Dienstag, 23. Dezember 2014

Über-Lichtet



Predigt zur Christmette 2014 (24.12.2014)

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Morgendämmerung
Auf den ersten Blick, deutlich: Ein Wald und ein See. Dunkel, fast schwarz, nur in Umrissen sichtbar, aber klar erkennbar, ein Stück Natur, ein Stück Natur in der Morgendämmerung. Noch liegt dieser Welt-Abschnitt im Dunkeln, in der Nacht, im Schatten, aber die Sonne, das Licht kündigen sich an, geht auf, langsam. Stille. Das Licht kommt. Die Nacht weicht
Die Nacht aller Nächte. Vielleicht. Heiligabend jetzt. Deutlich Nacht. Bald Halbelf. Und doch Morgendämmerung, nicht außen, innen, in uns. Götterdämmerung. Wir kommen zur Nacht hierher und wir erwarten, erhoffen, wünschen uns ein Stück vom Licht, Licht, dass unsere Nächte, Lebens-Nächte weichen, das Dunkle, die Schatten in unserem Leben.
Unsere Lebens-Nächte sind in jener einen Nacht, in jener heiligen Nacht; unsere Lebensnächte, wundgeweint, verletzt, schuldbeladen, zerbrochen, unsicher, bedürftig, arm, lichthungrig. Unsere Lebensnächte sind in jener heiligen Nacht und damit gehen sie dem Licht entgegen, dass es uns scheine, aufgehe, sich kündet als stille unsere Lebens-Rettung.

Überblendet
Schaut man genau hin, konzentriert, dann wird sichtbar: Das eigentliche, das eine Bild ist überblendet, überzeichnet mit einem zweiten Bild. Beide Bilder sind ineinander verschoben, miteinander verwoben, merkwürdig verschmolzen, sind füreinander transparent, durchsichtig, als gehören sie irgendwie zusammen, das künstliche und das natürliche, Natur und Menschenwesen.
Heiligabend: Gott überblendet die Welt zart mit sich, er zeichnet sich und seine Liebe ein in diese Welt, Welt wird durchsichtig und transparent auf ihn hin, er auf uns; beides gerät ineinander, verschmilzt: Himmel und Erde, Gott und Mensch; Gott wird menschlich und Mensch wird göttlich.
Das zweite Bild oben links zeigt eine andere Welt, vielleicht fremder, abgehoben. Kleine Wesen und eine Erwachsene, Maria und Jesus mit Engeln. Die Engel singen, schauen, Maria und Jesus blicken, zart, hinunter, ihr Blick geht herab auf die Welt. Der Himmel wird dabei heiliger, wie eine kleine heilige Fatamorgana im Himmel, die aber zur Quelle auf Erden werden kann. Das Bild der Engel, von Maria und Jesus, das kleine Weihnachten, wird beschienen von der aufgehenden Sonne, vom Licht, bekommt die ersten Strahlen ab, und wird selbst zum Licht, ist dem Licht ganz nah und es scheint, als bräche mit ihnen, mit Jesus, Maria und den kleinen singenden Engeln das Licht für die an, herein, die in Lebens-Nächten sind.

Sich spiegeln
Auf dem Bild: Das anbrechende Licht, der lila-schwarze Himmel spiegeln sich im See. Ganz normal. So wie wir uns Millionen Mal spiegeln, im Spiegel morgens und abends, zufällig in einer großen Pfütze, vielleicht andächtig still am Rand eines stillen Wassers. Im Spiegeln sehen wir uns, so wie wir sind, oder wie wir erscheinen, uns erscheinen. Eine nette kleine Antwort auf die große Frage: Wer bin ich? Im Spiegel beziehen wir uns für kleine Zeiten auf uns, berühren uns wie indirekt.
Jeder Heilige Abend ist wie ein großer Spiegel, in dem wir uns spiegeln können, ein Stück von uns erkennen können, jedes Jahr, all unsere Jahre, im Laufe eines Lebens, jedes Jahr neu, anders. Was entdecken wir von uns im Heiligen Abend? Im heiligen Kind, in Maria und Josef, den Hirten, der Krippe, den Worten und Geschichten?
Maria, die Engel und der kleine Jesus, aus unserem Bild links oben, die müssten sich eigentlich im Wasser des Sees auch spiegeln. Sie tun es aber nicht. Merkwürdig, widersprüchlich, wunderbar. Wenn das uns passieren würde, morgens im Spiegel. Wir schauen näher hin: Statt sich zu spiegeln, sehen wir von Maria und Jesus einfach deren Verlängerung, deren natürliche Fortsetzung. Wir sehen, wie Maria das Bein, den Fuß von Jesus ganz leicht, ganz zart mit ihrer Hand berührt, und dann geht unser Blick nach oben und wir entdecken neu oder stärker, wie Jesus innig seine Arme um den Hals von Maria legt und Maria Gottes Sohn zart in Armen hält. Beide ineinander werden zum einen Zeichen der zarten Berührung Gottes; wie Gott in jener Heiligen Nacht seine Welt und Menschen zart berührt.

in Liebe verlängert
Wir spiegeln uns immer wieder. In Spiegeln aus Glas, in anderen Menschen, in Gott. Manchmal erkennen wir uns und lächeln zart, manchmal sind wir uns furchtbar fremd und dunkel, fast wie in einer ganz eigenen Nacht. Als heilige Momente der eigenen Morgendämmerung, als zarte Augenblicke, in denen Gottes Licht und seine Liebe behutsam in unser Leben anbricht, mögen wir, wenn wir uns spiegeln, manchmal auch mehr sehen:
Wir mögen heiligabendgleich sehen, wie wir uns nicht spiegeln, wie wir einfach über uns selbst hinaus verlängert werden. Unsere Verlängerung ist wie im Bild eine zarte Berührung, eine zarte Berührung Gottes: Wie ER uns ganz zart in Liebe berührt, verlängert.
In unserer eigenen Verlängerung zart berührt und geliebt werden wir auf wunderbare Weise ganz, vollständig, mehr, werden wir eingereiht in Himmel und Engelhaftes, verschmelzen unsere Welt mit Gottes, unser Leben mit seinem, werden beide aufeinander durchsichtig, rückt er uns ans Licht, wird alles Dunkle, Nachtähnliche in uns von IHM über-lichtet, werden wir zart geliebtes Teil seines Geheimnisses der Welt. Amen.

Berührungspunkte



Predigt zum Christvesper 2014 (24.12.2104)

Matthäus 1, 18-22+25
Die Geburt Jesu Christi geschah aber so: Als Maria, seine Mutter, dem Josef vertraut war, fand es sich, ehe er sie heimholte, dass sie schwanger war von dem Heiligen Geist. Josef aber, ihr Mann, war fromm und wollte sie nicht in Schande bringen, gedachte aber, sie heimlich zu verlassen. Als er das noch bedachte, siehe, da erschien ihm der Engel des Herrn im Traum und sprach: Josef, du Sohn Davids, fürchte dich nicht, Maria, deine Frau, zu dir zu nehmen; denn was sie empfangen hat, das ist von dem Heiligen Geist. Und sie wird einen Sohn gebären, dem sollst du den Namen Jesus geben, denn er wird sein Volk retten von ihren Sünden. Als nun Josef vom Schlaf erwachte, tat er, wie ihm der Engel des Herrn befohlen hatte, und nahm seine Frau zu sich. Und er berührte sie nicht, bis sie einen Sohn gebar; und er gab ihm den Namen Jesus.

Menschen berühren
Menschen berühren. Tagtäglich tausende Mal. Sie berühren Dinge, Sachen, Menschen. Sie berühren mit ihren Händen, fassen an. Sie berühren mit Körpern, einander. Sie berühren mit Worten, mit Blicken, mit dem, was sie sind, wer sie sind. Menschen berühren, kommen näher, kommen nahe, ganz nahe, das, was sie berühren, was sie anfassen, wird für Teile und Sekunden, für länger, intensiv, beiläufig, gebraucht, benutzt, fast eins mit ihnen.
Menschen berühren Heilig Abend und Heilig Abend berührt Menschen. Uns. Josef und Maria haben sich berührt, vielleicht in einem Blick, in einer Geste, in schüchternen Worten. Verliebte, Vertraute, Verlobte sind sie. Josef will Maria zu sich heimholen, beide wollen zusammen wohnen, zusammen leben, zusammen eins werden, wollen sich lieben, Anteil geben und haben, wollen sich berühren, miteinander schlafen, eins werden und lebendig Leben aus ihrer Liebe gebären.
Aber noch vor jener intimsten Berührung ist Maria schwanger und Josef ist zutiefst berührt, angefasst von dem unerwarteten Leben in Marias Leib. Tausend Fragen gehen ihm durch den Kopf, durch die Seele, Fragen nach Warum und Wie, nach Schuld und Verrat, nach Auswegen und Wegen. Josef will Maria nicht in Schande bringen, sie nicht bloßstellen, er will nicht, dass Maria berührt, angetastet wird von spöttischen, peinlichen Fragen der anderen; davon soll sie unberührt sein und bleiben. Josef will sie verlassen, heimlich, dass es niemand merkt, er will selbst unberührt bleiben von dem, was kommt, er will Abstand zu Maria, er will sich von ihr trennen, will sie nicht mehr berühren wollen.

Gott berührt
Aber Josef wird selbst berührt, berührt von einem Enge, im Schlaf, im Traum, in dem Menschen empfänglich, berührbar sind für anderes; er wird von Unberührbarem berührt, von einem Engel Gottes.
Und Gott berührt Josef und sein Leben, sein Vorhaben, weg zu gehen. Gott lässt ihn sein göttliches Vorhaben, seinen Weg wissen. Gott klärt Josef auf und macht ihm Mut, sich nicht vor den peinlichen Rückfragen, letztlich vor sich selbst nicht zu fürchten; Mut, das Naheliegende doch nicht zu tun; Mut, am ursprünglichen Weg festzuhalten, bei Maria zu bleiben. Gott berührt mit seinen Weg den Weg Josef und verbindet sich mit Josef und Josef nimmt Gott in sein Leben hinein auf Umwegen, mit Fragen, mit Zweifel, er lässt sich von ihm berühren und letztlich führen.
Josef spürt, weiß: Gott hat dieses Kind im Leib von Maria berührt. Wann und wo auch immer. Gott hat dieses Kind so sehr berührt. Dieses Kind ist voll von Gott, voll Heiligen Geist, es ist göttlich. Das Kind ist von Gott berührt und wird andere Menschen, die ganze Welt berühren, berühren bis heute, berühren mit Gott. Dieses Kind wird groß geworden göttliche Worte sagen, göttliche Taten tun, wird in Gleichnissen sprechen, wird Menschen heilen, Wunder tun, sterben und auferstehen, wird lebendig sein, wo Menschen an ihn glauben, von ihm sprechen, sein Wort und seine Taten weitersagen, wird Menschen berühren, dass sie wie Maria, wie Josef von jenem Unberührbarem in ihrem Leben berührt werden.

Unberührt
Josef wird zum Teil von Gottes Weg in die Welt, wird zu einem Berührungspunkt Gottes, in der Bewegung Gottes, wie er die Welt im Kind heilsam berührt. Josef holt Maria wie geplant heim, wird wie geplant ihr Mann und berührt sie nicht, lässt sie unberührt.
Josef berührt Maria damit vielleicht viel mehr als jemals zuvor und danach. Er wird eins mit ihr in Ehrfurcht vor dem Kind im Leib, dem heiligen Kind. Er weiß um das Unberührbare in ihr, um jenes in ihr, was von Gott zutiefst berührt ist, was voller Gott ist, was Gott ist, was seinen Geist in unermesslicher Fülle trägt und weitergibt.
Josef berührt Maria nicht, damit das Kind vom Stall unberührt göttlich selbst unermesslich berühren kann und wird, Menschen berühren kann und wird, bis auf den heutigen Tag, bis jetzt und lange nach uns. Wo immer Menschen - wie heute am Heiligen Abend geplant - von jenem Kind berührt werden, werden sie von Gott berührt. Sie werden von Gott berührt und seiner in Jesus deutlichen Liebesmacht zart und bestimmt berührt und geführt, sie werden aus dem Machtbereich des Bösen herausgeholt und sie kommen und bleiben in Berührung mit der göttlichen Liebe, werden von Sünde befreit.
Jenes Kind fiel Maria und Josef unverhofft in ihr Leben und beide wurden von ihm berührt zum einem Teil seines und ihres Lebens. Uns fällt dieses Kind Jahr für Jahr an Heilig Abend zu, unverhofft mag es uns berühren mit dem Unberührbaren, mit Gott selbst, berührt er uns mit seiner Liebe, empfangen wir Jesu Geburt als unsere wunderbare. Amen.

Samstag, 13. Dezember 2014

Gottes Nähe sehen



Predigt am 3. Advent (14.12.14)

Matthäus 11, 2-5
Als aber Johannes im Gefängnis von den Werken Christi hörte, sandte er seine Jünger und ließ ihn fragen: Bist du es, der da kommen soll, oder sollen wir auf einen andern warten? Jesus antwortete und sprach zu ihnen: Geht hin und sagt Johannes wieder, was ihr hört und seht: Blinde sehen und Lahme gehen, Aussätzige werden rein und Taube hören, Tote stehen auf und Armen wird das Evangelium gepredigt;

Dunkle Fragen
Dunkle Fragen umtreiben Johannes. Dunkel wie sein Gefängnis. Umgeben von kalten, dicken Mauern, eingekerkert wartet Johannes, wartet Johannes auf sein Ende. Wir wissen: bald wird er enthauptet, geköpft, umgebracht, bald wird er sterben. Johannes hat End-Gedanken, vielleicht die letzten Gedanken seines Lebens: Resümieren, Revue passieren lassen, Abschied nehmen, für immer Gehen. Johannes will es vielleicht noch einmal wissen, zum Schluss Gewissheit haben.
Dunkle Fragen umtreiben Johannes. Er hat von Jesus gehört, von Ferne, von jenem, den er schon im Mutterleib gehört hatte, von jenem, den er am Fluss Jordan getauft hatte, der sich mit ihm in den Zeitpunkt der Buße stellte. Von Ihm hat Johannes gehört und er fragt, er fragt sich, ob jener Jesus der Messias, der Weltenretter sei, jener sei, von dem Johannes selbst gesagt hat: Dieser wird kommen, mit diesem wird endlich das Himmelreich anbrechen, nahe sein für alle.
Dunkle Frage: Bist du es? Oder bist du es nicht? Ist das Himmelreich da? Oder ist es nicht? Muss ich noch warten, länger warten, zu lange? Harren, unerfüllt sein, warten, wo ich doch bald keine Zeit mehr habe zu warten, wo ich doch sterben werde. Dunkle Fragen mitten im Advent. Menschen zünden sich Kerzen an, immer mehr, als wüssten sie um die dunkle Zeit, um dunkle Momente, um Ängste, um Mauern, die um sie sind, um die ganz persönlichen Gefängnisse des Lebens und wüssten um das lange, zu lange Warten, um ihr Harren auf tiefe Erfüllung, auf ein Stück des Himmels, auf die Nähe von Gott.

Mit den Augen der Anderen
Johannes fragt, er fragt Jesus, aus der Ferne, aus seinem Gefängnis heraus. Johannes sendet Worte und ihm werden Worte gesandt, ihm wird auf seine dunkle Frage hell geantwortet. Indirekt. Es sind die Augen anderer, die sehen und Johannes berichten. Es sind die Augen anderer, die sehen und Johannes sehen lassen. Die Augen der anderen lassen Johannes sehen, malen ihm vor Augen und beseelen ihn mit dem, was sie sehen. Johannes bekommt was zu sehen. Er sieht durch die Augen der anderen.
Wir haben unsere Augen, wir sehen die Welt, uns im Spiegel morgens, abends, schön, hässlich. Wir sehen die anderen, wir sehen, wie sie vor uns stehen, ihre Kleidung, Gesichter, manchmal ein Stück ihres Inneresten, ihrer Seele. Wir sehen vielleicht manchmal Gott.
Wir sehen nie anders als mit unseren Augen und von zu Zeit sind wir verdunkelt, verschattet von innen heraus und mindestens halbblind, sehen nicht, nicht das, was wichtig wäre, wesentlich, heilvoll und tief erfüllend. Im Advent dem Licht entgegen sehen, aus jener eigenen Dunkelheit, in eigenen gefangenen Momenten, still dasitzen, wie Johannes, warten, fragen, harren, suchen, dem Licht, Gott und seiner Nähe entgegen sehen, nicht mit eigenen Augen.
Wie Johannes: Dunkel mit den Augen der anderen sehen, sehen, was sie dann sehen, was sie belebt, was ihnen an Licht, an Hoffnung, an Erfüllung ins Augen, ins Leben, in ihren Advent fiel und fällt. Uns ihren Augen anvertrauen, durch sie sehen, sehen lernen, die Augen in den Augen der anderen geöffnet bekommen und etwas zu sehen bekommen. Sich im Advent etwas sagen, sehen lassen, es zum Sehen, zum Hören bekommen, geschenkt und daran wie Johannes lichter werden.


Lichtblick
Am Ende, in seinem dunklen Gefängnis sieht Johannes seine Wirklichkeit. Er sieht: Sein Ruf zur Umkehr, sein Ruf zur Buße am Jordan hat sich erfüllt. Das Himmelreich ist nahe. Sein Lebenssinn hat sich erfüllt, seine Sehnsucht und Hoffnung haben mitten in Angst und Ende, mitten in Zweifel und Fragen eine Antwort. Er sieht: Gott ist nahe, er ist am Kommen, er kommt, Gottes Gegenwart bricht herein, sein heilvolle Licht leuchtet über die, die im Dunklen wandeln. Johannes wird gewiss sterben, sicher: Sein Leben hat sich soeben erfüllt.
Johannes sieht mit Jesu Augen. Jesus sah und sieht Gott am Werke, überall und überall mit ungeheurer Liebe. Jesus sieht Gottes Gegenwart ganz nah, so nah, dass sie in ihm lebendig, gegenwärtig ist, er die bösen Mächte dieser Welt brechen kann, Heil ist, heilt und Menschen tröstet, spüren, sehen lässt: Sie werden gerade von Gottes Liebe tief berührt.

Mitten im dunklen Advent mit Johannes da sitzen, da sitzen ein bisschen in unseren merkwürdigen Gefängnissen und mit Jesu Augen sehen, mit Jesus Gott am Werke sehen, sehen: Gott ist an mir am Werke, gerade an mir, so wie ich bin. Ich mit meinem Zweifel und den kleinen und großen Fragen, ich mit meinem Warten und meiner Ungeduld, ich mit der Lust und dem Frust an Weihnachten, wir mit unseren Träumen und Sehnsüchten, mit unseren Hoffnungen und Schmerzen, Fehlern und Großartigkeiten, mit unserer so tief in uns eingeprägten Bedürftigkeit und Herrlichkeit. An uns ist Gott am Werk, verwandlungswillig.
Und am Ende im Advent: mit Johannes etwas erfüllt sehen, nicht irgendetwas. Etwas von dem, was uns gründet und hält, was Sinn und Trost ist, was von Gott ist, was Gott ist. Etwas wie Johannes erfüllt sehen, Gottes Nähe sehen, sein Licht, seine Wirklichkeit, seine Liebe, die mich erfüllt und mein Leben zu verwandeln vermag. Mit Johannes adventlich aus dem Dunkeln ans Licht leben. Amen.


Sonntag, 7. Dezember 2014

Kleine Könige



Predigt am 2. Advent (7.12.2014)

Offenbarung 3, 7-13
7 Und dem Engel der Gemeinde in Philadelphia schreibe: Das sagt der Heilige, der Wahrhaftige, der da hat den Schlüssel Davids, der auftut, und niemand schließt zu, der zuschließt, und niemand tut auf:
8 Ich kenne deine Werke. Siehe, ich habe vor dir eine Tür aufgetan und niemand kann sie zuschließen; denn du hast eine kleine Kraft und hast mein Wort bewahrt und hast meinen Namen nicht verleugnet. 9 Siehe, ich werde schicken einige aus der Synagoge des Satans, die sagen, sie seien Juden und sind's nicht, sondern lügen; siehe, ich will sie dazu bringen, dass sie kommen sollen und zu deinen Füßen niederfallen und erkennen, dass ich dich geliebt habe. 10 Weil du mein Wort von der Geduld bewahrt hast, will auch ich dich bewahren vor der Stunde der Versuchung, die kommen wird über den ganzen Weltkreis, zu versuchen, die auf Erden wohnen.
11 Siehe, ich komme bald; halte, was du hast, dass niemand deine Krone nehme!
12 Wer überwindet, den will ich machen zum Pfeiler in dem Tempel meines Gottes, und er soll nicht mehr hinausgehen, und ich will auf ihn schreiben den Namen meines Gottes und den Namen des neuen Jerusalem, der Stadt meines Gottes, die vom Himmel herniederkommt von meinem Gott, und meinen Namen, den neuen. 13 Wer Ohren hat, der höre, was der Geist den Gemeinden sagt!

Ich habe einen Namen
Meinen Namen trage ich. Seit meiner Geburt. Ich trage ihn mit Würde und manchmal wird er mir zu schwer, wie ich mir selbst. Ich habe einen Namen, meine Eltern haben ihn gefunden und mir gegeben. Ich höre auf ihn, meistens, und wenn ihn bestimmte Menschen sagen, dann schlägt mein Hert höher. Ich habe einen Namen und schreibe ihn, seit ich schreiben kann, bis jetzt und bis ich sterbe vielleicht mit zitternder Hand, ich schreibe ihn in Formulare, unter Überweisungen, auf Hefte, in Bücher; wo mein Name draufsteht, das gehört irgendwie zu mir.
Auf mir einen Namen schreiben. Das würde ich nicht wollen. Das wäre fremd, ungewöhnlich. Auf mir schreiben … Ich bin doch kein Ding. Ich gehöre doch mir. Kinder schreiben sich Namen manchmal auf die Hände, manche Jugendliche immer noch, manche tätowieren sich den Namen ihrer Liebe auf den Oberarm, bis die Falten ihrer Haut den Namen verzeichnen, der Namen, zu dem sie gehören möchten.
Gott schreibt seinen Namen auf mich. Unsichtbar sicher. Ich gehöre anscheinend nie nur mir selbst. Ich gehöre ihm. Er ruft mich bei Namen, mein Name ist ihm bekannt, wie ich ihm bekannt bin. Sein Name steht auf mir, ich bin gekennzeichnet, sein Besitz.: Auf seinen Namen bin ich getauft, gerufen. In seinen Namen soll ich leben, tun und lassen. Um seines Namens willen soll ich atmen, gehen, denken, hoffen. Ich bin ein Teil von ihm. Ein Teil von seiner Wirklichkeit, seinem Reich, seinem Tempel, seiner Gegenwart bei mir und bei seinen Menschen.
Geheiligt werde dein Name, Gott, das sollen wir tun mit dem, was und wer wir sind; da, wo wir ihn heiligen, werden wir selbst mit seinem Namen benannt und wir werden selbst als eine Namensträger geheiligt und Heilige, für flüchtige Momente und eine kleine Ewigkeit.

Ich bin ein Werk der Liebe Gottes
Gott ist heilig. Wahrhaftig. Mächtig. Er hat die Gewalt über die Schlüssel des Lebens, er kann und will uns Leben gewähren, Anteil daran geben, Leben schenken. Er kommt, er kommt immer bald. Wir brauchen ihn. Wir begegnen Gott, er begegnet uns, er kann und will das.
Er kennt uns. Er hat uns lieb gewonnen, aus seinen Gründen. Er liebt uns. Er öffnet uns die Tür zum Leben, schließt sie uns auf, gewährt uns Zugang zu sich, zu dem, wer und was er ist, für uns ist und so sehr von Herzen sein möchte. Er bewahrt uns das, was wir haben, haben von ihm, er hält uns bei sich, er hält in uns das wach, lebendig, was uns mit ihm verbindet, was wir in unserer langen Suche nach Leben bei ihm entdeckt haben:
Die Worte, die wir von ihm von Kinderbeinen hörten. Die Lieder, die in unser Herz mal fielen. Die Menschen, die uns Gottes Bedeutung ins Leben spiegelten. Gewachsenes Vertrauen, versuchter Glaube, zarte Hoffnung, geschmeckte Liebe. Das bewahrt er uns.
Wir entdecken selbst: Wir sind Werk seiner Liebe. Und Gott möchte, dass andere das auch sehen. Um unseretwillen. Um seinetwillen. Um deren willen. Alle eigentlich sollen sehen, verstehen: Gott liebt und die Menschen sind Werke seiner Liebe, er erkennt sie und gewinnt sie lieb, er möchte in ihnen seinen Liebesfunken bewahren. Vor den Werken seiner Liebe sollen sich beugen aller Knie, zu deren Füßen sollen fallen alle nieder. Gott macht Menschen zu Königinnen und Königen seiner Liebe, er adelt sie mit seinem Blick und seinen Sorgen, er erhebt sie aus dem Staub der Gewöhnlichkeit, aus dem Nichts des Nicht-sein-Könnens und stellt sie in den Glanz seiner Zuwendung, seiner Liebe, macht sie zu kleinen, wertvollen Königen.

Ich trage eine Krone
Oh ja, wir haben immer eine kleine Kraft, einen manchmal recht kleinen Glauben, mit dem wir versuchen zu glauben, zu hoffen, zu lieben. So vieles spült uns oft genug weg von diesem Glauben, zieht unsere Aufmerksamkeit ab, verwirrt uns. In naher Gesellschaft alle der kleinen und großen Satane der Welt, all der sich im schönen Kleiden versteckenden Versuchungen ist es nicht leicht zu glauben, bei Gott zu bleiben, seinem Wort das nötige Vertrauen zu schenken, sich auf deine ohnmächtige Macht doch ganz zu verlassen.
Aber: Er liebt uns. Er macht uns zu kleinen Königinnen und Königen seiner großen Liebe. Er setzt uns kleine Kronen auf, jedem von uns, auf sein graues, helles, dunkles Haar, auf den manchmal komisch verwirren Kopf, mit Sinn und Unsinn drin, mit Plänen und Erschütterungen, mit so vielen Worten, die alles bedeuten.
Er setzt uns eine kleine Krone auf, unsichtbar da liegt sie, am besten wären sie wie angewachsen, unsere Freiheit lässt sie dort aber locker sitzen:
Wie oft mag sie herunterfallen in den Dreck von Sünde und Schuld, lassen sie fallen. Wie oft stoßen andere sie herunter, weil sie uns und unsere Seele anrempeln. Wie oft beachten wir sie wenig, setzen anderen über sie, auf sei drauf.
Ich sehe Gott sich immer wieder adventlich hinknien, fein säuberlich heruntergefallene kleine Kronen vom Boden und Staub aufheben, sie zärtlich sauber wischen, auf ihren Namen schauen und den Menschen suchen, dem sie gehörtt. Ich sehe, Gott die kleinen gefallenen Kronen immer wieder uns aufsetzen, einem jeden von uns. Immer wieder. Mit so akribischer Liebe.
Ich halte sie fest. Ganz fest. Ich taste von Zeit zu Zeit nach ihr. Freue mich adventlich, wenn sie da gut auf meinem Kopf sitzt und halte sie, wenn´s hart wird, mit meinen beiden Händen fest. Sie ist so kostbar, wie Gottes Liebe. Wie meine. Im Namen der Liebe halten wir unsere kleine Krone alle fest. Amen.