Samstag, 18. Juli 2015

In allem mehr



Predigt am 7. Sonntag nach Trinitatis (19. Juli 2015)

Johannes 6, 1-13
1 Danach fuhr Jesus weg über das Galiläische Meer, das auch See von Tiberias heißt. 2 Und es zog ihm viel Volk nach, weil sie die Zeichen sahen, die er an den Kranken tat. 3 Jesus aber ging auf einen Berg und setzte sich dort mit seinen Jüngern. 4 Es war aber kurz vor dem Passa, dem Fest der Juden. 5 Da hob Jesus seine Augen auf und sieht, dass viel Volk zu ihm kommt, und spricht zu Philippus: Wo kaufen wir Brot, damit diese zu essen haben? 6 Das sagte er aber, um ihn zu prüfen; denn er wusste wohl, was er tun wollte. 7 Philippus antwortete ihm: Für zweihundert Silbergroschen Brot ist nicht genug für sie, dass jeder ein wenig bekomme. 8 Spricht zu ihm einer seiner Jünger, Andreas, der Bruder des Simon Petrus: 9 Es ist ein Kind hier, das hat fünf Gerstenbrote und zwei Fische; aber was ist das für so viele? 10 Jesus aber sprach: Lasst die Leute sich lagern. Es war aber viel Gras an dem Ort. Da lagerten sich etwa fünftausend Männer. 11 Jesus aber nahm die Brote, dankte und gab sie denen, die sich gelagert hatten; desgleichen auch von den Fischen, soviel sie wollten. 12 Als sie aber satt waren, sprach er zu seinen Jüngern: Sammelt die übrigen Brocken, damit nichts umkommt. 13 Da sammelten sie und füllten von den fünf Gerstenbroten zwölf Körbe mit Brocken, die denen übrig blieben, die gespeist worden waren.

wenig und viel
Geburtsorte sind verschieden verteilt: Manche liegen irgendwo in Armenslums und andere auf einer Wochenbettstation im reichen Mitteleuropa. Geschwister sind ungleich verteilt: Manche haben gar keine und vermissen sie ein Leben lang und andere wachsen im Kreis von Geschwistern auf und sind nie ganz alleine. Das, was zu lernen ist, ist auch unterschiedlich verteilt: Manche haben große Talente und gute Bedingungen, andere nur Talente, aber schlechte Chancen, dritte keines von beiden. Auch die Liebe ist nicht gleich verteilt: manche bekommen ganz viel und geben wenig, andere werden kaum geliebt und wieder andere lieben nur ihre Arbeit. Fragen sind auch ungleich verteilt: Manche haben ganz viele Fragen und finden keine Ruhe, andere sind unbedarft und gehen einfach so durchs Leben und dann gibt’s noch die, nach denen niemand so recht fragt. Essen ist ungleich verteilt, Wasser auf den ganzen Globus gesehen auch, Geld im Geldbeutel und auf dem Konto natürlich auch, selbst die Haare auf den Kopf, die Freunde im Leben, die Schicksalsschläge, die Krankheiten, die schönen Momente, selbst der Tod trifft nicht alle gleich.
Irgendwie scheint alles, so gut wie alles, im Leben schon irgendwie verteilt zu sein. Unterschiedlich verteilt: die einen haben mehr, die anderen weniger, von einem ist viel da, vom anderen kaum etwas. Die Fragen der Jünger: Wo kaufen wir nur? Reicht das Geld für so viele? Genügt das? Was ist das schon? sind alltägliche Fragen und manchmal werden sie zugespitzt und dass alles schon immer verteilt ist, wird zur Not, zur Anfrage, zur himmelschreiender Ungleichheit, vor der wir fragend stehen: Die einen verhungern und die anderen haben volle Bäuche. Die einen flüchten ohne alles und die anderen haben 5-Zimmer-Wohnungen. Die einen rechnen in Millionen und die anderen fühlen sich wie Nullen. Die einen haben so viel und die anderen wenig.

Reste sammeln
Allein. Jesus ist vorher und nachher auf dem Berg. Er alleine sieht die Vielen. Er sieht jeden einzelnen der Vielen und jeden einzelnen hungrigen Bauch. Jesus lässt sie lagern, jeden seinen Platz nehmen und macht aus der Masse der Vielen eine Tischgemeinschaft für Momente. Jesus sieht das Kleine unscheinbare und es reicht, es reicht vollkommen, es muss gar nicht mehr und groß und herrlich sein. Er sieht ein Kind, vielleicht fast untergegangen in der Menge der Menschen, er stellt es für Sekunden in die Mitte, macht es groß und größer. Jesus reicht, was das Kind hat, Jesus reichen seine Brote und seine Fische für alle.
Jesus nimmt, was er vorher nicht hatte und er gibt es dann weiter an andere. Jesus nimmt, was da ist und gibt es weiter an die, die da sind. Jesus dankt zwischen nehmen und geben, inmitten des Werks seiner eigenen beiden Hände dankt er dem, dessen Werk im Grunde alles ist: Das Brot, die Fische, das Kind, die vielen, die Jünger und er selbst. Jesus dankt für das Geschenk in seinen Händen, für das Unverfügbare, das ihm jetzt zur Verfügung steht, für die Schöpfung in diesen Dingen und in diesem Moment des Wunderbaren, für das ewige und ewig immer schöpferische „sehr gut“, für Gottes Möglichkeit, die zur Wirklichkeit für viele wird.
Jesus macht alle satt, sie bekommen so viel, sie wollen, es gibt keine Essengrenze und keine Beschränkung. Was für eine unglaubliche Freude und tiefe Stille, welch Essensgeräusche und Herzschläge. Jesus schöpft aus dem Dank und unerschöpflich wird es für so viele. Nichts ist schon verteilt, alles wird in diesem Moment verteilt, wirklich alles, unerschöpflich. Und nichts, aber auch nichts darf vom Rest umkommen. In allem, im noch so Kleinen, im Rest wohnt jene Fülle, die Jesus von Gott in die Hände gelegt bekommt und in Liebe bis heute austeilt. Nichts ist nichts. In allem wohnt ein Stück der Fülle; deswegen vorsichtig damit, deswegen aufsammeln, deswegen herumgehen und aufsammeln, aufbewahren. Die Reste sind so kostbar, so wertvoll, so sättigend. Vom Heiligen gibt es eigentlich keinen Rest.

Nichts wird verteilt
Satt, Heilige werden. Vielleicht so leben: Es ist nicht alles schon immer verteilt. Sondern: Es wird in dem Moment verteilt, in dem Menschen es anblicken, es sehen, es annehmen, es nehmen, empfangen, wie Jesus es sieht, nimmt und verteilt. Mit seinem Blick, mit seiner wunderbaren Bewegung die Dinge, die Menschen, alles, was ist, sehen, nehmen und teilen.
In allem mehr sehen, im Brot, im Wasser, im Menschen. Nie nur das scheinbar vorhandene, das dann ungleich verteilt ist, sehen und nehmen, sondern mehr:
Gottes Möglichkeit in allem: Im Brot den hungrigen Bauch, im Flüchtling ein Menschen wie dich, in Geld das Leben des Anderes, im Armen jemand, der reich wird, im Dunkeln das Licht, im Haben den Dank und im Geben das Empfangen, in den Vielen den EINEN.
Nichts ist schon verteilt. Wir verteilen es neu, jeden Tag ein kleines Wunder. Amen.

Montag, 13. Juli 2015

Wer berührt mich?



Predigt zur Einweihung von „Pflegeheim Landwasser“
15. Juli 2015 im Innenhof

Lukas 8, 44-48
Und eine Frau hatte den Blutfluss seit zwölf Jahren; die hatte alles, was sie zum Leben hatte, für die Ärzte aufgewandt und konnte von keinem geheilt werden. Die trat von hinten an ihn heran und berührte den Saum seines Gewandes; und sogleich hörte ihr Blutfluss auf. Und Jesus fragte: Wer hat mich berührt? Als es aber alle abstritten, sprach Petrus: Meister, das Volk drängt und drückt dich. Jesus aber sprach: Es hat mich jemand berührt; denn ich habe gespürt, dass eine Kraft von mir ausgegangen ist. Als aber die Frau sah, dass es nicht verborgen blieb, kam sie mit Zittern und fiel vor ihm nieder und verkündete vor allem Volk, warum sie ihn angerührt hatte und wie sie sogleich gesund geworden war. Er aber sprach zu ihr: Meine Tochter, dein Glaube hat dir geholfen. Geh hin in Frieden!

Unberührt
Wie oft mag die blutflüssige Frau berührt worden sein, von Ärzten, von Menschen, die sie von ihrer Blutflüssigkeit heilen wollten. Wie oft berührten sie Hände an ihrem Körper, an ihrer intimsten, eigensten Stelle. Wie oft war die blutflüssige Frau voller Hoffnung und voller Enttäuschung, wenn wieder das Blut von dort aus ihr heraus floss, ihren Körper, den Boden berührte und nicht aufhörte, wenn der Ort ihrer eigenen Fruchtbarkeit zum Ort des Makels, des Toten immer wieder wurde; wenn man sie für unrein hielt, sie ausgrenzte, sie ekelig fand, sie bloß nicht berührte, nicht mal von ferne. Wie oft wurde sie berührt von ihrer eigenen, nicht enden wollenden Berührungsgeschichte, in der die entscheidende heilsame Berührung ausblieb, sie unberührt vom Heilwerden blieb.
Ihr Schicksal, ihre Geschichte teilen wir nicht, sie lässt uns aber nicht unberührt, sie berührt uns; wir teilen mit ihr irgendwie unsere eigene Berührungsgeschichte, vom Ausstehen, wenn wir selbst unsere müden Glieder kurz berühren, bis abends, wenn vielleicht ein zarter Kuss uns in den Schlaf hinein berührt, von unserer Geburt an, als wir von einem uns umhüllenden Berührungsort hinaus gepresst wurden, bis zu unserem letzten Tag, wenn ein anderer unsere Augen zum letzten mal sacht berührend schließt. Ohne Berührung kommen wir gar nicht aus, wir berühren automatisch mit dem Füßen den Boden, mit der Hand beim Gehen die Türklinke, mit der Körperhaut die Kleidung, mit unseren Händen Dinge, mit den Blicken das Leben anderer, im Lieben die Seelen derer, die uns anbefohlen sind. Berührungen sind wunderbar, zärtlich, rau, fraglich, pervers, schmerzhaft, verletzend, erhebend, helfend, unangenehm, ekelhaft, professionell, tastend, direkt.
Menschen, Filme, Lieder, Worte, Begegnungen, Fragen, Bilder berühren, hinterlassen ihren Eindruck, auf Haut, Körper, in Gedächtnis und Seele. Und bei jeder Berührung geben Menschen ein bisschen her, von sich, und bekommen etwas vom anderen, scheint Leben teilend verbunden, wie in diesem Haus, das wir einweihen, wo Berührung eine ganz eigene Geschichte schreibt, wo oft die Worte und gewohnte Kontaktformen fehlen, Berührungen nochmal ganz anders sind und anderes bedeuten.

Berührt
Jesus berührt nicht. Er wird von der blutflüssigen Frau berührt. Er lässt sich berühren von ihr, er lässt sich von ihr berühren inmitten einer Menge, die voller Drängen, Drücken, Berühren ist. Ungeheuer feinfühlig lässt sich Jesus von dieser einen Frau berühren, von dem, was sie ist, was sie an sich trägt, was sie von sich zum ihm trägt. Jesus wird berührt und stellt eine Frage, als wäre sie für all die Jahrhunderte nach ihm gestellt, als wäre sie auch heute gestellt: Wer berührt mich? Wer berührt Jesus? Wer will das? Wer tut das? Von uns?
Jesus lässt sich berühren und ist berührt. Gott lässt sich berühren und ist berührt. Gott bleibt und ist nicht unberührt von den, von seinen Menschen, von ihren Geschichten, ihren Hoffnungen, ihrem Leid, ihrem notdürftigen Sich-Austrecken nach ihm. Gott lässt sich berühren und er berührt. Jesus ist der Punkt, wo Gott sich berühren lässt. Jesus ist die Berührung Gottes, er ist die Berührung, mit der Gott Menschen berührt und Menschen ein Stück von ihm, sein Leben, seine Kraft bekommen.
Jesus berührt nicht. Er wird berührt. Jesus wird berührt, er merkt, er spürt, wie Kraft aus ihm ausgeht und übergeht, wie sein Leben voll Gott Anteil gibt anderen an Gott. Es ist keine Berührung um des Berührens willen, es ist der Moment, in dem Gottes Kraft auf einen Menschen übergeht, sein Leben umfängt, so sehr liebt, so sehr sich gibt, dass es sich darüber aufzubrechen, zu verändern, ja zu heilen vermag. Von dieser Berührungs-Hoffnung lebt auch dieses Haus, das wir einweihen.



Den Saum berühren
Dein Glaube hat dir geholfen. Es war nicht der Glaube von Jesus, nicht der überbrachte Glaube von anderen. Es war ganz und gar der eigene Glaube der blutflüssigen Frau. Ihr Glaube war, den Saum des Gewandes Jesu zu berühren. Mehr nicht. Ihr Glaube war es, hoffnungslos zu werden, alles andere versucht zu haben, mit leerem, blutleeren Leben dazu stehen und den Saum des Gewandes zu berühren. Ihr Glauben war es, unbemerkt, ungesehen von hinten den Saum zu sehen und ihn zu berühren. Ihr Glauben war es, vor Ehrfurcht niederzufallen, zu zittern und zu erschrecken, das Umstürzende und radikal Geschenkte zu spüren. Ihr Glaube war es, gebrochen vom Leben, unberührt vom Glück und Heil ein letztes Zutrauen zu jenem Mann aus Nazareth zu haben, die letzte Chance vielleicht ihm anzubefehlen, im bloßen Berühren des Saums Entscheidendes zu hoffen, geholfen zu bekommen.
Geh hin in Frieden. Das ist ihr geschenkter Glaube. Das Wunder ist das eine, das andere ist ins Leben zurückzukehren, das Neue auch zu leben, in allen zukünftigen Berührungen aus diesem Berührtwerden von Gott zu leben, selbst wenn das Blut wieder beginnen würde zu fließen. Geh hin in Frieden in diesem Haus hier, eine Haus, das unter anderem der Weglauftendenz von Menschen wehrt, eine doppelte Schleuse hat, das lässt tief blicken. Menschen im Alter, im Vergehen, im Verzeichnetwerden immer wieder in Gesten und Berührungen Zutrauen zu schenken, Zutrauen in den Saum des Lebens, das Gott schenkt, wäre wunderbar. Diesen Menschen hier, auch den Mitarbeitenden und Leitenden leise sagen: Geh hin in Frieden, wenn du hier gehst, schläfst, arbeitest, alt, verwirrt, merkwürdig wirst, stirbst. Geh hin in Frieden, lebe von Gott berührt. Denn Gott ist von dir berührt. Amen.

Samstag, 4. Juli 2015

Ein zweites Mal



Predigt am 5. Sonntag nach Trinitatis (05.7.15)
 Lukas 5, 1-11
1 Es begab sich aber, als sich die Menge zu ihm drängte, um das Wort Gottes zu hören, da stand er am See Genezareth 2 und sah zwei Boote am Ufer liegen; die Fischer aber waren ausgestiegen und wuschen ihre Netze. 3 Da stieg er in eines der Boote, das Simon gehörte, und bat ihn, ein wenig vom Land wegzufahren. Und er setzte sich und lehrte die Menge vom Boot aus.
4 Und als er aufgehört hatte zu reden, sprach er zu Simon: Fahre hinaus, wo es tief ist, und werft eure Netze zum Fang aus! 5 Und Simon antwortete und sprach: Meister, wir haben die ganze Nacht gearbeitet und nichts gefangen; aber auf dein Wort will ich die Netze auswerfen. 6 Und als sie das taten, fingen sie eine große Menge Fische, und ihre Netze begannen zu reißen. 7 Und sie winkten ihren Gefährten, die im andern Boot waren, sie sollten kommen und mit ihnen ziehen. Und sie kamen und füllten beide Boote voll, so daß sie fast sanken.
8 Als das Simon Petrus sah, fiel er Jesus zu Füßen und sprach: Herr, geh weg von mir! Ich bin ein sündiger Mensch. 9 Denn ein Schrecken hatte ihn erfaßt und alle, die bei ihm waren, über diesen Fang, den sie miteinander getan hatten, 10 ebenso auch Jakobus und Johannes, die Söhne des Zebedäus, Simons Gefährten. Und Jesus sprach zu Simon: Fürchte dich nicht! Von nun an wirst du Menschen fangen.
11 Und sie brachten die Boote ans Land und verließen alles und folgten ihm nach.

Zwei leere Boote
Zwei leere Boote. Am Ufer. Zwei leere Boote, am Anfang und am Ende. Beide mal verlassen, aber am Ende ganz anders als am Anfang. Dazwischen ändert sich alles, kommt Jesus, wird ein Mensch ein anderer, kehrt Sinn in die Welt.
Am Anfang leer gelassen, weil nichts gefangen und die Netze wie immer gewaschen werden müssen für den nächsten Alltag. Vielleicht wieder so leer. Zwei leere Boote, so leer gelassen wie manchmal wir selbst, leer, weil nichts bekommen, nichts behalten, weil der Alltag nichts übrig hatte, was er in unsere leere Seelen hätte füllen können.
Zwei leere Boote am Ufer. Jesus steigt in eines hinein. Jesus steigt mit ein, in die Leere, in meine Leere. Einfach so, zufällig mehr, unverhofft. Jesus steigt ein in mein Lebensboot und lässt sich ein Stück hinausfahren. Das gerade noch leere Boot wird gefüllt, mit Jesus, mit seinen Worten, seinen Gedanken, seiner Vorstellung von Gott. Das Boot wird voll. Auch in meiner leeren Seele beginnen die Worte zu wachsen, Gott zu werden, Leere zu weichen. Mein manchmal so schrecklich leeres, verlassenes Lebensboot wird gefüllt.

Anders gefischt
Aus Zufall wird Bestimmung. Zufällig stand Petrus neben der Menge. Nur aus dem Augenwinkel sah er Jesus, den alle sehen wollten. Nur nebenbei hörte er auch die Worte, die das Volk unbedingt hören wollte. Aus dem zufälligen Hörer, aus dem Unbeteiligten wird langsam und behutsam einer, den Jesus direkt anspricht, den er nach und nach mit hineinzieht in seine Geschichte, den er beteiligt.
Und er lässt ihn machen, was er immer macht. Er lässt ihn die Netze auswerfen, wie an unzähligen Tagen. Er lässt ihn sein Alltägliches tun: Netze auswerfen, Netze einholen, Fische fangen. Aus Zufall wird Bestimmung mitten im Alltag, langsam, behutsam, bestimmt. Eher zufällig, eher unbeteiligt, eher so wie immer, plötzlich angesprochen, radikal gemeint, etwas spüren und dann das Gewohnte, Alltägliche tun, aber darin etwas Neues finden, sich neu finden lassen.

Mitten im Alten wird Simon Petrus ein neues Leben zugesprochen, erhält das, was er immer tut, eine neue Bedeutung, erhält er neuen Sinn, erfährt er seine Aufgabe, leuchtet seine Bestimmung auf. Sie wurzelt in seinem alten Leben, setzt ihn aber auf neue, auf Gottes Spuren.
Wirf noch mal die Netze aus! Noch einmal! Es wird das letzte Mal sein. Es wird der Beginn deines neuen Lebens sein. Ein zweites Mal, eine zweite Chance. Bekommen. Haben. Wahrnehmen. Egal wie die erste verlief, aber eine zweite Chance im Leben haben und ergreifen. Wann immer auch. Ein zweite Lebenschance! Im Alten das ganze neue entdecken, gerufen werden, seine Bestimmung bemerken, und das Alltägliche wird durchsichtig für das Eigentliche. In Bewegung geraten. Losgehen. Das Neue, wozu man gerufen ist, anfangen. Erst lagerte sich Petrus, dann hörte er, schließlich verließ er alles und ging mit Jesus bis nach Jerusalem und dann viel weiter. Bis heute.

Mit leeren Händen
Du bist Menschenfischer, Petrus! Dein Boot war leer, du warst leer - und du hast mit leeren Händen die Netze ausgeworfen und sie wurden dir gefüllt.
Mit leeren Händen Menschenfischer werden! Nur mit leeren Händen kann man Menschen gewinnen, gewinnen für Gott. Nichts hatte Petrus, nichts haben wir, mit leeren Händen gehen wir und Gott wird sie uns mit Menschenseelen füllen. Mit leeren Händen, offen, so dass man die wunden Stellen sieht, leer, bereit mit zutragen, zu berühren, zu umarmen, zu suchen, zu nehmen, leer, bereit, sich füllen zu lassen und so Menschen für Gott zu gewinnen.
Mit leeren Händen wie Petrus dahin fahren, wo es tief ist. In die Tiefe zu gehen, ist mutig, dauert Zeit, bleibt nicht an der Oberfläche. In die Tiefe zu gehen, heißt bis an die Seele der Menschen reichen zu wollen, behutsam, langsam, so wie Jesus zur Seele von Simon Petrus tief ging und sei verwandelte. Dort in der Tiefe die Netze vorsichtig auswerfen: Zu Menschen gehen, bei ihnen sitzen, warten bis aller Seelenmorast abgesprochen ist, bis etwas aufleuchtet wieder von ihrem göttlichsten Kern - und dann Netze nach dunklen Bilder, die weg müssen, nach Geschichten die bewahren, nach heilsamen Worten, nach Gesten, die trösten, sachte auswerfen, um sie, um Rettung in der Tiefe zu holen.
Und wenn es dann passiert, wenn Gott es schenkt, dass Seele gerettet werden, dann mit Petrus erschrecken, erschrecken, weil wirklich ungeheuerliches passiert. Erfurcht empfinden, weil nicht wir es gemacht haben, weil Gott uns benutzt hat, uns! Fast zurückschrecken, weil es uns den Atem nimmt, weil es uns verwirrt, weil wir selbst so viel in diesem Moment bekommen, weil uns plötzlich selbst die Seele gefüllt wird.
Auf dein Wort Jesus, haben wir es getan, haben wir im alten das neue versucht, sind hinausgegangen in die Tiefe von Menschen, tun es immer wieder. Allein auf dein Wort hin, allein weil du es sagst, weil du unsere Seele suchst, weil du mit ins Boot steigst, weil du Leben allein verheißt und schenkst.

Leben schenken
Zwei leere Boote. Am Ende sind die beiden Boote wieder leer, verlassen. Aber jetzt ganz anders. Petrus und seine Brüder gegangen. Sie werden nicht mehr zurückkehren zu ihren Booten.
Das Alte, was vergangen sein soll, verlassen, hinter sich lassen. Nicht mehr zurückkehren zu dem, was uns leer macht: Die quälend leeren Boote voller Trauer, voller Sorgen, Ängsten, Zwängen verlassen. Jesus in der Seele spüren, ahnen, hoffen. Etwas von unserer Bestimmung, dem liebevollen Plan Gottes für und mit uns, mitten im Alltag geschenkt bekommen, davon umfangen werden und dann neu aufbrechen, Menschen auch Leben schenken. Amen.


Zu-Mutung Gottes



„Nähme ich Flügel der Morgenröte und bliebe am äußersten Meer,
so würde auch dort deine Hand mich führen und deine Rechte mich halten.“
 (Psalm 139, 9+10)

Predigt zur Einführung ins Evangelische Diakoniekrankenhaus am 3. Juli 2015

Einräumen
Und wenn Menschen ein ganzes Leben bräuchten, wenn sie sich mühten und nachdächten, wenn sie es morgens, mittags, abends irgendwie versuchten, immer wieder, vielleicht mit langen Lebenspausen, wenn sie es täten mit dem Verstand und der Logik, mit dem Herzen und vielleicht guten Ideen, es täten mit vielen Worten oder mit vergessenen Schweigen, sie würden es nicht vermögen, es gelänge ihnen nicht, keinem Menschen, nirgends, niemand, nicht von Anfang, als Menschenherzen begannen zu schlagen, nicht in Ewigkeiten, sie würden nicht fliehen können vor Gott, sie flöhen nicht.
Unter den Modi deutscher Verben mag ich den Konjunktiv eigentlich am liebsten. Er klingt schön, manchmal fremd, irgendwie aus fernerer Zeit. Ich mag ihn lieber als einen Indikativ, der immer weiß, was ist, der setzt und Tatsachen schafft; lieber auch als einen Imperativ, der befiehlt und anweist, Wirklichkeit auffordert zu sein. Konjunktive lassen dagegen irgendwie Raum, es könnte auch anders sein; Konjunktive sind manchmal herrlich irreal und entführen sprachlich in Gedanken in kleine Welten ferner Träume, die nie so kommen, und ein bisschen doch; Konjunktive drücken fast zart Wünsche aus und überlassen zurückhaltend anderen die Erfüllung. Konjunktive ermöglichen, von anderen zu erzählen, als erzählten sie selbst und man stünde in gebührender Distanz zum Gespräch, wundersame indirekte Rede.
Wie passen Konjunktive, die Distanz sagen, lassen, hierher, ans Krankenhaus, das von der Nähe lebt und erzählt: Nahe am Menschen? Wie passen „möchte, hätte, würde könnte, ließe“ zu alle den harten Fakten, Schlagzahlen, Kennziffern, dokumentierten Worten in diesem Krankenhaus der Indikative?

Nur weg
Und trotzdem und gerade, jetzt und hier: „Nähme ich Flügel der Morgenröte und bliebe am äußersten Meer.“ So zart, so leicht Flügel sein mögen, so oft sie in metallener Form uns in den Urlaub tragen mögen, so sehr wir unseren Kindern wünschten, dass ihnen Wurzeln und Flügel wachsen, so sehr manches Flügel verleiht und wir Himmelsstürmer seien, hier nicht, gar nicht, irgendwie anders, im Gegenteil: Hier sind Flügel Fluchtinstrumente und die Morgenröte etwas Letztes, das gerade noch wegtragen und retten könnte; ist hier das äußerste Meer das Maximum an Fluchtbewegung und weiter Ort fernab.
Flucht, innerlich, weit weg, weggetragen werden, nicht in der gefühlten Höllen-Mitte sein, sondern ganz am Rande, entfernt bleiben, sich verkriechen, verstecken, verbergen, weit weg, möglichst weit weg, von dem, was gerade schlimm ist, Not macht, verletzt, kränkt, Fehler, Versäumnis, Bedrohung, Unort ist. Tausend, mehr als tausend Flügel der Morgenröte, tausend, mehr als tausend äußerte Meere sehe ich auch hier, hier im Krankenhaus ja, vielleicht grad morgens, wenn die Station ganz aufwacht, der OP beginnt zu takten, die Verwaltung an Schreibtischen Platz nimmt, wenn alle hier ihre Arbeit tun und an sich tun lassen. Fluchtgedanken in sich: Würden mich jetzt bitte Flügel wegtragen, weg vom Bett und Diagnose, weg von Visite und Zahlenkolonne, weg von Terminüberflutung und Jourfix, weg von OP-Stress, Müdigkeit, Schuldzuweisung, Druck, Überforderung und trüge mich hinüber unsichtbar für alle, für Momente, lange, an einen anderen Ort, weit weg. Augen zu.

Auch dort
„Auch dort“. Zwei kleine Worte, zwei entscheidende. Ohne sie wäre der ganze Satz nichts. Auch dort. Selbst da, selbst wenn, selbst du. Menschen fliehen, fliehen vor Teilen ihres Lebens, vor anderen, vor sich, vor Gott und irgendwie suchen sie, suchen was, suchen sie sich, suchen vielleicht Gott mitten im Weglaufen und werden wie paradox gefunden, immer wieder von IHM gefunden.
Überall. Eine Zu-Mutung Gottes. Mit Bindestrich geschrieben und für uns alle MUT groß. In alle Konjunktiven der Menschenwelt kehrt Gottes Indikativ ein: Auch dort will er sein, unbedingt. Kann er sein, wirklich. Wird er sein, für uns. Ist er. Indikativ: Auch dort führt mich deine Hand und deine Rechte hält mich, genau dort, wohin ich fliehe, ich mich wegtragen lassen, wo ich am Äußersten bleibe, geflohen aus Angst, aus Selbstzweifel, aus Fremdheitsgefühlen, aus merkwürdigen Stolz, aus Kleinmut, aus Fehlern, Schuld, Not, anderer Worte. Mitten hinein in die tausend und mehr Flügel der Morgenröte, der tausend und mehr äußersten Meere hier und überall dort ist Gottes Hand.



In Gottes Hand
Gottes Hand führt und hält, leitet und birgt. Jeden einzelnen Menschen. Gott weiß um den Mensch, in wartender Geduld. Gott kennt ihn, vom ersten Atemzug an. Gott sieht ihn, leidet und freut sich mit, Gott lässt frei und sucht, findet und verliert sich in uns, er liebt uns mehr als sich.
Gottes Hand führt und hält, leitet und birgt. Auch dieses Krankenhaus. Es liegt komplett in seiner Hand. Absolut Geborgen. Ein wunderbares Bild, ein wunderbare Wahrheit. In allen notwendigen Sichtweisen auf dieses Haus ist dies Gottes Sicht selbst. Anders kann er es in seiner Liebe nicht schauen. Und so steht für alle, die mit ihm schauen, alles hier in diesem Horizont, alles Tun und Lassen, alles Denken und Planen, alles Pflegen und Operieren, alles Verwalten und Umsorgen, jeder Einzelne und alle zusammen in Gottes Hand. Eine Zu-Mutung – MUT immer noch groß geschrieben - für alle, die hier arbeiten und für Zeit hier als Patienten leben. Vor Gott können wir wirklich nicht fliehen. Zum Glück. Seit Jahrhunderten betet Menschenleben wie wir heute jenen Psalm und plötzlich verwandelt sich ein dunkler Konjunktiv zum Indikativ: „Spräche ich: Finsternis möge mich decken und Nacht statt Licht um mich sein –,so wäre auch Finsternis nicht finster bei dir, und die Nacht leuchtete wie der Tag. Finsternis ist wie das Licht.“ Seit Jahrhunderten mündet betend alles ein in das Lob Gottes. Ein Lob, das in Gottes liebenden Blick gründet, ein Lob, das ein Krankenhaus mit Seele in Gänge und Räumen selbst mit sich zu Gott spricht: „Ich danke dir dafür, dass ich wunderbar gemacht bin; wunderbar sind deine Werke; das erkennt meine Seele.“ Amen.