Mittwoch, 26. November 2014

Mit Tränen benetzt



Predigt am Ewigkeitssonntag 2014 (23.11.14)
 Klappkarte Tränendes Herz
Eine leere Klappkarte
Eine leere Klappkarte halten Sie in den Händen. Leer. Nur ein Spruch auf der einen Seite. Sonst leer. Unbeschrieben. Als wolle jemand sie beschreiben, mit seiner Handschrift. Sie erinnert an die Zeilen, die Sätze, die Briefe, Postkarten, Zettel, die ihr lieber, verstorbener Mensch geschrieben hat, an seine Handschrift, an die Worte, an ihn, an das, was er gedacht, geschrieben, gesagt hat, an seine Schrift, an seine Hände.
Es schimmern leicht durch auf der leeren Klappkarte all die Karten, die Briefe, die Sie bekommen haben, einzelne, einige, formelhafte, herzvolle, mit denen Ihnen geschrieben wurde, die Sie lasen, die ihnen Worte schenkten, Trost sprachen, die Leere, die sich um sie auftat, als ihr lieber Menschen den letzten Atemzug tat und starb, etwas anfüllte. Die leere Klappkarte, geöffnet in Ihren Händen, spiegelt etwas wieder von der Leere des Todes, des Abschieds, der Trauer, der Leere, die bleibt, wenn Menschen, die Leben gefüllt haben, gehen.
Ein dagegen kleiner Vers auf der linken Seite: Gott spricht: „Ich habe deine Tränen gesehen.“ Gott spricht. Das ist gut. Er bleibt nicht stumm, nicht abwesend, nicht auch leer, er spricht. Und er spricht, dass er deine Tränen gesehen hat. Er hat sie gesehen, nicht er wird sehen oder er sieht. Nicht Futur, nicht Gegenwart, sondern Perfekt: Er hat sie gesehen. Unverrückbar. Sicher. So ist es. Er hat sie gesehen, eure Tränen.
Wie manche. Wie manche eure Tränen gesehen haben. Nicht viele, vielleicht nur die, die euch nahestehen, die ihr in euer Gesicht, auf Euch sehen haben lasst. Die haben eure Tränen gesehen, schon vorher, als ihr manche Nacht weintet, weil pflegen, begleiten, mit jemanden auf den Tod zugehen, uns so nahe berührt; dann eure Träne, als der Tod eintrat und klar war, nun ist er gegangen, und Tränen zur einzigen noch sagbaren Sprache wurden. Die Tage und Wochen danach, Tränen bei der Beerdigung, Tränen, wenn man an den lieben Menschen dachte, über ihn sprach, Tränen in einsamen Stunden und manchen Abenden. Was wir vielleicht lieber verbergen, was unsichtbar in uns ist, tritt heraus und wird sichtbar, wenn wir weinen, in unseren Tränen.

Herz an Herz
Unter dem Spruch von Gott sehen wir zwei kleine Herzen, miteinander verschlungen. Vielleicht beginnen die Tränen im Herzen, sammelt und wohnt dort im Herzen das, was wir beweinen, und aus dem Herzen steigen die Tränen irgendwie in uns hoch, steigen in die Augen und beginnen dort sichtbar zu werden leicht glasig und dann tropfen sie die Wange hinab.
Herztränen.
Gott sieht diese Tränen. Er sieht das Herz und was darin ist, er sieht die Tränen dort sein und er sieht, wie ihr sie weint. Gott schweigt nicht zu unseren Tränen. Bevor er unsere Tränen im Krug sammelt, er sie in unseren Augen wie verheißen abwischt, sieht er sie, ist er ihnen und uns nicht fern, nicht in Distanz. Er ist unseren Tränen nahe. Sie berühren ihn. So wie die Tränen der Sünderin, die zu Jesus Füßen saß, und seine Füße mit kostbarsten Öl salbte, und deren Tränen seine Füße benetzen, berührten, Jesus berührten, sein Herz berührten, weil ihre Tränen so kostbar waren wie das Öl für ihn, weil beide wussten, was sterben und weinen heißt, und dass Gott denen nahe ist, die weinen und sterben.
Gott sieht eure Tränen. Herz an Herz. Verschlungen.

Tränendes Herz
So können wir die Karte zuklappen. Und sehen selbst. Sehen die Blüten der Pflanze „Tränendes Herz“. Blüten, die aussehen wie Tränenherzen. Eines davon, stellen wir uns vor, mag unser tränendes Herz sein. Die tränenden Herzen sind nicht alleine, nebeneinander hängen sie dort, eines neben das andere; wie Sie nebeneinander in den Bankreihen sitzen, Tränenherz neben Tränenherz, Trauer neben Trauer, Abschied neben Abschied, Geschichte neben Geschichte, Trost neben Trost, Mensch neben Mensch. Ihr. Wir.
Verbunden sind die tränenden Herzen durch einen zarten Spross, der irgendwo ungesehen zur Wurzel führt, von dort das Leben bekommt, entlang des Sprosses hinein ins tränende Herz. Das Leben hört nicht auf. Wir bleiben verbunden mit ihm, hängen an ihm, werden getragen, bis hinunter zur Wurzel, die wir manchmal nicht sehen, die aber da ist, aus der wir heraus leben, Leben bekommen.
Die tränenden Herzen scheinen wie zu weinen, ein Tropfen scheint aus ihrem Herzen zu tropfen. Wie in einem Moment festgehalten wird sichtbar, wie aus dem Herzen, vielleicht randvoll gefüllt mit Tränen, Tränen tropfen. Wohin ist egal, warum ist egal. Sie tropfen, sie lassen ihre Tränen aus sich heraus und werden leichter, tränenleerer.
Die tropfenden Tränen der tränenden Herzen sind selbst Blüten, weiße Blüten. Die Tropfen der tränenden Herzen sind Blüten. Jede Träne, die wir weinen, die in sich all die Trauer und Traurigkeit trägt, die von Tod und Abschied erzählt, von Schmerz und Leid weiß, jede dieser Tränen, eurer, ist eine zarte weiße Blüte. Wie das ganze Tränenherz. In jeder Träne wohnt auch das neue Leben, verborgen, zart, unsichtbar vielleicht, es wohnt aber darin. Es wird in der Trauer sachte euch blühen.

Auf der Rückseite
Drehen wir die zugeklappte Karte, zum Schluss. Noch mal das gleiche Bild, und ein kleiner so alltägliche Hinweis, wie das Bild heißt, woher es kommt und wer es gemacht hat. Nach dem Tod Rückkehr in den Alltag. Das Bild der tränenden Herzen ist verblasst. Noch ist eure Erinnerung an das Sterben und an den Abschied ganz präsent. Es mag sachte verblassen, und im Verblassen wünsche ich euch, dass sichtbar werde - wie die ewige Liebe, wie „Herz an Herz“ - die Erinnerung an eure lieben Menschen, dankbar lebendig.
Und seid gewiss:
Innen drin ist Gottes Wort für euch: „Ich habe deine Tränen gesehen.“ Bei jedem von Euch. Sein Herz an eurem. Gerade wenn es weint. Eng verbunden. Für eure Leere. Keine Leere. Gott schenkt euch seine Fülle, sich. Amen.

Samstag, 7. Juni 2014

Lebendig



Predigt an Pfingstsonntag (8. Juni 2014)

Römer 8, 1+2 und 11
So gibt es nun keine Verdammnis für die, die in Christus Jesus sind. Denn das Gesetz des Geistes, der lebendig macht in Christus Jesus, hat dich frei gemacht von dem Gesetz der Sünde und des Todes. Wenn aber Christus in euch ist, so ist der Leib zwar tot um der Sünde willen, der Geist aber ist Leben um der Gerechtigkeit willen. Wenn nun der Geist dessen, der Jesus von den Toten auferweckt hat, in euch wohnt, so wird er, der Christus von den Toten auferweckt hat, auch eure sterblichen Leiber lebendig machen durch seinen Geist, der in euch wohnt.

Wort an Wort
Lebendig bin ich, wenn andere von mir Geschichten erzählt, vielleicht welche vom Anfang, oder als ich krank war oder auch nur so kleine beiläufige. Lebendig bin ich, solange ich einen Namen trage und jemand ihn nennt, manchmal zart, beim Kommen und Gehen. Lebendig bin ich, wenn ich Wort an Wort mit anderen wohne, wenn es Worte mit mir drin gibt, wenn Worte mich treffen, wenn in Worte anderen so nahe komme, wenn ich Antworten finde und selbst Antwort bin.
Lebendig bin ich, wenn ich nicht sterben will, wenn Schmerz mich quält, wenn ich lache, bevor ich denke, wenn ich weine, wenn ich liebe. Lebendig bin ich im Blick des anderen, in der Sorge um mich, wenn ich berühre und berührt werde und in mir sich etwas regt. Lebendig bin ich, wenn ich durchatme, meine Gedanken kreisen, wenn ich für Momente spüre, woher ich komme, worauf ich hingehe, wozu ich eigentlich lebe.
Lebendig bin ich, wenn ich das Leben und die Liebe in mir spüre, wenn ich mich spüre und das dies alles seinen Sinn hat, wenn ich Leben teile und bekomme, wenn andere mir kleine Geheimnisse erzählen, mich auf Reisen mitnehmen in ihre Gefühlswelten, wenn eine Begegnung mir mehr zu geben vermag, als ich besitze, je besitzen werde.
Mein Atem geht in mir, hebt meinen Brustkorb und senkt ihn wieder, mein Herz schlägt in meinem Takt und lässt mein Blut in mir fließen, zirkulieren. Meinen Puls kann man spüren. Mein Gehirn hat Neuronen, mein Körper Zellen, ich bin Fleisch, Knochen, Gewebe, Haut, Haare. Solange am Monitor nicht eine waagerechte Linie erscheint und ein monotoner Ton meinen Tod signalisiert, lebe ich, bin ich lebendig, noch nicht tot.

Gegenrede
„Tot“ in mir ist aber immer auch etwas, manches. Vielleicht vieles ist gestorben in mir, gestorben tief in mir drin, irgendwann, unbemerkt, schmerzlich, plötzlich, nach und nach, und dieses Tote liegt in mir, auf Seelengrund, schwärzt mich, dunkelt mich ab. Etwas gestorben in mir, wenn eine letzte Hoffnung starb, ein langer Wunsch doch unerfüllt blieb, wenn ich an meiner Seele verletzt wurde, gekränkt und beschädigt, wenn Sätze, die ich sagte, denen ich mich ganz anvertraute, ungehört blieben, enttäuscht wurden, wenn Begegnungen und Worte weh taten, wenn Furcht sich in allem einschlich, wenn Blicke nicht mehr sahen, wenn die Liebe endete. Tausend kleine, große Totesmomente, totes Leben in uns. Verdammt.
Verdammt: Und es spricht auch etwas gegen mich. Manches. Vieles vielleicht: Viele kleine Dinge und manche große. Gegen mich kann etwas erkannt, wahrgenommen, gesehen, gesagt werden. Und all das verurteilt mich, legt sich wie ein Urteil, eine Strafe auf mich und verwirft, verwirft etwas vom eigentlichen Plan vom Leben, von der Lebendigkeit. Etwas, manches, vielleicht vieles spricht gegen mich. Vielleicht all das, was ich dem Leben und seiner Lebendigkeit angetan habe, wo ich Leben beschädigt, verletzt habe, in Wort und Tat. Und all das steht gegen mich, kann benannt und gesagt werden, in Worte gefasst werden gegen mich, nicht wenige Worte wären das, gegen jeden, jeden von uns wären sie zu finden. Verdammt.

Mein Liebstes
Gegen Jesus sprachen alle, laut. Viele: Die Herrschenden, Pontius Pilatus, das Volk, selbst seine Jünger verleugneten ihn. Am Kreuz verstummte er selbst und starb. Wie ein verdammter, verworfener Mensch. Und Gott schwieg und schwieg und schwieg. Unendliche Stunden lang. Und Gott fand wieder all die Worte, die Jesus sprach, mit denen er Menschen heilte, den Himmel auf Erden predigte, Sünder annahm, Gemeinschaft stiftete, mit denen er Gott in Seele von Menschen zart bestimmt legte. Und Gott selbst fand Worte und sprach zu Jesus: Steh auf, steh auf von den Toten und Jesus lebte wieder und lebt seitdem in jedem Wort, das von ihm spricht, heilt und befreit.

Fürsprache
Für uns spricht, findet Worte der Geist Gottes, bei allem, was gegen uns spricht, bei allem, was in uns totverhangen ist. Wie er zu Jesus „Steh auf“ sprach, spricht er zu Menschen: Steh auf, und Menschen stehen auf und spüren neues Leben in sich.
Gottes Geist sucht und findet tausend und mehr Wort für uns, alle Worte findet er, die für uns sprechen, und er macht sie stark und kräftig für uns, sagt sie solange und immer wieder, bis sie wieder wahr werden und ihre Kraft uns selbst aufweckt, uns aufrichtet, uns von Totem in uns befreit, uns beseelt, uns bewohnen, uns lebendig machen.
Er sucht und findet Worte für uns, die uns verbinden mit dem Ursprung aller Worte: mit Gott. Die uns mit dem verbinden, der Lebenswort selbst ist: Christus. Die uns mit allen verbinden, für die Gottes Worte sprechen: uns untereinander. Gottes Geist sucht und findet Worte, die „Wort an Wort“ in uns zu leben beginnen, mit denen Gottes Liebe in uns gegenwärtig spürbar wird, mit denen wir Gott gefallen, mit denen Seelenfrieden wird; Worte, mit denen Christus in uns und wir in ihm wohnen, mit denen wir gewiss und geistvoll spüren:
Ich bin nicht tot. Ich bin lebendig. Amen.

Montag, 12. Mai 2014

Ver-Bunden



Predigt an der Konfirmation 2014

Verbinden
Ein Klick und das SMS, das Mail ist weg. Keiner weiß genau, wie es den Weg durch all den Wirrwarr findet, es erscheint aber auf dem Display des anderen. Er liest, was sie geschrieben hat. Beide verbunden durch ein paar Worte. Dauerverbunden durch digitale Technik, durch Facebook und Handy. Und doch manchmal so abgeschnitten, unverbunden, allein, allein im Zimmer, im Herzen, auf der Welt.
Überall, wo Menschen sind, gehen sie Verbindungen ein, ein Blick verbinden mit dem, was man sieht; eine Berührung mit dem, was man anfasst; ein Wort mit dem, den man es sagt. Abermillionen kleine Verbindungen, wie fein gesponnene lose Fäden, nette, zart und zerbrechliche. Menschen verbinden, verbinden sich, binden Fäden zusammen, werden fest gebunden, binden Schuhe, entbinden Kinder. Es gibt Zweckverbindungen auf Zeit, Liebe auf den ersten Blick, ewige Verbindungen, weil das Blut des einen in den Adern des anderen fließt, es gibt berufliche Verbindungen, vertraglich geregelt, es gibt Zugverbindungen, es gibt unheilvolle Verbindungen, und: Freundschaft und Liebe.
Verbindungen werden geknüpft, erhofft, gepflegt, gelöst, manche Verbindungen sind unerklärlich unsichtbar, manche tun weh, und nicht wenige Menschen leben leider verbindungslos, zu sich, zu andren, zu Gott; und: es gibt Freundschaft und Liebe. Es gibt Bündnisse, wie die Bundesrepublik oder den DFB, es gab das grüne Band der Sympathie, es gibt Verbundstoffe und Gottes Bund mit den Menschen, die Bibel sein Bundesbuch, und: Es gibt Freundschaft und es gibt die Liebe.


Gott verbunden
In der Konfizeit seid ihr unwillkürlich eine Verbindung eingegangen, alle, die daran näher oder ferner beteiligt waren, alle, die hier sitzen. Ihr bald Konfirmierte verbunden durch die gleiche Zeit und den gleichen Raum, zu denen ihr euch traft, verbunden durch eine Einladung zu Anmeldung im letzten Sommer, verbunden durch die Themen, den Unterricht, die Gottesdienste, die Lieder, die Gebete, heute durch diesen Gottesdienst.
Verbunden seid ihr. Mit den Teamern, die Zeit euch schenkten und Liebe; verbunden mit den Ortsältesten, die sich Gedanken machten, verbunden, mit denen, de hier ein- und ausgehen, die man Gemeinde nennt, auch ein bisschen mit mir. Verbunden mit Gott? Das müsst Ihr wissen. Ihr werdet heute entbunden, entbunden in Freiheit, Gott das zu geben, was er euch gab, Leben. Ihr sagt zu seinem Ja Eures. Verbindung.
Gottes Leidenschaft ist es, Verbindungen zu knüpfen, zu halten, zu erneuern. Das macht seine Liebe zu den Menschen. Er sucht beharrlich de Verbindung zu euch, nicht egal was ihr macht, aber unabhängig davon. Er heilt beschädigte Verbindungen, er hält unbedingt fest an Menschen, er hat euch das Leben durch eure Eltern geschenkt, er verbindet Himmel und Erde für euch, stellt kleine Himmelsleitern auf eure Alltagserde und lässt Engel zu euren Bündnispartner werden.

Ver-bunden
Das Wort „verbinden“ ist wunderbar doppeldeutig. Verbinden tun Menschen auch mit Binden, mit einer Mullbinde verbinden Krankenpfleger einen verwundeten Menschen. Wenn kein Pflaster mehr hilft, hilft eine Binde, elastisch, weiß, gewickelt um einen blutigen Arm, ein operiertes Schienenbein: verbunden.
Verbinden durch verbinden. Ein wunderbarer kleiner Gedanke, zum weiterdenken: Wie verbinden sich Menschen eigentlich miteinander. Aus Notwendigkeit, aus Zufall, weil sie sich sympathisch finden, weil sie sich aus heiterem Himmel ineinander verlieben, weil sie sich füreinander entscheiden, weil sie Gemeinsames erleben, durchleben, planen, teilen, weil sei an etwas teilhaben, was mehr, größer ist als sie. Von allem etwas vielleicht. Auf alle Fälle erfahren Menschen im Leben: Verbindungen macht man und sie werden einem gemacht, geschenkt, bereitet.
Verbinden durch verbinden. Menschen sind verwundet, an ihren Körpern, äußerlich, und an ihren Seelen, innerlich. Ich glaube, die inneren Wunden sind die schlimmeren, schmerzhafte Erfahrungen, Missachtung, nicht geborgen sein, Angst, Ausgrenzung, Hoffnungslosigkeit. Es gibt viel zu viel davon. Aufzählen geht nicht. Aber deswegen: Seelenwunden verbinden, heilsam auf sie einwirken, sie heilen. Und das schafft Verbindung. Seelenverbindung.
Gott achtet auf Seelen, was um sie herum ist, ist für ihn nicht entscheidend. Er schaut auf Seelen, auf das Innerste von uns, auf uns selbst. Sie sind für ihn kostbar. Er leidet jede Wunden mit, die an Seelen geschieht und er möchte jede Seelenwunde heilen, durch bedingungslose Zuwendung, durch tröstende Worte, durch eine Gemeinschaft von Menschen, die bereit sind, Leben in aller Tiefe und Höhe miteinander zu teilen. Er möchte jede Seelenwunde verbinden, mit göttlicher Liebe umhüllen, heilen, neue Seelenhaut wachsen lassen und schützen. Auch eure. Gott verbindet sich selbst mit euch. Amen.

Fingerfarbe



Predigt am Vorabend zur Konfirmation 2014

Aufgeschlagen
Euer Buch hängt dort am Fenster. Eure Konfisprüche, von oben nach unten. Oben ein göttlicher Buchdeckel und unten einer mit euren Namen. Ein Buch, aufgeschlagen zwischen Himmel und Erde.
Bücher lesen Menschen, mehr oder weniger; immer mehr Bücher werden gehört, viele lesen nicht mehr, sie schauen auf den Bildschirm von Fernseher und PC oder gehen ins Kino. Bücher sind gedruckte Seiten, gedruckte Abschnitte, Sätze, Worte. Es sind festgehaltene Worte, irgendjemand findet sie so wichtig, so sinn-voll, so schön, dass er sie festhält. Sie erzählen Wissen, Bilder, Poesie, sie erzählen vom Leben.

Menschen lesen Bücher, gerne, ungerne, fasziniert, abends im Bett, widerwillig, genötigt, so viele Menschen können nicht lesen und ihr Leben ist anders. Menschen schreiben, die wenigsten Bücher, manche Tagebücher, manche Freundschaftsbücher, einige Briefe, sogar mit Hand, Geschäftsbriefe am PC, kleine Zettelchen in der schule. Es gibt heilige Bücher, sagt man, Schulbücher, denen man das Schulleben ansieht, Bücher stehen in Büchereien, in Regalen, liegen herum; es gibt Lieblingsbücher, es gibt die Faszination, ein neues Buch in Händen zu halten, die Schutzfolie zu entfernen, es ganz neu aufzuschlagen, darin zu blättern.

Eingetragen
Mancher Mensch ist auch wie aufgeschlagen, nicht aus dem Universum auf die Erden, er ist wie ein aufgeschlagenes Buch. Man kann in ihm Teile seines Lebens lesen. Als sei er ein blattweise geöffnetes Buch. Manche sind fast zu offen, Seite für Seite erzählen sie sich einem und man weiß gar nicht, ob man das will.
 Manche sind dagegen wie ein Buch mit sieben Siegeln, man kommt an sie nicht ran, sie bleiben einem verschlossen, und wie berührend ist es, wenn Menschen sich beginnen zu öffnen, man Einblick bekommt in ihr Lebensbuch.
Über die meisten von uns werden aber keine Bücher geschrieben. Unsere Namen werden aber geschrieben, bewusst, vom Standesbeamten auf unsere Geburtsurkunde; da sind wir ab jetzt. Wenn wir sterben, steht unser Namen auf unserer Sterbeurkunde. Und wo werden wir dann sein? Bei Taufen, Hochzeiten, Konfirmationen werden unsere Namen auch eingetragen, und es gibt nicht wenige Listen, in denen sie auch stehen, unwichtige und wichtige Listen. Und mit unserer eigenen Unterschrift schreiben wir unsere Wichtigkeit auf Papier und werden eingetragen in die, die erwachsen sind.



Gott liest
Im Konfi-Unterricht habt Ihr Einiges gelesen, mehr oder weniger; eine kleine Flut von Arbeitsblättern mit vielen Buchstaben und Worten. In den Händen habt Ihr damit Sätze von Gott gehabt für eine kleine Zeit. Auch die Bibel habt Ihr in Händen gehalten und mindestens 20-mal das Gesangbuch, rot oder blau, darin Sätze fast mitgesungen, die aus Ferne von Gott erzählen. Ihr habt Euer „Büchlein“ mit dem Konfispruch geschrieben, morgen werden wir davon ein bisschen sehen und hören. Und wir haben ein bisschen in Euch gelesen, wenn Ihr mit müden Augen am Samstag zum Unterricht kamt, wenn Euer Gesicht ein wenig traurig oder oft fröhlich aussaht, wenn Eure Körper herumhampelten oder cool unbeholfen sich bewegten, Ihr versucht habt, auf Kirchenbänken Euch einzusitzen. Ein bisschen haben wir in Eurem Leben lesen dürfen. Danke.
Gott können Menschen lesen. Das hat er sich ausgedacht. Kein ferner, unlesbarer Gott. Sondern einer, der Worte des Lebens hat und sie uns zu lesen gibt, in Buchdeckeln sortiert, in Menschenherzen eingesenkt, zwischen uns, hier im Raum. Gott ist zu lesen, und wir dürfen ihn lesen und in sein Leben hineinlesen, dann werden heilige Augenblicke, unser Glück.
Gott liest. Wahrscheinlich nicht ganz so, wie Menschen lesen, aber er liest, und wir, wir alle sind sein Buch, sein Buch des Lebens. Für ihn sind wir aufgeschrieben, all unsere Tage, das, was wir tun, sagen, denken; all das Helle und Dunkle, all die Schmerzen, Fragen, wunderschönen Worte, die wir sind. Alles aufbewahrt, alles gesichert, alles da, da bei Gott. Unser Buch des Lebens ist aufgeschlagen vor Gott, offen, er blättert wie darin, nach vorne und nach hinten, verweilt an bestimmten Stellen, leidet und freut sich mit, schüttelt den Kopf, stöbert und macht sich seine, unsere Gedanken.

Jesus schreibt
Gott schreibt auch, göttlich halt, er schreibt bei unserem Leben mit, manches Wort und manche Zeile in unserem Lebensbuch, bemerkt und unbemerkt.
Jeder schreibt mit an unserem Lebensbuch, den wir kennen, manche nur kurz, manche leidvolle Sätze, viele, hoffe ich, liebevoll, jeder, die Eltern viel, die Großeltern, die Geschwister, die Paten, die Freunde, die Menschen, die wir lieben, und unser Buch des Lebens wird hoffentlich ein Freundschaftsbuch, ein Liebesbuch.
Jesus konnte lesen, er las wie keiner Gottes Liebe. Jesus konnte auch schreiben. Einmal schrieb er mit seinem Finger auf die Erde, als wütende Männer eine Sünderin verurteilen wollten. Er schrieb mit seinem Finger auf die Erde und am Ende warf keiner den Stein und die Wut verebbte und die Sünderin ging erlöst. Jesus schrieb mit jenem Finger auf die Erde, mit der auch böse Geister austrieb, Blinde heilte, das Brot brach, das Reich Gottes, den Himmel auf Erde brachte.
Was Jesus auf die Erde schrieb, wird nirgends gesagt, ist nirgends zu lesen. Was Gott in euer Leben schrieb und schreibt, wird manchmal geheimnisvoll sein, eben erst zu entziffern und zu lesen, eine Aufgabe. Was Jesus schrieb, war aber heilvoll. Was Gott in unsere Liebesbücher schreibt ist heilvoll, er unterbricht zweifelnde Fragen, beendet Teufelskreise, schenkt Neuanfänge, bewahrt Menschenseelen.
Euer Freundschaftsbuch voller eurer Konfi-Sprüche, Gottes Worten, mit denen ihr und er sich verbindet, mit euren Namen, pendelt himmelwärts manchmal im Licht, wird manchmal durchsichtig durch das Fenster hindurch auf die Welt dahinter, manchmal auf den blauen Himmel dahinter. Dann sind eure Namen, ihr selbst wie in Gottes Himmel geschrieben. Amen.