Sonntag, 29. Dezember 2013

Deine Zeit in meinen Händen



Predigt am Altjahresabend 2013 (31.12.2013)

Liedstrophen vor der Predigt
EG 641, 3. Du weißt den Weg ja doch, du weißt die Zeit,
dein Plan ist fertig schon und liegt bereit.
Ich preise dich für deiner Liebe Macht,
ich rühm die Gnade, die mir Heil gebracht.

EG 408, 1. Meinem Gott gehört die Welt,
meinem Gott das Himmelszelt,
ihm gehört der Raum, die Zeit,
sein ist auch die Ewigkeit.

EG 64, 1. Der du die Zeit in Händen hast,
Herr, nimm auch dieses Jahres Last
und wandle sie in Segen.
Nun von dir selbst in Jesus Christ
die Mitte fest gewiesen ist,
führ uns dem Ziel entgegen.

Predigtteil I
Unbestimmte Zeit
Das kommende Jahr liegt noch unbestimmt vor uns. Noch sind die Stunden, Minuten, Tage, die Zeit nicht da, noch sind sie von uns unbetreten, ungelebt. Vieles – so wissen wir – ist absehbar, wird sich fortsetzen. Manches – hoffen oder befürchten wir - wird anders werden. Sicher: Die kommende Zeit wird immer unsere Zeit seien, mit dem was zu uns gehört, und die Zeit anderer; Zeit hier und Zeit auf der Welt, bei anderen Menschen rund um unseren Globus. Eine Unzahl von noch ungegangenen Wegen, von Plänen und Zielen, von Unsicherheiten und möglichen Versicherungen, von Wünschen und Bitten: nach Liebe, nach Segen, nach Heil und Gnade, nach Glück und Gelingen, nach jemanden, der mitgeht, führt, Zeit verwandeln vermag, der sie gibt und in seine Hände nimmt.

In Gottes Hand
Gott steht der Zeit gegenüber. Er hat sie geschaffen, ein Vor und Nach ihm gibt es nicht, Zeit ist ohne ihn nicht denkbar. Gott hat die Welt und deren Zeit geschaffen, und mit beidem alles in der Zeit. Wir leben aus der Vergangenheit in der Gegenwart auf Zukunft hin. Für Gott ist alles ein Augenblick, sein ewiger Moment. Er weiß die Zeit. Ihm gehört die Zeit. Er hat sie in seinen Händen. Gott kennt die Zeit und wie wir sie leben, füllen, verschwenden, totschlagen, schenken, wie wir in ihr lieben, hassen, geboren werden, sterben, wie die Zeit in unseren Händen wird und wir in ihr. Er kennt seine Menschen in der Zeit. Gott gehört die Zeit, wie alles, was er geschaffen hat, ins Leben rief und immer wieder ruft. Die Zeit ist sein Besitz, wie die Erde und die Luft, die Menschen und die Pflanzen. Gott hat die Zeit in seinen Händen. Dort ist sie immer zuerst, und aus diesen Händen gibt er sie.
Er gibt sie uns als Jahr, das bevorsteht, und seines ist. Ein Stück seiner Zeitschöpfung. Er gibt Zeit uns als Momente, um deren Heiligkeit und Tragik er weiß. Er gibt sie uns als Stunden, Minuten, als Monate und Tage, als zu füllende, zu lebende Zeit, die ihm gehört und die wir leben.

EG 432, 1. Gott gab uns Atem, damit wir leben.
Er gab uns Augen, dass wir uns sehn.
Gott hat uns diese Erde gegeben,
dass wir auf ihr die Zeit bestehn.
Gott hat uns diese Erde gegeben,
dass wir auf ihr die Zeit bestehn

EG 659, 1. Die Erde ist des Herrn.
Geliehen ist der Stern, auf dem wir leben.
Drum sei zum Dienst bereit,
gestundet ist die Zeit, die uns gegeben.

EG 360, 3. Wir wollen leben und uns selbst behaupten.
Doch deine Freiheit setzen wir aufs Spiel.
Nach unserm Willen soll die Welt sich ordnen.
Wir bauen selbstgerecht den Turm der Zeit.

Predigtteil II

Zeit gelebt
Zu uns, zum Leben gehört Zeit, wir leben in der Zeit und wir haben immer gelebte Zeit hinter, mit uns. Wir haben ein gelebtes Jahr fast hinter uns, noch ein paar Stunden noch, dann gehört 2013 der Vergangenheit an und doch werden wir immer mit all dem, was da 2013 war und nicht war, was gut ging und was schlecht lief, was uns Freude machte und was uns schmerzte, Geliebte und Verlorene, dunkle und helle Seelenflecken, auch im Neuen weiterleben, es mitnehmen als unsere gelebte Zeit, wie all die Jahre zuvor.

geschuldete Zeit
In all dem haben wir die  Zeit bestanden, manchmal überstanden. Bestanden, weil leben in der Zeit immer auch Herausforderung ist, uns einiges abverlangt und wir immer auch in und an der Zeit und dem, was in ihr ist, scheitern können. In all dem war uns die Zeit gestundet. Wir haben sie bekommen, wir sind ihr, den Menschen, Gott und uns selbst etwas schuldig in ihr und ihre Erfüllung, das Auslösen dessen, was wir der Zeit schulden, ist immer wie aufgeschoben. Wir merken, wir leben Zeit nicht nur, sondern die Zeit ist geschenkt, geliehen, uns gegeben mit einem bestimmten Anspruch, mit einem bestimmten Auftrag, mit einem Ruf, diese Zeit zu füllen, ja zu erfüllen.
In all dem haben wir auch Türme der Zeit gebaut, die nie hätten gebaut werden sollen, haben Zeit so gelebt, so gefüllt, dass in ihr kein Segen, kein Gelingen, kein erfüllter Auftrag lag. Unerfüllte Zeit, uneingelöste Versprechen, Zeit vertan, Zeit falsch verbracht, am wenigsten durch Müßiggang, als dadurch, dass wir uns dem verweigert haben, der die Zeit aus seinen Händen uns gab, und wir sie nur als unsere nutzten. „Herr, nimm auch dieses Jahres Last“ ist ein realistische Bitte am Ende des Jahres, um gewandelt ins neue treten zu können.

EG 533, 3. Wir sind von Gott umgeben
auch hier in Raum und Zeit
und werden in ihm leben
und sein in Ewigkeit.

EG 225, 2. Wir haben sein Versprechen:
Er nimmt sich für uns Zeit,
wird selbst das Brot uns brechen,
kommt, alles ist bereit.

EG 294, 1. Nun saget Dank und lobt den Herren,
denn groß ist seine Freundlichkeit,
und seine Gnad und Güte währen
von Ewigkeit zu Ewigkeit.
Du, Gottes Volk, sollst es verkünden:
Groß ist des Herrn Barmherzigkeit;
er will sich selbst mit uns verbünden
und wird uns tragen durch die Zeit.

Predigtteil III
Gehaltene Zeit
Gott weiß, gehört, hat die Zeit. Sie steht ihm gegenüber. Aber wie alles, was er geschaffen hat, entspringt es seiner Liebe und ist Moment seiner Liebe. So auch die Zeit. Sie entspringt seiner Liebe und ist Augenblick seiner Liebe. Als Ausdruck seiner Liebe wird die Zeit zum Anspruch an uns, Gottes Liebe wartet auf unsere zeitige Antwort. Als Zeit seiner Liebe wird Zeit aber auch für uns lebbar und die Verheißung erfüllender Zeit liegt auf all unseren Minuten, Stunden, Tagen.
Gott umgibt unsere Zeit. Er nimmt sich  Zeit für uns. Er trägt uns durch die Zeit. Unsere Zeit ist in Gottes Liebe gehalten. So können wir all unsere Zeitübergänge, wie den heute Nacht, begehen, gesichert und immer mit einem Vorschuss an Verheißung, an „es wird gut gehen“. Er hält das nächste Jahr wie das vergangene in seinen Händen, dort ruht es und er nimmt diese Zeit, die in seinen Händen mit viel Liebe gefüllt wird, er nimmt sie sich für uns und schenkt sie uns versehen mit dem Abglanz seiner Ewigkeit.

Sein Zeitgesicht
Seine Zeit bekommen wir, wie wir sie schon immer bekamen, um sie als seine Zeit zu leben, unsere Zeit sein Antlitz zu geben, das Versprochene zu erfüllen. Alles liegt in ihr immer schon bereit.
Unsere Zeit möge zur Brot-Zeit für uns und andere werden, Zeit, die untereinander geteilt wird, sich unverhofft vermehrt, sich auftut, verbindet, die uns gegenseitig an unseren Seelen nährt und erfüllt. Sie möge Herzen-Zeit werden, die Raum hat und lässt für Sekunden angefüllt von Freundlichkeit und Barmherzigkeit, Minuten und Momente, die mitten in den herzlosen Schnelllauf unserer Zeit ein Stück Ewigkeit finden lassen.  Sie möge sein Angesicht tragen, eines das aller unbestimmten Zeit sein Aussehen gibt, sein Zeitgesicht.
Dann werde die kommende Zeit zu seiner Zeit in unseren Händen. Wir werden auch ohne eigene Zeit um die Liebe Gottes in der Zeit wissen, dass wir ihm gehören und er uns treu und immer hält. Wir werden die von ihm gewährte Zeit mutig leben, und die Ewigkeit in ihr heraus nehmen, leben und dankbar sie mit ihm für andere füllen. Wir werden am Anfang und am Ende jeder unserer Zeitabschnitte ihn als Mitte spüren und still und gemeinsam manchmal laut ihm sein Lob singen.

EG 36, 12. Ich will dich mit Fleiß bewahren;
ich will dir leben hier,
dir will ich hinfahren;
mit dir will ich endlich schweben
voller Freud ohne Zeit
dort im andern Leben.

EG 325, 1. Sollt ich meinem Gott nicht singen?
Sollt ich ihm nicht dankbar sein?
Denn ich seh in allen Dingen,
wie so gut er’s mit mir mein’.
Ist doch nichts als lauter Lieben,
das sein treues Herze regt,
das ohn Ende hebt und trägt,
die in seinem Dienst sich üben.
Alles Ding währt seine Zeit,
Gottes Lieb in Ewigkeit.

Sonntag, 22. Dezember 2013

Kostbares tragen



Predigt am 1. Christtag 2013 (25.12.13)

Fliehen
Zerschlissene Kleider. Ausgemergelte Gesichter. Barfuß. Zusammengepfercht zu Hunderten. In alten Zelten, in notdürftig aufgebauten Hütten, in Sammellagern. Bilder von Flüchtlingen, ob in Syrien, vor Lampedusa oder auf den Philippinen. Und mit ihnen auch die Bilder, warum sie fliehen mussten, die Bilder von Krieg, von Gräuel, von Naturkatastrophen. Die Flucht: notgedrungen, überstürzt, ungeordnet, mit letzten Hab und Gut, ohne alles, mit dem Tod anderer im Kopf und mit dem eigenem Leben in der Hand als letzter Ausweg: irgendwohin, nur weg, weg vom Unheil.
Und die Flucht hat im Aufnahmelager, hat auf dem Schiff im Mittemeer, hat in den Übergangswohnheimen kein Ende. Sie setzt sich fort, in unseren Köpfen, in unserem Geldbeutel, in Fragen, ob all die Flüchtlinge aufgenommen werden können, wo sind denn alle wohnen können, wie wird das bezahlt. Die Flucht setzt sich fort in den Flüchtlingen, sie setzt sich fort mit solchen Fragen, mit dem mühseligen, schwierigen Versuchen, in der Fremde bei Menschen, die anders denken, glauben, leben, Fuß zu fassen, anzukommen, sich zurechtzufinden, so etwas wie Heimat zu suchen.
Manche von Ihnen waren auch schon mal auf der Flucht. Vor fast 70 Jahren und Ihnen steckt noch im Kopf und in der Seele, dass Sie fliehen mussten, dass sie vertrieben wurden, dass sie hin- und hergeschoben wurden, bis endlich erst dort und dann hier wieder ankamen und nach und nach heimisch wurden. Neben Ihnen und denen, die aus der ehemaligen DDR flüchteten, kennen wir Flüchtlinge und Flucht bei uns eigentlich nicht. Vielleicht sind wir ab und zu noch als Kinder vor irgendetwas geflüchtet, aber das schon länger nicht mehr. Heute muss man eher seinen Mann oder seine Frau stehen, aushalten, sich durchboxen, die Ellenbogen benutzen und zum Angriff übergehen. Fliehen, Wegrennen, Davonlaufen tun wir aber trotzdem, innerlich, nach innen hinein, emigrieren, verkriechen, verstecken, stumm sein. Vielleicht ist der Mensch doch ein Fluchttier.

Geflüchtet
Das Jesuskind ist auch geflüchtet. Es wurde sozusagen geflüchtet. Kurz nach seiner Geburt konnte es selbst nicht fliehen. Im Traum hat es der Engel seinem Vater gesagt und Josef nahm das frischgeborene Kind, packte es ein, legte es vielleicht auf einen Esel und floh mit ihm, nein floh für ihn; er floh mit ihm vor Herodes, der in Jesus einen neuen konkurrierenden König sah und ihn aus dem Weg räumen wollte. Die junge Familie flüchtete nach Ägypten, ausgerechnet in das Land, aus dem das Volk Israel geflüchtet war, das Land, das Gefangenheit und Knechtschaft bedeutet. Heimat sieht anders aus. Als Herodes, der Kindermörder selbst gestorben war, kehrten Josef, Maria und Jesus wieder zurück und kamen nach Nazareth, von wo sie vor der Geburt Jesu aufgebrochen waren.
Jesus war gleich nach seiner Geburt ein Flüchtling. Seine Flucht gehört zu seiner Geburt und zu unserem Weihnachten. Aufhören, weiter zu erzählen, weiter zu hören, ausblenden geht nicht. Die Fluchtgeschichte Jesu gehört dazu, wie die Bilder der Flüchtlingen, die Flüchtlinge selbst dazugehören zu unserem Weihnachten. Das Heil ist doch nicht auf unser Weihnachten beschränkt, es kennt keine Schranken. Alle Flüchtlinge, alles, was auch in uns fliehen muss, möchte, hat Anteil an der einen Fluchtgeschichte Jesu, so wie an seiner einen Geburtsgeschichte:

In bitteren Gesichtern Jesus sehen
Jesus muss flüchten. Sein Leben wird bedroht. Von Herodes. Warum lässt Gott seinen Sohn gefährdet sein? Warum legt er auf unser Weihnachtsfest diesen Todesschatten? Ein Warum an Gott, das sich durchzieht bis an Kreuz von Jesus, das sich auch stellt, wenn Krieg, Hunger, Katastrophen, Unrechtregime Menschen nach dem Leben trachten und sie zur Flucht treiben.
Es ist eine Teil-Flucht Gottes mit all diesen, eine Teil-Ohnmacht Gottes, die schier unerklärlich ist.
Jesus flüchtet. Es geht um sein Leben, um Tod oder Leben. Es gibt keinen anderen Weg. So bitter es ist, manchmal muss man flüchten. Wenn es um unser Leben geht, ums nackte Überleben unserer Seele, dann müssen wir manchmal fliehen, dann ist Flucht, das was uns manchmal nur übrig bleibt, was noch unser Leben retten könnte, unser so kleines, verletzliches Leben wie das des Jesuskindes. Und wie bitter ist es dann, wie Josef in der Fremde, abzuwarten, bis, bis man wieder aufleben, zurückkehren, weiterleben kann.
Jesus flüchtet und er wird bewahrt. Das ist bei allem Warum und Warten die Summe der Geschichte. Das Ende der Flucht. Er wird auf Umwegen bewahrt, getragen als Gottes Kostbarstes, bewahrt durch Traum, durch Engeln, durch Josef. Es ist eine Bewahrungsgeschichte, an der wir weitererzählen, die wir weitertragen:

Einander Engel werden, vielleicht nicht prophetisch die Gefahr voraussehen und den Weg weisen, aber Engel in Menschengestalt sein, wissen, wie lebensbedrohend Flucht ist, wie geschunden und geschupst Flüchtlingen werden und überlegen, wie Lebensraum, Heimat, eine Wohnung, eine Bleibe geschaffen, bereitgestellt werden können. Ja selbst das tun! Einander Menschen werden, wie Josef: Die Menschen, die flüchten müssen, tragen, stützen, vielleicht nicht auf der Flucht, aber beim Versuch, in der Fremde, hier, Fuß zu fassen, anzukommen, heimisch zu werden. Einander Christus werden: Jesus selbst war und ist ein Flüchtling, damals gleich nach der Geburt und immer wieder. Er teilt das mit allen, die flüchten müssen. In Flüchtlingen Jesu Geschichte der Flucht nach Ägypten hineinlesen, in den Flüchtlingen Grundzüge seiner Flucht erkennen, in ihren ausgemergelten Gesichtern seine Gesicht sehen und sie im Lichte von Weihnachten das ganze Jahr kostbar achten. Amen.

Zur Nacht



Predigt zur Christmette 2013 (24.12.13)

Besonders
Heiligabend, Weihnacht. Eine besondere Nacht. Ein besonderer Abend. Heute. Jetzt. Eine besondere Nacht im Meer als unsere Nächte, der vielen, unzähligen, erlebten, der normalen und mancher besonderer Nacht, besonders für uns, besonders schön, schwer, einsam, gemeinsam, tief und wach. Besonders geworden für uns wie damals, wie damals für die Hirten die eine Nacht zur Nacht der Nächte wurde. Als sie des Nachts ihre Herde hüteten, sich für sie der Himmel öffnete, Engel ihnen die Geburt des Retters sagten, sie zur Krippe kamen, ihr Leben neu entdeckten, das Wort davon ausbreitete und wieder zurückkehrten. Sie werden diese eine Nacht nie vergessen. Sie wurden andere, andere als vorher, andere Menschen als vor jener Nacht, die eigentlich zuerst nur eine von vielen Nächten war.
nachts
Ruhig und still ist es nachts, soll es sein, immer ruhiger, weniger schnell, weniger betriebsam. Der Abend soll darauf vorbereiten, zur Ruhe kommen, den Tag abschließen, letzte Dinge machen, zu Bett bringen, Gute-Nacht-Lieder singen, vorm Fernseher einschlafen, zu Bett gehen. Die Nacht ist eigentlich zum Schlafen da, zum Ausruhen, zum Entspannen, zum Kraft schöpfen.
Vielleicht deswegen soll es nachts dunkel sein, liegt auf allem ein dunkler, manchmal grauer Schleier, ist Abend die Zeit nach dem Sonnenuntergang und schließen wir im Bett wie aus Sicherheit die Augen, damit es um uns wirklich Nacht, dunkel werden kann, alles klingt etwas verzerrter, dumpfer, bis endlich gefunden wird, was man sucht: Den Schlaf.
Aber wie oft kommt er nicht, soll er nicht kommen oder später. Wir vertreiben uns den Schlaf, machen aus der Nacht ein Stück vom Tag, leuchten die Dunkelheit aus, machen Geräusche, ziehen uns um und gehen nach draußen und leben die Nacht, vertagen den Tag bis ins Morgengrauen. Gezähmt haben wir fast alle Gefahren der Nacht, Dunkelheit ist schon lange Licht, und still wird es nie. Nur manchmal kommt die Nacht wie ein Dieb und nimmt uns grausam Atem und Leben.
Im Bett nachts sind wir empfänglich, vor dem Schlaf und im ihm. Empfänglich für Liebe, für Träume, für ungedachte Gedanken, für Angst und Schrecken, Sorgen, Pläne, Hoffnung, Bilder. Als würde das Leben und sein Tag einfach nicht halt machen an unserem Bett, in unserer Nacht, sondern uns Schlafende bevölkern wollen. Als würde alles äußere Leben nachts als inneres wiederkehren und wir lebten in der Nacht einen Tag nochmal, anders.

Nachtgeboren
In die Nacht hinein ist Jesus geboren, ist Gott geboren. Für die Hirten damals, mitten in deren Nacht hinein, unverhofft, das Leben verwandelnd. Jetzt in dem Moment, in dem selbst Nacht ist, Heiliger Abend, Weihnacht, ist Jesus geboren, hineingeboren in unsere Nacht, in all unsere Nächte, unverhofft garantiert, in die schweren wie in die leichten, in den tiefen wie in den wachen. Diese eine Geburt, die gilt unseren Lebensnächten. Wie empfänglich sind wir in so vielen Nächten, vielleicht schlaftrunken, nimmermüde, wird die Nacht zum inneren Leben in uns. Durch jene eine Nacht sind wir auch empfänglich, empfangen wir in jeder unseren Nacht auch den einen, Jesus, in all den Träumen, Sorgennächten, in allen kurzen Schlafes Stunden, in aller unruhigen Ruhe will Gott sich uns geben und wir können ihn empfangen, nachts, wo er geboren wird:
Er bringt Licht ins Dunkle, in die schlimmen Träume und zu großen Sorgen, in all Wälzen der Gedanken, das Abwägen, Versinken ins nächtlich Aussichtslose, in finstere Problemberge. Er spricht in die manchmal schlimme Stille in uns: Fürchte dich nicht. Er sucht nach Auswegen aus der Angst, aus der Angst um unser Leben und um das Leben unserer Lieben, spricht gegen die Furcht vor dem Morgen, den Gespenster der Nacht, dem Pfeifen im dunklen Wald, vor manchem Nachtmonster, das ganz klein kam und wir nicht mehr losbekommen. Er bewegt uns nachts nach Bethlehem im Schlaf, vom dunklen Feld des Lebens hin zur seiner lichten Krippe, weg von allem, was uns bedrängt, hin zu ihm: uns zu ihm zu stellen, uns zu ihm zu setzen, uns zu ihm zu legen. Vielleicht schlief einer der Hirte selig erschöpft neben dem Kind in der Krippe ein. Ein ganz anderer Schlaf. Eine ganz besondere Nacht. Amen.

Gegensätze versöhnen



Predigt zum Christvesper 2013 (24.12.13)

Draußen vom Wald einen grünen Tannenbaum sich drinnen ins Wohnzimmer stellen und ihn grün mit bunten Kugeln behängen. Ganz eng sich auf eine Kirchenbank setzen und die Weite des Himmels erspüren. Auf kalten Weihnachtsmärken sich mit warmem Glühwein das Stehen versüßen. Ferne Gäste sich einladen, damit sie an Weihnachten ganz nah kommen. Was sonst gegensätzlich, fast unvereinbar ist, wird an Weihnachten merkwürdig zusammengebracht, wie versöhnt: draußen und drinnen, eng und weit, kalt und warm, nah und fern.

Lesung Lukas 2, 1-5
Es begab sich aber zu der Zeit, dass ein Gebot von dem Kaiser Augustus ausging, dass alle Welt geschätzt würde. Und diese Schätzung war die allererste und geschah zur Zeit, da Quirinius Statthalter in Syrien war. Und jedermann ging, dass er sich schätzen ließe, ein jeder in seine Stadt. Da machte sich auf auch Josef aus Galiläa, aus der Stadt Nazareth, in das jüdische Land zur Stadt Davids, die da heißt Bethlehem, weil er aus dem Hause und Geschlechte Davids war,damit er sich schätzen ließe mit Maria, seinem vertrauten Weibe; die war schwanger.

Fernes nah
Es. Mit Es beginnt alles. Neutral. Distanziert. Fern. Wie festgestellt. Ein übergroßes Es: alle Welt, jedermann, ein jeder, die allererste. Übergroß, umgreifend, gewaltig, ein Es des großen Kaisers August und des etwas kleineren Statthalters Quirinius. Ein Es der fernen Macht, Gewalt, des Gebots, der Anordnung für alle. Das Es einer Schätzung, ein Es von kühlen, neutralen Zahlen, Strichen, Berechnungen, Namen, Listen, Listen voller gezählter Jedermanns und Niemands.

Josef und Maria waren, sind aber Jemand. Für uns. Für Jesus. Sie tragen einen Namen. Das Kind im Bauch auch. In den übergroßen, feststehenden Es bewegen sie sich, müssen, sollen sich zählen lassen. Sie sind aber einzigartig, Maria ist Gottesmutter, Gottgebärerin. Sie ist mit Jesus schwanger. Und es gibt wohl nichts Näheres an dies: ein anderes Leben in eigenen Leib zu tragen, zu nähren, ihm Atem, Blut und Herzschlag zu geben, alle Tage und Nächte für bestimmte Zeit es wie unter dem eigenen Herz zu tragen und der Welt zu schenken.

Lesung Lukas 2, 6-7
Und als sie dort waren, kam die Zeit, dass sie gebären sollte. Und sie gebar ihren ersten Sohn und wickelte ihn in Windeln und legte ihn in eine Krippe; denn sie hatten sonst keinen Raum in der Herberge.


Warmes kalt
Der entscheidende Augenblick ist in fast furchtbar kurzen knappen Sätzen eingegraben. Da wird geboren der Messias, der Heiland, der Retter, die Erlösung, das Wort Gottes, die Ewigkeit, der Himmel in die Zeit. Die ungeheure Intimität, Energie, ja Wärme jeder Geburt wird hier erzählt, das Herauspressen des Allerliebsten, der erste Blick in die Augen des Erstgeborenen, die behutsam Sorgfalt, ihn in Windeln zu wickeln, ihn in den Armen an der Brust zu halten, ihn in die Krippe zu legen und still und stumm das Gotteswunder zu bestaunen.
Keinen Raum hatte es in der Herberge. Kein Raum, kein Platz, kein Ort, kein Verständnis, kein Interesse, kein Gedanke. Hier nicht, dort nicht und dort drüben auch nicht. Eine ungeheure Kälte, Gleichgültigkeit steht Jesus, der Intimität der Geburt des Himmels in die Welt, gegenüber, eine Kälte, die übersieht, nicht sieht missversteht, was da an Bedeutsamen, Wunderbaren, Heiligen geschieht: Dafür kein Platz im Herzen, kein Platz im Sinn, kein Platz im Leben. Wie tragisch!
Lesung Lukas 2, 8-14
Und es waren Hirten in derselben Gegend auf dem Felde bei den Hürden, die hüteten des Nachts ihre Herde.  Und der Engel des Herrn trat zu ihnen, und die Klarheit des Herrn leuchtete um sie; und sie fürchteten sich sehr. Und der Engel sprach zu ihnen: Fürchtet euch nicht! Siehe, ich verkündige euch große Freude, die allem Volk widerfahren wird; denn euch ist heute der Heiland geboren, welcher ist Christus, der Herr, in der Stadt Davids. Und das habt zum Zeichen: Ihr werdet finden das Kind in Windeln gewickelt und in einer Krippe liegen. Und alsbald war da bei dem Engel die Menge der himmlischen Heerscharen, die lobten Gott und sprachen: Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden bei den Menschen seines Wohlgefallens.

MUSIK

Enge weiten
Noch klingt das Es, das übergroße Es inmitten von Wärme und Kälte, Nähe und Ferne nach, wie ein dumpfer, stiller Nachhall der Größe und Macht des Augustus, aber im kleinen Kind liegt jetzt schon alles beschlossen. Naheliegend waren die Hirten, sie werden zu Nachbarn des Heils. Wachen bei den Schafen in derselben Gegend, teilen unverhofft Raum und Zeit mit Jesus.
Sie teilen ihren eigener Raum, ein Raum, eine Enge, beschrieben durch Schafe und deren Radius, durch Hürden, die wahrscheinlich schon immer da stehen, durch ein Leben, in dem der Vater schon Hirte war, in dem alles vorhersehbar ist, weil immer gleiches Hirtenleben, eng, eng gemacht durch das leben am Rande und in Armut.
Diesen Hirten erscheinen die Engel, in leuchtender Klarheit und mit wunderbaren Worten voller Licht, voller Wärme, voller Nähe, voller Freude, voller Frieden für alle. Randvoll. Und der Himmel bricht auf für die Hirten, der kosmische und ihr eigener, er weitet sich unendlich, und sie sehen die Engel singen, die Heerscharen loben, ein Stück von Gott selbst und alle Hirten-Enge, alle Enge des Lebens wird geweitet durch den Himmel darin.

Lesung Lukas 2, 15-19
Und als die Engel von ihnen gen Himmel fuhren, sprachen die Hirten untereinander: Lasst uns nun gehen nach Bethlehem und die Geschichte sehen, die da geschehen ist, die uns der Herr kundgetan hat. Und sie kamen eilend und fanden beide, Maria und Josef, dazu das Kind in der Krippe liegen. Als sie es aber gesehen hatten, breiteten sie das Wort aus, das zu ihnen von diesem Kinde gesagt war. Und alle, vor die es kam, wunderten sich über das, was ihnen die Hirten gesagt hatten. Maria aber behielt alle diese Worte und bewegte sie in ihrem Herzen.

Innen überall
Was die Hirten erleben, sehen, erfahren setzt sie in Bewegung, vom Feld zur Krippe, von der Krippe hinaus. Sie sind in Bewegung in sich selbst, wo stumm war sind jetzt Worte: Sie sprechen, sie gehen, sie eilen, sie kommen, sie finden, sie breiten das Wort aus, erzeugen Verwunderung und Herzensbewegung bei anderen, kehren zurück und singen innerlich geweitet wie die Engel vom Himmel. Sie können gar nicht das behalten, was sie bewegt, ihr Leben ist mit dieser Nacht ein anderes geworden, sie müssen es aus sich heraus und in die Welt bringen, sagen und tragen.
Und die, die ganz nah, den ehemals fernen Gott in sich trug. Sie, die mit warmen Herzen in kalter Welt den Heiland gebar. Sie, die miterlebte, wie Gott das Leben auf Erden durch seinen Himmel weitet. Sie, Maria behielt all dies in sich, all diese Worte, die voller Licht, Bewegung, Ehre, Freude, Frieden, Wohlgefallen sind. Innen drin, in ihrem Tiefsten, bewegte sie das alles, jene heilige Nacht, Gottes Liebe, die in ihr Leben fiel, wie in unseres durch jene Nacht. Fröhlich und selig sind wir: Gott hat die Welt mit sich versöhnt. Amen.