichkeit: Doch, ja doch: Der Himmel öffnet uns die Tür: Die Tür zum Himmel, ein Stück davon. Der Himmel öffnet uns aber auch die Türen auf Erden. Und vielleicht fällt beides ineinander, wie die Menschwerdung Gottes: Die Tür zum Himmel ist die Tür auf Erden. Auf Erden, hier im Krankenhaus, begehen wir wortwörtlich den Advent, unser Adventsweg durch die vier Wochen bis Heiligabend führt uns an Türen vorbei, an vielen, offenen, geschlossenen, bekannten, neuen, eigenen, fremden. Die Hoffnung darin, dass sich irgendwo auf dem Weg eine himmlische Tür sich offenbart und öffnet.
In der ersten Woche war die Tür zu, noch, dann sahen wir, wie sich die Türklinke bewegt. Ein entscheidender Moment. Jetzt sind wir auf dem Adventsweg einen Schritt weiter. Die Tür öffnet sich, wird geöffnet. Ein Türspalt.
Ein Türspalt weit. Das ruft in uns Bilder und Erinnerung, Gefühle und Gedanken hervor. Ich glaube, tief sitzende. Durch den Türspalt fällt Licht, ins Dunkle, durch den Türspalt wird ein bisschen sichtbar, was hinter der Tür ist, öffnet sich die Situation; man kann ein Stück weit reingucken, man kann etwas erahnen, sehen, hören … nicht ganz, aber schon, die Trennung „drinnen-draußen“ wird aufgelöst, die Welt wird durchlässig.
Wie weit ist der Türspalt, noch kann die Türe auch wieder zugehen, wieder geschlossen werden, aber die Hoffnung ist fast unzerstörbar: Jetzt ist sie auf, wir gehen hineingehen; Gott wird Mensch, er kommt zu uns. Er bittet uns: Komm zu mir! Bitte.
Das Bild zu dieser Woche trägt den Titel „Güte“. Güte und Türspalt?! Aus Güte aufgemacht, geöffnet? Aus Güte gesagt von Gott: Komm herein! Wir kommen zusammen, Himmel und Erde. Oder: Güte braucht Türspalten, eine kleine Ritze manchmal, ein kleiner Zwischenraum, in der sie kommen, werden kann. Das ist die weihnachtliche, frohe Botschaft: Der große Gott macht sich klein, klitzeklein; er kommt zu uns durch die engsten Türspalten, durch die erniedrigsten Seelenritzen. Unser Bild zeigt unseren Menschen, auf einem Berg, der Berg ist dunkel, ein Sorgenberg? Die rettende Überraschung hat nicht nur engelhafte Gestalt gewonnen, sondern kam ganz nah, hat sich intim verbunden, Himmel und Erde beginnen sich zu vermählen:
„Denn er hat seinen Engeln befohlen, dass sich dich behüten auf allen deinen Wegen, dass sie dich auf den Händen tragen und du deinen Fuß nicht an einen Stein stoßest.“ (Psalm 91, 11+12)

23. Dezember: Sperrangelweit – Lichtglanz
Adventskarte (4) Lichtglanz
Advent heißt Wiederholen. Wiederholen wir im wahrsten Sinne das, was letzte Woche ein Stock höher gesagt wurde. Holen wir es in unsere Gedanken:
Es ist die Hoffnung des Advents in aller Alltäglichkeit: Doch, ja doch: Der Himmel öffnet uns die Tür: Die Tür zum Himmel, ein Stück davon. Der Himmel öffnet uns aber auch die Türen auf Erden. Und vielleicht fällt beides ineinander, wie die Menschwerdung Gottes: Die Tür zum Himmel ist die Tür auf Erden. Auf Erden, hier im Krankenhaus, begehen wir wortwörtlich den Advent, unser Adventsweg durch die vier Wochen bis Heiligabend führt uns an Türen vorbei, an vielen, offenen, geschlossenen, bekannten, neuen, eigenen, fremden. Die Hoffnung darin, dass sich irgendwo auf dem Weg eine himmlische Tür sich offenbart und öffnet.
Wir sind den Adventsweg schon weit gegangen, fast am Ende, morgen ist Heiligabend. Sind wir angekommen? Mit uns, unsere Seele, unseren Wünschen, Sehnsüchten. Sind wir bereit? Bereitet? Die Tür war zu, die Türklinke bewegte sich, die Tür öffnete sich einen Spalt. So der Weg in den letzten drei Wochen. Und nun: ein Schritt weiter. Vielleicht überraschend, vielleicht aber auch nur ganz klar und endlich vollendend adventlich: sperrangelweit.
Die Sperrangel fixiert das offene Fenster, die offene Tür und verhindert, dass sie wieder zuschlägt. Der Himmel öffnet die Tür, Türen auf Erden zum Himmel. Die himmlische Tür ist nun weit aufgestoßen, wir können hereingehen, oder: Gott kann nun ganz zu uns kommen, in unser Leben, hindurch durch unsere, meine Lebenstür, Gast und Retter, Helfer und Vollender. Jesu Wort wird wahr: Ich bin die Tür zum Leben. Und dies jedes Jahr wiederkehrend, jedes Jahr immer wieder Advent, immer wieder, weil im Leben immer wieder etwas passiert, weil unser Leben immer wieder hin und her geworfen werden kann, weil nur vielleicht immer wieder alles gut geht, deswegen: jedes Jahr aufs Neue: Gott öffnet weit die Tür zum Leben. Und die Sperrangel sichert das ab. Die Tür bleibt sicher offen.
Das Bild in der letzte Adventswoche ist ganz anders, und es passt so zum ganz Anderen der Heilgennacht, die wir morgen erleben dürfen, aus lauter Güte heraus, als Lebensüberraschung, die uns eine heilsame Ausschau schenkt. Das Bild zeigt einen veränderten Menschen, der Gestalt nach und dem Inneren nach: Engel und Mensch sind eins geworden und gehen gemeinsam ihre Wege. Das Ganze ist überblendet mit Licht. Lichtglanz so der Titel des Bildes. Und das ist das Ziel unserer Wege: Im Lichte leben. Der Schein leuchtet sich durch die geöffnete Tür zu uns herein; ein letztes Wort vor Morgen:
„Gott ist mein Licht und mein Heil; vor wem sollte ich mich fürchten? Gott ist meines Lebens Kraft; vor wem sollte mir grauen.“ (Psalm 27, 1)

Donnerstag, 12. November 2015

Augenblicklich



Predigt am vorletzten Sonntag des Kirchenjahres (15.11.15)
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Matthäus 25, 31-46
Wenn aber der Menschensohn kommen wird in seiner Herrlichkeit und alle Engel mit ihm, dann wird er sitzen auf dem Thron seiner Herrlichkeit, und alle Völker werden vor ihm versammelt werden. Und er wird sie voneinander scheiden, wie ein Hirt die Schafe von den Böcken scheidet, und wird die Schafe zu seiner Rechten stellen und die Böcke zur Linken.
Da wird dann der König sagen zu denen zu seiner Rechten: Kommt her, ihr Gesegneten meines Vaters, ererbt das Reich, das euch bereitet ist von Anbeginn der Welt! Denn ich bin hungrig gewesen und ihr habt mir zu essen gegeben. Ich bin durstig gewesen und ihr habt mir zu trinken gegeben. Ich bin ein Fremder gewesen und ihr habt mich aufgenommen. Ich bin nackt gewesen und ihr habt mich gekleidet. Ich bin krank gewesen und ihr habt mich besucht. Ich bin im Gefängnis gewesen und ihr seid zu mir gekommen.
Dann werden ihm die Gerechten antworten und sagen: Herr, wann haben wir dich hungrig gesehen und haben dir zu essen gegeben, oder durstig und haben dir zu trinken gegeben? Wann haben wir dich als Fremden gesehen und haben dich aufgenommen, oder nackt und haben dich gekleidet? Wann haben wir dich krank oder im Gefängnis gesehen und sind zu dir gekommen? Und der König wird antworten und zu ihnen sagen: Wahrlich, ich sage euch: Was ihr getan habt einem von diesen meinen geringsten Brüdern, das habt ihr mir getan.
Dann wird er auch sagen zu denen zur Linken: Geht weg von mir, ihr Verfluchten, in das ewige Feuer, das bereitet ist dem Teufel und seinen Engeln! Denn ich bin hungrig gewesen und ihr habt mir nicht zu essen gegeben. Ich bin durstig gewesen und ihr habt mir nicht zu trinken gegeben. Ich bin ein Fremder gewesen und ihr habt mich nicht aufgenommen. Ich bin nackt gewesen und ihr habt mich nicht gekleidet. Ich bin krank und im Gefängnis gewesen und ihr habt mich nicht besucht.
Dann werden sie ihm auch antworten und sagen: Herr, wann haben wir dich hungrig oder durstig gesehen oder als Fremden oder nackt oder krank oder im Gefängnis und haben dir nicht gedient? Dann wird er ihnen antworten und sagen: Wahrlich, ich sage euch: Was ihr nicht getan habt einem von diesen Geringsten, das habt ihr mir auch nicht getan. Und sie werden hingehen: diese zur ewigen Strafe, aber die Gerechten in das ewige Leben.

Ein bedrängender …
Nicht irgendwann mal, nicht in Zukunft, nicht fern. Sondern: Nah und jetzt, jetzt in einem Augenblick ist dieser Moment, dieser Augenblick des Menschensohns, des Weltgerichts, von uns. Dieser Augenblick kommt, kommt nah, wird, ist da. Jetzt. Das „Ich bin´s“ drängt sich auf und fragt uns: Wer bist du?
Dieser Augenblick kommt, majestätisch, herrlich, gewaltig, leuchtend, tosend, konzentriert, königlich, erhaben. Er stellt sich vor uns, glasklar, unmissverständlich. Er stellt uns vor sich. Wir stehen vor diesem Augenblick. Vor ihm gesammelt, in ihm versammeln sich alle Blicke, die Blicke des anderen, der anderen, unser eigener Blick, die vielen Blicke Gottes, der eine Blick Jesu Christi. Wir werden selbst angeblickt, angeschaut, angestarrt, wie von allen, hingestellt und angeschaut, beobachtet: Wer bist du? Jetzt.
Ich bin´s! Und alle anderen Fragen, all unsere anderen Fragen sind nichtig, nicht zustellen, irrelevant, egal. Fragen, ob wir helfen sollen oder nicht; ob der andere wirklich Hilfe braucht oder nicht; Fragen, wie zu helfen ist, was genau zu tun ist, Fragen, ob Kräfte, Finanzen, Zeit, Engagement, Sinn zum Helfen reicht. Wir werden wir nackt in jenem Augenblick, vielleicht ganz grundlegend durstig und hungrig, uns merkwürdig fremd und gefangen, kurz ganz lebenskrank.

 … entscheidender …
Es ist der entscheidende Augenblick. Wir können ihm nicht neutral gegenüber stehen, gegenüber sehen. Das geht nicht. Wir können uns ihm nicht entziehen, nicht so tun, als sei er nicht da, oder er sei anders, als seien wir Herrscher der Zeit und Herren dieses Augenblicks. „Ich bin´s!“ Der Augenblick stößt uns entweder weg, wir werden von ihm weggestoßen, ekeln uns, flüchten, drehen uns um, reden es uns anders und schön; helfen nicht. Oder: Der Augenblick zieht uns unweigerlich an, hält uns, sucht unsere Nähe, sucht uns, wir werden andere, verschmelzen auf merkwürdigste Weise mit ihm, hören sein: Komm! Hören sein: Sei bei mir! Hören ihn und bleiben, werden, helfen.
Es ist der entscheidende Augenblick. Er scheidet uns, jeden von uns in diesem Augenblick. Weggehen oder kommen, sein lassen oder helfen, nackt lassen oder ankleiden, fremd lassen oder aufnehmen, krank lassen oder besuchen, so oder so, Hop oder Top, Bock oder Schaf, links oder rechts. Nichts dazwischen, nicht sowohl als auch, nichts dazwischen fragen, sein: ich bin´s – und wer bist du?

… Augen öffnender ….
Ich bin´s in diesem Augenblick. Jesus Christus begegnet. Er richtet und ist in gleichen Moment der Maßstab, an dem sich alles bemisst; er ist Richter, zu Rettender und selbst Retter, alles in einem Augenblick.
Er öffnet die Augen. In jenem Augenblick ist unmissverständliche Klarheit, es geht einem alles auf, wir nehmen wahr, können sehen, verändern uns so wie die Situation, die Menschen in ihr, wie wir, andere werden und sind. In jenem Augenblick öffnen sich andere Horizonte, das Licht fällt hinein, wir sehen den anderen als Christus, Christus als anderen, beide als Brüder, beide als Geringste und uns an ihrer Seite, der Augenblick vermählt uns und wir werden zu Brüdern und Schwestern auf Zeit: der, der uns begegnet, berührt uns, er ist der Geringste, er ist Christus und wir geben ihm Antwort auf seine drängendste Frage, nach ihm und uns: Ich bin´s und du bist.

… und bewegender …
In jedem Augenblick verändert sich ein Stück Welt, für uns und den Geringsten, für Christus und Gott. Es verwandelt sich etwas: Der Hunger bekommt Essen, der Durst etwas zu trinken, Fremde werden in die Arme genommen, nackte Körper werden überdeckt, zu Kranken setzt sich jemand und Gefangene bekommen ein bisschen Freiheit von Jemanden. Es ändert sich etwas, Geringste bekommen Anteil am Leben, an unserem Leben, an unserem Hunger und Durst, an unserer Fremdheit und entblößenden Momenten, an unserer Krankheit und unserem Gefangensein; wir geben einander Anteil an dem, was Leben ist: wir stillen einander Hunger und Durst, sind ganz nahe den Fremden, beschützen Ungeborgene, begleiten Kranke, lassen Gefangene nicht allein in ihrer Schuld. Wir sind wer.
In jedem Augenblick werden wir verändert, verwandelt. Durch das Wort des Weltgerichts, des Menschensohns, durch das Wort Christi: Er benennt uns: statt Verfluchte sind wir Gesegnete, statt Schattenmenschen hell Leuchtende. Er ordnet uns zu: statt dem Teufel und seinen Engeln, gehören wir allein dem Vater im Himmel und auf Erden, statt verloren sind wir endlich gewonnen und wunderbar geborgen. Er verortet uns ewig: statt ewiges Feier und ewige Strafe, werden wir, wie es von Gott schon immer gedacht und gewollt ist: Wir sind Teil seines Reiches. Wir leben jetzt, in diesem … Augenblick schon das ewige Leben. Wissen: Das bin ich. Dank ihm. Amen.

Montag, 26. Oktober 2015

Ein besonderer Mensch



Predigt am 21. Sonntag nach Trinitatis (25. Oktober 2015)

Matthäus 5, 38-48
Ihr habt gehört, dass gesagt ist (2.Mose 21,24): »Auge um Auge, Zahn um Zahn.«  Ich aber sage euch, dass ihr nicht widerstreben sollt dem Übel, sondern: wenn dich jemand auf deine rechte Backe schlägt, dem biete die andere auch dar. Und wenn jemand mit dir rechten will und dir deinen Rock nehmen, dem lass auch den Mantel. Und wenn dich jemand nötigt, eine Meile mitzugehen, so geh mit ihm zwei. Gib dem, der dich bittet, und wende dich nicht ab von dem, der etwas von dir borgen will.
Ihr habt gehört, dass gesagt ist: »Du sollst deinen Nächsten lieben« (3.Mose 19,18) und deinen Feind hassen. Ich aber sage euch: Liebt eure Feinde und bittet für die, die euch verfolgen, damit ihr Kinder seid eures Vaters im Himmel. Denn er lässt seine Sonne aufgehen über Böse und Gute und lässt regnen über Gerechte und Ungerechte. Denn wenn ihr liebt, die euch lieben, was werdet ihr für Lohn haben? Tun nicht dasselbe auch die Zöllner? Und wenn ihr nur zu euren Brüdern freundlich seid, was tut ihr Besonderes? Tun nicht dasselbe auch die Heiden? Darum sollt ihr vollkommen sein, wie euer Vater im Himmel vollkommen ist.

erfüllt
Vollkommen. Danach suchen Menschen. Nicht alle, vielleicht, nicht immer, aber irgendwie schon. Menschen streben nach Vollkommenheit, nach gut und besser werden, sein, nach ein bisschen fast perfekt, fast vollkommen im Denken, im Planen, im Tun, im Aussehen. Und manchmal gelingt es und Menschen sind ungeheuer stolz, manchmal ist vollkommen zu perfekt, zu glatt, zu viel des Guten; manchmal misslingt es Menschen und sie müssen sich mit weniger als perfekt abfinden und es tut ihnen weh.
Vollkommen wird man geboren und stirbt man. Menschen sind vollkommen, ohne dass sie was tun oder lassen. Vollkommen mit allen Falten und den Fehlern, vollkommen mit ihren Sorgen und Fragen, vollkommen im Suchen und Verlieren, vollkommen mit ihren je eigenen Geschichten, Verletzungen, Wunden, Merkwürdigkeiten, Sünden, hässlichen Momenten und Wundern; vollkommen schon immer, immer wieder.
Gott schenkt Menschen Vollkommenheit, vielleicht eine andere, wie sie suchen, wie sie sich wünschen, aber er schenkt ihnen alles, was sie zu Menschen macht und sie ausmacht. Mehr brauchen sie nicht. Gott erfüllt Menschen vollkommen, ganz und gar, randvoll, er füllt Menschen mit sich, mit all dem, was er ist, an Vollkommenheit, Gott macht Menschen vollkommen durch seine Vollkommenheit, vollkommen geliebt und in Güte betrachtet, vollkommen begleitet und beseelt, vollkommen geborgen und bedacht von Gott. Unendlich, unausschöpflich, vollkommen, jeden Atemzug und jeden Augenblick. Gottes.
Nie leer
Und niemand kann das dem Menschen nehmen, rauben, abzwingen, verloren machen. Niemand, ganz gleich, wie schlimmes dem Menschen widerfährt, wie sehr sein Leben hin und her geworfen wird, wie sehr er sich im Spiegel selbst unerträglich erblickt. Das von Gott in und an ihm, seine Vollkommenheit ist nicht kaputtbar, nicht klein zu kriegen, nicht auszulöschen. Sie hat etwas zutiefst wunderbares an sich, sie füllt sich von Gott immer wieder auf. In jeden Moment, in dem droht, dass sie nichtig gemacht wird, macht Gott Menschen wieder zu mehr, wieder vollkommen.
Sie kann niemals vernichtet und geleert werden, nicht verloren werden. Menschen werden geschlagen, bedroht, gezwungen, beraubt, entwürdigt; Menschen werden misshandelt, genötigt, ihnen wird alles abverlangt; Menschen werden erniedrigt, verfolgt, gehasst. Ihnen wird an Leib und Seele, an Hab und Gut, an Zeit und Raum Leben abgerungen, genommen: geschlagen auf die Backe, verletzt an der Seele; nackt ohne Mantel, müde und wund von weiten Umwegen, genervt und ausgemergelt vom Zeitraub, vom Ausborgen, vom gehasst werden.
Aber nichts kann Menschen ihre Vollkommenheit nehmen, sie bleiben in all dem vollkommen, mit unglaublicher würde und göttlicher Liebe erfüllt, selbst wenn alles um sie zur Hülle wurde. In aller Verletzlichkeit erstrahlt dennoch ihre göttliche Schönheit, gebrochen, aber nicht weggenommen, ramponiert, aber nicht ausgelöscht, entleert, aber nicht nichtig, unvollkommen vollkommen. Sie müssen nichts fürchten, können lieben.

Durchlässig
Menschen werden immer wieder erfüllt, erfüllt von Gottes vollkommener Liebe; Menschen bleiben davon erfüllt, werden in aller Verletzlichkeit, in Falten und eigenen Verstrickungen ganz und gar durchlässig für das, was sie von Gott bekommen, in sich tragen, sie werden transparent auf den hin, der sie erfüllt, werden durchlässig auf die hin, denen auch Gottes Vollkommenheit gilt. Guten wie Bösen. Sie fragen nicht nach Geben und Nehmen, nach Hin und Her, nach: Reicht es? Ist es genug? Könnte es mehr sein? Bin ich gut, besser, perfekt, vollkommen?
Menschen teilen furchtlos und verwundbar vollkommen von sich aus, von dem „von Gott“ in ihnen, sie teilen sich aus, ohne dass sie selbst weniger würden, sie geben weiter, weg von sich und hin zu anderen, noch eine Backe, noch ein Mantel, noch eine Meile, noch ein Kuss, noch ein Gebet, noch ein Regentropfen auf dürre Seelen, noch ein Sonnenstrahl für Kindergesichter, noch mehr von sich, sie geben weiter, werden aber immer mehr, werden und werden selbst nie leerer, werden immer heller, leuchtender, erfüllter, liebender.

vollkommen
Wundersam: Wunderbares Wesen Mensch.
Wunderbares Wesen Mensch: So sehr verwundbar und verletzlich: ohne Widerstand und Trotz, schmerzlich offen für das, was mit ihm geschieht, und unglaublich präsent, stark, Gott selbst geschehen zu lassen, demütig bescheiden großartig und herrlich bis zum Äußersten seine Liebe zu lieben. Wunderbares Wesen Mensch: Absolut dicht für Gottes Liebe, hineingegossen, nichts und niemand kann sie nehmen, verloren machen; und doch zu tiefst durchlässig, löchrig für jene Liebe: Jeder und jede bekommt sie geschenkt, soll sie sein nennen. Wesen Mensch, das sich jedem vorbehaltlos austeilt und ohne wenn und aber sich hergibt, ausleert und dabei nicht kleiner, nicht weniger, nicht leerer wird. Ganz im Gegenteil.
Wesen vollkommen. Amen.

Freitag, 9. Oktober 2015

Zugänglich



Predigt am 19. Sonntag nach Trinitatis (11. 10. 2015)

Markus 2, 1-12
Und nach einigen Tagen ging er wieder nach Kapernaum; und es wurde bekannt, dass er im Hause war. Und es versammelten sich viele, sodass sie nicht Raum hatten, auch nicht draußen vor der Tür; und er sagte ihnen das Wort.
Und es kamen einige zu ihm, die brachten einen Gelähmten, von vieren getragen. Und da sie ihn nicht zu ihm bringen konnten wegen der Menge, deckten sie das Dach auf, wo er war, machten ein Loch und ließen das Bett herunter, auf dem der Gelähmte lag. Als nun Jesus ihren Glauben sah, sprach er zu dem Gelähmten: Mein Sohn, deine Sünden sind dir vergeben.
Es saßen da aber einige Schriftgelehrte und dachten in ihren Herzen: Wie redet der so? Er lästert Gott! Wer kann Sünden vergeben als Gott allein? Und Jesus erkannte sogleich in seinem Geist, dass sie so bei sich selbst dachten, und sprach zu ihnen: Was denkt ihr solches in euren Herzen? Was ist leichter, zu dem Gelähmten zu sagen: Dir sind deine Sünden vergeben, oder zu sagen: Steh auf, nimm dein Bett und geh umher? Damit ihr aber wisst, dass der Menschensohn Vollmacht hat, Sünden zu vergeben auf Erden - sprach er zu dem Gelähmten: Ich sage dir, steh auf, nimm dein Bett und geh heim! Und er stand auf, nahm sein Bett und ging alsbald hinaus vor aller Augen, sodass sie sich alle entsetzten und Gott priesen und sprachen: Wir haben so etwas noch nie gesehen.

Aufdecken
Mit ihren eigenen Händen, mit ihrer Hoffnung, mit ihrer Sehnsucht decken die Vier das Dach ab, nehmen Stück für Stück weg, Lehm, Reisig, Holz, immer mehr, vergrößern das Loch, können endlich die Liege mit dem Gelähmten, den Gelähmten selbst durch die gemachte Öffnung heben, nach unten lassen. Mit ihren eigenen Händen, staubig, dreckig vom Lochmachen, gerötet vom Tragen der Bahre, gezeichnet von ihrer Arbeit und ihrem Leben, schaffen, verschaffen sie sich einen Zugang zu Jesus, verschaffen ihn dem Gelähmten, brechen für ihn durch zu dem, von dem Heilung erhofft wird.
Sie lassen sich nicht beirren von der Ausweglosigkeit, von versperrten Zugang, von dem, dass Jesus, die Rettung vielleicht, unerreichbar ist, wie zugedeckt ist. Sie lassen sich nicht beirren von der Menge im Haus, von den vielen, vom Raum, der zu voll, zu eng ist, der wie zu für sie ist, innen und draußen. Sie tragen den Gelähmten und für ihn die Sehnsucht, sie finden einen Weg für die Hoffnung und die Heilung, sie öffnen für sich und den, der Hilfe braucht, der nicht selbst kann, den Raum, ein Loch in der Decke, ein Dennoch-Ort in der Menschenmenge, bei Jesus, doch ganz nah.
Ihr Glaube schafft das, ein ahnender, sehnsuchtsvoller Glaube an diesen Jesus, an die Möglichkeit, dass der Gelähmte vielleicht geheilt werden könnte, an die Wirklichkeit, die Jesus bewirken kann, bewirkt, schenken kann, schenkt, an die Macht, die von Gott ausgeht, die Jesus von ihm. Ihr Glaube verschafft sich Zugang zu Jesus. Glaube sucht, schafft, findet bei Gott Raum.

zugezogen
Eng, furchtbar eng ist es manchmal in Herzen. Eng geworden. Schon lange, schon immer eng. Eng aus Angst, aus Sicherheitsbedürfnis, aus Erfahrung, eng gemacht, zusammengezogen, nichts passt gut, richtig rein, kaum Raum darin. Enge Herzen: Menschenherzen, eigenes Herz, Herz der Schriftgelehrten.
Sie wollen es reservieren für Gott, nur er darf, nur er kann, nur ihm steht es zu. Sie wollen es Gott vorbehalten, es bei, in ihm exklusiv wissen, abgegrenzt haben. Anders können sie es nicht sehen, anders können sie es nicht glauben, für richtig halten. Aber darüber wird ihr Herz eng und enger, zieht es merkwürdig sich zusammen, verkrampft es, hat es genau das, was es halten, haben will, irgendwie nicht, wird schwer und schwerer, ist argwöhnisch, wenig vertrauensvoll, entzieht sich selbst, ist selbst exklusiv, abgekoppelt, nur, zu, ist herzlos.
So wenig Raum im Herzen, zugemacht. Herz von Menschen. Nicht mehr Herz, das schlägt, atmet, sich öffnet und liebt. Nicht mehr Herz. Mag es jemand sachte wieder öffnen, sich Zugang zu Menschenherz verschaffen, abtragen, was auf ihm liegt, wegtragen, was in ihm schwer liegt. Was ist leichter? Vielleicht so eine kleine Frage, wie die von Jesus. Was ist leichter? Merkwürdige Frage, die von leichter spricht und leichter zu machen vermag, die das Herz wie vorsichtig aufbricht.

Herz weiten
Jesus blickt auf Herzen, in Herzen. Schriftgelehrten Herz, Gelähmten Herz, Menschenherz. Er bewundert zarten, anfänglichen Glauben, er ist voller Vertrauen, er liebt eng gewordene Herzen, sucht dort Raum. Er räumt weg, was dort an Schweren, an Schuld und Sünde, an Zerbrochenen liegt, er vergibt und bringt Herzen und Leben wieder zurecht.
Da, wo kein Zugang war, ist, wo Menschen ihn verschüttet, verloren, vergessen haben, er ihnen abhanden kam, genommen wurde, kein Zugang zur Lebensquelle, zu Gott, zu sich selbst und anderen, zum Leben, dort verschafft Jesus diesen Zugang. So wie die Vier das Dach aufdecken, so wie Jesus in einer kleinen Frage das enge Herz der Schriftgelehrten zu weiten beginnt, so sortiert er Menschen neu, bricht er schädliche Zusammenhänge auf, durchbricht er liebevoll verhasste Muster und stiftet neue Zusammenhänge, macht aus alten neue, bringt wieder Leben. Ungeahnt, wie noch nie gesehen, nur durch sein Wort.
Steh auf, nimm dein Leben und leb. Auch auf engen Raum. Auch auf engen Raum leben. Mit Krankheit, Einschränkungen, Ängsten, wiederkehrender Schuld und nie ausbleibender Verletzung. Auch auf engen Raum nicht aufhören, dem Wunder zu vertrauen: Gott bricht zu mir auf, er durchbricht mich, kommt zu mir. Er nimmt mein Herz in aller körperlichen Enge auf, hält mich geborgen. Er sieht Schmerz, Enge, Angst, Not, Krankheit und weitet zart mein Herz, greift in meinem Leben Raum, Schweres wird leichter. Ich bekomme, habe Zugang, Raum, ganz nah, bei ihm, werde, bin auch im Unheilen heil. Amen.