Donnerstag, 13. März 2014

Applaus, Applaus



Hiobsbotschaft 2 (16. März 2014)

Hiob 2, 11-13
Als aber die drei Freunde Hiobs all das Unglück hörten, das über ihn gekommen war, kamen sie, ein jeder aus seinem Ort: Elifas von Teman, Bildad von Schuach und Zofar von Naama. Denn sie waren eins geworden hinzugehen, um ihn zu beklagen und zu trösten. Und als sie ihre Augen aufhoben von ferne, erkannten sie ihn nicht und  erhoben ihre Stimme und weinten, und ein jeder zerriss sein Kleid und sie warfen Staub gen Himmel auf ihr Haupt und saßen mit ihm auf der Erde sieben Tage und sieben Nächte und redeten nichts mit ihm; denn sie sahen, dass der Schmerz sehr groß war.



verloren
Hiob, kein Wort von dir, kein eines. Als könnte all die bekannten Worte nicht das fassen, sagen, was dir geschehen ist, was du jetzt bist. Hiob, du sitzt, in Sack und Asche, verlassen, verloren, geschlagen. Dein Schmerz ist so groß, dein Unglück so massiv, so brutal. So unverständlich brachial ist es über die hereingebrochen; klein, kleingemacht sitzt du da, alles ist weg und was vorher war, ist nicht mehr da, ist nicht.
Auch kein Wort von deinem Gott, keines, nicht von ihm, nicht über ihm, nicht zu ihm. Im ganzen Text, in all den 104 deutschen Worten ist kein Wort von Gott. Als wäre Gott verstummt, still; als hätte Gott sich verkrochen, aus dem Staub gemacht, als wäre Gott weg, abwesend.

Unsagbar
15.369 Worte folgen auf diese stummen Worte. 40 Kapitel prall gefüllt, voller Worte und Reden, Fragen und Antworten. Nur hier nicht. Kein Wort, das einer zu anderem spricht. Kein Wort, das einfällt, um gesagt zu werden. Kein Wort, das in sich trägt, um zu geben, zu schenken: Trost, Hilfe, Rat. Unsagbar still, keiner der drei redet mit Hiob. Was gäbe es auch zu sagen. Leer.
Die Schritte, die sie zusammenführten, sind verhallt; die Stimmen, die sie schrien, klagten, sind verstummt; die wütend-verzweifelten Herzen schlagen vor sich hin; die Tränen sind ausgeweint getrocknet. Es sprechen nur Kleider, Staub, Erde. Es sprechen nur Kleider, zerrissen; Staub, in die Luft geworfen, Erde, auf der die drei mit Hiob sitzen.
Hiob, wir haben keine Sprache mehr, kein Wort mehr. Stumm gehen wir mit dir, Hiob die Zeiten hindurch, an Menschen vorbei mit großen Schmerzwie du, Menschen, die das Unglück traf wie dich, mit uns, mit unseren Schmerz, mit unseren Unglücksmomenten. Wir gehen diese Zeit entlang, schauen den Gekreuzigten an.


Staub auf der Haut
Der Blick in den Himmel, Staub in der Hand, hochgeworfen händevoll in die Luft, der Himmel vergraut, der Blick wird verdunkelt, der Staub fällt wie schwarzer Regen aus all den Nächten der Vergänglichkeit, den Nächten des Schmerzes, der Schuld auf das Haupt und die Haare, auf die Haut und die Augen, auf die Ohren und auf die Stimme, in jede noch so kleine Pore des Lebens.
Staub auf Augen, Sinn und Ohren. Staub und Asche, Vergehendes und Vorganges, Weggewischtes und Verbrauchtes, Totes und Sterbendes legt sich auf alles, auf Seele und Gemüt, Sagen und Sehen, bedeckt, umhüllt, deckt ab, verschleiert.
Von Ferne von Hiob gehört, von Ferne Hiob gesehen, den Altbekannten, so wie er immer war, so wie er ist, Hiob, dich. Fast. Von der Ferne in die Nähe und dich nicht mehr erkannt: Wer bist du? Geworden? Dein Schmerz, dein Unglück, dein Leiden verdeckt unsere Sinne, unser Sehen und Hören, uns: Wir können doch nicht so tun, als sähen wir noch klar, als verstünden wir, als nähmen wir  Welt, so wie sie ist. Wir werden an dir, an ihr blind, taub, erschrocken gefühlsarm, merkwürdig betäubt.
Hiob, du und die anderen, den, der am Kreuz hängt, soll es so nicht geben. Wollen wir so nicht sehen, hören, spüren. So soll es nicht sein, nicht Staub zu Staub, Asche zu Asche, Erde zu Erde. Nicht so.

In der Erde
Aus drei Orten mit drei Namen kommen sie. Sie sammeln sich, sie einigen sich, ohne dass wir die Worte wüssten. Sie folgen dem, das sie jetzt eint, wir wissen, wer es ist. Aus ihren Orten mit ihren Namen treffen sie sich an einem Ort und eigentlich mit keinen Namen mehr. Sie lassen jetzt sich selbst hinter sich. Selbst-los teilen sie mit Hiob Ort und Stunden, Raum und Zeit.
Sie sitzen auf der Erde. Wie viel andere, bessere Orte mag es geben, wie viele Orte finden sich an diesem Ort, an dem der Staub vom Himmel fiel, Krankenzimmer, Totenbetten, Schützengräben, einsame Minuten, verlorene Seelen, kreuzunglückliche Menschen, Leidgeprüfte, Schuldige. „Auf der Erde“ als gäbe es keinen anderen Ort, als wäre dies eigentlich gar kein Ort an sich, als wäre es der Ort, der an Geburtsort erinnert, an Sterbeort, an „der Herr hat´s gegeben, der Herr hat´s genommen“, an Erde, an ein Stück von Golgatha. Zeitlos.
Sieben Tage und sieben Nächte auf der Erde sitzen, der Körper vergisst sich selbst, Menschen werden eins mit dem, wo sie sind, werden eins mit der Zeit, werden zeitlos, vergessen Stunden und Minuten, den Blick auf die Uhr, sitzen da in der Zeit als gäbe es kein Vorher und Nachher, kein Woraufhin und Woraufzu es lohnt zu leben. Nackt ohne Ort und ohne Zeit.

verlassen
Man hätte Hiob nicht weiterschreiben sollen. Hier, genau hier hätte es enden müssen, können. Hiob und seine Freunde erhoben aber ihre Stimme und Gott auch. Viele Worte folgen. Das Kreuz kennt nur sieben letzte Worte, einen persönlich-losmischen Aufschrei und dann Stille, Stille und Nacht, mehr erstmal nicht.
Mehr nicht als verloren und verlassen. Hiob, mehr nicht haben die Freunde, haben wir. Unsagbar still ohne Worte, nackt alles, bar jedes noch so guten Trostwortes, staubig, erdig, verzweifelt an dem, was wir sehen, hören, lesen, denken, predigen von dir, Hiob. Wir verlieren Zeit und Ort, uns selbst, wenn wir dir begegnen, uns mit dir auf die Erde setzen, sitzen wie jetzt gesammelt aus unseren Lebensorten und aus unsere Lebenszeit, sicherheitshalber nur für eine Stunde Zeit und an diesem gemeinsamen Ort, auf der Erde sitzen um dein Wort, auf dem Weg mit Hiob zum Kreuz.
Gott fang es heimlich an. Mit uns. Amen.

Donnerstag, 27. Februar 2014

Sag mir dein liebstes



Predigt an Estomihi (2.3.2014)

2. Thessalonicher 3, 1-5
Weiter, liebe Brüder, betet für uns, dass das Wort des Herrn laufe und gepriesen werde wie bei euch und dass wir erlöst werden von den falschen und bösen Menschen; denn der Glaube ist nicht jedermanns Ding. Aber der Herr ist treu; der wird euch stärken und bewahren vor dem Bösen. Wir haben aber das Vertrauen zu euch in dem Herrn, dass ihr tut und tun werdet, was wir gebieten. Der Herr aber richte eure Herzen aus auf die Liebe Gottes und auf die Geduld Christi.

Des Wortes Lebenslauf
Worte laufen nicht. Sie wachsen irgendwie in uns, sie kommen in uns auf, sind da. Wir denken, fühlen, bilden sie und sprechen sie. Sie kommen aus unserem Mund, laut, leise, eines, viele, schnell, langsam, fremd, genau in unserem Ton, heraus ein kleines Stück von uns.
Worte laufen nicht. Sie schweben vielleicht, schweben durch die Luft, getragen von Schallwellen bis ans Ohr des anderen, der anderen. Worte laufen nicht, sonst hätten sie kleine Beine und Füße, eher haben sie Flügel. Tausende, Millionen müssen es sein, die tagtäglich aus Mündern in die Welt gesetzt, gesprochen, geboren werden, sie fliegen aneinander vorbei, zusammen ein Stück, haben manch gleiches Ziel, haben Vielsprecher und Schweiger als Quelle, sind umgeben von Bildern, von geschriebenen Worten, von digitalen Welten, von SMS und Emails, umgeben von einem Meer der Worte und all ihrer kleinen Welten.
Und: Darin, darunter, dabei, gekleidet in Alltagsworten und in manchen fremden Gewand, gesprochen auf Kanzeln und im Gespräch zwischen Not und Hilfe, gesungen als Wortnoten, geflüstert zu Kindern, gelegt auf Sterbende, geheiligt im Sakrament, getan in der Tat, damals und heute, immer wieder, überall: Worte des Herrn im Meer all der anderen Worte, ins Rennen gesandt, ein Stück vom Herrn zu sagen, Leben zu spenden, zu bewahren, zu sein.
Und wie all die anderen Worte verhallen auch Worte des Herrn, vielleicht diese noch mehr. Denn: Worte des Herrn tragen alles in sich, wollen es aber schenken, wollen nicht überreden, verzaubern, sondern zum Herzen dringen; sind wie die Liebe selbst demütig, zart und frei, brauchen Raum und Laufzeit und Menschen, die sie empfangen. So finden Worte des Herren auch manchmal nicht ihr Ziel, ihre Erfüllung. Sie verhallen ungehört und bleiben ungetan, stoßen auf Fragezeichen, auf Achselzucken, auf Kopfschütteln, widersteht man ihnen, stößt man sie ab, prallen sie ab, laufen ins Leere, werden leer und sind unerfüllt.
Wir wohnen Wort an Wort
Was tun Menschen alles, damit Worte ihr Ziel erreichen, recht laufen. Sie schreien sie laut, sprechen sie mit Nachdruck, sagen sie schnell noch und noch einmal, wiederholen, sagen sie im Chor, beschwören zusammen ihren Lauf. Sie suchen Worte, die möglichst genau meinen, was sie sagen, die exakt definieren, die wirklich treffen, die wohl geformt, wohl  überlegt gut und am besten ankommen.
Und: Menschen beten. Menschen fühlen, tragen Worte in sich, die andere Worte sind, die von woanders kommen und woanders hingehen, die nicht genau wissen, ob sie ihr Ziel auch erreichen, die loben und vergessen, die klagen und weinen, die fragen und hoffen, die gar nicht so sehr ihre eigene Worte sind, sondern eher geborgte, geliehene Worte, Worte mit Quelle und Erfüllung woanders.
Menschen beten. In Ihnen läuft das Wort des Herren, es lebt, ist Wort in ihren Wörtern. Es sind Worte vom Herrn, vom Herrn dem Beter irgendwie gegeben. Es sind gestärkte Worte, Worte, die durch den Herrn geschützt, bewahrt sind vor dem Einfall des Bösen, vor trügerischen Gedanken und vor falschen Absichten. Worte, die tun, was sie sind, die sind, was sie tun. Es sind treue, vertraute Worte, gezeugt im Vertrauen und gedacht im Vertrauen und ausgesprochen, gebetet im Vertrauen. Es sind Worte ausgerichtet in ihrem Kern, in ihrem Herzen, ausgerichtet von Gott und auf seine Liebe, von Jesus Christus und auf seine Geduld, geduldige, liebende, starke Worte.
Worte, die im Meer der Worte sich zu den anderen gesprochenen Worten wie gesellen, als würden sie einander kennen, als würden sie sich anziehen, als hätten sie den gleichen einen Herrn. Worte, die zu den anderen frei schwebenden Worten des Herrn kommen, zu, an und mit ihnen. Worte, die beginnen Wort an Wort zu wohnen, und die anderen gesprochenen Worte am Laufen, am Atmen, am Sagen, am Leben halten, damit sie nun gebetet und gesprochen ihr Ziel erreichen.

Das Wort schenkt
Worte laufen, gehen Umwege, verhallen - und erreichen ihr Ziel. Dann ist das ein besonderer Augenblick. Worte treffen, meinen genau, was sie sagen, was ist, wer ich bin. Wie schmerzlich ist es, wenn Worte verfehlen, mich verfehlen, wie merkwürdig verfehlt, ungefüllt, leer ist dann der Augenblick und ich auch. Worte erreichen ihr Ziel und es wird wahr, was sie in sich tragen. Worte der Liebe erreichen ihr Ziel, ihr „Ich liebe dich“ erreicht das Herz und dann ist da Liebe und ein Mensch hat das liebste gehört, was es zu sagen gibt.
Des Herrn Worte laufen, sie vollenden ihren Lauf, erreichen ihre Ziele, ihr eines Ziel und dann ist dort der Moment, der Augenblick zu loben und zu preisen. Das Wort des Herrn, aus einem Mund gesagt, an so vielen Orten, vom Gebet zu Wort an Wort gemacht, schenkt, was es in sich hat, schenkt, was andere für es erbeten haben und erbeten und sprechen ins Meer der Worte hinein:
Es schenkt ein Herz, das sich ausrichtet auf Gottes Liebe und die Geduld Christi, das sich immer neu öffnet dem, was das Wort verspricht. Es schenkt Treue und Vertrauen, in andere, in sich und in sein Wort, es hilft zu tun, was das Wort sagt, zu sagen, was zu tun ist. Es schenkt einen Raum, einen Schutzraum, der gegen Böses, gegen Falsches bewahrt. Es schenkt, dass wir im Wort die anderen als Brüder und Schwestern sehen, die Wort an Wort sprechen und betend leben. Es schenkt, dass es in mir und dir lebt, läuft und nicht enden mag, dass es beflügelt, sein Wort unten Worten ist und mir das liebste. Amen.


Samstag, 22. Februar 2014

Liebe

Ansprache mit Konfirmanden (Sonntag Sexagesimae, 23.2.2014)



Ariane:
Man liebt die Familie, die Freunde, alle Menschen, die einem wichtig sind und natürlich Gott. Das Herz ist das Symbol für die Liebe und Gott liebt alle Menschen, da er sie nach seinem Ebenbild geschaffen hat. Das Wort Liebe hat einen sehr starken Einfluss auf die Menschen, es ist sehr kraftvoll und auch irgendwie warm. Mit Liebe verbindet man auch das Verliebtsein und vielleicht auch die erste Liebe. Gottes Liebe zu uns ist unvorstellbar und unendlich. Es gibt viele unterschiedliche Arten von Liebe wie z.B. die Geschwisterliebe.

Annika:
Mit der Liebe verbindet man meistens starke Gefühle zu einem anderen Menschen. Man vertraut diesem Menschen. Man kann ihm alles anvertrauen und ist ehrlich zu ihm. Wenn man Zeit mit ihm verbringt, ist man glücklich und fühlt sich geborgen, wenn die eigene Liebe allerdings nicht erwidert wird und man enttäuscht wird, kann alles sehr schmerzhaft sein. Unsere Liebe zu Gott unterstreicht unser Vertrauen und unserer vollkommene Hingabe an ihn. Gottes Liebe gibt uns Kraft und lässt uns alle Sorgen vergessen. 

Hr. Kunath


Menschen lieben

wollen in den Arm genommen werden, wollen morgens aufwachen neben dem, der sie liebt, wollen abends einschlafen mit der Hand in der des anderen, wollen sich verlieren, immer wieder, beim anderen, in ihm, und sich dort wieder finden.

Menschen lieben
suchen Nähe, fühlen sich wohl, fühlen sich wie zuhause beim anderen, den sie lieben, sie wollen mit ihm Zeit verbringen, möglichst viel, Stunden, Tage, ein Leben, finden immer neue Themen, finden Schweigen, vergessen Zeit zusammen.

Menschen lieben
pflegen andere an Totenbetten, streichen über Tränen, durchwachen manche Nacht aus Angst, aus Sorge; gehen ruhelos auf und ab, werden fast wahnsinnig, durchschreiten dunkle Täter, zweifelgetränkt, kommen nicht voneiannder los, überdauern Einsamzeiten, lassen sich nicht abbringen.

Menschen lieben
finden den anderen interessanter als andere, verabreden sich, mit Herzklopfen, immer wieder, haben keinen Grund und alle, entdecken im Blick, in den Worten, in jeder kleinen Geste, im Gehen, im Lächeln mehr, mehr am anderen, bewundern, träumen, haben Sehnsucht, vermissen sich.

Menschen lieben
geben Tipps, schreiben SMS und Mails, küssen, fahren Auto, machen Urlaub, teilen Gedanken, warten geduldig, streiten, versöhnen sich, suchen und finden den anderen.


Gott liebt Menschen
Er will in den Arm nehmen, morgens seine Welt nicht ohne uns sehen, auch nichts abends, nicht nachts, niemals, er will sich bringen und sich verlieren an uns, immer wieder, um uns zu finden, wer wir sind.


Gott liebt Menschen
Er sucht ihre Nähe, beharrlich, er spiegelt sich in ihnen, wie in keinen anderem, er gibt uns Zeit zum Leben, immer neu, er hält uns, er schweigt mit uns, er schenkt uns ab und zu kleine ewige Augenblicke.

Gott liebt Menschen
Er wacht mit ihnen am Totenbett, er trocknet Tränen, er weintz mit, er sorgt und er behütet, er sucht, liebt ruhelos, führt durch tiefe Täter, er kommt nicht von uns los, hat sich mit uns verbunden, er überwintert mit uns im Zweifel, nichts bringt ihn ab von uns.

Gott liebt Menschen
Er findet uns interessanter als andere, er verabredet sich fast unbemerkt, mit göttlichen Herzklopfen, immer wieder, er sucht und entdeckt ins uns immer mehr, in unserem Leben und Blicken, in unserem Wegen und Fragen, in unserem Tun und Lassen, immer sucht er sein Ebenbild, seinen Glanz, seinen Christus ins uns, er träumt, er bewundert, er hat Sensucht und er vermisst.
 
Gott liebt Menschen
Er gibt Weisung, er schreibt Liebesbriefe in Menschengestalt, er durchwandert die Zeiten von der Schöpfung bis zur Vollendung, er schenkt und Wunder, er teilt Gedanken, er wartet geduldig, er eifert, er streitet und versöhnt mich sich, er bfereit, er sucht und findet mich, dich.
Er liebt dich und mich, uns.
 

Freitag, 24. Januar 2014

Bindestrich



Predigt zur Eröffnung der Bibelwoche 2014 in St. Michael (26.1.14)

Und
Zwischen dem Geburtsdatum und dem Sterbedatum ist ein Strich. Dieser kleine Strich zwischen den Anfangs- und den Enddaten unseres Lebens ist unser Leben selbst. Es ist das, was zwischen Geburt und Tod liegt, lebt, geschieht, ist. Es ist das, was beides, Anfang und Ende verbindet, eigentlich auf stumme ja fast geheimnisvolle Weise. Es ist wie ein großes UND. Geboren und gestorben.  Es steht für die vielen UNDS in unserem Leben, die sich wie aneinanderreihen, wie verbinden zu einem, zu unserem Leben. Und manche UNDS sind eher ein ODER, weil sie etwas verbinden, was kaum miteinander verbunden werden kann, was auseinanderstrebt oder kaum auszuhalten ist. Und manches UND ist wunderschön, ich UND Du.
In der Bibelwoche, die morgen beginnt, gehen wir eine Woche lang mit Josef aus dem „alten Testament“ sein Leben entlang. An vier Abenden folgen wir ihm in sieben Textabschnitten aus seiner biblischen Geschichte des ersten Mosebuchs. Und in jeder Überschrift zu diesen sieben Textabschnitten ist von einem UND die Rede: Geliebt und gehasst, geschätzt und bloßgestellt, gefragt und beauftragt, gefürchtet und mächtig, erkannt und gnädig, versöhnt und versorgt. Die ersten drei UND-Paare sind gegensätzlich und zerreißen Josef, stürzen ihn in Unglück: Statt geliebt, geschätzt, gefragt wird er gehasst, bloßgestellt und vergessen; das vierte UND-Paar bedeutet die Lebenswende: Josef wird befördert und beauftragt. Und dann erfährt sein Leben eine zunehmende Vollendung, die UNDS werde immer verbindender bis endlich Josef in seinem Leben die tragischen UND überwunden hat und alles gut wird: gefürchtet und mächtig, erkannt und gnädig, versöhnt und versorgt.

So letztendlich geradlinig verläuft das Leben von Josef, eine Erfolgsgeschichte auf Umwegen, mit glorreichen Ende und Ziel. Der kleine Strich zwischen Anfang und Ende, zwischen Geburt und Tod ist letztlich wie ein Strich mit Pfeil nach vorne. Wie schön.

Oder im Kreis
Verläuft so Leben zwischen Anfang und Ende? Manchmal habe ich das Gefühl, alles ist drin, alles ist fast zu gleicher Zeit drin. Wie als würden die 7 mal 2 Wörter, die sich bei Josef so geradlinig auf eine Linie verteilen, als würden diese 14 Wörter wie in einem Kreis liegen, sein, und dieser Kreis wäre unser Leben und all diese Wörter würde unser Leben mal da und mal hier seine Gestalt geben, es prägen: mal gehasst, mal versorgt, mal bloßgestellt, mal gefragt, mal erkannt, mal beauftragt, mal gefürchtet, mal geliebt.
Und wo genau die UNDS zwischen den Worten sind, wie sie verbunden sind, ist manchmal undurchsichtig oder lose, oder es geht wirr hin und her, und irgendwie wird ein Faden durch diese Worte gesponnen, ein Faden, der unser Leben heißt, der auch reißt und an Punkten quälend ewig verweilt, bevor einer ihn weiterspinnt.
Von all den 14 Worten sind 12 passiv: ich werde geliebt, ich werde gehasst, ich werde geschätzt, ich werde bloßgestellt, ich werde gefragt, ich werde vergessen, ich werde befördert, ich werde beauftragt, ich werde gefürchtet, ich werde erkannt, ich werde versöhnt, ich werde versorgt; ich werde gelebt. Ich werde gelebt heißt das. Und es trifft unsere eigene Erfahrung im Kreis dieser Worte, alle unserer Wort, im Kreis der Fragen nach unserem Leben: Wie oft erleben wir unser Leben als eines, das gelebt wird, gelebt wird von anderen, von Bedeutsameren, von der Hektik, von vorgemachten Erfolgen, von Ansprüchen, von scheinbaren Notwendigkeiten, von guten Absichten und von Idealen. Nur zwei kleine Worte im ganzen Kreis sind nicht passiv, sondern ganz aktiv: mächtig und gnädig. Ich bin mächtig. Ich bin gnädig. Diese Beiden heben sich deutlich heraus.

Kristallisieren
Josef hat sich als beides erfahren. Er war mächtig und er war gnädig. Er war das eine für das andere. Für ihn ist zwischen Macht und Gnade kein UND oder ein ODER. Für ihn dient die Macht der Gnade, eigentlich kaum in Worte auszudrücken, bestenfalls durch einen Doppelpunkt. MACHT: GNADE. Josef hat seine gewonnene Macht für die Gnade an seinen Brüdern, letztlich an seinem Volk eingesetzt. Er konnte dank seiner Macht gnädig sein. Und so machte er das Motto der Bibelwoche wahr: „ … damit wir leben und nicht sterben.“
Josef hatte aber erlebt, dass seine Macht und seine Gnade nicht von ihm selbst kommen, sondern ihm letztlich von Gott gewährt, geschenkt wurden. Er erlebte und wusste: Macht und Gnade, beide wurzeln in Gott. Gott ist allmächtig und Gott ist gnädig. Aber auch mit Doppelpunkt dazwischen. Gott setzt seine Macht für seine Gnade ein. Er will und kann gnädig sein. Und so macht Gott das Motto der Bibelwoche von sich aus immer und für uns wahr: „… damit wir leben und nicht sterben“.
Mächtig und gnädig sind die im Meer der 14 und noch mehr Worte im Lebenskreis die sich wie herauskristallisieren, aktiv, aber im Grunde die aller passivsten: Nicht wir, Gott allein macht Menschen mächtig und er macht Menschen gnädig. Er bevollmächtigt uns und er begnadet uns. Wir empfangen. So sind wir mächtig und so sind wir gnädig, und leben das Motto der Bibelwoche. Wir können von Gott aus zu anderen, zu uns selbst mächtig und gnädig sein, nicht UND auch nicht ODER oder, sondern mit Doppelpunkt: Das eine um das anderen willen, mächtig um gnädig zu sein, um der Menschen willen, gegen Todesworte von Lebensworten sprechen und so für uns und andere wahr machen „ .. damit wir leben und nicht sterben.“ Amen.