Freitag, 13. Juli 2018

Lob geboren


Predigt am 7. Sonntag nach Trinitatis (15. Juli 2018)
zu „Gottes Geschöpfe, kommt zuhauf!“ (EG 514)

Gemeinde singt Strophen 1 und 2
1) Gottes Geschöpfe, kommt zuhauf! Halleluja,
Lasst brausen hoch zum Himmel auf: Halleluja!
Du Sonne hell mit goldnem Strahl, Halleluja,
Mond leuchtend hoch vom Himmelssaal, Halleluja.
Singt ihm Ehre! Singt ihm Ehre! Halleluja.

2) Du Sturm, der durch die Welten zieht, Halleluja,
du Wolke, die am Himmel flieht, Halleluja.
Du Sommers junges Morgenrot, Halleluja,
du Abendschein, der prächtig loht, Halleluja.
Singt ihm Ehre! Singt ihm Ehre! Halleluja.

Lob
Unser Lied geht zurück auf den Sonnengesang des Franz von Assisi. Es ist ein Gebet, ein Lied, ein Hymnus. Franz von Assisi soll diesen Sonnengesang 1224 geschrieben haben und er soll ihm bei seinem Tod ein Jahr später 1225 vorgesungen worden sein.
Am Kranken – und Todesbett also klingt das Lied und ruft es zusammen. Alle sollen kommen. Die ganze Schöpfung soll kommen: Sonne, Mond, der Himmelsaal, Sturm, Wolken, das Morgenrot, der Abendschein, die Wasserbäche, die Flammen, die Mutter Erde, die Blumen, die Früchte, die Herzen, die Leidtragenden, der Tod. Alles wird zusammengerufen, zu einem Haufen, zu einem einstimmigen Chor. Unglaublich wie alles in Bewegung gerät, wie sich alles neigt, die Herzen emporhebt. Es muss ein Lied, ein Lob, ein Klang sein, der alles durchdringt, beseelt. Und wir mittendrin. Wenn wir es singen. Wenn wir „Du“ sagen, „Du Sonne“, „Du, Sturm,“ „Du Abendschein“. Wenn wir im Herzen berührt die Schöpfung ansprechen und zusammenrufen, ein Loblied anzustimmen, ein Lob zu singen. Vielleicht Franz von Assis gleich, wenn uns das Leben dunkel kommt.
Erst am Ende, am Ende des Liedes wird genannt, wer der Adressat des Lobes ist, wohin das Lob dringen soll. Es ist eigentlich aber von Anfang an, seit dem ersten Ton, klar: Gott, „Vater und Sohn und Heiligen Geist … dreieinig, heilig, hochgepreist“. Ihm, dem alles umspannenden Schöpfer der Welt, dem Schöpfer der Menschen, dem Schöpfer von uns gilt das Lob. Gott hat alles geschaffen, er hat alles wunderbar geschaffen und so legt alles Zeugnis davon ab, wie wunderbar es geschaffen ist, so lobt alles Gott für sich und verweist sofort auf den einen. Und dieses Lob muss singen, muss erklingen. Vierzehn Mal singen wir von seiner Ehre. Achtunddreißig mal singen wir Halleluja. Es soll uns wirklich eingehen. Eine Schöpfung, die voller Gotteslob ist. Und wir, unsere Herzen, mittendrin. Wir fordern uns im Einsingen in die Schöpfung selber auf, Gott zu loben, unsere Herzen empor zu heben, zu sehen, zu spüren, in sich nach draußen das ehrwürdigste zu erkennen: Ich bin Lob, ich bin Lob Gottes. Halleluja.

Gemeinde singt Strophe 3 und 4
3) Ihr Wasserbäche, klar und rein, Halleluja,
singt euer Loblied ihm allein, Halleluja.
Du Feuers Flamme auf dem Herd, Halleluja,
daran der Mensch sich wärmt und nährt, Halleluja.
Singt ihm Ehre! Singt ihm Ehre! Halleluja.

4) Du, Mutter Erde, gut und mild, Halleluja,
daraus uns lauter Segen quillt, Halleluja.
Ihr Blumen bunt, ihr Früchte treu, Halleluja,
die Jahr um Jahr uns reifen neu, Halleluja.
Singt ihm Ehre! Singt ihm Ehre! Halleluja.



Segen
Das Lied, der Sonnengesang kommt zum Menschen. Der Mensch darin zu sich. Erst ist nur von der Schöpfung die Rede, aber sie ist schon und von Anfang an angesprochene Schöpfung, ein Du, bezogen auf jemanden. Dann wird gesungen von des Feuers Flamme, daran der Mensch sich wärmt. Und gleich werden wir singen von unseren Herzen, besonderen Herzen.
Das Lob Gottes öffnet die Augen. Die Augen für die Güte der Schöpfung: hell, golden, leuchtend, hoch oben, durchlebt, fließend, bewegt, jung rot, lodernd prächtig, klar und rein, bunt. Die Schönheit der Schöpfung, im Bewusstsein, sie kann auch hässlich werden, berührt unsere Augen, schmeichelt uns, umwebt uns mit einem Wohltun zwischen Anmut, Gehaltensein, Ehrfurcht und Genuß. Aber noch mehr: Des Feuers Flamme wärmt und nährt. Wir leben von der Schöpfung. Die Mutter Erde ist gut und mild, nicht an sich, sondern zu uns, für uns. Die Früchte sind treu, sie halten uns die Treue in ihrem stets neuen Wachstum, in ihrer natürlichen Hingabe, die uns dann zum Leben wird. Und die Früchte reifen Jahr und Jahr neu, keine Endlichkeit, sondern ein Stück zyklischer Ewigkeit, die uns zu Nutz sein darf und soll.
Und dann als Mittelpunkt, wo sich Schöpfung und Mensch treffen, in der Strophe, die genau in der Mitte der 7 Strophen steht, das gesungene Wort Segen, lauter Segen, der aus der Schöpfung quillt, für die Augen, den Magen, die Sinne, das Anfassen, das Riechen, das Staunen, das Davonleben. Unser Loblied, da Loblied der Schöpfung hat seine Mitte im Segen. Alles ist uns zum Segen geschaffen, dafür ist Gott zu loben, dafür, dass er uns erhält, zu Essen gibt, nährt an Leib und Seele, dafür loben wir ihn und loben wir die Schöpfung. Und weil der Segen unverfügbar ist, weil er wie alles, was wir aus dem Herzen loben, Geschenk ist, ist auch die Schöpfung Geschenk und etwas Unverfügbares. Und darin wohnt eine ganz bestimmte Dramatik des Lebens.


Gemeinde singt Strophe 5 und 6
5) Ihr Herzen, drin die Liebe wohnt, Halleluja,
die ihr den Feind verzeihend schont, Halleluja.
Ihr, die ihr traget schweres Leid, Halleluja,
es Gott zu opfern still bereit, Halleluja.
Singt ihm Ehre! Singt ihm Ehre! Halleluja.

6) Du, der empfängt in letzter Not, Halleluja,
den Odem mein, o Bruder Tod, Halleluja:
Führ Gottes Kinder himmelan, Halleluja,
den Weg, den Jesus ging voran, Halleluja.
Singt ihm Ehre! Singt ihm Ehre! Halleluja.

Guter Tod
Bevor unser Lied in ein verklärendes „Es ist alles gut“ verklingt, eigentlich blass und stumm wird, bricht in es die Realität, die harte Wirklichkeit ein. Jene Wirklichkeit, die von Streit, Feinden, Verletzungen, Leid, Schmerz und Tod kündet. Davon ist auch zu singen, auch das gehört ins Lob genommen, auch wenn es schwerfällt, auch wenn es einem fast paradox vorkommt. Vielleicht ist Lob vollkommen, wo es auch das in sich trägt, worüber zu klagen ist.
Der Ort dafür sind unsere Herzen. Jene Herzen, in die hinein Gott das geschaffen, gelegt hat, was Leben im Innersten zusammenhält, was Leben lebenswert macht, was uns birgt, tröstet, stärkt, am Leben hält: die Liebe. „Ihr Herzen, drin die Liebe wohnt, Halleluja.“ Und dann singen wir von dem, was in diesem Herzen auch ist: verletzt ist es, verzeihen möchte es, den Feind verschonen, es möchte lieben. So ein Herz ringt sich zum Lob durch, lobt Gott für seine Liebe, die diese Kraft zum Verzeihen und Verschonen dem Herzen schenkt. Und noch tiefer singen wir: wir singen vom Leid, von eigenen Leid, und wenn wir im Lied die Schöpfung zusammenrufen, dann singen wir im Chor jener seufzenden Schöpfung, singen wir im Chor der Leidtragenden.
Und es hat tiefe Wahrheit, gerade das nicht auszusparen, sondern auch so Gott zu loben, nicht für das Leid, aber im Leid. Darin auch etwas von Gott entdecken zu wollen, bereit zu sein, darin ein Opfer zu erblicken, etwas was widerwillig, schmerzvoll, aber doch dahingegeben wird.
Und als sei das nicht genügend mutet uns das Loblied den Tod zu. Du, Tod, sollst Gott loben. Wer mag mit dem Tod schon per Du sein? Wer mag ihn seinen Bruder nennen? Der Tod, von dem das Lied singt, ist aber nicht der schreckliche Tod, der alles zunichtemachende Tod. Der ist doch von Christus besiegt. Der Tod, der Gott loben soll, den wir zu Gott hin loben soll, ist ein anderer. Er ist empfängt unseren letzten Atemzug. Er führt uns himmelan, er geht mit uns den Weg Jesu nach. Dieser Tod nennt uns Kinder Gottes und führt uns zu Gott. Er ist ein Gefährte der Neuschöpfung nach dem leiblichen Tod und so gehört er zur Schöpfung selbst dazu, ja er ist Bestandteil der neuen Welt, des Reich Gottes, das von Anbeginn von Gott geschaffen ward und uns zu seinen Kindern machen möchte. So ist der Tod Teil des Lobes und so gibt unser Lob Gott wirklich die Ehre, er gibt dem alle Ehre, der Christus und uns alle neu werden lässt, auferstehen lassen wird ihm zum ewigen Lob, zu dem wir im Chor aller schon immer geschaffen sind.

Gemeinde singt Strophe 7
7) Ihr Kreaturen, singt im Chor: Halleluja!
Hebt euer Herz zu Gott empor, Halleluja.
Vater und Sohn und Heilgem Geist, Halleluja,
dreieinig, heilig, hochgepreist, Halleluja,
sei die Ehre, sei die Ehre! Halleluja.

Freitag, 29. Juni 2018

Reich gesegnet


Predigt zum 120. Jahresfest 2018 (5. Sonntag nach Trinitatis)

1. Mose 12, 1-4a
1 Und der HERR sprach zu Abram: Geh aus deinem Vaterland und von deiner Verwandtschaft und aus deines Vaters Hause in ein Land, das ich dir zeigen will. 2 Und ich will dich zum großen Volk machen und will dich segnen und dir einen großen Namen machen, und du sollst ein Segen sein. 3 Ich will segnen, die dich segnen, und verfluchen, die dich verfluchen; und in dir sollen gesegnet werden alle Geschlechter auf Erden. 4 Da zog Abram aus, wie der HERR zu ihm gesagt hatte.

Neuer Abram
Abram ist angesprochen. Von Gott. Gottes Wort trifft ihn, mitten im Alltag, mitten ins Leben. Gott fordert Abram auf. Gott fordert ihn heraus. Abram soll gehen und sehen. Gott gibt Abram eine Vision. Er führt ihm vor Augen und ins Herz, wohin es geht, was dort ist, wie dort Leben sein wird. Abram lässt sich von Gott etwas zeigen und er vertraut ihm. Gott verspricht ihm, er sagt ihm Wirklichkeit zu, er sagt und zeigt ihm etwas, was noch nicht ist, was aber sein wird. Eine andere, eine neue Wirklichkeit.
Gott verspricht Abram ein neues Leben. Er spricht ihn an und spricht sein Leben um und neu. Gottes Wortmacht und Abrams Vertrauen schaffen neues Leben. Abram wird ein anderer, ein neuer sein. Es ist wie eine komplette Neuausrichtung, eine Konversion, die er erlebt, wie eine geschenkte wie Taufe. Das Wort Gottes, das ihn trifft und herausfordert, schafft eine neue Existenz. Abrams Name und Volk wird groß werden, er selbst wird gesegnet sein - und er wird Segen und Fluch bringen.
Abram hört, folgt, bricht auf und geht.

Reiche Diakonissen
Menschen hören Gottes Wort, nicht immer, aber durchaus. Gott spricht sie an und fordert sie heraus, sie antworten und werden zum Segen. Immer wieder. Unsere Diakonissen haben Gott gehört, so ganz in ihrem eigenen Leben und so, wie sie sind. Sie haben sich von Gott ansprechen lassen, und auf sein Wort hin sind sie herausgegangen, herausgegangen aus der Schablone eines vorgesehenen Lebens, aus Vaterhaus und Verwandtschaft, aus dem, was ihr bisheriges Woher war. Hinein in ein anders, in neues Leben.
Sie haben ihr Leben um-sprechen lassen und haben ihr Leben, ihre Arbeitskraft, ihre Persönlichkeit versprochen, Gott und anderen Menschen. Sie haben im Krankenhaus und in Gemeinden gearbeitet, an Betten auf Stationen und Häusern gesessen, haben versorgt, gepflegt, Leiden gelindert. Sie waren und sind sicher nie ohne Ecken und Kanten, aber immer pragmatisch und liebenswert. Sie wurden eingesegnet und der Segen Gottes lag und liegt auf ihnen. Mit ihnen sind wir reich gesegnet, überreich, seit der Gründung unseres Hauses seit 120 Jahren wird durch sie wirklich, was Gott Menschen verspricht, was Gott Menschen an neuer Wirklichkeit verheißt: Du sollst ein Segen sein. Unsere Diakonissen hörten, folgten, brachen auf und gingen – und waren reicher Segen.

Verlassene Kirche
Angesprochen, herausgefordert, etwas gezeigt und versprochen bekommen, herausgehen und gesegnet zum Segen werden. Das wünsche ich mir für die Kirche und für das Mutterhaus. Eine Kirche, die spürt und vernimmt, dass sie von Gott angesprochen ist. Eine Kirche, die von Gott herausgefordert wird, anspruchsvoll und zärtlich, bestimmt und motiviert. Eine Kirche, die sich von Gott etwas zeigen lässt, die etwas zu sehen bekommt, der die Augen auf- und übergeht. Eine Kirche, die herausgeht, immer gerade aus dem, was ihr Vaterhaus, ihr Nahes, Gewohntes, Vertrautes ist und die dann dem Herausrufen Gottes folgt, alles verlässt, um alles zu finden. Eine Kirche, die den Exodus probt, dahin geht, wo Gott es ihr zeigt, wohin sie versprochen ist. Eine Kirche, die davon lebt, dass sie selbst gesegnet ist, bevor sie segnet, die davon lebt, dass in ihr der Segen lebt, gesegnete Menschen denken und handeln und die dann hinausgegangen zum Segen wird, einfach so, unverkrampft, kräftig begabt - und eine Kirche, die manchmal auch zum Fluch wird, eine ab und zu auch verfluchte Kirche, weil sie für Gott einsteht.
Eine Vision. Vielleicht. Wir im Mutterhaus sind Kirche, sind von Gott angesprochen, gerufen, herausgefordert, wir bekommen von ihm was gezeigt, dürfen sehen und gehen hinaus, sollen Segen werden. Der Segen, der auf uns liegt, der uns versprochen ist, der ruft heraus, heraus aus unserer Tradition und unserem Erbe, mit ihm, mit dem, wer wir über 120 Jahre geworden sind, neue zu werden, den über so viel Jahre geschenkten Segen neu weiter zu schenken an die, die ihn brauchen, an die modern Mühseligen und Geplagten.

Alle kostbar
„In dir sollen gesegnet werden alle Geschlechter auf Erden.“ Dieser ungeheure Zuspruch für Abram wird protestantisch auf alle verteilt, ist allen geschenkt und allen ein lebendiger Vorzuschuss und Vorgeschmack. Jeder Mensch, jeder von uns ist es Gott wert: Gott spricht ihn an; Gott ruft ihn hinaus, Gott zeigt ihm Leben und lässt ihn es sehen, Gott legt seinen Liebessegen auf ihn und Gott macht ihm zum Segen. In jedem sollen alle gesegnet sein. In jedem sind alle gesegnet. In jedem Menschen, in jedem von uns, liegt etwas Einmaliges von Gott. Etwas, das für jeden einmalig kostbar ist. Amen.